Ben­ja­min Wacht­ler

Im Spät­som­mer 2025 hat Fried­rich Merz den „Herbst der Refor­men“ aus­ge­ru­fen. Unter Schlag­wor­ten wie der „Agen­da 2030“ wer­den seit­dem durch die schwarz-rote Bun­des­re­gie­rung tief­grei­fen­de Refor­men des deut­schen Sozi­al­sys­tems gefor­dert und teil­wei­se auch bereits umge­setzt. Es sind dabei aber lei­der kei­nes­wegs die drin­gend not­wen­di­gen Refor­men der Sozi­al­ver­si­che­run­gen gemeint, die durch ein Abschaf­fen der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze und das Ein­be­zie­hen zusätz­li­cher Ein­kom­mens­ar­ten, wie z. B. Erträ­gen aus Betei­li­gungs­ver­mö­gen, abge­si­chert wer­den sol­len. Statt­des­sen wird das Nar­ra­tiv for­ciert, der „Sozi­al­staat sei (…) nicht mehr finan­zier­bar“ und wir könn­ten uns den Luxus einer sozia­len Absi­che­rung brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten als Gesell­schaft ein­fach nicht mehr leis­ten. Zuerst rück­te dabei Ende 2025 das Bür­ger­geld in den Fokus und mar­kier­te den Beginn einer dis­kur­si­ven und real­po­li­ti­schen Ver­schie­bung hin zu einer restrik­ti­ven Sozi­al­po­li­tik und ver­schärf­ten Rhe­to­rik gegen­über Men­schen mit Armut­s­er­fah­rung. Die Ein­füh­rung der neu­en Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de bringt dabei höhe­re Mit­wir­kungs­pflich­ten und stren­ge­re Sank­tio­nen mit sich – bis hin zur Mög­lich­keit der Kür­zun­gen sämt­li­cher Leis­tun­gen inklu­si­ve exis­ten­ti­el­ler Unter­stüt­zung zur Unter­kunft. Beglei­tet wird dies durch ein stär­ke­res Her­an­zie­hen des bis­he­ri­gen Schon­ver­mö­gens und fak­ti­scher Null­run­den bei den Leis­tun­gen, die in Zei­ten der Infla­ti­on zu erheb­li­chen rea­len Kauf­kraft­ver­lus­ten für sozi­al benach­tei­lig­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen füh­ren.

Die gesund­heit­li­chen Aus­wir­kun­gen die­ser Austeri­täts­po­li­tik wer­den dabei bis­her in der öffent­li­chen Debat­te meist aus­ge­spart. Dabei hat die Public-Health-For­schung in den letz­ten 20 Jah­ren eini­ge Erkennt­nis­se dar­über gewon­nen, wel­che Fol­gen Austeri­täts­po­li­ti­ken für die Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit haben kön­nen. Der Kennt­nis­stand soll hier kurz skiz­ziert und in Bezug zu aktu­el­len Ent­wick­lun­gen der Mor­ta­li­tät und Lebens­er­war­tung gesetzt wer­den. Außer­dem soll der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, wie sich poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen auf die gesund­heit­li­che Ent­wick­lung der Bevöl­ke­rung aus­wir­ken. Dazu möch­te ich einen Blick auf die Ent­wick­lun­gen in Groß­bri­tan­ni­en über die letz­ten 25 Jah­re wer­fen – einem Land, das uns als Bei­spiel die­nen kann, um die Aus­wir­kun­gen guter wie schlech­ter poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen für die Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit nach­zu­voll­zie­hen.

Was ist eigent­lich Austeri­tät?

Der Begriff der Austeri­tät beschreibt im Kern eine „Kri­sen­in­ter­ven­ti­on (…) [zum] Abbau der (…) Ver­schul­dung eines Staa­tes und [zur] Neu­ord­nung der Staats­fi­nan­zen (Ein­nah­men- und Aus­ga­ben­po­li­tik) (…), um einen aus­ge­gli­che­nen Staats­haus­halt zu errei­chen und damit posi­ti­ve gesamt­wirt­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen“[1]  Zur Staats­ver­schul­dung wer­den übri­gens auch Schul­den der Sozi­al­ver­si­che­rung gezählt. Es soll hier nicht um eine (wirtschafts-)politische oder öko­no­mi­sche Dis­kus­si­on des Kri­sen­in­stru­ments der Austeri­tät gehen. Die­se wird an ande­rer Stel­le umfang­reich geführt. Im hier rele­van­ten Kon­text bezeich­net Austeri­tät eine wirt­schafts- und finanz­po­li­ti­sche Kri­sen­stra­te­gie, die pri­mär auf den Abbau staat­li­cher Ver­schul­dung durch Aus­ga­ben­kür­zun­gen und eine restrik­ti­ve Fis­kal­po­li­tik abzielt, da die Ein­nah­me­sei­te den bür­ger­li­chen Par­tei­en ideo­lo­gisch ver­sperrt zu sein scheint. In der poli­ti­schen Pra­xis kon­zen­triert sich Austeri­tät daher häu­fig auf Ein­spa­run­gen im öffent­li­chen und sozia­len Sek­tor, wäh­rend Ein­nah­me­sei­te und Ver­tei­lungs­fra­gen in den Hin­ter­grund tre­ten. Die­se Fokus­sie­rung ist kei­ne öko­no­mi­sche Not­wen­dig­keit, son­dern Aus­druck einer spe­zi­fi­schen poli­ti­schen Ideo­lo­gie, die Staats­aus­ga­ben – ins­be­son­de­re sozia­le Aus­ga­ben – als Pro­blem und nicht als Inves­ti­ti­on betrach­tet.

Ein­spa­run­gen tref­fen über­pro­por­tio­nal Men­schen mit nied­ri­gen Ein­kom­men, unsi­che­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen oder sozia­ler Benach­tei­li­gung – also genau jene Grup­pen, die ohne­hin höhe­re Krank­heits­las­ten tra­gen

Für die gesund­heits­po­li­ti­sche Debat­te ist ent­schei­dend, dass Austeri­tät nicht gleich­be­deu­tend mit „Haus­halts­dis­zi­plin“ im neu­tra­len Sin­ne ist. Viel­mehr han­delt es sich um eine poli­ti­sche Ent­schei­dung mit klar ver­tei­lungs­wirk­sa­men Effek­ten. Ein­spa­run­gen tref­fen über­pro­por­tio­nal Men­schen mit nied­ri­gen Ein­kom­men, unsi­che­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen oder sozia­ler Benach­tei­li­gung – also genau jene Grup­pen, die ohne­hin höhe­re Krank­heits­las­ten tra­gen, wie wir aus den umfang­rei­chen Ergeb­nis­sen sozi­al­epi­de­mio­lo­gi­scher For­schung der letz­ten 50 Jah­re wis­sen.

Die sozia­le Deter­mi­nie­rung von Gesund­heit

Die­se For­schungs­er­geb­nis­se haben uns gezeigt, dass ein Groß­teil der beob­ach­te­ten Unter­schie­de in Krank­heits­last und Lebens­er­war­tung auf struk­tu­rel­le sozia­le Ungleich­hei­ten und damit ver­bun­de­ne Unter­schie­de in Lebens­be­din­gun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen zurück­zu­füh­ren sind. Ein­kom­men, Bil­dung, Beruf, Wohn- und Arbeits­ver­hält­nis­se sowie sozia­le Netz­wer­ke prä­gen das Risi­ko für die meis­ten Erkran­kun­gen und somit schluss­end­lich auch die Mor­ta­li­tät und Lebens­er­war­tung. Sozia­le und sozio­öko­no­mi­sche Bedin­gun­gen wer­den dabei über mate­ri­el­le Fak­to­ren, psy­cho­so­zia­le Belas­tun­gen und chro­ni­schen Stress sowie damit ver­bun­de­ne gesund­heits­be­zo­ge­ne Ver­hal­tens­wei­sen buch­stäb­lich in den Kör­per ein­ge­schrie­ben („Embo­di­ment“). Austeri­täts­po­li­tik wirkt somit nicht indi­rekt oder lang­fris­tig abs­trakt, son­dern über kon­kre­te Mecha­nis­men wie Ein­kom­mens­ver­lus­te, Woh­nungs­un­si­cher­heit, Ernäh­rungs­ar­mut oder den Abbau kom­mu­na­ler prä­ven­ti­ver Ange­bo­te und einer Ver­schlech­te­rung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung.

Die gesund­heit­li­chen Fol­gen sozia­ler Ungleich­heit kul­mi­nie­ren in deut­li­chen Unter­schie­den in Mor­ta­li­tät und Lebens­er­war­tung. Auch in Deutsch­land zei­gen sich aus­ge­präg­te sozia­le Gra­di­en­ten: Men­schen in sozi­al benach­tei­lig­ten Regio­nen oder mit nied­ri­ger for­ma­ler Bil­dung und gerin­gem Ein­kom­men leben meh­re­re Jah­re kür­zer als pri­vi­le­gier­te Grup­pen. Aktu­el­le Ana­ly­sen bele­gen, dass die­se Unter­schie­de maß­geb­lich durch ver­meid­ba­re Todes­ur­sa­chen und chro­ni­sche Erkran­kun­gen geprägt sind (1). Und auch in Deutsch­land zeigt sich ein Trend, der spä­tes­tens seit ca. 2014, also in Fol­ge der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se, in vie­len Hoch­ein­kom­mens­län­dern zu ver­zeich­nen ist: Ins­ge­samt ver­lang­samt sich die Zunah­me der Lebens­er­war­tung und geht in den sozio­öko­no­misch am stärks­ten depri­vier­ten Regio­nen sogar zurück (1). Die­se Ent­wick­lung wider­spricht dem lang­fris­ti­gen his­to­ri­schen Trend ste­ti­ger Zuge­win­ne in der Lebens­er­war­tung über alle Bevöl­ke­rungs­grup­pen hin­weg und legt nahe, dass poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Rah­men­be­din­gun­gen eine zen­tra­le Rol­le spie­len (2). Auch in Deutsch­land hat sich dadurch die regio­na­le sozio­öko­no­mi­sche Ungleich­heit in der Lebens­er­war­tung zwi­schen den am stärks­ten und den am wenigs­ten stark depri­vier­ten Regio­nen ver­grö­ßert: von 2,6 Jah­ren in 2004 auf 4,3 Jah­re in 2021 bei Frau­en und von 5,7 auf 7,2 Jah­re bei Män­nern (3). Eine Ent­wick­lung die nicht nur die Fra­ge auf­kom­men lässt, ob man in Deutsch­land noch von „gleich­wer­ti­gen (regio­na­len) Lebens­ver­hält­nis­sen“ spre­chen kann, wie sie im Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik ver­an­kert sind (Art. 72, Abs. 2 GG).

Groß­bri­tan­ni­en als Real­la­bor

Um zu ver­ste­hen, wel­chen mas­si­ven Ein­fluss poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen auf die Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit haben kön­nen, lohnt sich ein detail­lier­ter Blick nach Groß­bri­tan­ni­en. Dort wur­den in den letz­ten Jahr­zehn­ten, qua­si wie in einem „Real­la­bor“, Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung sowohl evi­dent posi­tiv als auch kata­stro­phal nega­tiv beein­fluss­ten. Und die­se Ent­schei­dun­gen las­sen sich direkt mit der Ent­wick­lung der Mor­ta­li­tät und Lebens­er­war­tung in Bezie­hung set­zen (2, 4). In Groß­bri­tan­ni­en wer­den seit ca. 2010 deut­lich weni­ger vor­teil­haf­te Ent­wick­lun­gen der Lebens­er­war­tung gese­hen, als sie anhand der Jah­re zuvor anzu­neh­men gewe­sen wären. So ver­lang­sam­te sich die Abnah­me der Mor­ta­li­tät (und damit die Zunah­me der Lebens­er­war­tung) ab 2010 deut­lich und sta­gnier­te in den fol­gen­den Jah­ren in den wenig depri­vier­ten Regio­nen oder nahm in den stär­ker depri­vier­ten Regio­nen sogar zu. Eine Ent­wick­lung, die man außer­halb aku­ter Kri­sen­ge­bie­te so nicht gewohnt war zu ver­zeich­nen. Im Ver­gleich zu den Pro­gno­sen der Mor­ta­li­tät, hät­te sich der Trend wie bis 2010 fort­ge­setzt (d. h. mit einem Rück­gang der Mor­ta­li­tät in allen Regio­nen), gab es zwi­schen 2012 und 2019 in Groß­bri­tan­ni­en unge­fähr 335.000 zusätz­li­che Tote. Das sind unge­fähr so vie­le Tote, wie in Groß­bri­tan­ni­en nor­ma­ler­wei­se in ca. einem hal­ben Jahr zu ver­zeich­nen sind. Beson­ders stark betrof­fen waren Men­schen, die in Regio­nen mit hoher Depri­va­ti­on leb­ten – dabei waren Frau­en stär­ker betrof­fen als Män­ner (4). Damit zeig­te Groß­bri­tan­ni­en im Ver­gleich mit ande­ren Hoch­ein­kom­mens­län­dern eine der nach­tei­ligs­ten Ent­wick­lun­gen der Mor­ta­li­tät seit dem Jahr 2000 – zusam­men mit Län­dern wie den USA, Est­land, Island und Slo­we­ni­en (5). Aber wel­che poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen fal­len in die­se Zeit seit 2010? Und erge­ben sich dar­aus Hin­wei­se auf gute und weni­ger gute poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen im Sin­ne einer Ver­bes­se­rung der Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit?

Die Labour-Jah­re (1997–2010): Der Ver­such des Aus­gleichs

Unter den Regie­run­gen von Tony Blair und Gor­don Brown wur­de die „Eng­lish Natio­nal Health Ine­qua­li­ties Stra­tegy (2000–2010)“ imple­men­tiert. Die­se Stra­te­gie hat­te das kla­re Ziel, die rela­ti­ve Ungleich­heit in der Säug­lings­sterb­lich­keit und der Lebens­er­war­tung bis 2010, um min­des­tens 10 % zu redu­zie­ren. Der Fokus lag dabei bewusst auf den sozi­al am stärks­ten benach­tei­lig­ten Regio­nen. Umge­setzt wur­de dies durch eine Kom­bi­na­ti­on aus „Downstream“-Ansätzen (mas­si­ve Finan­zie­rung des Natio­nal Health Ser­vice (NHS), Eta­blie­rung des Insti­tuts für evi­denz­ba­sier­te Ver­sor­gung (NICE)) und fun­dier­ten „Upstream“-Ansätzen (Ein­füh­rung eines Min­dest­lohns, „New Deal“ für mehr Beschäf­ti­gung sowie geziel­te Finan­zie­rung von Bil­dung, Woh­nen und Trans­port). Die Stra­te­gie umfass­te eine Viel­zahl poli­ti­scher Maß­nah­men in ver­schie­de­nen Berei­chen. Dazu gehör­ten eine erheb­li­che Auf­sto­ckung der öffent­li­chen Aus­ga­ben für eine Rei­he von Sozi­al­pro­gram­men (wie die Ein­füh­rung des Kin­der­frei­be­trags und der Sure­S­tart-Kin­der­zen­tren), die Ein­füh­rung des natio­na­len Min­dest­lohns, gebiets­be­zo­ge­ne Maß­nah­men wie die „Health Action Zones“ und die „Neigh­bour­hood Rene­wal Funds“ sowie eine erheb­li­che Auf­sto­ckung der Aus­ga­ben für den NHS. Letz­te­res rich­te­te sich beson­ders stark an benach­tei­lig­te Stadt­tei­le, als nach 2001 eine „Gewich­tung der gesund­heit­li­chen Ungleich­hei­ten” in die geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung der NHS-Mit­tel auf­ge­nom­men wur­de, sodass benach­tei­lig­te Gebie­te mehr Mit­tel pro Kopf erhiel­ten, um den höhe­ren Bedarf an Leis­tun­gen wider­zu­spie­geln. Die Effek­te die­ser, im inter­na­tio­na­len Ver­gleich bis heu­te bei­spiel­lo­sen, Stra­te­gie waren mess­bar: Zwar fie­len die Eva­lua­tio­nen teils unein­heit­lich aus, jedoch beschei­nig­ten Stu­di­en – wie das sys­te­ma­ti­sche Review von Hold­royd et al. 2022 (6) und Ana­ly­sen von Ben­nett et al. 2024 (7) – das Errei­chen der Zie­le bei der Säug­lings­sterb­lich­keit und der Redu­zie­rung der Lebens­er­war­tungs­un­ter­schie­de zumin­dest bei Män­nern. Ins­ge­samt führ­te die­se expan­si­ve Sozi­al­po­li­tik zu einer Redu­zie­rung der abso­lu­ten Ungleich­heit in der Mor­ta­li­tät.

Alters­stan­dar­di­sier­te Mor­ta­li­täts­ra­ten (ASMR) von Frau­en für Eng­land 1981–2019 nach sozia­ler Depri­va­ti­on

Die Tory-Jah­re (2010–2024): Austeri­tät mit töd­li­chen Fol­gen

Mit dem Regie­rungs­wech­sel ab 2010 setz­te in Groß­bri­tan­ni­en eines der umfas­sends­ten Austeri­täts­pro­gram­me in Euro­pa ein. Zwi­schen 2010 und 2019 wur­den Ein­spa­run­gen von schät­zungs­wei­se 617 Mil­li­ar­den Euro[2] durch­ge­setzt (2). Die­se Kür­zun­gen tra­fen vor allem die Kom­mu­nen (die für Bil­dung, Woh­nen, öffent­li­che Gesund­heit und Kul­tur zustän­dig sind) und die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me, nament­lich das „Uni­ver­sal Cre­dit Sys­tem“, das es auf­grund sei­ner über­bor­den­den und unver­ständ­li­chen Büro­kra­tie zu eini­ger nega­ti­ver Bekannt­heit brach­te[3]. Allein in der ers­ten Pha­se der Pro­gram­me wur­den über 150 Refor­men durch­ge­setzt. Die­se betra­fen Leis­tun­gen für Arbeits­lo­se, Fami­li­en, Men­schen mit Behin­de­run­gen und Allein­er­zie­hen­de. Cha­rak­te­ris­tisch waren rea­le Leis­tungs­kür­zun­gen, stren­ge­re Sank­tio­nen, Ver­zö­ge­run­gen bei Aus­zah­lun­gen und eine zuneh­men­de Büro­kra­ti­sie­rung (8). Bei­spie­le sind die Mög­lich­keit der Kür­zung sämt­li­cher Leis­tun­gen bei soge­nann­ter „feh­len­der Mit­wir­kung“ bei der Suche und Auf­nah­me von Arbeit, sowie ein Ein­frie­ren der Leis­tun­gen für Men­schen im erwerbs­fä­hi­gen Alter (und damit dem rea­len Absen­ken des Leis­tungs­ni­veaus in Zei­ten von Infla­ti­on). Her­vor­zu­he­ben sind auch beson­ders per­fi­de Vor­ge­hens­wei­sen, wie z.B. die Ein­füh­rung obli­ga­to­ri­scher medi­zi­ni­scher Prü­fun­gen (die durch Pri­vat­fir­men durch­ge­führt wur­den) von Men­schen, die Erwerbs­un­fä­hig­keits­leis­tun­gen bezo­gen, um jähr­lich zu über­prü­fen, ob die Grün­de der Erwerbs­un­fä­hig­keit noch immer vor­lie­gen. Oder die Redu­zie­rung von Wohn­geld, wenn die Behör­den die Unter­kunft als zu groß ein­stuf­ten, was vie­le Fami­li­en in die Woh­nungs­lo­sig­keit dräng­te oder auch die Decke­lung von Kin­der­geld auf zwei Kin­der ohne Anse­hen der rea­len Kin­der­zahl sowie die gene­rel­le Decke­lung von Sozi­al­leis­tun­gen auf maxi­mal 20.000 Pfund ohne Anse­hen der Fami­li­en­grö­ße. Fried­rich Merz und Cars­ten Lin­ne­mann wür­den hier sicher­lich eini­ge Inspi­ra­ti­on fin­den.

Ins­ge­samt tra­fen die Ein­spa­run­gen sozi­al benach­tei­lig­te Kom­mu­nen beson­ders stark (9). Und die gesund­heit­li­chen Fol­gen die­ser Poli­tik sind fatal: Empi­ri­sche Stu­di­en zei­gen einen Zusam­men­hang zwi­schen kom­mu­na­len Kür­zun­gen und sin­ken­der Lebens­er­war­tung sowie einer Zunah­me gesund­heit­li­cher Ungleich­hei­ten, dabei ging die Lebens­er­war­tung ins­be­son­de­re in depri­vier­ten Regio­nen, die beson­ders stark von den Austeri­täts­pro­gram­men betrof­fen waren, zurück (10).


Ein­spa­run­gen waren höher in sozi­al depri­vier­ten Kom­mu­nen.

Zwi­schen 2013 und 2017 (Ale­xiou et al. 2021):
- Jede 100 £/Kopf Ein­spa­rung waren asso­zi­iert mit­ei­ner Abnah­me der Lebens­er­war­tung um 1,2 Mona­te (Frau­en) bzw. 1,3 Mona­te (Män­ner)
- Die Ungleich­heit in der Lebens­er­war­tung zwi­schen den am stärks­ten und am wenigs­ten
depri­vier­te Kom­mu­nen stieg um 4% (Frau­en) bzw. 3% (Män­ner)

Ist Austeri­tät ver­ant­wort­lich für die nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen von Mor­ta­li­tät und Lebens­er­war­tung in Hoch­ein­kom­mens­län­dern?

Die­se Fra­ge ist sicher nicht ein­fach zu beant­wor­ten, da sie metho­disch her­aus­for­dernd ist. Aller­dings hat sich die Public-Health-For­schung seit ca. 2007 zuneh­mend die­se Fra­ge gestellt und es lie­gen heu­te deut­lich mehr Stu­di­en vor als zur Zeit kurz nach der Welt­fi­nanz­kri­se, als es eine ers­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem The­ma gab (11). Ein aktu­el­les sys­te­ma­ti­sches Review der Evi­denz von Broad­bent et al. 2024 (12), das sie­ben Stu­di­en aus ein­kom­mens­star­ken Län­dern ein­schloss, kam zu einem erschüt­tern­den Ergeb­nis: Sechs der sie­ben ein­ge­schlos­se­nen Stu­di­en sowie alle vier Stu­di­en, die ein gerin­ges Risi­ko für einen sys­te­ma­ti­schen Feh­ler auf­wie­sen, zeig­ten einen kla­ren Zusam­men­hang von Austeri­täts­po­li­ti­ken und nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen der Mor­ta­li­tät.

Sozia­ler Mord?

Lebens­er­war­tung nach regio­nal­erso­zio­öko­no­mi­scher Depri­va­ti­on in Deutsch­land

Ange­sichts der doch recht deut­li­chen Evi­denz zum Zusam­men­hang von Spar­po­li­ti­ken und nega­ti­ven Effek­ten auf die Mor­ta­li­tät der Bevöl­ke­rung, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sol­che poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen trotz die­ses Wis­sens aus ideo­lo­gi­schen Grün­den getrof­fen und die ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen die­ser Poli­tik bil­li­gend in Kauf genom­men wer­den. Es ist daher nicht erstaun­lich, dass in der Public-Health-For­schung der Begriff des sozia­len Mor­des, den Fried­rich Engels bereits 1845 in Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land präg­te, zuletzt wie­der an Rele­vanz gewon­nen hat (2, 13). Engels schrieb damals:

„Wenn ein ein­zel­ner einem andern kör­per­li­chen Scha­den tut, und zwar sol­chen Scha­den, der dem Beschä­dig­ten den Tod zuzieht, so nen­nen wir das Tot­schlag; wenn der Täter im vor­aus wuß­te, daß der Scha­den töd­lich sein wür­de, so nen­nen wir sei­ne Tat einen Mord. Wenn aber die Gesell­schaft Hun­der­te von Pro­le­ta­ri­ern in eine sol­che Lage ver­setzt, daß sie not­wen­dig einem vor­zei­ti­gen, unna­tür­li­chen Tode ver­fal­len, […] wenn sie weiß, nur zu gut weiß, daß die­se Tau­sen­de sol­chen Bedin­gun­gen zum Opfer fal­len müs­sen, und doch die­se Bedin­gun­gen bestehen läßt – so ist das eben­so­gut Mord wie die Tat des ein­zel­nen, nur ver­steck­ter, heim­tü­cki­scher Mord, ein Mord, gegen den sich nie­mand weh­ren kann, der kein Mord zu sein scheint, weil man den Mör­der nicht sieht, weil alle und doch wie­der nie­mand die­ser Mör­der ist, weil der Tod des Schlacht­op­fers wie ein natür­li­cher aus­sieht und weil er weni­ger eine Bege­hungs­sün­de als eine Unter­las­sungs­sün­de ist. Aber er bleibt Mord.“ (14: S. 324f.)

Wie immer man das Kon­zept des sozia­len Mor­des auch beur­tei­len mag. Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass zumin­dest von einem beding­ten Vor­satz aus­ge­gan­gen wer­den muss, wenn poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen nach­weis­lich zu nega­ti­ven Gesund­heits­fol­gen füh­ren und trotz­dem durch­ge­setzt wer­den. Spar­po­li­ti­ken im Sozia­len sind kei­ne blo­ßen Rechen­spie­le in Minis­te­ri­en; sie bedeu­ten Krank­heit, Ver­zweif­lung und letzt­lich den ver­früh­ten Tod von Men­schen in den sozi­al benach­tei­lig­ten Tei­len unse­rer Gesell­schaft. Oder wie es die WHO-Kom­mis­si­on 2008 for­mu­lier­te: „Sozia­le Unge­rech­tig­keit kos­tet Men­schen­le­ben in gro­ßem Aus­maß“.

Dar­aus ergibt sich für uns als Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärzt*innen und für alle im Gesund­heits­we­sen Beschäf­tig­ten eine kla­re Auf­ga­be: Es liegt in unse­rer fach­li­chen wie mora­li­schen Ver­ant­wor­tung als Gesundheitsarbeiter*innen, die mas­si­ven gesund­heit­li­chen Fol­gen der aktu­el­len Spar­po­li­tik offen­siv und evi­denz­ba­siert zu the­ma­ti­sie­ren. Es braucht einen brei­ten, gesell­schaft­li­chen Wider­stand gegen die aktu­el­len Austeri­täts­pro­gram­me, zu dem wir als Gesundheitsarbeiter*innen bei­tra­gen müs­sen – ganz kon­kret auch, um die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung zu schüt­zen.


Quel­len

1.             Tetzlaff F, Sau­er­berg M, Gri­go­riev P, Tetzlaff J, Müh­li­chen M, Bau­mert J, et al.: Age-spe­ci­fic and cau­se-spe­ci­fic mor­ta­li­ty con­tri­bu­ti­ons to the socioe­co­no­mic gap in life expec­tancy in Ger­ma­ny, 2003–21: an eco­lo­gi­cal stu­dy. The Lan­cet Public Health. 2024;9(5): e295-e305

2.             Walsh D, McCart­ney G.: Social Mur­der? Austeri­ty and Life Expec­ta­ny in the UK, Bris­tol: Poli­cy Press 2025

3.             Hoe­bel J, Mich­al­ski N, Bau­mert J, Nowos­sa­deck E, Tetzlaff F.: Die Lebens­er­war­tungs­lü­cke: Sozio­öko­no­mi­sche Unter­schie­de in der Lebens­er­war­tung zwi­schen Deutsch­lands Regio­nen. Jour­nal of Health Moni­to­ring, 2025;10(1): 1–9

4.             Walsh D, Dund­as R, McCart­ney G, Gib­son M, Sea­man R.: Bea­ring the bur­den of austeri­ty: how do chan­ging mor­ta­li­ty rates in the UK compa­re bet­ween men and women?, Jour­nal of Epi­de­mio­lo­gy and Com­mu­ni­ty Health, 2022; 76(12): 1027–33

5.             McCart­ney G, McMas­ter R, Popham F, Dund­as R, Walsh D.: Is austeri­ty a cau­se of slower impro­ve­ments in mor­ta­li­ty in high-inco­me count­ries? A panel ana­ly­sis, Social Sci­ence & Medi­ci­ne 2022; 313:115397

6.             Hold­royd I, Vod­den A, Sri­ni­va­san A, Kuhn I, Bam­bra C, Ford JA.: Sys­te­ma­tic review of the effec­ti­ve­ness of the health ine­qua­li­ties stra­tegy in Eng­land bet­ween 1999 and 2010, BMJ Open 2022; 12(9): e063137

7.             Ben­nett NC, Nor­man P, Alba­ni V, King­s­ton A, Bam­bra C.: The impact of the Eng­lish natio­nal health ine­qua­li­ties stra­tegy on ine­qua­li­ties in mor­ta­li­ty at age 65: a time-trend ana­ly­sis, Euro­pean Jour­nal of Public Health 2024; 34(4): 660–5

8.             Beat­ty C, Fother­gill S.: The uneven impact of wel­fa­re reform – The finan­cial los­ses to places and peo­p­le, Shef­field: Shef­field Hal­lam; 2016

9.             Gray M, Bar­ford A.: The depths of the cuts: the uneven geo­gra­phy of local govern­ment austeri­ty, Cam­bridge Jour­nal of Regi­ons, Eco­no­my and Socie­ty. 2018; 11(3): 541–63

10.          Ale­xiou A, Fahy K, Mason K, Ben­nett D, Brown H, Bam­bra C, et al.: Local govern­ment fun­ding and life expec­tancy in Eng­land: a lon­gi­tu­di­nal eco­lo­gi­cal stu­dy, The Lan­cet Public Health 2021; 6(9): e641-e7

11.          Stuck­ler D, Basu S.: The Body Eco­no­mic – Why Austeri­ty Kills, Lon­don: Allen Lane; 2013

12.          Broad­bent P, Walsh D, Kati­kired­di SV, Gal­lag­her C, Dund­as R, McCart­ney G.: Is Austeri­ty Respon­si­ble for the Stal­led Mor­ta­li­ty Trends Across Many High-Inco­me Count­ries? A Sys­te­ma­tic Review, Inter­na­tio­nal Jour­nal of Social Deter­mi­nants of Health and Health Ser­vices 2024; 54(4): 362–79

13.          Med­ve­dy­uk S, Goven­der P, Rapha­el D.: The ree­mer­gence of Engels’ con­cept of social mur­der in respon­se to gro­wing social and health ine­qua­li­ties, Social Sci­ence & Medi­ci­ne 2021; 289: 114377

14.          Fried­rich Engels: Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land. Nach eig­ner Anschau­ung und authen­ti­schen Quel­len, in Marx Engels Wer­ke Band 2, Ber­lin 1962, S. 225–506


[1] Defi­ni­ti­on laut Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/225594/austeritaet/ (auf­ge­ru­fen am 21.02.2026)

[2] Zum Ver­gleich: Die gesam­ten Staats­aus­ga­ben der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land betru­gen in 2025 unge­fähr 503 Mil­li­ar­den Euro.

[3] Unter ande­rem auch durch den Film „I, Dani­el Bla­ke“ (2016) von Paul Laver­ty und Ken Loach

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