Über Tech-Nar­ra­ti­ve und sozia­le Ungleich­hei­ten von Gesund­heit

von Manu­el Hof­mann

Wenn über »Künst­li­che Intel­li­genz« in der Medi­zin gespro­chen wird, tau­chen der­zeit die immer glei­chen Argu­men­te auf: »KI«-Technologien ermög­li­chen mit­tels Mus­ter­er­ken­nung frü­he und genaue­re Dia­gno­sen, brin­gen Effi­zi­enz­ge­win­ne durch Auto­ma­ti­sie­rung admi­nis­tra­ti­ver Auf­ga­ben, ermög­li­chen eine indi­vi­dua­li­sier­te Medi­zin. Ärzt*innen sol­len mehr Zeit für ihre Patient*innen haben, indem sie von läs­ti­gen All­tags­auf­ga­ben ent­las­tet wer­den. So for­mu­liert es ein Bei­trag in den »Tages­the­men«.

Kon­tras­tiert wer­den die Heils­ver­spre­chen der »KI« dar­in mit offen­sicht­li­chen struk­tu­rel­len Pro­ble­men inner­halb des der­zei­ti­gen und sich abzeich­nen­den Gesund­heits­we­sens. Der stei­gen­de Kos­ten­druck, wenig Zeit für die Betreu­ung von Patient*innen hohe Arbeits­be­las­tun­gen inner­halb des Gesund­heits­we­sens. Fer­ner bringt der demo­gra­fi­sche Wan­del vie­le älte­re Patient*innen mit erhöh­ten Pfle­ge- und Behand­lungs­be­dar­fen mit sich, wäh­rend gleich­zei­tig für sehr vie­le Mitarbeiter*innen in Gesund­heits­be­ru­fen die Ren­te bevor­steht.

Kann »KI« also zukünf­tig das Gesund­heits­we­sen ver­bes­sern und viel­leicht sogar Krank­hei­ten hei­len? Unter dem Sam­mel­be­griff »Künst­li­cher Intel­li­genz« ver­birgt sich eine Viel­zahl unter­schied­li­cher Tech­no­lo­gien, die von tri­via­ler Pro­zess­di­gi­ta­li­sie­rung über regel­ba­sier­te Ent­schei­dungs­sys­te­me bis zu jenen gro­ßen, auf Wahr­schein­lich­kei­ten basie­ren­den Sprach­mo­del­len rei­chen, die durch ChatGPT, Per­ple­xi­ty und Co. inzwi­schen im All­tag so vie­ler Men­schen ange­kom­men sind. Ent­ge­gen dem all­ge­gen­wär­ti­gen Hype von »KI« müs­sen daher ver­schie­de­ne Tech­no­lo­gien und ihre jewei­li­gen Mög­lich­kei­ten und Begren­zun­gen dif­fe­ren­ziert betrach­tet wer­den.

Tech­no­lo­gie und Gesell­schaft prä­gen sich wech­sel­sei­tig. Neue Tech­no­lo­gien müs­sen daher immer kri­tisch dahin­ge­hend befragt wer­den, was sie ent­ste­hen und popu­lär wer­den lässt und wel­che sozia­len und poli­ti­schen Aus­wir­kun­gen sie haben.

Als Hand­werks­zeug haben Tech­no­lo­gien, mit oder ohne »KI«, bis­wei­len tat­säch­lich das Poten­zi­al, medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu ver­bes­sern und Pro­zes­se zu ver­ein­fa­chen. Sie wer­den aber kei­ne allei­ni­ge Lösung für ein kran­ken­des Gesund­heits­sys­tem dar­stel­len. Sie heben sozia­le Ungleich­hei­ten von Gesund­heit nicht auf, kön­nen sie gege­be­nen­falls sogar ver­schär­fen. Es braucht daher einen kri­ti­schen Blick auf gegen­wär­ti­ge Tech-Nar­ra­ti­ve und Heils­ver­spre­chen. Drei sol­cher typi­schen Erzäh­lun­gen wer­den fol­gend her­aus­ge­grif­fen, näm­lich Effi­zi­enz­ver­spre­chen durch »KI« im Gesund­heits­we­sen, die Idee von »KI« als per­sön­li­cher Gesund­heits­as­sis­tenz und den »Longevity«-Ansatz, also die Vor­stel­lung einer »KI«-gestützten Lang­le­big­keit.

»KI« als Effi­zi­enz­ma­schi­ne in Zei­ten poli­tisch gewoll­ter Res­sour­cen­knapp­heit

»Inso­fern haben wir ganz klar die Ziel­set­zung, inner­halb einer Deka­de ein Drit­tel der Mit­ar­bei­ter durch die­se Tech­no­lo­gien erset­zen zu kön­nen.« Heyo Klaus Kroe­mer, Vor­stands­vor­sit­zen­der Cha­ri­té.

Das Argu­ment, dass »KI« zukünf­tig Mediziner*innen von All­tags­auf­ga­ben ent­las­tet und mehr Frei­raum für Patient*innen schafft, muss gleich in dop­pel­ter Hin­sicht über­prüft wer­den:

Ers­tens: Wäh­rend in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der Ver­spre­chen zu Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­nen durch neue Tech­no­lo­gien gemacht wur­den, sind die­se oft nicht ohne Wei­te­res und vor allem nicht direkt nach deren Ein­füh­rung ein­ge­tre­ten. Bis­wei­len brach­ten sie schäd­li­che Fol­gen für Beschäf­tig­te oder Umwelt mit sich. Sozia­le und poli­ti­sche Sys­te­me müs­sen sich erst mit eini­ger Anstren­gung an neue tech­ni­sche Rea­li­tä­ten anpas­sen, um wirk­lich von ihnen zu pro­fi­tie­ren.

Zugleich wer­den teil­wei­se voll­kom­men unrea­lis­tisch gro­ße Effi­zi­enz­ge­win­ne durch tech­ni­sche Lösun­gen ange­kün­digt: Bis 2035 sol­len 11.000 Hausärzt*innen in Deutsch­land feh­len. Das ist eine Men­ge. Bera­tungs­un­ter­neh­men wie »EY« sehen den­noch als Lösungs­stra­te­gie pri­mär Pro­zess­di­gi­ta­li­sie­rung, Tele­me­di­zin und die flä­chen­de­cken­de Nut­zung der elek­tro­ni­schen Patient*innenakte.

Es ist kein Ein­zel­fall: Man­che Men­schen im Arbeits­feld E‑Health behaup­ten sogar, Hausärzt*innen könn­ten künf­tig mit­tels Tech­no­lo­gie das Zehn­fa­che an Patient*innen behan­deln, was ange­sichts vol­ler War­te­zim­mer in Pra­xen und des Bedürf­nis­ses vie­ler Patient*innen nach mensch­li­chem Kon­takt und Empa­thie schwer vor­stell­bar ist.

[Er] ver­kennt auch, dass Patient*innen in Kran­ken­häu­sern in der Regel mit sehr rea­len und pfle­ge­be­dürf­ti­gen Kör­pern da lie­gen, deren Bedürf­nis­se kei­ne Algo­rith­men stil­len, son­dern hart arbei­ten­de Pfleger*innen.

Der Ein­füh­rungs­pro­zess der elek­tro­ni­schen Patient*innenakte zieht sich, von ers­ten Ideen bis zur Umset­zung, seit über 20 Jah­ren – und ist den­noch auch nach bun­des­wei­tem Roll-out im April 2025 längst nicht flä­chen­de­ckend eta­bliert und voll-umfas­send so in der Ver­sor­gung ange­kom­men, dass alle davon pro­fi­tie­ren und eine mess­ba­re Arbeits­er­leich­te­rung ein­ge­tre­ten ist. Wenn die letz­ten Jah­re eines zei­gen, dann, dass Digi­ta­li­sie­rung müh­sam ist, Zeit braucht und nicht alles von Anfang an so klappt, wie man sich das wäh­rend des Ent­wick­lungs­pro­zes­ses aus­ge­dacht hat.

Zwei­tens: Wenn der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Cha­ri­té, Heyo Klaus Kroe­mer, angibt, inner­halb einer Deka­de die in Ren­te gehen­den Mitarbeiter*innen durch »KI« erset­zen zu wol­len – kon­kret ein Drit­tel der Beleg­schaft –, setzt er dabei nicht nur auf unrea­lis­ti­sche Ver­spre­chun­gen von Effi­zi­enz­ge­win­nen durch »KI«-Automatisierung in einem wahn­sin­nig kur­zen Zeit­raum, son­dern ver­kennt auch, dass Patient*innen in Kran­ken­häu­sern in der Regel mit sehr rea­len und pfle­ge­be­dürf­ti­gen Kör­pern da lie­gen, deren Bedürf­nis­se kei­ne Algo­rith­men stil­len, son­dern hart arbei­ten­de Pfleger*innen.

Selbst wenn »KI« vie­le Auf­ga­ben erleich­tert: In einer um ein Drit­tel zusam­men­ge­stri­che­nen Beleg­schaft haben Ärzt*innen gera­de nicht die oft­mals ver­spro­che­ne zusätz­li­che Zeit für die Patient*innen, son­dern eine noch wei­ter ver­dich­te­te Arbeits­rea­li­tät. Hin­ter der ver­meint­li­chen »KI«-Revolution ver­birgt sich nicht zuletzt knall­har­te Austeri­täts­po­li­tik. Der Ein­satz von Tech­no­lo­gien, auch von »KI«, muss sich nicht nur an Effi­zi­enz mes­sen las­sen, son­dern auch dar­an, ob er men­schen­wür­di­ge und wün­schens­wer­te Zukünf­te her­vor­bringt.

»KI« als per­sön­li­che Gesund­heits­as­sis­tenz

Eine zwei­te Ant­wort auf dro­hen­des Sys­tem­ver­sa­gen ist maxi­ma­le Indi­vi­dua­li­sie­rung von Gesund­heit. Die­ser Trend taucht in unter­schied­li­chen Gewän­dern auf, meint aber fast das immer Glei­che: Du musst dich mal mehr um dich selbst küm­mern.

»Deut­sche gehen zu oft zum Arzt«, sagt Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz. Ande­re Vertreter*innen im Gesund­heits­we­sen ver­wei­sen auf die Vor­tei­le von mehr Selbst­me­di­ka­ti­on bei leich­ten Erkran­kun­gen, eine wach­sen­de Gesund­heits­kom­pe­tenz und mehr Prä­ven­ti­on. Meint alles: Sie sol­len ein stra­pa­zier­tes Sys­tem nicht unnö­tig belas­ten und Gesund­heits­be­schwer­den erst mal für sich selbst regeln. Auch mit­tels finan­zi­el­ler Anrei­ze (im Sin­ne nied­ri­ge­rer Kas­sen­bei­trä­ge bei Ver­zicht auf Besu­che von Ärzt*innen) kön­ne die Eigen­ver­ant­wor­tung gestärkt wer­den.

Eine zwei­te Ant­wort auf dro­hen­des Sys­tem­ver­sa­gen ist maxi­ma­le Indi­vi­dua­li­sie­rung von Gesund­heit.

»KI« soll hier­bei eine zen­tra­le Rol­le spie­len. BITKOM und Ber­tels­mann Stif­tung ver­öf­fent­li­chen jeweils Befra­gun­gen, die demons­trie­ren sol­len, wie ver­brei­tet der Ein­satz von Sprach­mo­del­len bei Gesund­heits­the­men jetzt schon ist: 45% der Deut­schen befra­gen die »KI« bereits zu Sym­pto­men und Gesund­heits­the­men, sagt die BITKOM. Der Ver­band, der IT-Unter­neh­men ver­tritt, betont die Chan­cen einer digi­ta­len Zukunft im Gesund­heits­we­sen. Auch die Ber­tels­mann Stif­tung will eine wach­sen­de Ver­brei­tung erken­nen, sieht aber der­zeit wei­ter­hin »Dr. Goog­le« auf dem ers­ten Platz.


Des­ori­en­tie­rung und neue Geschäfts­mo­del­le

Ähn­lich sieht es im Bereich der men­ta­len Gesund­heit aus. Ver­schie­de­ne Aus­wer­tun­gen zei­gen, dass vie­le Men­schen längst mit »KI«-Chatbots über men­ta­le Pro­ble­me spre­chen. »The­ra­py and com­pa­n­ion­ship« sei inzwi­schen der häu­figs­te Anwen­dungs­fall für die Nut­zung von Chat­bots, steht im Har­vard Busi­ness Review. Arti­kel dis­ku­tie­ren rauf und run­ter, ob »KI« zukünf­tig die Psy­cho­the­ra­pie erset­zen oder zumin­dest ergän­zen kön­ne.

Auch hier stel­len sich ähn­li­che Fra­gen: Funk­tio­niert das wirk­lich? Und ist die Ver­brei­tung Aus­druck einer funk­tio­nie­ren­den oder kran­ken­den Gesell­schaft? Sind »KI«-Chatbots als men­ta­le All­tags­be­glei­tung oder The­ra­pie­er­satz Teil einer wün­schens­wer­ten Zukunft?

»Lon­ge­vi­ty« mit »KI«-Unterstützung

»Live wit­hout limits (…) – powered by AI«Foun­tain Life

Kein ande­rer Gesund­heits­trend ver­bin­det die­se Lini­en aus Indi­vi­dua­li­sie­rung, Prä­ven­ti­on und Tech­no­lo­gie deut­li­cher als »Lon­ge­vi­ty«, ein Ansatz, der über eine Kom­bi­na­ti­on gesund­heits­för­der­li­cher Maß­nah­men die Lebens­span­ne und zugleich die Anzahl (mög­lichst) gesun­der Lebens­jah­re ver­län­gern soll.

Die Span­ne der Maß­nah­men reicht von gut erforsch­ten Basics, die tat­säch­lich die gesun­de Lebens­dau­er ver­län­gern kön­nen – wie Sport, aus­rei­chend Schlaf, gute Ernäh­rung, star­ke sozia­le Net­ze –, bis hin zu in hohen Maßen expe­ri­men­tel­len Tech-gestütz­ten Anwen­dun­gen, Selbst­track­ing und der Ein­nah­me zahl­rei­cher Ergän­zungs­mit­tel.

Foun­tain Life, eines der ers­ten Unter­neh­men, die ihre rei­chen Klient*innen auf ihrem Weg zur »Lon­ge­vi­ty« unter­stüt­zen, ver­spricht ein »KI«-unterstütztes »Leben ohne Limits«. Es ist kei­ne Über­ra­schung, dass »Lon­ge­vi­ty« gera­de von Tech-Mil­li­ar­dä­ren vor­an­ge­trie­ben wird. Was die­se mit ihrer Gesund­heit anstel­len, könn­te einem egal sein, wenn es nicht längst in gesund­heits­po­li­ti­sche Debat­ten aus­strah­len wür­de. Sie prä­gen die Zukunfts­er­zäh­lun­gen rund um Tech und Gesund­heit ent­schei­dend mit. Der Wunsch nach Unsterb­lich­keit oder zumin­dest einem sehr viel län­ge­ren Leben ist jeden­falls weit ver­brei­tet und wird mit Mil­li­ar­den­in­vest­ments gefüt­tert: Ein uner­schüt­ter­li­cher Glau­be an Tech­no­lo­gie und ins­be­son­de­re »Künst­li­che Intel­li­genz« als mit­tel­fris­ti­ge Lösung für alle Mensch­heits­pro­ble­me sowie die Hyper­in­di­vi­dua­li­sie­rung bei gleich­zei­ti­ger Abgren­zung von einer als Bedro­hung erleb­ten Gesell­schaft sind tief ver­an­ker­te ideo­lo­gi­sche Wur­zeln des Ansat­zes. Ein Men­schen­bild, das allen glei­chen Wert zuspricht, gehört dage­gen nicht dazu.

Neue sozia­le Ungleich­hei­ten im Gesund­heits­we­sen

Es gibt bis­her kei­ne Stu­di­en dar­über, ob die Lebens­er­war­tung steigt, wenn man dem Lon­ge­vi­ty-Guru Bryan John­son auf Insta­gram folgt. Sehr klar erwie­sen ist dage­gen, was sta­tis­tisch am meis­ten Lebens­jah­re kos­tet: Armut. Stu­di­en des Robert-Koch-Insti­tuts zei­gen einen deut­li­chen Gap in der Lebens­er­war­tung zwi­schen struk­tur­star­ken und ‑schwa­chen Regio­nen in Deutsch­land. Aus glo­ba­ler Per­spek­ti­ve ist die­ser Sprung noch kras­ser: Wäh­rend bei­spiels­wei­se HIV in wohl­ha­ben­den Län­dern längst zu einer gut behan­del­ba­ren chro­ni­schen Erkran­kung gewor­den ist, die sich kaum auf die Lebens­er­war­tung aus­wirkt, ster­ben in Län­dern des glo­ba­len Südens wei­ter­hin Men­schen an Aids, weil Medi­ka­men­te feh­len. Das Pro­blem könn­te sich ange­sichts inter­na­tio­nal weg­bre­chen­der Finan­zie­rung sogar wie­der ver­schär­fen.

Es gibt bis­her kei­ne Stu­di­en dar­über, ob die Lebens­er­war­tung steigt, wenn man dem Lon­ge­vi­ty-Guru Bryan John­son auf Insta­gram folgt. Sehr klar erwie­sen ist dage­gen, was sta­tis­tisch am meis­ten Lebens­jah­re kos­tet: Armut.

Die Flu­tung der Sozia­len Medi­en mit indi­vi­du­el­len Gesund­heits­tipps droht struk­tu­rel­le Unge­rech­tig­kei­ten zu ver­schlei­ern, denen ganz anders begeg­net wer­den müss­te. Statt­des­sen wird Men­schen sogar noch das Stig­ma eines schlech­ten Umgangs mit der eige­nen Gesund­heit auf­er­legt, wenn ihnen nach zehn Stun­den Pake­te-Aus­tra­gen die Ener­gie oder das Bud­get für umfang­rei­che Well­ness­ri­tua­le feh­len.

Dass ein grö­ße­rer Fokus inner­halb des Gesund­heits­we­sens auf Prä­ven­ti­on gelegt wer­den soll, ist unbe­dingt zu begrü­ßen. Aller­dings darf man sich dabei nicht allei­ne auf indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten stür­zen und mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger dazu mah­nen, sich eif­rig durch täg­li­che Empower­ment­bot­schaf­ten des »KI«-Chatbots zu kli­cken. Es braucht einen Blick auf gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se, die dazu befä­hi­gen, sich um die eige­ne Gesund­heit zu küm­mern, oder die der Gesund­heit bestimm­ter Grup­pen im Wege ste­hen. Man darf nicht laut indi­vi­du­el­le »Resi­li­enz« for­dern, an Eigen­ver­ant­wor­tung appel­lie­ren, und damit gleich­zei­tig all jene vul­ner­ablen Patient*innen vor den Kar­ren wer­fen, die aus unter­schied­li­chen Grün­den auf eine gute Ver­sor­gung ange­wie­sen sind.

Trotz aller demo­gra­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen, trotz frag­los vor­han­de­nen Reform­be­dürf­nis­sen: Es darf nicht pas­sie­ren, dass Men­schen ver­ges­sen wer­den, die ange­wie­sen sind auf ein funk­tio­nie­ren­des Gesund­heits­sys­tem und nicht auf Eigen­ver­ant­wor­tung set­zen kön­nen. Es gibt Patient*innen, die Betreu­ung durch rea­le Men­schen benö­ti­gen, die ganz­heit­lich auf ihre Bedürf­nis­se bli­cken kön­nen.

Eine Zukunft des Gesund­heits­we­sens darf sich auch nicht dar­an ori­en­tie­ren, ob es ein­zel­nen Men­schen den Tritt über die magi­sche Schwel­le von 120 Jah­ren ermög­li­chen, son­dern ob es allen Men­schen in der Gesell­schaft unab­hän­gig von ihren Vor­aus­set­zun­gen in Mensch­lich­keit und Wür­de begeg­net.

Tech­no­lo­gie kann dabei zum wich­ti­gen Hand­werks­zeug wer­den. Sie ist aber weder Selbst­zweck noch All­heil­mit­tel. Plum­pen tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts­er­zäh­lun­gen müs­sen daher klu­ge Lösungs­stra­te­gien für real exis­tie­ren­de Pro­ble­me und Nar­ra­ti­ve einer gerech­te­ren Zukunft in Gesund­heits­we­sen und Gesell­schaft ent­ge­gen­ge­stellt wer­den.


Manu­el Hof­mann ist Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Sozio­lo­ge. Er arbei­tet bei der Deut­schen Aids­hil­fe als Refe­rent für Digi­ta­li­sie­rung.

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