von Marla Frentz
»Schon wieder ein Buch über Abtreibungen, braucht es das wirklich?!« Wer das denkt, der sollte sich an die eigene Nase fassen und sich dieses brandaktuelle Buch vornehmen.
Denn die Gynäkologin Alicia Baier gibt in »Das Patriarchat im Uterus« evidenzbasiert und gespickt mit vielen Praxiserfahrungen den Kampf um Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland wider. Mit aller Deutlichkeit argumentiert sie, warum § 218 endlich abgeschafft gehört und liefert so für Jede*n neue Argumente für den kommenden Stammtischabend.
Das Buch startet mit einem historischen Abriss über Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. Detailreich erzählt sie von der Festschreibung des §218 im Strafgesetzbuch vor ca. 150 Jahren über die verschiedenen Regelungen in Ost- und Westdeutschland bis zur Debatte um § 219a. Die Mitgründerin von Medical Students und Doctors for Choice vergisst dabei nicht, all den Aktivist*innen Tribut zu zollen, die sich jahrzehntelang für sichere und gerechte Abtreibungen eingesetzt haben.
Im zweiten Teil des Buches wird die aktuelle, äußerst prekäre Versorgungslage in Deutschland dargelegt: Täglich werden ca. 280 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Damit, erinnert uns die Autorin, ist der Eingriff so häufig wie eine Blinddarm-OP. Jedoch bietet nur jede 12. gynäkologische Praxis Abtreibungen an, bei Kliniken ist es jede dritte. Gerade im unterversorgten Süddeutschland müssen Frauen* häufig mehr als 40 Autominuten auf sich nehmen, um die nächste Abtreibungspraxis oder ‑klinik zu erreichen.
Auch in anderen medizinischen Aspekten lässt die Versorgung zu wünschen übrig. Veraltete Methoden wie die Ausschabung kommen noch flächendeckend zum Einsatz und gefährden somit die Gesundheit der Frauen*. Die Abtreibungspillen Mifepriston und Misoprostol werden politisch gewollt knapp gehalten. Eine Leitlinie für Schwangerschaftsabbrüche wurde erst 2021 auf politischen Druck erarbeitet.
Als maßgeblichen konservativen Player neben Kirche und CDU/CSU in der ganzen Misere benennt Alicia Baier die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, DGGG. Ein Zitat der DGGG aus der aktuellen Stellungnahme zum Schwangerschaftsabbruch von 2024 entlarvt deren Ideologie: »Die Auseinandersetzung mit dem immanenten Konflikt zwischen dem Recht des werdenden Kindes und der persönlichen Entscheidung jeder Frau, eine Schwangerschaft nicht fortzuführen, bedeutet immer eine ernsthafte Konfliktlage.« Wer eine solche Tautologie in seiner Stellungnahme festhält, beweist nur, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Interessen und Positionen der eigenen Patient*innen nicht stattfindet. Statt wissenschaftlich-fundiert und sachlich zu arbeiten, wie es eine Fachgesellschaft entsprechend tun sollte, heizt die DGGG die moralisch aufgeladene Debatte somit weiter an.
Unerwähnt darf natürlich auch die sogenannte »Lebensschutzbewegung« nicht bleiben. International vernetzt und gut finanziert nimmt sie zunehmend Einfluss auf politische Entscheidungen (siehe Causa Brosius-Gersdorf). Dabei dient das Thema Schwangerschaftsabbruch rechten und konservativen Kräften als Steigbügel, um in der Gesellschaft ihr antifeministisches und antidemokratisches Weltbild zu verankern. Alicia Baier konstatiert: Nicht weniger als unsere Demokratie steht auf dem Spiel! Schwangerschaftsabbrüche gehen uns alle an, egal ob wir schwanger werden können, oder wollen, oder nicht. Im zunehmenden Rechtsruck werden reproduktive Rechte als erstes angegriffen.
»Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte und Richter. Neun Monate lang. Wenn aber diese neun Monate vorbei sind, dann muß ich sehn, wie ich weiterkomme.«
aus Die Leibesfrucht spricht, Kurt Tucholsky, 1931
Kurt Tucholsky hat vor 100 Jahren bereits verstanden, dass das Thema Abtreibungen vor allem als Plattform für kulturelle und politische Kämpfe dient. Es wird doch langsam Zeit, dass wir diese Kämpfe gewinnen! Alicia Baier hat mit ihrem Buch dafür einen wichtigen Beitrag geleistet.

Alicia Baier:
»Das Patriarchat im Uterus. Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung«
München 2025, 272 Seiten, 18,99 Euro
Marla Frentz ist Assistenzärztin in der Pädiatrie und lebt in Göttingen.






