Wie das Medi­bü­ro in Ham­burg ein­springt

In Ham­burg leben tau­sen­de Men­schen ohne Kran­ken­ver­si­che­rung – und fal­len durch das Sys­tem. Im Medi­bü­ro in Alto­na bekom­men sie Hil­fe: ehren­amt­lich, anonym und oft in letz­ter Minu­te. Ein Besuch zeigt, wie groß der Bedarf ist – und wie impro­vi­siert die Lösun­gen sein müs­sen.

Maria kommt mir ihrem Sohn ins Medi­bü­ro ins Haus 3 in Alto­na in der Max-Brau­er-Allee. »Mei­ne Mut­ter hat kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung, hier wur­de ihr schon zwei Mal gehol­fen«, sagt ihr Sohn, wäh­rend Maria fra­gend mit gro­ßen Augen schaut. Deutsch ver­steht sie nicht so gut. Ihr 15-Jäh­ri­ger Sohn schon, zwar nicht per­fekt, aber er kann sich arti­ku­lie­ren und die Bedürf­nis­se sei­ner Mut­ter äußern. Maria ist die ers­te Per­son, die heu­te die Bera­tung in Anspruch nimmt, hin­ter ihr war­ten drei Leu­te. Zwi­schen zwei und 15 Men­schen kom­men im Schnitt zu der Bera­tung. Maria hält sich die rech­te Hand vor ihren offen­sicht­lich schwan­ge­ren Bauch. Ihren Nach­na­men möch­ten die bei­den nicht nen­nen, auch den Grund ihrer Bera­tung nicht.

Im Medi­bü­ro sit­zen an die­sem Mon­tag Felix May­er und Jan Jan­sen. Sie sind heu­te zu zweit, ins­ge­samt sind hier zehn bis 15 Men­schen ehren­amt­lich aktiv. Sie sit­zen in einem Raum, ein­ge­rich­tet wie ein Klas­sen­zim­mer, ein paar Stüh­le, ein paar Tische. Seit 1994 hel­fen, ver­mit­teln und bera­ten sie Men­schen unab­hän­gig vom Auf­ent­halts­sta­tus. Soll­ten Men­schen kran­ken­ver­si­chert sein oder gesetz­li­che Ansprü­che dar­auf haben, wird dar­auf ver­wie­sen.

«Wir sind eine nicht­staat­li­che, anti­ras­sis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on. Unse­re Ver­mitt­lung und Bera­tung sind kos­ten­los und ver­trau­lich. Soweit mög­lich, sind die von uns ver­mit­tel­ten Behand­lun­gen eben­falls kos­ten­los«, sagt May­er, wäh­rend er Maria in Emp­fang nimmt. Sie ken­nen sich, Mari­as Sohn lächelt Felix an, er erkennt ihn wie­der. Das Medi­bü­ro ist Mon­tag von 15 bis 17 Uhr besetzt, die Bera­tung erfolgt jeden ers­ten und drit­ten Mon­tag im Monat. Die Ver­stän­di­gung ist in der Regel in Deutsch und Eng­lisch mög­lich.

Nied­rig­schwel­li­ger Zugang zur Gesund­heits­ver­sor­gung für Alle

»Im Kern ver­mit­teln wir medi­zi­ni­sche Hil­fe«, sagt May­er spä­ter. »Das heißt: Men­schen kom­men zu uns in die Bera­tung, wir klä­ren ihren Bedarf und ver­su­chen dann, sie an pas­sen­de Ärzt:innen oder ande­re Gesund­heits­be­ru­fe wei­ter­zu­lei­ten.« Das Netz­werk ist groß, rund 190 Arzt­pra­xen in Ham­burg arbei­ten mit dem Medi­bü­ro zusam­men – oft zu redu­zier­ten Sät­zen oder auf Spen­den­ba­sis. Ver­mit­telt wird aber nicht nur in Arzt­pra­xen, son­dern auch an Psychotherapeut:innen, Physiotherapeut:innen oder Heb­am­men. Bei auf­wen­di­ge­ren Behand­lun­gen oder Kran­ken­haus­auf­ent­hal­ten ver­su­chen die Ehren­amt­li­chen, indi­vi­du­el­le Lösun­gen zu fin­den – etwa über Raten­zah­lun­gen oder Preis­nach­läs­se. Bun­des­weit gibt es 37 ähn­li­che Initia­ti­ven, die unter Namen wie Medi­Netz oder Medi­bü­ro arbei­ten. Neben der kon­kre­ten Hil­fe ver­steht sich das Medi­bü­ro auch als poli­ti­sche Stim­me für einen nied­rig­schwel­li­gen Zugang zur Gesund­heits­ver­sor­gung. Seit wann Felix May­er sich hier enga­giert, weiß er schon gar nicht mehr genau: »Ich fin­de das super und wich­tig. Es besteht offen­sicht­lich eine Ungleich­heit, es kann nicht ange­hen, dass Men­schen kei­nen Zugang dazu haben.«

Dia­be­tes, Schwan­ger­schaft und Herz­blut­druck

Die Grün­de, ins Medi­bü­ro zu kom­men, sind viel­fäl­tig. »Vie­le kom­men erst, wenn es wirk­lich nicht mehr anders geht«, sagt May­er. Schät­zun­gen zufol­ge leben in Ham­burg min­des­tens 22.000 Men­schen ohne Kran­ken­ver­si­che­rung – vie­le arbei­ten auf dem Bau, im Hafen oder in der Rei­ni­gung. Sie sind Teil des All­tags der Stadt, haben aber kei­nen regu­lä­ren Zugang zum Gesund­heits­sys­tem. »Leu­te kom­men zu uns, wenn sie Medi­ka­men­te brau­chen, die sie teil­wei­se län­ger schon nicht bekom­men haben. Oft sind die Ursa­chen Herz-Kreis­lauf­erkran­kun­gen, Blut­hoch­druck, Dia­be­tes. Die Medi­ka­men­te kön­nen sie sich oft nicht leis­ten und die Rezep­te sind nicht mehr aktu­ell«, sagt Jan Jan­sen. »Aber auch mit auf­wen­di­gen Sachen kom­men sie zu uns, wenn sie chir­ur­gi­sche Ver­sor­gung benö­ti­gen, wie Brand­bla­sen oder infi­zier­ten Wun­den mit impro­vi­sier­ten Ver­bän­den. Manch­mal sind auch Men­schen dazwi­schen mit hohen Rech­nun­gen und regel­mä­ßig kom­men Schwan­ge­re oder Men­schen, die glau­ben, dass sie schwan­ger sind.« Schwan­ge­re kön­nen ohne Auf­ent­halts­sta­tus für den Zeit­raum rund um die Geburt eine Dul­dung bekom­men, aktu­ell schiebt die Stadt Ham­burg auch hoch­schwan­ge­re Frau­en ab oder ver­teilt sie auf ande­re Kom­mu­nen um. »Das ist natür­lich ein gro­ßes Risi­ko für die Men­schen«, sagt Jan­sen.

Hin­ter all die­sen Fäl­len ste­hen Men­schen, die aus unter­schied­li­chen Grün­den durchs Ras­ter fal­len – etwa EU-Migrant:innen ohne sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäf­ti­gung, Men­schen im Asyl­ver­fah­ren oder ohne Auf­ent­halts­sta­tus, aber auch Selbst­stän­di­ge, Stu­die­ren­de oder pri­vat insol­ven­te Men­schen kom­men in die Bera­tung.

Ohne Spen­den geht nichts

Finan­ziert wird die Arbeit vor allem durch Spen­den. »Ohne Spen­den­ak­qui­se wür­de es uns nicht geben«, sagt May­er. Ein Groß­teil der Mit­tel kommt über Bene­fiz­ver­an­stal­tun­gen zusam­men, Soli­par­tys oder Bei­trä­ge aus Demons­tra­tio­nen. Auch vie­le der koope­rie­ren­den Pra­xen leis­ten ihren Anteil, indem sie Behand­lun­gen güns­ti­ger anbie­ten oder ganz auf Hono­ra­re ver­zich­ten. »Sie schrei­ben Rech­nun­gen mit Rabat­ten, wo wir zum Bei­spiel nur die Mate­ria­li­en zah­len. Wir haben auch Pra­xen, die ihre Rech­nun­gen als Spen­de kenn­zeich­nen, dann kön­nen wir eine Spen­den­be­schei­ni­gung aus­stel­len, die steu­er­lich absetz­bar ist für die Pra­xen«, sagt May­er. In man­chen Fäl­len wer­den Kos­ten zwi­schen Patient:innen und Medi­bü­ro auf­ge­teilt. Trotz wach­sen­der öffent­li­cher Aner­ken­nung und poli­ti­scher Kon­tak­te bleibt die finan­zi­el­le Situa­ti­on ange­spannt. »Wir arbei­ten ehren­amt­lich und mit begrenz­ten Res­sour­cen«, sagt May­er. »Der Bedarf ist da – und er wächst.«

Maria ver­lässt das Medi­bü­ro, in der Hand hält sie nun eine initi­ier­te Über­wei­sung, die die Pra­xis akzep­tiert. Jan Jan­sen hat kurz zuvor bei ein paar Pra­xen ange­ru­fen und eine gefun­den, die Maria hel­fen soll.

Das Medi­bü­ro finan­ziert sich durch Spen­den. Wir freu­en uns, wenn Sie das Pro­jekt finan­zi­ell unter­stüt­zen und freu­en uns über jede Koope­ra­ti­ons­pra­xis in allen Fach­ge­bie­ten, ins­be­son­de­re fach­ärzt­li­che Ver­sor­gung. Es ist den Pra­xen voll­kom­men selbst über­las­sen zu bestim­men, in wel­chem Umfang sie Patient:innen vom Medi­bü­ro über­neh­men und ob sie auf Spen­de, zum 1,0‑fachen Satz oder auf einer ande­ren Basis mit dem Medi­bü­ro abrech­nen.

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