Inter­view mit Atlan­ta Bey­er über que­e­re Iden­ti­tät, que­e­re Theo­rie und que­e­re Kämp­fe heu­te

Atlan­ta Bey­er erläu­tert in dem Inter­view die ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen des Begriffs que­er und geht auch der Fra­ge nach, was das für lin­ke Kämp­fe bedeu­tet.

RLS: Atlan­ta, was heißt que­er eigent­lich heu­te?

Atlan­ta: Zum einen ist mit que­er eine Rei­he von Iden­ti­tä­ten oder gesell­schaft­li­chen Min­der­hei­ten­grup­pen bezeich­net, die auf­grund ihrer geschlecht­li­chen Iden­ti­tät oder sexu­el­len Ori­en­tie­rung dis­kri­mi­niert wer­den. Zum ande­ren meint que­er aber auch eine bestimm­te poli­ti­sche Pra­xis, und zwar im Sin­ne eines Durch­que­rens, Durch­kreu­zens und Neu-Ver­knüp­fens von poli­ti­schen Iden­ti­tä­ten. Die­se Bedeu­tung hat sich his­to­risch erge­ben: Der Begriff que­er ent­stand vor allem Ende der 1980er Anfang der 1990er Jah­re aus dem Aids-Akti­vis­mus in den USA. In einer Zeit, in der ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Grup­pen, meist Rand­grup­pen, beson­ders stark von der Aids-Poli­tik der dama­li­gen US-Regie­rung betrof­fen waren.

Das betraf zum einen Homo­se­xu­el­le, aber auch Schwar­ze Men­schen, Sexarbeiter*innen, Leu­te die Dro­gen neh­men und Nadeln mit ande­ren Men­schen tau­schen. Die­se gesell­schaft­li­chen Grup­pen wur­den auf­grund eines ver­meint­lich ris­kan­ten Ver­hal­tens als stär­ker anfäl­lig für eine HIV-Infek­ti­on betrach­tet. Und die dama­li­ge Rea­gan-Regie­rung hat lan­ge Zeit eigent­lich gar nicht auf Aids als gesell­schaft­li­ches Pro­blem reagiert. Dadurch kamen plötz­lich sehr unter­schied­li­che Grup­pen zusam­men, die ver­nach­läs­sigt wur­den mit ihren Fol­ge­pro­ble­men von HIV und Aids und soge­nann­te Regen­bo­gen­ko­ali­tio­nen gebil­det haben.

In die­sem Kon­text wur­de der Begriff que­er für eine Form des Akti­vis­mus ange­eig­net, in des­sen Rah­men Koali­ti­ons­po­li­ti­ken ent­stan­den. Dabei wur­den bis­he­ri­ge poli­ti­sche Iden­ti­tä­ten durch­kreuzt und unter dem Begriff que­er neu zusam­men­ge­führt. Die­se Bedeu­tung hat sich bis heu­te auf eine Wei­se gehal­ten. Das zeigt sich zum Bei­spiel dar­an, dass, wenn von que­er die Rede ist, oft ganz unter­schied­li­che Lebens­la­gen oder Situa­tio­nen von quee­ren Men­schen zusam­men­kom­men: trans* Men­schen, Geflüch­te­te, Que­ers – es geht zwar nicht mehr zen­tral um Aids, aber immer noch um eine Ver­knüp­fungs­per­spek­ti­ve.

RLS: Wel­che Bedeu­tung haben que­e­re Kämp­fe für lin­ke Kämp­fe heu­te?

A: Ich habe schon den Aspekt der Koali­ti­ons­po­li­ti­ken ange­spro­chen und möch­te ein aktu­el­les Bei­spiel her­aus­he­ben, an dem sich das gut erklä­ren lässt: die Black Lives Mat­ter-Bewe­gung. Die­se Bewe­gung wird von Schwar­zen Feminist*innen, Frau­en, von quee­ren Aktivist*innen ange­führt. Und die machen das anhand einer Ana­ly­se, die aus dem Schwar­zen Femi­nis­mus kommt. Die­se Ana­ly­se geht davon aus, dass man eine Form des Han­delns fin­den kann, die für alle Men­schen Ver­bes­se­run­gen schafft, wenn man die am stärks­ten mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen in den Mit­tel­punkt einer Ana­ly­se der Macht­ver­hält­nis­se rückt.

Ich hat­te ja gesagt, dass que­er auch die Bedeu­tung eines Que­rens und Durch­kreu­zens von Iden­ti­tä­ten hat. Und das fin­de ich beson­ders inter­es­sant. Die­sen Ansatz könn­te man auch mit dem Begriff Inter­sek­tio­na­li­tät beschrei­ben. Das heißt, dass es in der Black Lives Mat­ter-Bewe­gung Pro­jek­te gibt, die ver­su­chen, Schwar­ze Poli­ti­ken von den mar­gi­na­li­sier­ten Posi­tio­nen aus zu den­ken, wie zum Bei­spiel von Schwar­zen Frau­en oder Schwar­zen quee­ren und trans* Per­so­nen. Inter­es­sant fin­de ich bei­spiels­wei­se das Black Youth Pro­ject 100 oder auch die Theo­re­ti­ke­rin Cathy Cohen, die viel zum The­ma »Que­er als Alli­anz­po­li­tik« geschrie­ben hat.

Cohen bezeich­net que­er als eine Lin­se, eine Form des Schau­ens auf poli­ti­sche Iden­ti­tä­ten aus der mar­gi­na­li­sier­ten Posi­ti­on. Das fin­de ich wich­tig, gera­de vor dem Hin­ter­grund der der­zei­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, wo viel Kri­tik an Iden­ti­täts­po­li­tik geäu­ßert wird und es eine Spal­tung gibt, zwi­schen Iden­ti­täts­po­li­ti­ken, die als nicht so wich­tig abge­tan wer­den und ver­meint­lich uni­ver­sa­len Poli­ti­ken, die alle betref­fen. (…) Ich fin­de die­se Tren­nung gefähr­lich. Ich fin­de, da fehlt auch etwas in einer Macht­ana­ly­se und den­ke, dass que­er da einen pro­duk­ti­ven Ansatz bie­tet, das Uni­ver­sa­le von den Rän­dern her anders und kom­ple­xer zu den­ken.

RLS: Was bedeu­tet das kon­kret?

A: Mei­ne The­se ist, dass que­er das Poten­zi­al hat, ver­schie­de­ne Kämp­fe zusam­men­zu­füh­ren anstatt zu spal­ten. Das ist gera­de ange­sichts des Auf­stiegs der glo­ba­len Rech­ten eine der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen für lin­ke Bewe­gun­gen. Die Fra­ge ist: Wie kom­men wir zusam­men? Dazu ist es eben wich­tig, die Bedar­fe ver­schie­de­ner gesell­schaft­li­cher Grup­pen zu sehen und: sie ver­bun­den zu sehen.

Ein Bei­spiel: Alle Men­schen brau­chen Zugang zu einem bezahl­ba­ren, an ihren Bedürf­nis­sen ori­en­tier­ten Gesund­heits­sys­tem. Dafür lohnt es sich, gemein­sam zu strei­ten. Das heißt auch, die spe­zi­fi­schen Bedar­fe von trans* Men­schen dar­in zu sehen. Ein ande­res Bei­spiel: Alle Men­schen brau­chen Zugang zu bezahl­ba­rem Wohn­raum. Das heißt auch, die spe­zi­fi­schen Bedar­fe von Men­schen, die auf dem Woh­nungs­markt beson­ders stark zu kämp­fen haben, bei­spiels­wei­se Que­ers ohne Woh­nun­gen oder geflüch­te­te Que­ers, die evtl. kein Auf­ent­halts­recht haben, zu sehen und beson­ders zu berück­sich­ti­gen.

RLS: Wel­che gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um que­e­re Lebens­wei­sen sind zur Zeit von beson­de­rer Bedeu­tung?

A: Es gibt aktu­ell sehr unter­schied­li­che Kämp­fe, die um que­e­re Lebens­wei­sen geführt wer­den, weil die Situa­ti­on von quee­ren Men­schen glo­bal sehr unter­schied­lich ist. Es gibt immer noch vie­le Län­der, in denen bei­spiels­wei­se Homo­se­xua­li­tät unter Stra­fe steht und auch mit der Todes­stra­fe ver­folgt wird. Im glo­ba­len Nor­den hin­ge­gen sind vie­le Rech­te bereits errun­gen wor­den und da sehen die Kämp­fe anders aus.

Kämp­fe, die ich aktu­ell wich­tig fin­de, sind bei­spiels­wei­se die für den Zugang zu einer adäqua­ten Gesund­heits­ver­sor­gung für trans* Men­schen, ohne Patho­lo­gi­sie­rung.

Ein ande­res Bei­spiel ist das The­ma Flucht und LSBTQI, bei­spiels­wei­se durch den Krieg in Syri­en, durch den Krieg in der Ukrai­ne. Immer wie­der gibt es grö­ße­re Wel­len von geflüch­te­ten Men­schen, unter denen natür­lich auch que­e­re Men­schen sind, die nach Deutsch­land kom­men und es hier beson­ders schwer haben.

Die ande­re Sei­te von Kämp­fen, die ich sehr gefähr­lich fin­de, sind die Angrif­fe auf alles, was nicht der hete­ro­se­xu­el­len Norm ent­spricht. »Gen­der Gaga«, »Trans­gen­der-Lob­by«, »Gen­der­ideo­lo­gie« – wir ken­nen die­se Kampf­be­grif­fe der glo­ba­len Rech­ten. Das gilt von Bra­si­li­en über Polen, aber eben auch bis Deutsch­land, wo die AfD ver­sucht, die hete­ro­se­xu­el­le Klein­fa­mi­lie aus Vater, Mut­ter und mög­lichst meh­re­ren Kin­dern als Keim­zel­le der Nati­on zu eta­blie­ren, ver­bun­den mit geziel­ten Angrif­fen auf geschlecht­li­che Min­der­hei­ten.

Und es gibt Debat­ten, die sich bis in den Femi­nis­mus hin­ein­zie­hen. Das sehen wir bei den Dis­kus­sio­nen um das Selbst­be­stim­mungs­recht, wo ja ein Teil soge­nann­ter trans-exklu­si­ver radi­ka­ler Femi­nis­tin­nen ver­sucht, den Zugang für trans* Frau­en zu bestimm­ten Frau­en­rol­len zu beschrän­ken. Der Begriff Gen­der selbst wird auch manch­mal als eine Art Kitt beschrie­ben, der ver­schie­de­ne Akteu­re von der extre­men Rech­ten über eine christ­lich moti­vier­te Rech­te bis zur bür­ger­li­chen Mit­te zusam­men­führt.

Ein ande­res Bei­spiel, was gar nicht so stark rechts ist aber viel­leicht ver­deut­licht, was das für ein Kon­glo­me­rat ist, ist der Angriff auf die Gen­der Stu­dies. Der kommt zum Teil aus den Uni­ver­si­tä­ten selbst und da braut sich eini­ges zusam­men. Gera­de aus die­sem Grund fin­de ich es noch gefähr­li­cher, Iden­ti­täts­po­li­tik als ein eige­nes Poli­tik­feld zu beschrei­ben, das nicht wich­tig ist. Ich den­ke, auf dem Feld von Geschlech­ter­po­li­ti­ken fin­den gera­de gro­ße Aus­ein­an­der­set­zun­gen statt, die im Zusam­men­hang mit einer Gesamt­ver­schie­bung ste­hen.

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