vdää* kri­ti­siert Debat­te um Ver­gü­tung der ambu­lan­ten Psy­cho­the­ra­pie

31.03.2026 – Durch die Absen­kung der Hono­ra­re für ambu­lant täti­ge Psychotherapeut*innen hat der erwei­ter­te Bewer­tungs­aus­schuss eine schar­fe Aus­ein­an­der­set­zung um die Ver­gü­tung von Psychotherapeut*innen aus­ge­löst. Statt in die Debat­te über die Hono­rie­rung ein­zu­stei­gen, for­dert der Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärzt*innen eine Debat­te über not­wen­di­ge Struk­tu­ren für eine bes­se­re psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ver­sor­gung ins­be­son­de­re schwer psy­chisch kran­ker Kin­der, Jugend­li­cher und Erwach­se­ner.

Der erwei­ter­te Bewer­tungs­aus­schuss (ein Schieds­gre­mi­um nach §87SGB V; in dem je 3 Ver­tre­ter der KBV, der GKV sowie zwei unpar­tei­ische Mit­glie­der und ein – unpar­tei­ischer – Vor­sit­zen­der beru­fen sind) hat am 11.03.2026 nach der jähr­li­chen Ange­mes­sen­heits­prü­fung, in der die Kos­ten­struk­tur­ana­ly­se des sta­tis­ti­schen Bun­des­amts und Abrech­nungs­da­ten ein­ge­hen, die Ver­gü­tung der Psy­cho­the­ra­pie um durch­schnitt­lich 4,5 % abge­senkt. Der Struk­tur­zu­schlag, der Psychotherapeut*innen gestaf­felt je nach Aus­las­tung für Assis­tenz­per­so­nal zusteht, stieg dage­gen um 14,5 %, zum 01.01.2026 stieg der Ori­en­tie­rungs­punk­wert um 2,8%, was im Ergeb­nis einer Null­run­de ent­spricht. In 2025 gab es kei­ne Ver­än­de­rung der Bewer­tung, der Punkt­wert und damit das Hono­rar stieg 2025 um 3,85 %, nach über 12 Jah­ren regel­mä­ßi­gem Anstieg (seit 2013 + 52 %).

Der GKV-Spit­zen­ver­band argu­men­tiert, dass die die Hono­ra­re der Psychotherapeut*innen seit 2013 über­durch­schnitt­lich gestie­gen sei­en – von über 50 Pro­zent ist die Rede, bei den ande­ren Ärzt*innen sei­en es dage­gen rund 30 Pro­zent. Die GKV sei gesetz­lich zu einer Ange­mes­sen­heits­prü­fung ver­pflich­tet und die­se habe nun erst­mals zu einer Absen­kung der Hono­ra­re geführt.

Dass ande­re Fach­arzt­grup­pen in der KV das Mehr­fa­che ver­die­nen, wird aller­dings nie einer „Ange­mes­sen­heits­prü­fung“ unter­zo­gen – schon gar nicht von der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung (KBV). Die­se stellt all die­se Zusam­men­hän­ge in der Debat­te nicht deut­lich dar, son­dern sie spricht zusam­men mit der Deut­sche Psy­cho­the­ra­peu­ten Ver­ei­ni­gung (DPtV) von Bud­get­ab­sen­kung, Rasen­mä­her­me­tho­de, die zu Las­ten psy­chisch Kran­ker Men­schen gin­gen, und sie dro­hen, das Ter­min­an­ge­bot zu redu­zie­ren.

Für den Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärzt*innen zeigt die­ser Vor­gang erneut die sys­te­mi­sche Untaug­lich­keit eines Hono­rar­sys­tems, das zum einen auf Fall- und Ein­zel­leis­tungs­ver­gü­tung fußt und zum ande­ren das Resul­tat von geschick­ter Lob­by­ar­beit von in der KV kon­kur­rie­ren­den Fach­arzt­grup­pen ist und des­sen Grund im Klein­un­ter­neh­mer-Sta­tus der nie­der­ge­las­sen Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen zu suchen ist.

Damit hängt auch zusam­men, dass ent­schei­den­de­re Hin­der­nis­se einer bedarfs­ge­rech­ten Psy­cho­the­ra­pie nach­hal­tig igno­riert wer­den und die Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen ihren Sicher­stel­lungs­auf­trag hier nicht erfül­len: Wegen der auf­wen­di­gen Suche und War­te­lis­ten errei­chen Patient*innen mit schwe­ren Stö­run­gen (schwe­re depres­si­ve Epi­so­den, gene­ra­li­sier­te Angst­stö­run­gen, Post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­run­gen, Per­sön­lich­keits­stö­run­gen) ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pie weni­ger als die­je­ni­gen mit mil­den und mit­tel­schwe­ren Stö­run­gen (Angst, Depres­si­on, Anpas­sungs­stö­run­gen). Die Steue­rung der Patient*innenströme ist also nicht bedarfs­ge­recht.

Psychotherapeut*innen sind immer noch zu wenig in länd­li­chen Gebie­ten und in Stadt­tei­len mit nied­ri­gem sozia­len Index anzu­tref­fen. Die­se Fak­to­ren ver­hin­dern eine Ver­sor­gungs­ge­rech­tig­keit deut­lich aus­ge­präg­ter als das in 2026 nicht anstei­gen­de Hono­rar für Psychotherapeut*innen.

Der vdää* for­dert zur Ver­bes­se­rung

  •  die Unter­stüt­zung bei der Grün­dung von MVZ in kom­mu­na­ler oder gemein­nüt­zi­ger Trä­ger­schaft mit psy­cho­the­ra­peu­ti­schem Schwer­punkt auch durch die KVen und Kran­ken­kas­sen sowie durch die Lan­des­gre­mi­en nach § 90a SGB V
  • Erleich­te­rung der Ermäch­ti­gung zur psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Ver­sor­gung zu Las­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung im Öffent­li­chen Gesund­heits­dienst bzw. Sozi­al­psych­ia­tri­schen Dienst durch ent­spre­chend qua­li­fi­zier­te Ärzt*innen oder Psycholog*innen
  • eine Offen­si­ve zum Aus­bau der ambu­lan­ten Kom­plex­ver­sor­gung für schwer psy­chisch erkrank­te Erwach­se­ne (KSV­Psych)

Dr. Nad­ja Rako­witz, Pres­se­spre­che­rin des vdää*

Ergän­zun­gen und Dis­kus­si­on

Hier eini­ge Ergän­zun­gen zur Dis­kus­si­on sei­tens der Autoren des Bei­trags:

  1. Wir sind ein berufs­po­li­ti­scher Ver­ein mit Blick auf bedarfs­ge­rech­te Ver­sor­gung und Kri­tik an der Kom­mer­zia­li­sie­rung, ohne den spe­zi­fi­schen Blick auf ein­zel­ne Fach­grup­pen und Pro­fes­sio­nen. Tat­säch­lich sind wir nicht in unbe­ding­ter Soli­da­ri­tät mit den PT.
  2. Soli­da­risch sind wir mit den Tarif­kämp­fen in Kran­ken­häu­sern und dem gegen die DRG-Sys­te­ma­tik mit den Fol­gen für das Per­so­nal, die Stand­or­te und die Ver­sor­gung. Im ambu­lan­ten Bereich set­zen wir uns für ein pri­mär­me­di­zi­ni­sches Sys­tem mit zuneh­men­der Betei­li­gung kom­mu­na­ler und gemein­nüt­zi­ger Trä­ger ein, hier auch mit vie­len Ange­stell­ten aller Pro­fes­sio­nen.
    Bedarfs­pla­nung mit den KVen, die Struk­tur mit über­wie­gend unter­neh­me­risch geführ­ten Pra­xen sehen wir kri­tisch, auch im Hin­blick auf die enor­men Ein­kom­mens­un­ter­schie­de der ver­schie­de­nen Fach­grup­pen. Hier gehö­ren die PT mit
  3. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen sehen wir bei der aktu­el­len Dis­kus­si­on über die Kür­zun­gen der PT auf die Gesamt­la­ge. Die in der PM genann­te “Null­run­de” – ohne Berück­sich­ti­gung der Infla­ti­on – bezieht sich auf die Gesamt­heit aller PT. Wir wis­sen, dass es in den ver­schie­de­nen Grup­pen (z.B. Pra­xen mit gerin­ge­rem Umfang, die kei­nen oder nur gerin­gen Struk­tur­zu­schlag erhal­ten) unter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen gibt. 
  4. Der gesetz­lich und vom BSG vor­ge­schrie­be­ne Mecha­nis­mus der Ange­mes­sen­heits­prü­fung (inclu­si­ve der Voll­aus­las­tungs­hy­po­the­se mit 36 Std/Woche) ist zu dis­ku­tie­ren und ggf. erge­ben sich For­de­run­gen nach Ände­rung oder Abschaf­fung. Er ist jedoch kei­ne will­kür­li­che Mass­nah­me
    des GKV-SV und als Miss­ach­tung der PT zu sehen; die Hono­ra­re haben in der let­zen 10 Jah­ren über­durch­schnitt­li­che Stei­ge­run­gen erbracht.
  5. Bezüg­lich der Fra­ge der man­gel­haf­ten Ver­sor­gung in länd­li­chen Gebie­ten und der schwer­kran­ken Patient:innen gibt es Hin­wei­se aus ver­schie­de­nen Quel­len (s.u.). Zudem exis­tie­ren etli­che erra­ti­sche Bele­ge. Im Übri­gen gibt es auch in ande­ren Fach­grup­pen Aus­wahl­me­cha­nis­men der Patient:innen. Bevor­zugt wer­den sol­che mit weni­ger Auf­wand für das­sel­be Hono­rar und mög­li­cher Aus­sicht auf Zusatz­ho­no­ra­re (IgeL). Chro­ni­sche und Schwer Kran­ke haben das Nach­se­hen. Das ist also ein gän­gi­ges, betriebs­wirt­schaft­lich moti­vier­tes Ver­hal­ten.

Quel­len:

  1. https://www.dptv.de/fileadmin/Redaktion/Bilder_und_Dokumente/Wissensdatenbank_oeffentlich/Report_Psychotherapie/DPtV_Report_Psychotherapie_2021.pdf
    (Sei­te 30 ff. ins­bes. S.35)
  2. https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/2899.2/JoHM_04_2017_Psychiatrische_Psychotherapeutische_Leistungen_Corrigendum.pdf?sequence=4&isAllowed=y
    (Sei­te 8 – 12)
  3. https://www.aerzteblatt.de/archiv/ambulante-psychotherapeutische-versorgung-hohe-krankheitslast-bedarfsgerechte-versorgung-ad360d62-eaf5-4fde-84ea-93891fdfb905
    (–> Ergeb­nis­se: “Häu­fig­kei­ten …”)
  4. https://www.dgpm.de/presse/presseinformationen/psychotherapeutische-versorgung-in-deutschland-ist-besser-als-vermutet/
    (vor­letz­ter Absatz: “Gedrück­te Stim­mung…”)

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