Triage in der Katastrophen- und Kriegsmedizin
von Berhard Winter
Unter gebührender medialer Aufmerksamkeit probten der Sanitätsdienst der Bundeswehr zusammen mit zivilen Blaulichtorganisationen von Ende Februar bis Anfang März dieses Jahres im Rahmen der Übung »Medic Quadriga 2026« die Rettungskette und die Versorgung Kriegsverwundeter aus dem Baltikum bis nach Deutschland. In dem der Übung zugrundeliegenden Szenario wird, wie sollte es anders sein, ein Bündnisfall an der Ostflanke der NATO angenommen. »Ziel ist es, die notwendige zivil-militärische Zusammenarbeit und damit die Resilienz des gesamten staatlichen Gesundheitssystems zu stärken«, lässt die Bundeswehr verlautbaren. Diese Übung mit 1.400 Teilnehmenden steht in einem Kontext, in dem ein Mindset propagiert wird, das die Möglichkeit des Führens eines kontrollierbaren Krieges an der NATO-Ostflanke mit möglichst geringen gesundheitlichen Folgen für Soldat*innen und zivile Bevölkerung propagiert, eine militärische Ertüchtigung des gesamten zivilen Gesundheitssystems unter dem Deckmantel einer zu steigernden Resilienz anstrebt und dies, wie bereits in zahlreichen anderen Übungen, praktisch zu trainieren. Die Bundeswehr erläutert auf ihrer Website ergänzend: »Nicht zuletzt die Erkenntnisse aus dem weiter anhaltenden Krieg in der Ukraine zeigen, dass die Durchhaltefähigkeit von Streitkräften maßgeblich auf der medizinischen Versorgung und Gesundung der im Verteidigungskampf eingesetzten Soldatinnen und Soldaten fußt – von der unmittelbaren Verwundetenversorgung im Kampfgebiet über den Transport zur weiteren Behandlung im Heimatland bis zur Rehabilitation.«
Systematisch wird von den herrschenden politischen Kräften und den Militärs versucht, zivile und militärische Medizin unter dem Deckmantel »Katastrophenmedizin« zu vermengen, ihre sich widersprechende Ausrichtung zu nivellieren bzw. erst gar nicht zu benennen.
Wenn hier auch nicht explizit formuliert, so ist doch evident, dass Militärmedizin entgegen dem humanitären Ethos, dem sich die meisten Menschen aus dem Gesundheitswesen verpflichtet fühlen, darauf ausgerichtet sein muss, die Kampfkraft der Truppe zu erhalten. Systematisch wird von den herrschenden politischen Kräften und den Militärs versucht, zivile und militärische Medizin unter dem Deckmantel »Katastrophenmedizin« zu vermengen, ihre sich widersprechende Ausrichtung zu nivellieren bzw. erst gar nicht zu benennen. Die Kriegsmedizin versteckt sich hinter dem Katastrophenschutz. Die unerlässliche Ausrichtung des Sanitätswesens der Bundeswehr im Sinne der genannten Militärlogik1 bleibt dabei weiterhin ein Reibungspunkt zwischen militärischen und zivilen Strukturen.
Dies soll hier am Umgang mit der Triage dargestellt werden. Triage wird verstanden als Sichtung einer großen Anzahl von Verwundeten, Verletzten oder Erkrankten um bei fehlenden oder eingeschränkten Ressourcen eine Priorität der medizinischen Versorgung festzulegen.2 Ist diese Frage für die Militärmedizin zentral, so kann sie auch im zivilen Gesundheitswesen eine Rolle spielen z.B. beim Massenanfall von Verletzten (wie beim Zugunglück in Eschede) oder in der COVID-19-Pandemie.3 Über die Frage, wie eine Triage praktisch bei einem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten (MANV) durchzuführen sei, steht die Bundeswehr seit vielen Jahren im Austausch mit zivilen Organisationen des Katastrophenschutzes. Seit 2002 fanden dazu mehrere Sichtung-Konsens-Konferenzen und zahlreiche Workshops in der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und zivile Verteidigung in Bad Neuenahr-Ahrweiler statt. »Das Ziel dieses … Prozesses war es, ein deutschlandweit abgestimmtes Verfahren für die Sichtung zu entwickeln.« Die Konsensbildung erfolgte analog zu einer S2k-Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), also ohne Angabe von Evidenz- und Empfehlungsgraden. Eingebunden waren in diesem Vorgehen u.a. mehrere Bundesministerien, Bundeswehr, Bundespolizei, Bundesärztekammer, Berufsfeuerwehr, Hilfsorganisationen (ASB, DLRG, DRK etc.) sowie zahlreiche medizinische Fachgesellschaften. Mit dieser unvollständigen Aufzählung soll lediglich das Spektrum der Teilnehmenden dargestellt werden. Das Papier geht zunächst ganz allgemein von »Großschadenslagen, Massenanfälle von Verletzten und Erkrankten oder Katastrophen« aus. Kriege werden an dieser Stelle nicht ausdrücklich erwähnt sind aber wohl dennoch ständig impliziert. Detailliert wird der Prozess Ersteinschätzung → Vorsichtung → Sichtung → weitere medizinische Versorgung dargestellt. Darauf muss hier nicht im Einzelnen eingegangen werden. Wichtig für die Veranschaulichung der spezifisch militärischen Denkweise sind die vorgeschlagenen Kategorien, die bei der Sichtung angewandt werden sollen: Die Verwundeten und Verletzten werden entsprechend in vier Kategorien eingeteilt.

In Kategorie I mit der Farbe Rot versehen fallen die vital Bedrohten, die einer Sofortbehandlung bedürfen. Die farbliche Kennzeichnung (z.B. von Transportkarten) dient dabei der besseren Übersicht. Die Kategorie II (gelb) umfasst schwer Verletzte/Erkrankte mit dringlicher Behandlungsindikation. Leicht Verletzte/Erkrankte erhalten die Kategorie III (grün) zugewiesen. Zusätzlich wird eine Kategorie IV (blau) benannt, in der diejenigen zusammengefasst werden, die bei der Sichtung als nicht überlebensfähig angesehen werden. Zu dieser Sichtungskategorie gehört die Personengruppe, die eine Verletzung erlitten hat, die nicht mit dem Leben vereinbar ist. Als Beispiele werden in der Literatur schwerste Kopfverletzungen oder schwere Verbrennungen mit einem Umfang von mindestens 50% der Körperoberfläche genannt. Diese Verletzten sollen lediglich eine abwartende Behandlung oder eine Palliativversorgung erhalten. Tote erhalten eine schwarze Kennzeichnung und fallen aus den Sichtungskategorien heraus, da nichtärztliches Fachpersonal wie Rettungssanitäter*innen berechtigt sind, Vorsichtung und Sichtung vorzunehmen, während die Feststellung des Todes hingegen gesetzlich als ärztliche Aufgabe definiert ist. In dieser Frage, wie Tote kategorisiert werden sollen, konnte, wie das Papier feststellt, kein Konsens erzielt werden.
Mit der blauen Kategorie zieht das militärmedizinische Denken in das Papier ein und entsprechende NATO-Vorgaben werden erfüllt.4 In den Erläuterungen wird in dem Konsenspapier angemerkt, »dass hinsichtlich der Sichtungskategorie IV (blau) Erkenntnissen aus ausreichend großen MAN-Ereignissen fehlen, um deren Bedarf zu bestätigen zu können.«5 Dieser Sicht folgend können die Patient*innen der blauen Kategorie in der Kategorie I (rot) mitgehandelt werden. An anderer Stelle wird erwähnt, dass es in den letzten 70 Jahren in Deutschland keinen Bedarf für diese Kategorie gab. Zudem ist die Trennschärfe zwischen roter (I) und blauer Kategorie (IV) denkbar unscharf. Dies wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass in diesem Konsensus-Papier, wie in anderen (militärischen) Leitlinien auch, betont wird, dass die Sichtung ein sich ständig wiederholender Prozess sei. Aber wie kommt es dann, dass die blaue Kategorie mit einem Konsens von 90% in das Papier aufgenommen wurde? Die Begründung der Autor*innen fällt ein wenig lapidar aus: »International und insbesondere im militärischen Kontext wird sie jedoch genutzt. Auch für Szenarien wie z.B. die Bündnis- oder Landesverteidigung wird der Bedarf der SK IV (blau) gesehen.« Das ist das Resultat, wenn zivile Strukturen auf militärisches Denken treffen. Ein Bedarf kann empirisch nicht nachgewiesen werden und wird von den zivilen Organisationen nicht gesehen; er wird vom Militär gefordert und entsprechend durchgesetzt. Im Rahmenplan für die zivile Verteidigung Berliner Krankenhäuser lässt sich nachlesen, wie das der blauen Kategorie zugrundeliegende Denken im Rahmen der Krankenhausplanung für den Kriegsfall in der Posttriage-Situation durchgesetzt wird.6
Aber warum ist dem Militär diese blaue Kategorie so wichtig? Eine gängige Argumentation besagt, dass dadurch vermieden werde, dass personelle und materielle Ressourcen, die für vital bedrohte Patient*innen mit Überlebenschance benötigt werden, unnötig verbraucht werden. In einem Schulungspapier der US-Marines wird dazu weiter ausgeführt: »This category is comprised of patients whose treatment would be time consuming and extremely complicated coupled with a low chance of survival. The extent of their treatment depends on available supplies and manpower.«7 Es wird weiter ausgeführt eine Behandlung von Patient*innen der Kategorie IV könne dann erfolgen, wenn die Betroffenen der Kategorie I und II behandelt wurden. Bemerkenswert ist auch, dass bei dieser Schulung der Kreis der in die Kategorie IV einsortierten Hoffnungslosen auch auf Personen ausgedehnt wird, denen eine geringe Überlebenschance zugebilligt wird. Es ist offensichtlich, dass mit der Kategorie der Hoffnungslosen im Krieg ein menschlicher Puffer geschaffen werden soll, dessen Variabilität es ermöglicht, im Bedarfsfall das eigentliche Ziel der Kriegsmedizin, nämlich die Einsatzbereitschaft und Frontfähigkeit der Truppe zu fördern, zu verfolgen. Diese Aufgabe des Sanitätsdienstes wird auch durchaus von militärischen Akteur*innen noch so formuliert: »Militärische Operationen können dazu führen, dass zur Stabilisierung von Frontabschnitten alle verfügbaren Kräfte und Mittel eingesetzt werden müssen, um den Durchbruch des Feindes zu verhindern. Die Marine ist hier bestes Beispiel: An Bord seegehender Einheiten ist das Überleben des Schiffes grundlegendes Ziel aller Handlungen, einschließlich der Behandlungspriorität im Rahmen der Triage.
Es ist offensichtlich, dass mit der Kategorie der Hoffnungslosen im Krieg ein menschlicher Puffer geschaffen werden soll, dessen Variabilität es ermöglicht, im Bedarfsfall das eigentliche Ziel der Kriegsmedizin, nämlich die Einsatzbereitschaft und Frontfähigkeit der Truppe zu fördern, zu verfolgen.
Zuerst muss der behandelt werden, der für das Überleben des gesamten Schiffes wesentlich ist, da ansonsten alle verloren sind. … Dennoch bleibt unbenommen, dass es auch ein Ziel sein kann, zuerst die Verwundeten / Verletzten oder Erkrankten zu behandeln, die schnellstmöglich wieder kampffähig sind und somit eine Stabilisierung eines Frontabschnittes wieder gewährleisten können.«8 Eingebettet sind diese Überlegungen in ethische Erwägungen. Natürlich würde man es heute nicht mehr so schroff formulieren, wie es seinerseits der Chirurg Theodor Billroth (1829–1894) tat, als er anmerkte, dass eine Konzentration auf das gesundheitliche Wohlergeben der Soldaten »eine wahnsinnige Verdrehung des Humanitätsprinzips« wäre.9 Es zeigt sich allerdings, dass es in letzter Instanz bei der Kriegsmedizin darum geht, die Kampfkraft der Truppe zu erhalten. Dafür ist auch ein Triagekonzept, das eine blaue Kategorie inkludiert, erforderlich.
- 1961 festgelegt in der Zentralen Dienstvorschrift 49⁄50, die 2020 abgelöst wurde durch die Allgemeine Regelung Sanitätsdienst ↩︎
- In der der Diskussion wird in der Regel der Mangel an Ressourcen als gegeben angenommen. Wenig hinterfragt wird, wie diese Situationen vermieden werden können. Fragwürdig erscheint die kritiklose Übernahme von Triagekonzepten in den Normalbetrieb von Krankenhäusern. ↩︎
- Es kann hier nicht auf die Frage eingegangen werden ob in der zivilen Katastrophenmedizin eine Triage zu rechtfertigen ist. Dies war in der Friedensbewegung in der Vergangenheit durchaus umstritten. Vergl. Eberhard Weber: Katastrophenmedizin als Kriegsmedizin? In: Berliner Ärzteinitiative gegen Atomenergie: Medizin und Atomkrieg – hilflos? S. 101 ff., Berlin 1983. Zur Kritik an der Triage in der COVID-19-Pandemie z.B.
https://www.harun-farocki-institut.org/de/2020/04/12/triage-medizinische-notwendigkeit-oder-technologie-imperialer-auslese/ ↩︎ - Z.B. NATO Defence Policy und Planing Division: None-Bindig Guidelines For Civil-Military Cooperation In Response To Chemical, Biological, Radiological and Nuclear (CBRN) Mass Casualty Incidents; S. 14 ohne Jahresangabe (nach 2018); die Triage-Leitlinien der NATO werden gerade überarbeitet und aktuellen Entwicklungen angepasst. ↩︎
- Heller, Axel R. et al: Ergebnisse der Sichtungskonferenzen und Glossar Sichtung, Juni 2025, S. 5 ↩︎
- Rahmenplan für die Zivile Verteidigung im Bereich der Berliner Krankenhäuser 1.0, S. 22, 2025 ↩︎
- United States Marine Corps – Field Medical Training Battailon East, Camp Lejeune NC 28542–0042, ohne Jahresangabe ↩︎
- Oberfeldarzt Dr. Dennis Ritter in der Online-Zeitschrift military-medicine.com; 14.01.2026
https://military-medicine.com/triage-herausforderung-ethischer-kontext/; zuletzt aufgerufen 13.03.2026 ↩︎ - Deutsches Hygiene Museum Dresden: Krieg und Medizin, S. 41, Göttingen 2009 ↩︎







