Für eine gute Ver­sor­gung und das Recht auf Gesund­heit

Ursprün­ge

Genees­kun­de voor het Volk (GVHV) / Méde­ci­ne pour le Peu­ple (MPLP, Medi­zin für das Volk) ist eine bel­gi­sche Ver­ei­ni­gung von elf Gesund­heits­zen­tren in Arbeiter*innenvierteln auf bei­den Sei­ten der bel­gi­schen Sprach­gren­ze; sie betreu­en etwa 25.000 Patient*innen. Zum 50-jäh­ri­gen Bestehen 2021 beton­te MPLP, dass ihre Wur­zeln auf die Stu­die­ren­den­be­we­gung der spä­ten 1960er-Jah­re und dann auf die mar­xis­ti­sche Arbei­ter­par­tei Bel­gi­ens (Par­tij van de Arbeid van Bel­gië – PVDA / Par­ti du Tra­vail de Bel­gi­que – PTB) zurück­ge­hen.

Das ers­te Zen­trum wur­de 1971 in Ant­wer­pen gegrün­det, als sich jun­ge Ärzt*innen in Soli­da­ri­tät den strei­ken­den Hafenarbeiter*innen anschlos­sen. Aus die­ser Soli­da­ri­täts­ak­ti­on ent­stand das Pro­jekt einer Medi­zin »für das, vom und aus dem Volk«—im Gegen­satz zu einer pro­fit­ori­en­tier­ten Medi­zin. Als Ver­ein ist MPLP wirt­schaft­lich und orga­ni­sa­to­risch unab­hän­gig; die Ver­bin­dun­gen zur PTB blei­ben jedoch eng. In einem Inter­view mit der bel­gi­schen Zeit­schrift Solidair erläu­tern Jan­ne­ke Ron­se (Lan­des­vor­sit­zen­de von MPLP) und Sofie Merckx (Ärz­tin bei MPLP und Abge­ord­ne­te für die PTB) die­ses Ver­hält­nis:

»Vie­le Pro­ble­me, mit denen wir kon­fron­tiert sind, las­sen sich nicht inner­halb der vier wei­ßen Wän­de unse­rer Gesund­heits­zen­tren lösen. Wir kön­nen sie jedoch in poli­ti­sche Debat­ten und Aktio­nen über­set­zen. Bei­spiels­wei­se hal­ten vie­le Men­schen Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men nicht ein, weil die­se ihr Ein­kom­men schmä­lern oder sie ihren Arbeits­platz ris­kie­ren. Als Ärz­tin oder Pfle­gen­de ist es schwer, damit umzu­ge­hen. Wird dar­aus jedoch eine poli­ti­sche For­de­rung, kön­nen wir kol­lek­tiv dafür ein­tre­ten.«

Die­ses erwei­ter­te Gesundheitsverständnis—Gesundheitsprobleme als poli­ti­sche Fra­gen zu begreifen—bildet das Rück­grat der Visi­on und Arbeit von MPLP. Im Zen­trum ste­hen drei Prin­zi­pi­en: Zugäng­lich­keit, Qua­li­tät und Soli­da­ri­tät.

Zugäng­lich­keit

In der letz­ten natio­na­len Erhe­bung gaben 900.000 Men­schen in Bel­gi­en an, sich kei­nen Arzt­be­such leis­ten zu kön­nen. Das bel­gi­sche Gesund­heits­sys­tem ist teu­er: Patient*innen zah­len etwa 19 % der Gesund­heits­aus­ga­ben selbst, im Mit­tel 666 € pro Jahr. Obwohl Bel­gi­en eines der reichs­ten Län­der der Welt ist, gehört es inner­halb der EU zu den schlech­te­ren Schü­lern, wenn es um den Zugang zu medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen geht.

MPLP will zei­gen, dass zugäng­li­che und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Ver­sor­gung orga­ni­sier­bar ist. Die bel­gi­sche Sozi­al­ver­si­che­rung beruht auf einem Umla­ge­sys­tem, soli­da­risch finan­ziert durch lohn­be­zo­ge­ne Abga­ben; die natio­na­le Kran­ken­ver­si­che­rung ist Teil die­ses Sys­tems. Bel­gi­en hat ein libe­ra­les Modell, das heißt: Patient*innen zah­len pro Leis­tung, die natio­na­le Kran­ken­ver­si­che­rung erstat­tet dann rund 75 % der Kos­ten.

Das bel­gi­sche Recht lässt jedoch alter­na­ti­ve Erstat­tungs­mo­del­le zu. Auf Basis eines Ver­trags zwi­schen Patient*in und ein­zel­nen oder zusam­men­ge­schlos­se­nen Leis­tungs­er­brin­gen­den zahlt die Kran­ken­kas­se dem Gesund­heits­zen­trum monat­lich einen Festbetrag—unabhängig von der Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen. Die MPLP-Zen­tren arbei­ten nach die­sem Pau­schal­sys­tem (Capi­ta­ti­on). Die Pau­scha­le für alle ein­ge­schrie­be­nen Patient*innen fließt in einen gemein­sa­men Topf, aus dem lau­fen­de Kos­ten und Löh­ne begli­chen wer­den.

Die­ses Modell hat meh­re­re Vor­tei­le: Patient*innen kön­nen Ärzt*innen ohne Zuzah­lun­gen auf­su­chen, finan­zi­el­le Hür­den wer­den deut­lich gesenkt. Zudem ermög­licht das Sys­tem eine mul­ti­dis­zi­pli­nä­re, prä­ven­ti­ve und kura­ti­ve Arbeits­wei­se, und das Per­so­nal kann sich ganz auf die Ver­sor­gungs­qua­li­tät kon­zen­trie­ren. Über­schüs­se wer­den in Gesund­heits­för­de­rung, die Finan­zie­rung von lan­des­wei­ten Stu­di­en von MPLP und in Kam­pa­gnen inves­tiert.

Haus­halts­kür­zun­gen und die Vor­herr­schaft neo­li­be­ra­ler Poli­tik set­zen die­ses Finan­zie­rungs­mo­dell jedoch unter Druck. Entscheidungsträge­r*innen bevor­zu­gen zuneh­mend leis­tungs­ori­en­tier­te Finan­zie­rung, mit der Fol­ge stei­gen­der Eigen­leis­tun­gen für Patient*innen. MPLP setzt sich aktiv für den Erhalt und Aus­bau des Pau­schal­sys­tems ein—u. a. mit der Kam­pa­gne »Save our Medi­cal Homes«.

Qua­li­tät

MPLP teilt das Gesund­heits­ver­ständ­nis der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on und der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te: Gesund­heit ist ein Zustand des voll­stän­di­gen kör­per­li­chen, geis­ti­gen und sozia­len Wohl­be­fin­dens und nicht allein die Abwe­sen­heit von Krank­heit. Gesund­heit als Men­schen­recht und die Errei­chung des höchst­mög­li­chen Gesund­heits­ni­veaus erfor­dern das Zusam­men­spiel vie­ler gesell­schaft­li­cher und öko­no­mi­scher Sek­to­ren zusätz­lich zum Gesund­heits­sek­tor.

Mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Zusammen­arbeit und Wis­sens­aus­tausch

Die MPLP-Zen­tren sind längst kei­ne klas­si­schen Haus­arzt­pra­xen mehr. Sie haben sich zu voll­wer­ti­gen, mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Zen­tren weiterentwickelt—eine not­wen­di­ge Reak­ti­on auf die zuneh­men­de Kom­ple­xi­tät der Erkran­kun­gen. Alle Zen­tren beschäf­ti­gen Allgemeinmediziner*innen, Pfle­ge­per­so­nen sowie Emp­fangs- und Ver­wal­tungs­teams. Die meis­ten ver­fü­gen zusätz­lich über Psycholog*innen und/oder Sozialarbeiter*innen; eini­ge bie­ten Ernäh­rungs­be­ra­tung und Phy­sio­the­ra­pie an. Das Team arbei­tet auf Augen­hö­he, gemein­sa­me Kon­sul­ta­tio­nen, Brie­fings sowie medi­zi­ni­sche und team­in­ter­ne Bespre­chun­gen sind All­tag; alle medi­zi­ni­schen Daten wer­den in einer gemein­sa­men elek­tro­ni­schen Akte geführt. Bei der Anmel­dung wer­den Patient*innen über die Arbeits­wei­se infor­miert.

Die­se inte­grier­ten Ange­bo­te gewähr­leis­ten Nach­sor­ge, Behand­lung, Prä­ven­ti­on, Bera­tung und Gesund­heits­för­de­rung. Mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Arbeits­grup­pen füh­ren Akti­vi­tä­ten durch zu Schwer­punkt­the­men (z. B. Dia­be­tes, jun­ge Müt­ter, chro­ni­sche Schmer­zen, Stress, Schlaf). Bei chro­nisch kran­ken Patient*innen stre­ben die Zen­tren ein dau­er­haf­tes Betreu­ungs­team an, um Kon­ti­nui­tät, indi­vi­dua­li­sier­te Ver­sor­gung und ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis sicher­zu­stel­len. MPLP-Mit­ar­bei­ten­de orga­ni­sie­ren sich außer­dem in loka­len sowie natio­na­len mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Netz­wer­ken.

Orte der ein­zel­nen Zen­tren in Bel­gi­en.

Prä­ven­ti­on

Die COVID-19-Pan­de­mie hat die Bedeu­tung eines star­ken öffent­li­chen Gesund­heits­sys­tems klar her­vor­ge­ho­ben. Für wirk­sa­me Prä­ven­ti­on und die Kon­trol­le neu auf­tre­ten­der Epi­de­mien sind drei Säu­len zen­tral: eine zen­tral orga­ni­sier­te Pri­mär­ver­sor­gung, eine pati­en­ten­ori­en­tier­te (nicht leis­tungs­ori­en­tier­te) Finan­zie­rung und ein natio­nal orga­ni­sier­ter öffent­li­cher Gesund­heits­dienst (inklu­si­ve zustän­di­ger Gesundheitsminister*innen). In den ers­ten Mona­ten der Pan­de­mie demons­trier­te MPLP die Rele­vanz die­ser Säu­len mit einem eige­nen Kon­takt­ver­fol­gungs­pro­jekt und durch geziel­te Anspra­che beson­ders vul­nerabler älte­rer Patient*innen.

Soli­da­ri­tät

Die Mit­ar­bei­ten­den von MPLP bezie­hen klar und öffent­lich Stel­lung zu The­men, die ihre Patient*innen und Lebens­wel­ten betref­fen, und stel­len wis­sen­schaft­li­ches Wis­sen und gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment in den Dienst der Bevöl­ke­rung. Gemein­sam mit Patient*innen, sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen, Kran­ken­kas­sen und Gewerk­schaf­ten ver­tei­digt MPLP das Recht auf ein gesun­des Leben—etwa den Zugang zu qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Ver­sor­gung und Bil­dung, gesun­de Arbeits‑, Wohn- und Umwelt­be­din­gun­gen sowie sozia­le Sicher­heit. Die Zusam­men­ar­beit mit Gewerk­schaf­ten ist für MPLP zen­tral, da die Errun­gen­schaf­ten der Arbei­ter­be­we­gung die Grund­la­ge des bel­gi­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tems bil­den.

MPLP ver­steht ärzt­li­che und pfle­ge­ri­sche Tätig­keit als gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung, die über die indi­vi­du­el­le Behand­lung hin­aus­geht. Mit einem »sozia­len Ste­tho­skop« rich­ten die Teams den Blick auf sozia­le Ursa­chen von Krank­heit. Ziel ist nicht Wohl­tä­tig­keit, son­dern Soli­da­ri­tät als Handlungsprinzip—Befreiung und Eman­zi­pa­ti­on ste­hen im Vor­der­grund.

Je mehr Men­schen ver­ste­hen, was in ihrem Kör­per geschieht, des­to resi­li­en­ter wird ihre Kon­trol­le im eige­nen Hei­lungs­pro­zess. Und je mehr sie die sozia­len, wirt­schaft­li­chen oder öko­lo­gi­schen Ursa­chen von Krank­heit durch­schau­en, des­to eher wer­den sie kol­lek­tiv aktiv, um die­se Ursa­chen anzu­ge­hen. MPLP unter­stützt die­sen Bewusst­seins­bil­dungs­pro­zess indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv, um an der Sei­te von Patient*innen sozia­le Kräf­te zu bil­den, die Unge­rech­tig­kei­ten und Feh­ler­haf­tes adres­siert. Und das ist empowernd!

Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät

In den 1970er-Jah­ren reis­ten MPLP-Ärzt*innen nach Liba­non, um in paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lings­la­gern medi­zi­ni­sche Hil­fe zu leis­ten. Aus sol­chen Initia­ti­ven ent­stand in Bel­gi­en die Orga­ni­sa­ti­on Third World Health Aid (Méde­ci­ne pour le Tiers Mon­de – M3M), heu­te Viva Salud. Ziel war und ist die Soli­da­ri­tät mit Orga­ni­sa­tio­nen in Latein­ame­ri­ka, dem Nahen Osten, Asi­en und Afri­ka, die Gesund­heits­ver­sor­gung im Inter­es­se der Bevöl­ke­rung organisieren—und zugleich bel­gi­schen Fach­kräf­ten die Mög­lich­keit geben, prak­tisch etwas bei­zu­tra­gen. MPLP und Viva Salud arbei­ten wei­ter­hin eng zusam­men; es besteht gro­ße Soli­da­ri­tät zwi­schen Gesundheitsarbeiter*innen in Bel­gi­en und welt­weit.

Visi­on und Zukunft

2021 fei­er­te MPLP sein 50-jäh­ri­ges Bestehen; eine neue Gene­ra­ti­on über­nahm die Lei­tung. Die Online-Fei­er wur­de von vie­len Patient*innen und Unterstützer*innen live ver­folgt. Die elf Zen­tren füh­ren ihre Arbeit fort; die ver­jüng­te Füh­rung will natio­na­le Per­so­nal­stär­ke aus­bau­en, um wei­te­re Kam­pa­gnen und Pro­jek­te zu ermöglichen—denn der Kampf um das Recht auf Gesund­heit wird in den kom­men­den Jah­ren an Bedeu­tung gewin­nen.


Quel­le:
Zum Gesund­heits­po­li­ti­schen Forum hat­ten wir Sofie Blan­cke, Ärz­tin bei den MPLP, ein­ge­la­den, die uns von ihrer prak­ti­schen medi­zi­ni­schen und poli­ti­schen Arbeit berich­te­te. Wir haben einen Text von MPLP von 2022 über­setzt, den sie uns zur Ver­fü­gung gestellt hat.

Die­ser Text erschien ursprüng­lich in Eng­lisch in der Bro­schü­re: »Reclai­ming Public Health. Expe­ri­en­ces and Insights from Euro­pe«, hg. von Leigh Kamo­re Hay­nes und Ana Vračar, Juni 2022;

Über­set­zung: Manu­el Funk

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