Benjamin Wachtler
Im Spätsommer 2025 hat Friedrich Merz den „Herbst der Reformen“ ausgerufen. Unter Schlagworten wie der „Agenda 2030“ werden seitdem durch die schwarz-rote Bundesregierung tiefgreifende Reformen des deutschen Sozialsystems gefordert und teilweise auch bereits umgesetzt. Es sind dabei aber leider keineswegs die dringend notwendigen Reformen der Sozialversicherungen gemeint, die durch ein Abschaffen der Beitragsbemessungsgrenze und das Einbeziehen zusätzlicher Einkommensarten, wie z. B. Erträgen aus Beteiligungsvermögen, abgesichert werden sollen. Stattdessen wird das Narrativ forciert, der „Sozialstaat sei (…) nicht mehr finanzierbar“ und wir könnten uns den Luxus einer sozialen Absicherung breiter Bevölkerungsschichten als Gesellschaft einfach nicht mehr leisten. Zuerst rückte dabei Ende 2025 das Bürgergeld in den Fokus und markierte den Beginn einer diskursiven und realpolitischen Verschiebung hin zu einer restriktiven Sozialpolitik und verschärften Rhetorik gegenüber Menschen mit Armutserfahrung. Die Einführung der neuen Grundsicherung für Arbeitssuchende bringt dabei höhere Mitwirkungspflichten und strengere Sanktionen mit sich – bis hin zur Möglichkeit der Kürzungen sämtlicher Leistungen inklusive existentieller Unterstützung zur Unterkunft. Begleitet wird dies durch ein stärkeres Heranziehen des bisherigen Schonvermögens und faktischer Nullrunden bei den Leistungen, die in Zeiten der Inflation zu erheblichen realen Kaufkraftverlusten für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen führen.
Die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Austeritätspolitik werden dabei bisher in der öffentlichen Debatte meist ausgespart. Dabei hat die Public-Health-Forschung in den letzten 20 Jahren einige Erkenntnisse darüber gewonnen, welche Folgen Austeritätspolitiken für die Bevölkerungsgesundheit haben können. Der Kenntnisstand soll hier kurz skizziert und in Bezug zu aktuellen Entwicklungen der Mortalität und Lebenserwartung gesetzt werden. Außerdem soll der Frage nachgegangen werden, wie sich politische Entscheidungen auf die gesundheitliche Entwicklung der Bevölkerung auswirken. Dazu möchte ich einen Blick auf die Entwicklungen in Großbritannien über die letzten 25 Jahre werfen – einem Land, das uns als Beispiel dienen kann, um die Auswirkungen guter wie schlechter politischer Entscheidungen für die Bevölkerungsgesundheit nachzuvollziehen.
Was ist eigentlich Austerität?
Der Begriff der Austerität beschreibt im Kern eine „Krisenintervention (…) [zum] Abbau der (…) Verschuldung eines Staates und [zur] Neuordnung der Staatsfinanzen (Einnahmen- und Ausgabenpolitik) (…), um einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu erreichen und damit positive gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen“[1] Zur Staatsverschuldung werden übrigens auch Schulden der Sozialversicherung gezählt. Es soll hier nicht um eine (wirtschafts-)politische oder ökonomische Diskussion des Kriseninstruments der Austerität gehen. Diese wird an anderer Stelle umfangreich geführt. Im hier relevanten Kontext bezeichnet Austerität eine wirtschafts- und finanzpolitische Krisenstrategie, die primär auf den Abbau staatlicher Verschuldung durch Ausgabenkürzungen und eine restriktive Fiskalpolitik abzielt, da die Einnahmeseite den bürgerlichen Parteien ideologisch versperrt zu sein scheint. In der politischen Praxis konzentriert sich Austerität daher häufig auf Einsparungen im öffentlichen und sozialen Sektor, während Einnahmeseite und Verteilungsfragen in den Hintergrund treten. Diese Fokussierung ist keine ökonomische Notwendigkeit, sondern Ausdruck einer spezifischen politischen Ideologie, die Staatsausgaben – insbesondere soziale Ausgaben – als Problem und nicht als Investition betrachtet.
Einsparungen treffen überproportional Menschen mit niedrigen Einkommen, unsicheren Beschäftigungsverhältnissen oder sozialer Benachteiligung – also genau jene Gruppen, die ohnehin höhere Krankheitslasten tragen
Für die gesundheitspolitische Debatte ist entscheidend, dass Austerität nicht gleichbedeutend mit „Haushaltsdisziplin“ im neutralen Sinne ist. Vielmehr handelt es sich um eine politische Entscheidung mit klar verteilungswirksamen Effekten. Einsparungen treffen überproportional Menschen mit niedrigen Einkommen, unsicheren Beschäftigungsverhältnissen oder sozialer Benachteiligung – also genau jene Gruppen, die ohnehin höhere Krankheitslasten tragen, wie wir aus den umfangreichen Ergebnissen sozialepidemiologischer Forschung der letzten 50 Jahre wissen.
Die soziale Determinierung von Gesundheit
Diese Forschungsergebnisse haben uns gezeigt, dass ein Großteil der beobachteten Unterschiede in Krankheitslast und Lebenserwartung auf strukturelle soziale Ungleichheiten und damit verbundene Unterschiede in Lebensbedingungen und Verhaltensweisen zurückzuführen sind. Einkommen, Bildung, Beruf, Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie soziale Netzwerke prägen das Risiko für die meisten Erkrankungen und somit schlussendlich auch die Mortalität und Lebenserwartung. Soziale und sozioökonomische Bedingungen werden dabei über materielle Faktoren, psychosoziale Belastungen und chronischen Stress sowie damit verbundene gesundheitsbezogene Verhaltensweisen buchstäblich in den Körper eingeschrieben („Embodiment“). Austeritätspolitik wirkt somit nicht indirekt oder langfristig abstrakt, sondern über konkrete Mechanismen wie Einkommensverluste, Wohnungsunsicherheit, Ernährungsarmut oder den Abbau kommunaler präventiver Angebote und einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung.

Die gesundheitlichen Folgen sozialer Ungleichheit kulminieren in deutlichen Unterschieden in Mortalität und Lebenserwartung. Auch in Deutschland zeigen sich ausgeprägte soziale Gradienten: Menschen in sozial benachteiligten Regionen oder mit niedriger formaler Bildung und geringem Einkommen leben mehrere Jahre kürzer als privilegierte Gruppen. Aktuelle Analysen belegen, dass diese Unterschiede maßgeblich durch vermeidbare Todesursachen und chronische Erkrankungen geprägt sind (1). Und auch in Deutschland zeigt sich ein Trend, der spätestens seit ca. 2014, also in Folge der großen Weltwirtschaftskrise, in vielen Hocheinkommensländern zu verzeichnen ist: Insgesamt verlangsamt sich die Zunahme der Lebenserwartung und geht in den sozioökonomisch am stärksten deprivierten Regionen sogar zurück (1). Diese Entwicklung widerspricht dem langfristigen historischen Trend stetiger Zugewinne in der Lebenserwartung über alle Bevölkerungsgruppen hinweg und legt nahe, dass politische und ökonomische Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle spielen (2). Auch in Deutschland hat sich dadurch die regionale sozioökonomische Ungleichheit in der Lebenserwartung zwischen den am stärksten und den am wenigsten stark deprivierten Regionen vergrößert: von 2,6 Jahren in 2004 auf 4,3 Jahre in 2021 bei Frauen und von 5,7 auf 7,2 Jahre bei Männern (3). Eine Entwicklung die nicht nur die Frage aufkommen lässt, ob man in Deutschland noch von „gleichwertigen (regionalen) Lebensverhältnissen“ sprechen kann, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik verankert sind (Art. 72, Abs. 2 GG).
Großbritannien als Reallabor
Um zu verstehen, welchen massiven Einfluss politische Entscheidungen auf die Bevölkerungsgesundheit haben können, lohnt sich ein detaillierter Blick nach Großbritannien. Dort wurden in den letzten Jahrzehnten, quasi wie in einem „Reallabor“, Entscheidungen getroffen, die die Gesundheit der Bevölkerung sowohl evident positiv als auch katastrophal negativ beeinflussten. Und diese Entscheidungen lassen sich direkt mit der Entwicklung der Mortalität und Lebenserwartung in Beziehung setzen (2, 4). In Großbritannien werden seit ca. 2010 deutlich weniger vorteilhafte Entwicklungen der Lebenserwartung gesehen, als sie anhand der Jahre zuvor anzunehmen gewesen wären. So verlangsamte sich die Abnahme der Mortalität (und damit die Zunahme der Lebenserwartung) ab 2010 deutlich und stagnierte in den folgenden Jahren in den wenig deprivierten Regionen oder nahm in den stärker deprivierten Regionen sogar zu. Eine Entwicklung, die man außerhalb akuter Krisengebiete so nicht gewohnt war zu verzeichnen. Im Vergleich zu den Prognosen der Mortalität, hätte sich der Trend wie bis 2010 fortgesetzt (d. h. mit einem Rückgang der Mortalität in allen Regionen), gab es zwischen 2012 und 2019 in Großbritannien ungefähr 335.000 zusätzliche Tote. Das sind ungefähr so viele Tote, wie in Großbritannien normalerweise in ca. einem halben Jahr zu verzeichnen sind. Besonders stark betroffen waren Menschen, die in Regionen mit hoher Deprivation lebten – dabei waren Frauen stärker betroffen als Männer (4). Damit zeigte Großbritannien im Vergleich mit anderen Hocheinkommensländern eine der nachteiligsten Entwicklungen der Mortalität seit dem Jahr 2000 – zusammen mit Ländern wie den USA, Estland, Island und Slowenien (5). Aber welche politischen Entscheidungen fallen in diese Zeit seit 2010? Und ergeben sich daraus Hinweise auf gute und weniger gute politische Entscheidungen im Sinne einer Verbesserung der Bevölkerungsgesundheit?
Die Labour-Jahre (1997–2010): Der Versuch des Ausgleichs
Unter den Regierungen von Tony Blair und Gordon Brown wurde die „English National Health Inequalities Strategy (2000–2010)“ implementiert. Diese Strategie hatte das klare Ziel, die relative Ungleichheit in der Säuglingssterblichkeit und der Lebenserwartung bis 2010, um mindestens 10 % zu reduzieren. Der Fokus lag dabei bewusst auf den sozial am stärksten benachteiligten Regionen. Umgesetzt wurde dies durch eine Kombination aus „Downstream“-Ansätzen (massive Finanzierung des National Health Service (NHS), Etablierung des Instituts für evidenzbasierte Versorgung (NICE)) und fundierten „Upstream“-Ansätzen (Einführung eines Mindestlohns, „New Deal“ für mehr Beschäftigung sowie gezielte Finanzierung von Bildung, Wohnen und Transport). Die Strategie umfasste eine Vielzahl politischer Maßnahmen in verschiedenen Bereichen. Dazu gehörten eine erhebliche Aufstockung der öffentlichen Ausgaben für eine Reihe von Sozialprogrammen (wie die Einführung des Kinderfreibetrags und der SureStart-Kinderzentren), die Einführung des nationalen Mindestlohns, gebietsbezogene Maßnahmen wie die „Health Action Zones“ und die „Neighbourhood Renewal Funds“ sowie eine erhebliche Aufstockung der Ausgaben für den NHS. Letzteres richtete sich besonders stark an benachteiligte Stadtteile, als nach 2001 eine „Gewichtung der gesundheitlichen Ungleichheiten” in die geografische Verteilung der NHS-Mittel aufgenommen wurde, sodass benachteiligte Gebiete mehr Mittel pro Kopf erhielten, um den höheren Bedarf an Leistungen widerzuspiegeln. Die Effekte dieser, im internationalen Vergleich bis heute beispiellosen, Strategie waren messbar: Zwar fielen die Evaluationen teils uneinheitlich aus, jedoch bescheinigten Studien – wie das systematische Review von Holdroyd et al. 2022 (6) und Analysen von Bennett et al. 2024 (7) – das Erreichen der Ziele bei der Säuglingssterblichkeit und der Reduzierung der Lebenserwartungsunterschiede zumindest bei Männern. Insgesamt führte diese expansive Sozialpolitik zu einer Reduzierung der absoluten Ungleichheit in der Mortalität.

Die Tory-Jahre (2010–2024): Austerität mit tödlichen Folgen
Mit dem Regierungswechsel ab 2010 setzte in Großbritannien eines der umfassendsten Austeritätsprogramme in Europa ein. Zwischen 2010 und 2019 wurden Einsparungen von schätzungsweise 617 Milliarden Euro[2] durchgesetzt (2). Diese Kürzungen trafen vor allem die Kommunen (die für Bildung, Wohnen, öffentliche Gesundheit und Kultur zuständig sind) und die sozialen Sicherungssysteme, namentlich das „Universal Credit System“, das es aufgrund seiner überbordenden und unverständlichen Bürokratie zu einiger negativer Bekanntheit brachte[3]. Allein in der ersten Phase der Programme wurden über 150 Reformen durchgesetzt. Diese betrafen Leistungen für Arbeitslose, Familien, Menschen mit Behinderungen und Alleinerziehende. Charakteristisch waren reale Leistungskürzungen, strengere Sanktionen, Verzögerungen bei Auszahlungen und eine zunehmende Bürokratisierung (8). Beispiele sind die Möglichkeit der Kürzung sämtlicher Leistungen bei sogenannter „fehlender Mitwirkung“ bei der Suche und Aufnahme von Arbeit, sowie ein Einfrieren der Leistungen für Menschen im erwerbsfähigen Alter (und damit dem realen Absenken des Leistungsniveaus in Zeiten von Inflation). Hervorzuheben sind auch besonders perfide Vorgehensweisen, wie z.B. die Einführung obligatorischer medizinischer Prüfungen (die durch Privatfirmen durchgeführt wurden) von Menschen, die Erwerbsunfähigkeitsleistungen bezogen, um jährlich zu überprüfen, ob die Gründe der Erwerbsunfähigkeit noch immer vorliegen. Oder die Reduzierung von Wohngeld, wenn die Behörden die Unterkunft als zu groß einstuften, was viele Familien in die Wohnungslosigkeit drängte oder auch die Deckelung von Kindergeld auf zwei Kinder ohne Ansehen der realen Kinderzahl sowie die generelle Deckelung von Sozialleistungen auf maximal 20.000 Pfund ohne Ansehen der Familiengröße. Friedrich Merz und Carsten Linnemann würden hier sicherlich einige Inspiration finden.
Insgesamt trafen die Einsparungen sozial benachteiligte Kommunen besonders stark (9). Und die gesundheitlichen Folgen dieser Politik sind fatal: Empirische Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen kommunalen Kürzungen und sinkender Lebenserwartung sowie einer Zunahme gesundheitlicher Ungleichheiten, dabei ging die Lebenserwartung insbesondere in deprivierten Regionen, die besonders stark von den Austeritätsprogrammen betroffen waren, zurück (10).

Einsparungen waren höher in sozial deprivierten Kommunen.
Zwischen 2013 und 2017 (Alexiou et al. 2021):
- Jede 100 £/Kopf Einsparung waren assoziiert miteiner Abnahme der Lebenserwartung um 1,2 Monate (Frauen) bzw. 1,3 Monate (Männer)
- Die Ungleichheit in der Lebenserwartung zwischen den am stärksten und am wenigsten
deprivierte Kommunen stieg um 4% (Frauen) bzw. 3% (Männer)
Ist Austerität verantwortlich für die negativen Entwicklungen von Mortalität und Lebenserwartung in Hocheinkommensländern?
Diese Frage ist sicher nicht einfach zu beantworten, da sie methodisch herausfordernd ist. Allerdings hat sich die Public-Health-Forschung seit ca. 2007 zunehmend diese Frage gestellt und es liegen heute deutlich mehr Studien vor als zur Zeit kurz nach der Weltfinanzkrise, als es eine erste Auseinandersetzungen mit dem Thema gab (11). Ein aktuelles systematisches Review der Evidenz von Broadbent et al. 2024 (12), das sieben Studien aus einkommensstarken Ländern einschloss, kam zu einem erschütternden Ergebnis: Sechs der sieben eingeschlossenen Studien sowie alle vier Studien, die ein geringes Risiko für einen systematischen Fehler aufwiesen, zeigten einen klaren Zusammenhang von Austeritätspolitiken und negativen Entwicklungen der Mortalität.
Sozialer Mord?

Angesichts der doch recht deutlichen Evidenz zum Zusammenhang von Sparpolitiken und negativen Effekten auf die Mortalität der Bevölkerung, kann davon ausgegangen werden, dass solche politischen Entscheidungen trotz dieses Wissens aus ideologischen Gründen getroffen und die verheerenden Auswirkungen dieser Politik billigend in Kauf genommen werden. Es ist daher nicht erstaunlich, dass in der Public-Health-Forschung der Begriff des sozialen Mordes, den Friedrich Engels bereits 1845 in Die Lage der arbeitenden Klasse in England prägte, zuletzt wieder an Relevanz gewonnen hat (2, 13). Engels schrieb damals:
„Wenn ein einzelner einem andern körperlichen Schaden tut, und zwar solchen Schaden, der dem Beschädigten den Tod zuzieht, so nennen wir das Totschlag; wenn der Täter im voraus wußte, daß der Schaden tödlich sein würde, so nennen wir seine Tat einen Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in eine solche Lage versetzt, daß sie notwendig einem vorzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, […] wenn sie weiß, nur zu gut weiß, daß diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen müssen, und doch diese Bedingungen bestehen läßt – so ist das ebensogut Mord wie die Tat des einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord, ein Mord, gegen den sich niemand wehren kann, der kein Mord zu sein scheint, weil man den Mörder nicht sieht, weil alle und doch wieder niemand dieser Mörder ist, weil der Tod des Schlachtopfers wie ein natürlicher aussieht und weil er weniger eine Begehungssünde als eine Unterlassungssünde ist. Aber er bleibt Mord.“ (14: S. 324f.)
Wie immer man das Konzept des sozialen Mordes auch beurteilen mag. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass zumindest von einem bedingten Vorsatz ausgegangen werden muss, wenn politische Entscheidungen nachweislich zu negativen Gesundheitsfolgen führen und trotzdem durchgesetzt werden. Sparpolitiken im Sozialen sind keine bloßen Rechenspiele in Ministerien; sie bedeuten Krankheit, Verzweiflung und letztlich den verfrühten Tod von Menschen in den sozial benachteiligten Teilen unserer Gesellschaft. Oder wie es die WHO-Kommission 2008 formulierte: „Soziale Ungerechtigkeit kostet Menschenleben in großem Ausmaß“.
Daraus ergibt sich für uns als Verein demokratischer Ärzt*innen und für alle im Gesundheitswesen Beschäftigten eine klare Aufgabe: Es liegt in unserer fachlichen wie moralischen Verantwortung als Gesundheitsarbeiter*innen, die massiven gesundheitlichen Folgen der aktuellen Sparpolitik offensiv und evidenzbasiert zu thematisieren. Es braucht einen breiten, gesellschaftlichen Widerstand gegen die aktuellen Austeritätsprogramme, zu dem wir als Gesundheitsarbeiter*innen beitragen müssen – ganz konkret auch, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.
Benjamin Wachtler ist Arzt und Sozialepidemiologe und forscht zu sozioökonomischer Ungleichheit in der Gesundheit
Quellen
1. Tetzlaff F, Sauerberg M, Grigoriev P, Tetzlaff J, Mühlichen M, Baumert J, et al.: Age-specific and cause-specific mortality contributions to the socioeconomic gap in life expectancy in Germany, 2003–21: an ecological study. The Lancet Public Health. 2024;9(5): e295-e305
2. Walsh D, McCartney G.: Social Murder? Austerity and Life Expectany in the UK, Bristol: Policy Press 2025
3. Hoebel J, Michalski N, Baumert J, Nowossadeck E, Tetzlaff F.: Die Lebenserwartungslücke: Sozioökonomische Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Deutschlands Regionen. Journal of Health Monitoring, 2025;10(1): 1–9
4. Walsh D, Dundas R, McCartney G, Gibson M, Seaman R.: Bearing the burden of austerity: how do changing mortality rates in the UK compare between men and women?, Journal of Epidemiology and Community Health, 2022; 76(12): 1027–33
5. McCartney G, McMaster R, Popham F, Dundas R, Walsh D.: Is austerity a cause of slower improvements in mortality in high-income countries? A panel analysis, Social Science & Medicine 2022; 313:115397
6. Holdroyd I, Vodden A, Srinivasan A, Kuhn I, Bambra C, Ford JA.: Systematic review of the effectiveness of the health inequalities strategy in England between 1999 and 2010, BMJ Open 2022; 12(9): e063137
7. Bennett NC, Norman P, Albani V, Kingston A, Bambra C.: The impact of the English national health inequalities strategy on inequalities in mortality at age 65: a time-trend analysis, European Journal of Public Health 2024; 34(4): 660–5
8. Beatty C, Fothergill S.: The uneven impact of welfare reform – The financial losses to places and people, Sheffield: Sheffield Hallam; 2016
9. Gray M, Barford A.: The depths of the cuts: the uneven geography of local government austerity, Cambridge Journal of Regions, Economy and Society. 2018; 11(3): 541–63
10. Alexiou A, Fahy K, Mason K, Bennett D, Brown H, Bambra C, et al.: Local government funding and life expectancy in England: a longitudinal ecological study, The Lancet Public Health 2021; 6(9): e641-e7
11. Stuckler D, Basu S.: The Body Economic – Why Austerity Kills, London: Allen Lane; 2013
12. Broadbent P, Walsh D, Katikireddi SV, Gallagher C, Dundas R, McCartney G.: Is Austerity Responsible for the Stalled Mortality Trends Across Many High-Income Countries? A Systematic Review, International Journal of Social Determinants of Health and Health Services 2024; 54(4): 362–79
13. Medvedyuk S, Govender P, Raphael D.: The reemergence of Engels’ concept of social murder in response to growing social and health inequalities, Social Science & Medicine 2021; 289: 114377
14. Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen, in Marx Engels Werke Band 2, Berlin 1962, S. 225–506
[1] Definition laut Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/225594/austeritaet/ (aufgerufen am 21.02.2026)
[2] Zum Vergleich: Die gesamten Staatsausgaben der Bundesrepublik Deutschland betrugen in 2025 ungefähr 503 Milliarden Euro.
[3] Unter anderem auch durch den Film „I, Daniel Blake“ (2016) von Paul Laverty und Ken Loach







