Posi­ti­ons­pa­pier des Bünd­nis Kran­ken­haus statt Fabrik zu den Reform­vor­schlä­gen zu Ein­spa­run­gen bei der GKV

13.04.2026 “Man gewinnt – wie­der ein­mal – den Ein­druck, dass in der Gesund­heits­po­li­tik die Ent­schei­dung über Finan­zie­rungs­fra­gen alles rich­ten soll“, so kri­ti­sier­te Prof. Jür­gen Win­de­ler, ehe­ma­li­ger Lei­ter des Insti­tuts für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG) die Expert*innenkommision zu Ein­spa­run­gen bei den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen (1). Jetzt lie­gen deren 66 Vor­schlä­ge auf dem Tisch – und zei­gen, dass er Recht hat!

Das Fazit von „Kran­ken­haus statt Fabrik“ für die Vor­schlä­ge zum Kran­ken­haus­be­reich lau­tet: Mit die­sen Vor­schlä­gen wer­den Fehl­an­rei­ze fort­ge­schrie­ben und es wird statt­des­sen auf Kos­ten der Beschäf­tig­ten und der Patient*innensicherheit gekürzt. Die Kür­zungs­vor­schlä­ge zum sta­tio­nä­ren Sek­tor knüp­fen naht­los an die aktu­el­le Kran­ken­haus­re­form von KHVVG und KHAG an: Sie klam­mern die grund­le­gen­den Struk­tur­pro­ble­me eben­falls aus. Wie auch im ambu­lan­ten Sek­tor pum­pen wir viel Geld in einen allen­falls mäßig effek­ti­ven sta­tio­nä­ren Sek­tor. War­um ist das so?

  • weil eine nach wie vor man­gel­haf­te Kran­ken­haus­pla­nung in den meis­ten Bun­des­län­dern kei­ne bedarfs­ge­rech­te, funk­tio­nell geglie­der­te und koope­ra­ti­ve Netz­werk­struk­tur eta­blie­ren wird;
  • weil wir wei­ter­hin pri­va­ten Kran­ken­haus­kon­zer­nen die Mög­lich­keit geben, dem Gesund­heits­we­sen saf­ti­ge Pro­fi­te zu ent­neh­men;
  • weil ein Fall­pau­scha­len­sys­tem mit nied­ri­gen Prei­sen öko­no­misch ein Rat­ten­ren­nen von Kran­ken­häu­sern förm­lich erzwingt, in dem über das Not­wen­di­ge hin­aus auch unnö­ti­ge sta­tio­nä­re Behand­lun­gen, Ein­grif­fe und Ope­ra­tio­nen Patient*innen und Per­so­nal belas­ten und gefähr­den. Auch die künf­ti­ge, vor­geb­li­che „Vor­hal­te­fi­nan­zie­rung“ folgt die­sem gesund­heits­po­li­ti­schen und volks­wirt­schaft­li­chen Irr­sinn, weil sie eben­falls auf Basis der Fall­zah­len berech­net wird und somit der glei­chen Logik folgt.

Es wäre höchs­te Zeit, unsin­ni­gen Bal­last abzu­wer­fen und in der Medi­zin zur Ent­las­tung Aller weni­ger zu machen, näm­lich Nöti­ges und wis­sen­schaft­lich Begrün­de­tes – bevor­zugt in bes­se­rer Qua­li­tät als bis­lang.

Statt­des­sen schlägt die Expert*innenkommission aber vor, den Kran­ken­häu­sern in Zukunft die Teue­rung bei den Sach- und Per­so­nal­kos­ten nicht mehr zu refi­nan­zie­ren. Tat­säch­lich wur­den die ver­gan­ge­nen infla­tio­nä­ren Preis­sprün­ge den Kli­ni­ken zu einem guten Teil aus­ge­gli­chen. Zudem sind die Gehäl­ter in tarif­ge­bun­de­nen Kran­ken­häu­sern, ins­be­son­de­re in der Pfle­ge, in den letz­ten Jah­ren gestie­gen, was nach der Pan­de­mie auch einem brei­ten gesell­schaft­li­chen Kon­sens ent­sprach. Haben die Kran­ken­häu­ser dabei Fett ange­setzt? Wohl nicht: 2024 haben 89% aller Kran­ken­häu­ser in öffent­li­cher Hand Ver­lust gemacht. Mit wel­chen Metho­den die Pri­va­ten wei­ter­hin Gewin­ne erwirt­schaf­tet haben, wäre neben­bei eine wei­te­re Fra­ge, die Auf­merk­sam­keit ver­dien­te…

Nach­dem zuletzt die Pfle­ge­per­so­nal­un­ter­gren­zen-Ver­ord­nung (PPuGV) mit Mühe und Not die Kran­ken­haus­re­form im KHAG über­stan­den hat, soll es nun laut Exper­ten­kom­mis­si­on wenigs­tens dem „Pfle­ge­bud­get“ an den Kra­gen gehen.

Bli­cken wir zurück: Die ein­zi­gen sub­stan­zi­el­len Ver­bes­se­run­gen der öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun­gen für Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen in Zei­ten des DRG-Sys­tems waren die Ein­füh­rung der Selbst­kos­ten­de­ckung für Pfle­ge­kräf­te „am Bett“ (fälsch­li­cher­wei­se „Pfle­ge­bud­get“ genannt), d.h. in der unmit­tel­ba­ren Pati­en­ten­ver­sor­gung (2020), sowie die Pfle­ge­per­so­nal­un­ter-gren­zen­ver­ord­nung (2019). Die­sen Refor­men war ein jah­re­lan­ger Per­so­nal­ab­bau in der Pfle­ge vor­aus­ge­gan­gen, rück­sichts­los gegen Patient*innen und Beschäf­tig­te. Die Ein­füh­rung des Pfle­ge­bud­gets war eine Reak­ti­on auf die jah­re­lan­gen gewerk­schaft­li­chen For­de­run­gen nach einer gesetz­li­chen Per­so­nal­be­mes­sung für die Pfle­ge und auf Streiks an zahl­rei­chen Kli­ni­ken für tarif­li­che Ent­las­tungs­ver­ein­ba­run­gen.

Tat­säch­lich ist das Pfle­ge­bud­get seit­dem über­pro­por­tio­nal gewach­sen. Das liegt aber vor allem dar­an, dass die Zahl der Pfle­ge­kräf­te gestie­gen ist. Kein Wun­der, soll­te doch die Pfle­ge­qua­li­tät ver­bes­sert, das Pfle­ge­per­so­nal ent­las­tet und die Attrak­ti­vi­tät des Pfle­ge­be­rufs gestei­gert wer­den. Der Nach­hol­be­darf zu Beginn war sehr hoch, weil die Pfle­ge abso­lut unter­be­setzt war. Aber der Nach­hol­be­darf besteht wei­ter­hin: Wie die Kom­mis­si­on selbst schreibt, wer­den in 14,3% der Schich­ten nicht ein­mal die Pfle­ge­per­so­nal­un­ter­gren­zen, die eine abso­lu­te Mini­mal­an­for­de­rung sind und Unter­ver­sor­gung bedeu­ten, erreicht. Der Groß­teil der Kran­ken­häu­ser kann über­haupt nicht dar­an den­ken, die Bestim­mun­gen der Pfle­ge­per­so­nal­re­ge­lung 2.0 (im Gegen­satz zur PPUGV eine ech­te, bedarfs­ori­en­tier­te Per­so­nal­be­mes­sung), die seit 2023 in Kraft, aber noch nicht scharf geschal­tet ist, zu erfül­len. Als die Pfle­ge­per­so­nal­kos­ten noch über die Fall­pau­scha­len finan­ziert wur­den, haben die Kran­ken­häu­ser vor allem an der Pfle­ge gespart. Die­ser Effekt droht nun erneut, soll­ten die Pfle­ge­per­so­nal­kos­ten nicht mehr kos­ten­de­ckend refi­nan­ziert wer­den.

Das bedeu­tet, dass die errun­ge­nen Fort­schrit­te der letz­ten Jah­re in der Pfle­ge mit ihrer Rück­füh­rung in die DRG-Sys­te­ma­tik ange­sichts der hohen Kran­ken­haus­de­fi­zi­te in raschen Schrit­ten wie­der rück­ab­ge­wi­ckelt wer­den. Statt einer ein­nah­me­ori­en­tier­ten Aus­ga­ben­kür­zung soll­te eine aus­ga­ben­ori­en­tier­te Ein­nah­me­po­li­tik ver­folgt wer­den. Das Pfle­ge­bud­get ist sinn­voll und bedarfs­ge­recht und soll­te bestand haben. Wer Aus­ga­ben kür­zen will, soll­te end­lich die Fehl­an­rei­ze und Inef­fi­zi­en­zen im Sys­tem in Angriff neh­men und für eine soli­da­ri­sche Reform der Finan­zie­rung des Gesund­heits­sys­tem sor­gen.

Umso voll­stän­di­ger die Kür­zungs­vor­schlä­ge der Expert*innenkommission im Kran­ken­haus­be­reich umge­setzt wer­den, des­to mehr wird das ein­tre­ten, was wir bereits in unse­rer Kri­tik der Kran­ken­haus­re­form geschrie­ben haben:

Die ers­te Pha­se der Kran­ken­haus­re­form gehört der Abriss­bir­ne!

Dr. Nad­ja Rako­witz, Pres­se­spre­che­rin Kran­ke­haus statt Fabrik

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