Rede­bei­trag einer Ver­tre­te­rin des Vdää* bei der Pro­test­kund­ge­bung gegen die Mili­ta­ri­sie­rung des Gesund­heits­we­sens in Ber­lin vom 20.11.25

Lie­be Kolleg*innen im Gesund­heits­we­sen, lie­be Patient*innen!

Ab heu­te fin­det im Virch­ow-Kli­ni­kum, dem Uni­ver­si­täts­kran­ken­haus des Lan­des Ber­lin, ein drei­tä­gi­ges Sym­po­si­um statt. Neben den legi­ti­men The­men der zivi­len Ret­tungs­me­di­zin wird die Bun­des­wehr in den Vor­der­grund gestellt. Hier wird die Unter­ord­nung des Gesund­heits­sys­tems unter das Mili­tär vor­be­rei­tet. Hier ver­sam­meln sich Vertreter*innen des Mili­tärs sowie Ärzt*innen, Pfle­ge, Senat, Feu­er­wehr, Poli­zei und Medi­zin­ge­rä­te­fir­men, um ihre mög­li­che Betei­li­gung im Kriegs­fall aus­zu­lo­ten und sich schon jetzt in Stel­lung zu brin­gen.

Unweit von unse­rer aktu­el­len Pro­test­kund­ge­bung gegen die Mili­ta­ri­sie­rung des Gesund­heits­we­sens wur­de ges­tern Nacht in der U‑Bahn-Sta­ti­on Jung­fern­hei­de durch die Bun­des­wehr mit Scharf­schüt­zen und Platz­pa­tro­nen eine angst­ein­flö­ßen­de Macht­de­mons­tra­ti­on auf­ge­führt. „Ope­ra­ti­on Auf­merk­sam­keit“ titel­te die taz die soge­nann­te „Sabo­ta­ge-Simu­la­ti­on“. Ein Mili­tär vor Ort erklär­te: Ziel sei auch, ein Signal zu sen­den, dass die Bun­des­wehr ver­tei­di­gungs­be­reit und ‑fähig sei. 

Wir hal­ten der­ar­ti­ge Macht­spiel­chen der Bun­des­wehr in unse­rer Stadt für hoch­ge­fähr­lich. Sie stel­len den Ver­such einer gesell­schaft­li­chen Nor­ma­li­sie­rung der deut­schen Armee dar – dies alles vor dem Hin­ter­grund der ste­tig stei­gen­den Zahl ras­sis­ti­scher und rechts­extre­mis­ti­scher Vor­fäl­le in der Bun­des­wehr.

Das heu­ti­ge Sym­po­si­um am Virch­ow-Kli­ni­kum reiht sich in eine besorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lung der soge­nann­ten „zivil-mili­tä­ri­schen Zusam­men­ar­beit“ ein. Dar­un­ter ver­steht die Bun­des­re­gie­rung neben dem Mili­tär auch das Gesund­heits­sys­tem als Teil der „Gesamt­ver­tei­di­gung“.


Bereits im Juli 2025 stell­te die Ber­li­ner Senats­ver­wal­tung den sog. „Rah­men­plan für Zivi­le Ver­tei­di­gung Kran­ken­haus“ vor. In dem Text wer­den ver­schie­de­ne Kriegs­sze­na­ri­en in der Bun­des­haupt­stadt durch­ge­spielt. Wir sind vor allem auf­grund fol­gen­der Inhal­te sehr besorgt:

  • die Erwä­gung von so genann­ter umge­kehr­ter Tria­ge, bei der in Kran­ken­häu­sern gering­fü­gig ver­letz­tes mili­tä­ri­sches Per­so­nal Vor­rang vor Schwerst­ver­letz­ten und Zivi­listinnen bekä­me, um Sol­datinnen schnellst­mög­lich wie­der ein­satz­fä­hig zu machen
  • eine offe­ne Dis­kus­si­on über das Ster­ben­las­sen „Schwerst­ver­letz­ter” bzw. so genann­ter „hoff­nungs­lo­ser“ Patient*innen
  • eine Umstel­lung von „Indi­vi­du­al­me­di­zin auf Kata­stro­phen­me­di­zin“ mit der Fol­ge, dass Inter­es­sen Drit­ter (z.B. des Mili­tärs) über das Wohl der Patient*innen gestellt wür­den
  • die Benen­nung von akut erkrank­ten Men­schen aus Pfle­ge­ein­rich­tun­gen als Stör­fak­to­ren in der Not­auf­nah­me (also z.B. alte Men­schen, Men­schen mit Behin­de­run­gen und Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen)
  • die Erwä­gung der Ein­stel­lung medi­zi­nisch not­wen­di­ger elek­ti­ver Ein­grif­fe
  • die Abga­be weit­rei­chen­der Befug­nis­se in Kran­ken­häu­sern an Behör­den und Mili­tär

Wir sind scho­ckiert über das Aus­maß, mit dem die Autor*innen des Papiers die Miss­ach­tung der ärzt­li­chen Berufs­ord­nung als auch des ärzt­li­chen Gelöb­nis­ses des Welt­ärz­te­bunds for­dern. Das Gesund­heits­sys­tem soll einer Mili­tär­lo­gik unter­wor­fen wer­den, die die Grund­sät­ze medi­zin-ethi­schen Han­delns voll­stän­dig unter­gräbt.

Selbst­ver­ständ­lich wird argu­men­tiert, dass sol­che Vor­be­rei­tun­gen nur der Ver­tei­di­gung dien­ten. Vor­aus­ge­setzt wird dabei, dass die Kon­kur­renz der Staa­ten unaus­weich­lich sei und dass es auch der Bevöl­ke­rung dar­um gehen müs­se, dass Deutsch­land sieg­reich aus einem mög­li­chen Krieg her­vor­ge­he. Jeder Krieg ist aber schon eine Nie­der­la­ge für die Bevöl­ke­rung, die unter den grau­sa­men Fol­gen lei­det und gezwun­gen wird, für den jewei­li­gen Staat zu kämp­fen.

Der Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärztinnen wehrt sich gegen die Gleich­set­zung der Inter­es­sen der Men­schen mit den Inter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ärztinnen soll­ten an der Sei­te ihrer Patient*innen ste­hen, nicht unter den Befeh­len des Mili­tärs. Ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund eines unter­fi­nan­zier­ten Gesund­heits­sys­tems mit Pro­fit­ori­en­tie­rung und Fach­kräf­te­man­gel erscheint das Durch­spie­len und Ein­üben die­ser Kriegs­sze­na­ri­en beson­ders absurd, wenn nicht ein­mal genug Res­sour­cen zur Ver­fü­gung ste­hen, um die aktu­el­le Gesund­heits­ver­sor­gung gut zu gewähr­leis­ten.

Die ein­zi­ge Mög­lich­keit, Leid und Tod durch Krie­ge zu ver­hin­dern, ist Frie­dens­si­che­rung. Wir for­dern, alles dafür zu tun, die Gefahr eines Krie­ges klei­ner und nicht grö­ßer zu machen. Dabei hal­ten wir die aktu­ell ver­folg­te Stra­te­gie der Abschre­ckung durch Kriegs­tüch­tig­keit und Auf­rüs­tung nicht für ziel­füh­rend, zumal sie die Lebens­si­tua­ti­on und damit die Gesund­heit gro­ßer Tei­le der Bevöl­ke­rung ver­schlech­tert.

Wir for­dern statt­des­sen Abrüs­tung und Demi­li­ta­ri­sie­rung, glo­ba­le Gerech­tig­keit u.a. im Gesund­heits­sek­tor, inter­na­tio­na­le soli­da­ri­sche Ver­net­zung und Frie­dens­ar­beit auf allen gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ebe­nen.


Quel­len:

  1. 03/2025, „Grün­buch ZMZ 4.0“
    https://zoes-bund.de/wp-content/uploads/2025/03/250306_Gruenbuch_ZMZ_digital.pdf
  2. 19.11.2025, „Ope­ra­ti­on Auf­merk­sam­keit“
    https://taz.de/Uebung-der-Bundeswehr-im-U-Bahnhof-Jungfernheide-Operation-Aufmerksamkeit/!6131025/
  3. 18.11.2025, „Jung­fern­hei­de: Sol­da­ten spie­len Krieg gegen Sabo­teu­re“
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195532.bundeswehr-jungfernheide-soldaten-spielen-krieg-gegen-saboteure.html
  4. 25.08.2025, „97 Bun­des­wehr­an­ge­hö­ri­ge wegen Rechts­extre­mis­mus ent­las­sen“
    https://www.tagesschau.de/investigativ/wdr/bundeswehr-rechtsextremismus-134.html
  5. 07.10.2025, „Rah­men­plan für Kran­ken­häu­ser: »Luft­schlös­ser« für den Kriegs­fall“
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194549.aufruestung-rahmenplan-fuer-krankenhaeuser-luftschloesser-fuer-den-kriegsfall.html
  6. „Rah­men­plan für die Zivi­le Ver­tei­di­gung im Bereich der Ber­li­ner Kran­ken­häu­ser 1.0“,
    https://fragdenstaat.de/dokumente/273086-rahmenplan-zvkh-berlin/
  7. „Berufs­ord­nung der Ärz­te­kam­mer Ber­lin“
    https://www.aekb.de/fileadmin/migration/pdf/Berufsordnung.pdf
  8. Welt­ärz­te­bund: „Dekla­ra­ti­on von Genf – Das ärzt­li­che Gelöb­nis“ https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Internationales/Bundesaerztekammer_Deklaration_von_Genf_04.pdf
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