Selbst­be­stimm­te geschlechts­af­fir­mie­ren­de Hor­mon­the­ra­pien und scha­dens­min­dern­de Ansät­ze

Text: Alva Selt­mann Jür­gen­sen, Luce deLi­re, Lydia Schnei­der-Reu­ter, Noma Michel, Feli Sühs, Mir­jam Faiss­ner
Illus­tra­ti­on: Manu­el Funk

In einem Gesund­heits­sys­tem, in dem trans Per­so­nen häu­fig auf sys­te­ma­ti­sche Bar­rie­ren und Dis­kri­mi­nie­rung sto­ßen, müs­sen Do-it-yours­elf Hor­mon­er­satz­the­ra­pien (DIY-HRT) als Sym­ptom begrif­fen wer­den, die als ver­brei­te­te Umgangs­stra­te­gie mut­maß­lich so lan­ge bestehen blei­ben wer­den, wie es sol­che Bar­rie­ren gibt. Zugleich sind sie aber auch zu begrei­fen als Aus­druck von Selbst­be­stim­mung oder Com­mu­ni­ty-Pra­xis. Wir dan­ken den Autor*innen für den Über­blick und die­se per­spek­ti­vi­sche Ein­ord­nung.

Die geschlechts­af­fir­mie­ren­de Gesund­heits­ver­sor­gung wird welt­weit zuneh­mend in rech­ten Kul­tur­kämp­fen instru­men­ta­li­siert. Dies ver­stärkt die in Stu­di­en gut beleg­te all­täg­li­che Dis­kri­mi­nie­rung von trans und nicht-binä­ren Per­so­nen im Gesund­heits­sys­tem (FRA, 2020), die Unsi­cher­hei­ten beim Zugang zu Medi­ka­men­ten sowie den Wunsch nach kör­per­li­cher Selbst­be­stim­mung. Do-it-yours­elf Hor­mon­er­satz­the­ra­pien (DIY-HRT), also Prak­ti­ken von Hor­mon­er­satz­the­ra­pien teil­wei­se oder voll­stän­dig außer­halb insti­tu­tio­nel­ler Set­tings, sind dabei ein weit ver­brei­te­ter Weg, mit die­ser Situa­ti­on umzu­ge­hen (Ken­ne­dy et al., 2022). In die­sem Arti­kel geben wir einen Über­blick über das Phä­no­men, der auf der bis­lang ver­füg­ba­ren Lite­ra­tur sowie auf Hin­ter­grund­work­shops mit Anwender*innen von DIY-HRT und Behandler*innen basiert. Wei­ter­hin geben wir Behandler*innen scha­dens­min­dern­de Ansät­ze für die Pra­xis an die Hand, die aus medi­zin­ethi­scher Per­spek­ti­ve gut begrün­det wer­den kön­nen.

Geschlechts­af­fir­mie­ren­de Gesund­heits­ver­sor­gung ist für vie­le trans und nicht-binä­re Per­so­nen ent­schei­dend für eine Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät. Stu­di­en bele­gen ihren posi­ti­ven Ein­fluss auf vie­le rele­van­te damit ver­bun­de­ne Gesund­heits­out­co­mes, wie eine Ver­rin­ge­rung von Depres­si­on, Angst­zu­stän­den und Sui­zi­da­li­tät (Bak­er et al., 2021; Sax­by et al., 2026). Die­ser Ver­sor­gungs­an­satz ist auch in den ein­schlä­gi­gen natio­na­len und inter­na­tio­na­len Leit­li­ni­en ver­an­kert (AWMF, 2019; Cole­man et al., 2022).

»DIY-HRT« beschreibt ein Spek­trum ver­schie­de­ner Prak­ti­ken. Was als DIY ver­stan­den wird, vari­iert je nach ört­li­chem oder kul­tu­rel­lem Kon­text. Zwei Ach­sen, die im All­ge­mei­nen maß­geb­lich sind, sind zum einen der Grad der medi­zi­ni­schen Super­vi­si­on und zum ande­ren die Art der Her­stel­lung der ver­wen­de­ten Sub­stan­zen: Auf der einen Sei­te des Spek­trums steht die Behand­lung durch medi­zi­ni­sches Fach­per­so­nal mit indus­tri­ell her­ge­stell­ten Sub­stan­zen; auf der ande­ren Sei­te steht eine selbst durch­ge­führ­te Behand­lung mit selbst her­ge­stell­ten Sub­stan­zen ohne medi­zi­ni­sche Beglei­tung. Zur Illus­tra­ti­on schil­dern wir ver­schie­de­ne Fäl­le, die zei­gen, wie viel­fäl­tig DIY Prak­ti­ken sein kön­nen:

  • Bei­spiel 1: W ver­liert im Urlaub den Ruck­sack und kon­tak­tiert ein loka­les trans Netz­werk, wor­auf­hin ihm ein Peer Tes­to­ste­ron zur Nut­zung über­lässt.
  • Bei­spiel 2: X lebt in Malay­sia und kauft frei­ver­käuf­li­che estro­gen­hal­ti­ge Tablet­ten in einer Dro­ge­rie und nimmt die­se ohne insti­tu­tio­nel­le Beglei­tung ein. X infor­miert sich in Online­fo­ren über Dosie­run­gen und mög­li­che Neben­wir­kun­gen.
  • Bei­spiel 3: Y lebt in einem Land, in dem inji­zier­ba­re Est­ra­di­ol-Ester nicht ver­schrei­bungs­fä­hig sind. In Abspra­che mit der beglei­ten­den Endo­kri­no­lo­gin kauft Y inji­zier­ba­re Est­ra­di­ol-Ester, die von Peers selbst­stän­dig her­ge­stellt wur­den.
  • Bei­spiel 4: Z inji­ziert ver­schrie­be­nes Tes­to­ste­ron. Z hal­biert die Tes­to­ste­ron­do­sis, ohne die behan­deln­de Ärz­tin dar­über in Kennt­nis zu set­zen.

In Fäl­len von star­ker insti­tu­tio­nel­ler Restrik­ti­on von geschlechts­af­fir­mie­ren­der Gesund­heits­ver­sor­gung kann DIY-HRT die ein­zi­ge Mög­lich­keit sein, die­se Form der The­ra­pie wahr­zu­neh­men (Ken­ne­dy et al., 2022). Einer Stu­die aus den USA zufol­ge nutz­ten vor allem trans Frau­en DIY-HRT in Situa­tio­nen öko­no­mi­scher und sozia­ler Mar­gi­na­li­sie­rung, zum Bei­spiel Per­so­nen ohne Kran­ken­ver­sor­gung, ohne Wohn­sitz oder in der Sex­ar­beit täti­ge Per­so­nen (Olan­sky, 2024). Doch auch wenn eine medi­zi­nisch beglei­te­te The­ra­pie prin­zi­pi­ell erreich­bar ist, ist die Nut­zung von DIY-HRT häu­fig eine Ant­wort auf erleb­te Dis­kri­mi­nie­rung im Gesund­heits- und Sozi­al­sys­tem (August-Rae et al., 2024; Cole­man et al., 2022; Ken­ne­dy et al., 2022; Wel­ty, 2025). Dazu gehö­ren ein Man­gel an qua­li­fi­zier­tem und kul­tu­rell kom­pe­ten­tem Gesund­heits­per­so­nal, lan­ge War­te­zei­ten, hohe Gesund­heits­kos­ten, kom­ple­xe Büro­kra­tie oder eine man­geln­de Wahl an The­ra­pie­op­tio­nen.1 Trans Per­so­nen müs­sen häu­fig um ihre eige­ne Gesund­heits­ver­sor­gung kämp­fen, Gesund­heits­per­so­nal eigen­stän­dig über die Lage und Optio­nen von trans Per­so­nen im Gesund­heits­sys­tem auf­klä­ren. In der Fol­ge ver­zö­gern oder ver­mei­den sie mit­un­ter Behand­lun­gen auf­grund erleb­ter Dis­kri­mi­nie­rung (Rich­ter et al., 2026). Die­se Erfah­run­gen las­sen DIY-HRT als das »gerin­ge­re Übel« erschei­nen, wobei Risi­ken bewusst in Kauf genom­men wer­den. Teil­wei­se wür­den Nutzer*innen dabei eine dis­kri­mi­nie­rungs­freie insti­tu­tio­nel­le Beglei­tung der Selbst­me­di­ka­ti­on vor­zie­hen. Von man­chen Men­schen wird DIY-HRT schließ­lich auch als ein Aus­druck von kör­per­li­cher Auto­no­mie und Selbst­be­stim­mung wahr­ge­nom­men – ana­log zum­Schlag­wort »My body – my choice« (August-Rae et al., 2024; Wel­ty, 2025). Ins­be­son­de­re die Exper­ti­se und Beglei­tung durch Peers in Com­mu­ni­ty­räu­men wer­den dabei von trans Per­so­nen geschätzt (Wel­ty, 2025).

Dem­ge­gen­über wer­den in der medi­zi­ni­schen Lite­ra­tur vor­ran­gig poten­zi­el­le Risi­ken von DIY-HRT dis­ku­tiert (Metasta­sio et al., 2018; Roton­di et al., 2013). Es wird ange­nom­men, dass uner­wünsch­te Wir­kun­gen bei DIY-HRT häu­fi­ger auf­tre­ten könn­ten als unter ärzt­lich beglei­te­ter HRT, dass mög­li­che Organ­schä­den – bei­spiels­wei­se Leber­funk­ti­ons­stö­run­gen oder meta­bo­li­sche Ver­än­de­run­gen – spä­ter erkannt wer­den und dass ohne fach­li­che Beglei­tung das Risi­ko von Wech­sel­wir­kun­gen mit ande­ren Medi­ka­men­ten erhöht sein könn­te (Ken­ne­dy et al., 2022; Metasta­sio et al., 2018; Roton­di et al., 2013; Win­ter and Dous­san­tous­se, 2009). Wei­te­re dis­ku­tier­te Risi­ken betref­fen Kom­pli­ka­tio­nen im Zusam­men­hang mit Injek­tio­nen, ins­be­son­de­re bei unsach­ge­mä­ßem Nadel­ge­brauch, sowie Infek­tio­nen und die Ver­wen­dung kon­ta­mi­nier­ter Prä­pa­ra­te mit unkla­rer Dosie­rung oder Zusam­men­set­zung. Für den deutsch­spra­chi­gen Raum gibt es bis­her kei­ne Erhe­bun­gen zu Risi­ken von DIY-HRT. In unse­ren Hin­ter­grund­work­shops mit Anwender*innen von DIY-HRT und beglei­ten­den Ärzt*innen wur­de kei­ne Häu­fung von nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen berich­tet – dabei han­delt es sich aller­dings um anek­do­ti­sche Evi­denz.

Zusam­men­fas­send kann DIY-HRT weit­ge­hend als Sym­ptom eines Sys­tems begrif­fen wer­den, in dem trans Per­so­nen viel zu häu­fig auf sys­te­ma­ti­sche Bar­rie­ren und Dis­kri­mi­nie­rung sto­ßen. Solan­ge die­se Bar­rie­ren fort­exis­tie­ren, wird auch DIY-HRT als ver­brei­te­te Umgangs­stra­te­gie bestehen blei­ben. Dar­aus ergibt sich die Fra­ge, wie Gesund­heits­per­so­nal mit DIY-HRT umge­hen soll­te.

Umgang als Gesund­heits­per­so­nal

Zunächst hängt die Bewer­tung aller medi­zi­ni­schen Maß­nah­men von einer sorg­fäl­ti­gen Ein­schät­zung ihres Risi­ko-Nut­zen-Pro­fils ab. Der ers­te Schritt einer medi­zi­ni­schen Bera­tung von DIY-HRT-Anwender*innen könn­te dar­um ein Gespräch über Nut­zen und poten­zi­el­le Risi­ken dar­stel­len. Die Tat­sa­che, dass vie­le Per­so­nen DIY-HRT als Reak­ti­on auf erleb­te Dis­kri­mi­nie­rung im Gesund­heits­we­sen wäh­len, unter­streicht die Wich­tig­keit einer empa­thi­schen, diver­si­täts­sen­si­blen und nicht-stig­ma­ti­sie­ren­den Kom­mu­ni­ka­ti­on. Vie­le trans Per­so­nen ach­ten in Gesprä­chen mit Gesund­heits­per­so­nal sehr genau dar­auf, ob sie Zei­chen von Offen­heit und Kom­pe­tenz im Umgang mit Trans­ge­schlecht­lich­keit wahr­neh­men, bevor sie sol­che The­men anspre­chen, um sich vor nega­ti­ven Reak­tio­nen zu schüt­zen (Hem­pe­l­er et al., 2024; Quad­flieg et al., 2025). Behan­deln­de soll­ten sich dar­um vor Augen füh­ren, dass DIY-Nut­zen­de häu­fig frü­he­re Ver­let­zun­gen in Gesund­heits­in­sti­tu­tio­nen erlebt haben, und daher eine mög­lichst ange­neh­me und wert­schät­zen­de Gesprächs­si­tua­ti­on her­stel­len.

Als zwei­ter Schritt ist fest­zu­hal­ten, dass Nut­zen und Kos­ten von DIY-Prak­ti­ken durch unter­schied­li­che Maß­nah­men beein­flusst und das Risi­ko­pro­fil ent­spre­chend signi­fi­kant ver­än­dert wer­den kann. Hier­für bie­ten sich ins­be­son­de­re scha­dens­min­dern­de Ansät­ze an.

Scha­dens­min­dern­de Ansät­ze

Scha­dens­min­dern­de Ansät­ze sind dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass sie die Risi­ken einer Prak­tik mini­mie­ren wol­len, ohne not­wen­di­ger­wei­se eine Ver­hal­tens­än­de­rung oder Reduk­ti­on der Prak­tik zu erwar­ten. Sie sind ins­be­son­de­re in Bezug auf die Nut­zung von ille­ga­li­sier­ten Dro­gen eta­bliert (UNODC, 2024; WHO, 2025). Auch im Umgang mit DIY-HRT haben sie einen wich­ti­gen Stel­len­wert. His­to­risch haben sich scha­dens­min­dern­de Ansät­ze vor allem in Gras­wur­zel­be­we­gun­gen und Com­mu­ni­ty-basier­ten Struk­tu­ren ent­wi­ckelt. Bereits seit den 1940er Jah­ren exis­tie­ren in den USA von trans BIPoC Per­so­nen orga­ni­sier­te Initia­ti­ven, die geschlechts­af­fir­mie­ren­de Unter­stüt­zung leis­ten und Stra­te­gien zur Risi­ko­mi­ni­mie­rung bereit­stel­len (Gill-Peter­son, 2022; Light­house Lear­ning Coll­ec­ti­ve, n.d.). Auch in den euro­päi­schen Wohl­fahrts­staa­ten wur­den geschlechts­af­fir­mie­ren­de Behand­lun­gen häu­fig durch Peer-Netz­wer­ke und Ein­zel­per­so­nen erkämpft. Die­se Ent­wick­lun­gen voll­zo­gen sich oft gegen ein eta­blier­tes Medi­zin­sys­tem, das auf trans Per­so­nen zunächst mit Psych­ia­tri­sie­rung, Aver­si­ons- und Kon­ver­si­ons­prak­ti­ken reagier­te (Slag­stad, 2022).

Scha­dens­min­dern­de Ansät­ze wer­den von der WHO im Umgang mit DIY-HRT emp­foh­len (WHO, 2022) und aktu­ell pri­mär von NGOs umge­setzt. Zum Bei­spiel bie­tet die Com­mu­ni­ty-basier­te NGO Trans Harm Reduc­tion ver­schie­de­ne Ange­bo­te für DIY-Anwender*innen in Irland und Schott­land an, wie die Bereit­stel­lung von Mate­ria­li­en für siche­re Injek­tio­nen oder das Tes­ten von Hor­mon­prä­pa­ra­ten (https://transharmreduction.org/). Wei­ter­hin bie­ten man­che Com­mu­ni­ty-basier­te NGOs Trai­nings für Gesund­heits­per­so­nal an. Sol­che Trai­nings kön­nen ein Schritt sein, um die genann­ten Hür­den und Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen abzu­bau­en, eige­ne Kennt­nis­se über trans Lebens­rea­li­tä­ten, bevor­zug­te For­men der HRT, oder eine Com­mu­ni­ty-ori­en­tier­te Spra­che zu erwei­tern und Ver­trau­en auf­zu­bau­en (Faiss­ner und Gün­ther, 2026; Schnei­der-Reu­ter et al., 2025). Dar­über hin­aus kön­nen sich Ärzt*innen durch fol­gen­de bei­spiel­haf­te Maß­nah­men aktiv an der Scha­dens­min­de­rung betei­li­gen:

  • Bestim­mung von Blut­wer­ten der Geschlechts­hor­mo­ne (u.a. Est­ra­di­ol, Tes­to­ste­ron), um Dosis­an­pas­sun­gen zu ermög­li­chen, sowie die Bestim­mung rele­van­ter Risi­ko­pa­ra­me­ter (z.B. Häma­to­krit bei Ein­nah­me von Tes­to­ste­ron, Leber­pa­ra­me­ter bei ora­ler Estro­gen­the­ra­pie). Eine umfas­sen­de Auf­lis­tung fin­det sich in aktu­el­len ein­schlä­gi­gen Leit­li­ni­en (AWMF, 2026; Cole­man et al., 2022)
  • Anlei­tung zu siche­rer sub­ku­ta­ner oder intra­mus­ku­lä­rer Selbst­in­jek­ti­on und Bera­tung zu ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en
  • Bera­tung zu mög­li­chen Wir­kun­gen der ein­ge­nom­me­nen Medi­ka­men­te, zur siche­ren Lage­rung, und zu mög­li­chen Arz­nei­mit­tel­in­ter­ak­tio­nen
  • Sofern gewünscht, Bera­tun­gen zu insti­tu­tio­nell beglei­te­ten Mög­lich­kei­ten der geschlechts­af­fir­mie­ren­de Gesund­heits­ver­sor­gung: Zum Bei­spiel kann die Kas­sen­ver­schrei­bung von Estro­gen­va­le­rat-Injek­ti­ons­lö­sun­gen eine Alter­na­ti­ve zu DIY-HRT sein, wenn der Wunsch nach die­ser The­ra­pie­op­ti­on der aus­lö­sen­de Fak­tor für die DIY-Nut­zung ist
  • Wenn mög­lich (ggf. insti­tu­tio­nell ver­an­kern): che­misch-ana­ly­ti­sche Tests von mit­ge­brach­ten Sub­stan­zen auf Inhalt und Kon­ta­mi­na­ti­on
  • Aus­tausch mit Peer-Netz­wer­ken pfle­gen und her­stel­len

Scha­dens­min­dern­de Ansät­ze erken­nen die Hür­den an, mit denen trans Per­so­nen im Gesund­heits­sys­tem häu­fig kon­fron­tiert sind, und kön­nen real zum Wohl­erge­hen von trans Per­so­nen bei­tra­gen. So argu­men­tie­ren wir auch in einer medi­zin­ethi­schen Ana­ly­se, die wir aktu­ell vor­be­rei­ten (Faiss­ner et al., in Vor­be­rei­tung). Eine unter­stüt­zen­de und nicht-stig­ma­ti­sie­ren­de Beglei­tung kann dazu bei­tra­gen, bestehen­des Miss­trau­en gegen­über dem Gesund­heits­sys­tem abzu­bau­en und die insti­tu­tio­nel­le Anbin­dung von trans und nicht-binä­ren Men­schen zu stär­ken. Umge­kehrt besteht das Risi­ko, dass eine ableh­nen­de Hal­tung gegen­über DIY-Prak­ti­ken Ent­täu­schung und Miss­trau­en ver­stärkt und dadurch die Inan­spruch­nah­me gesund­heit­li­cher Ver­sor­gung erschwert. Auch bei bestehen­der Anbin­dung kann eine wahr­ge­nom­me­ne Ableh­nung dazu füh­ren, dass Anwender*innen Infor­ma­tio­nen über selbst­ge­steu­er­te Dosie­run­gen oder Ein­nah­me­inter­val­le zurück­hal­ten, was die gemein­sa­me Ein­schät­zung mög­li­cher Risi­ken erschwert (Bak­er et al., 2023).

Neben den genann­ten scha­dens­min­dern­den Ansät­zen kann (und soll­te) Gesund­heits­per­so­nal dar­auf hin­wir­ken, bestehen­de Hür­den im Gesund­heits­sys­tem abzu­bau­en. Dies kann zunächst in der eige­nen Pra­xis star­ten. Zum Bei­spiel kön­nen Ärzt*innen auf die Not­wen­dig­keit einer Kos­ten­über­nah­me­be­schei­ni­gung durch die Kran­ken­kas­se vor Beginn einer HRT ver­zich­ten. Obwohl ein­zel­ne Kran­ken­kas­sen nach einem Bun­des­so­zi­al­ge­richts­ur­teil von 2023 (Zei­chen B 1 KR 16/22 R) Regress­for­de­run­gen anstren­gen, kön­nen die­se mit Blick auf die ein­schlä­gi­gen medi­zi­ni­schen Leit­li­ni­en leicht zurück­ge­wie­sen wer­den. Eine vor­he­ri­ge Kos­ten­über­nah­me­be­schei­ni­gung wie­der­um läuft für Patient*innen auf eine Prü­fung durch den Medi­zi­ni­schen Dienst hin­aus. Die­se folgt einer eige­nen, restrik­ti­ven Begut­ach­tungs­an­lei­tung (MDS, 2020), die die Hür­den für Patient*innen stark erhöht.

Dar­über hin­aus kann sich Gesund­heits­per­so­nal orga­ni­sie­ren, sich Gesund­heits­wis­sen zu trans Gesund­heits­ver­sor­gung aneig­nen und kol­lek­tiv Hem­mun­gen gegen­über der Behand­lung von trans Per­so­nen abbau­en. Hier­für eig­net sich ein Zusam­men­schluss in loka­len Netz­wer­ken für geschlechts­af­fir­mie­ren­de Behand­lun­gen. Trotz der sel­te­nen Berück­sich­ti­gung von geschlecht­li­cher Diver­si­tät in kli­ni­schen Stu­di­en sind vie­le All­tags­ent­schei­dun­gen für Gesund­heits­per­so­nal prag­ma­tisch lös­bar, zum Bei­spiel:

Wel­che geschlechts­be­zo­ge­nen Krebs­vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen soll­te eine trans oder nicht-binä­re Per­son erhal­ten?

Je nach vor­lie­gen­der Ana­to­mie: eine Per­son mit durch östro­gen­do­mi­nan­ten Hormon­status gewach­se­ner Brust soll­te die Brust­krebs­vor­sor­ge wahr­neh­men; wenn ein Gebär­mut­ter­hals oder eine Pro­sta­ta vor­han­den ist, soll­ten die zuge­hö­ri­gen Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen durch­ge­führt wer­den.

Wie sind Risi­ko­scores mit binä­rem Geschlechts­pa­ra­me­ter zu inter­pre­tie­ren?

Im Zwei­fel wer­den meh­re­re Risi­ko­scores mit unter­schied­li­chen Para­me­tern berech­net, um einen Risi­ko­be­reich ange­ben zu kön­nen.

Berufs­po­li­ti­sche Zie­le

Ein über­ge­ord­ne­tes berufs­po­li­ti­sches Ziel soll­te aus unse­rer Sicht sein, uns gegen die reak­tio­nä­re Poli­ti­sie­rung der geschlechts­af­fir­mie­ren­den Gesund­heits­ver­sor­gung für trans Per­so­nen zu weh­ren. Viel­leicht kann das gelin­gen, wenn wir uns vor Augen füh­ren, dass geschlechts­af­fir­mie­ren­de Gesund­heits­ver­sor­gung für cis Per­so­nen in der Regel­ver­sor­gung ver­an­kert ist (Schall und Moses, 2023). Bei­spie­le für die medi­zi­ni­sche Anwen­dung von HRT bei cis Per­so­nen sind Estro­gen­the­ra­pien in der Meno­pau­se oder Tes­to­ste­ron­the­ra­pien für cis Jun­gen mit spä­ter Puber­tät. Hor­mon­blo­cker im Jugend­al­ter kom­men über­wie­gend bei Kin­dern mit vor­zei­ti­ger Puber­tät zum Ein­satz. Auch Fer­ti­li­täts­er­halt ist ein The­ma für cis Per­so­nen – z.B. im Kon­text der Behand­lung von Krebs­er­kran­kun­gen. Und für Gesichts­haar­wuchs bei cis Frau­en gibt es eine eige­ne Dia­gno­se – Hir­su­tis­mus –, die Geschlechts­dys­pho­rie aus­lö­sen und eine Indi­ka­ti­on für die Haar­ent­fer­nung sein kann.

Letzt­lich kann Scha­dens­mi­ni­mie­rung neben einem medi­zin­ethisch emp­foh­le­nen Vor­ge­hen im Kon­text von DIY-HRT auch brei­ter ver­stan­den wer­den: als die Ver­ant­wor­tung von Gesund­heits­per­so­nal, eine ange­mes­se­ne Gesund­heits­ver­sor­gung für alle sicher­zu­stel­len.

  1. In einer älte­ren Befra­gung in den USA berich­te­ten über ein Vier­tel der trans Per­so­nen, dass ihnen Gesund­heits­ver­sor­gung im All­ge­mei­nen bereits ver­wei­gert wor­den war, etwa ein Fünf­tel berich­te­ten von Belei­di­gun­gen durch Gesund­heits­per­so­nal und 7,8% berich­te­ten, bereits kör­per­li­che Gewalt durch Gesund­heits­per­so­nal erlebt zu haben (Lamb­da Legal, 2010). ↩︎

Refe­ren­zen

August-Rae, B.C., Bak­er, J.T., Buz­za­nell, P.M., 2024. “Not just rebel­lious, it’s revo­lu­tio­na­ry”: Do-it-yours­elf hor­mo­ne repla­ce­ment the­ra­py as Libera­to­ry Harm Reduc­tion. Soc Sci Med 345, 116681. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2024.116681

AWMF, 2026. S2k-Leit­li­nie Geschlechts­an­glei­chen­de Hor­mon­the­ra­pie bei Geschlecht­sin­kon­gru­enz im Erwach­se­nen­al­ter.

AWMF, 2019. Geschlecht­sin­kon­gru­enz, Geschlechts­dys­pho­rie und Trans-Gesund­heit: S3-Leit­li­nie zur Dia­gnos­tik, Bera­tung und Behand­lung. https://doi.org/10.30820/9783837977585–23

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