Gesundheit braucht Politik 2–2026
Queersensible Medizin

Editorial
Queere Politik ist schon seit Jahrzehnten im Fokus linker Parteien und Gruppierungen. Zugleich ist es eben solang schon ein Zankapfel innerhalb desselben linken Lagers, was an queerer Politik links ist und was fortschrittlich-bürgerliche Perspektive.
Ungeachtet dieser inneren Querelen verschärft sich die Lage queerer Menschen sowohl weltweit als auch hierzulande. Abseits der medialen Aufmerksamkeit berichtet die diesjährige deutsche Polizeistatistik eine Zunahme queerfeindlicher Straftaten um ca. 13 %. In den Vereinigten Staaten berichtet das FBI von einer steigenden Zahl von anti-LGBTQ+ Straftaten trotz einer insgesamt sinkenden Kriminalitätsrate. Die tödliche Gewalt gegen queere Menschen in Argentinien ist zuletzt sprunghaft gestiegen – sicherlich ließe sich diese Liste noch fortführen. Begleitet wird diese Gewalt von einer rechtlichen Verschärfung – im Hinblick auf die Rechte queerer Menschen –, nicht auf die Gewalt gegen diese. Trump begann bereits in den ersten Tagen seiner zweiten Amtszeit damit, die Rechte queerer Menschen einzuschränken. Per Dekret legte Trump die möglichen Geschlechter bei Geburt auf zwei fest, ermöglichte die strafrechtliche Verfolgung von Lehrer*innen, die ihre Schüler*innen offen als non-binär behandeln, verbannte transgender Sportler*innen aus Wettkämpfen etc. Schaut man nach Italien, Argentinien, Russland, dann scheint es, als wäre die anti-queere Gesetzgebung ein fester Bestandteil des Staatsumbaus der neuen Rechten. Wir haben dies zum Anlass genommen den aktuellen Stand der Versorgung queerer Menschen in der deutschen Gesundheitsversorgung unter die Lupe zu nehmen
Das aktuelle Heft ist dabei reich an Berichten aus der medizinischen Praxis. Ash Pelzer und Isa Ruhland berichten darüber, wie die queersensible Geburtshilfe den vielfältigen Hintergründen und Konstellationen werdender Familien gerecht wird. Wie queere Menschen angesichts diskriminierender Praktiken in der Regelversorgung und Lieferengpässen mittels do-it-yourself Hormontherapie ihre Behandlung selbst in die Hand nehmen, beforscht ein partizipatives Forschungsteam und teilt in diesem Heft erste Ergebnisse. K*stern klärt über die wichtige interdisziplinäre postoperative Versorgung nach Transitionsoperation auf. Ari erzählt aus einem ›Leben im Graubereich der Geschlechternormen‹ als intergeschlechtlicher Mensch in Deutschland. Außerdem berichtet queermed, ein Verein der sich gegen die Diskriminierung im Gesundheitswesen stellt, aus der praktischen Arbeit, allen Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Identität und Gesinnung eine diskriminierungsfreie medizinische Versorgung bereitzustellen. Einen theoretischen Hintergrund linker queerer Politik liefert Atlanta Beyer in einem Interview und führt durch die aktuellen queeren und anti-queeren Debatten.
Abseits von diesem Titelthema berichten wir aktuelles zur internationalen Gesundheitspolitik. Im Januar fand der größte New Yorker Pflegestreit bis dato statt. Darüber berichtet die US-amerikanische Krankenpflegerin Shella Dominguez. Wie eine Gesundheitsversorgung in einem Land funktioniert das seit Jahrzehnten unter wirtschaftlicher Blockade des großen Nachbarn USA steht, erklärt Aleida Guevara, eine Pädiaterin aus Kuba, die ein Redaktionsmitglied exklusiv interviewt hat.
Wie immer gibt es auch Empfehlungen und Rezensionen die eine weitere Beschäftigung mit dem Thema queersensible Medizin erleichtern. Angesichts der geschilderten Kämpfe mag es überraschen, dass die systematische Diskriminierung queerer Menschen eher als ein neuzeitliches Phänomen erscheint. Der Kampf gegen medizinische Diskriminierung queerer Menschen ist wichtig und erfolgversprechend und beginnt in der alltäglichen medizinischen Praxis.
Inhalt
Beiträge aus dem Heft
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Wer suchen muss, ist schon benachteiligt
Queermed Deutschland und der lange Weg von individuellen Notlösungen zu struktureller Veränderung
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