Edi­to­ri­al

was wir seit Jah­ren befürch­tet haben, ist nun Wirk­lich­keit: Am 6. Sep­tem­ber wur­de die AfD in Sach­sen-Anhalt mit 44% der Stim­men mit Abstand stärks­te Kraft und ver­fehl­te die abso­lu­te Mehr­heit nur äußerst knapp. Am 20. Sep­tem­ber folg­ten dann in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin wei­te­re Wahl­er­fol­ge für die­se völ­kisch-na­­tio­na­lis­ti­sche Par­tei. Mög­li­cher­wei­se müs­sen wir noch im Lau­fe des Jah­res die ers­te AfD-geführ­te Lan­des­re­gie­rung bei der Arbeit beob­ach­ten.

Was das bedeu­tet, ken­nen wir aus Trumps Ame­ri­ka, Melo­nis Ita­li­en und Orbáns Ungarn. Staa­ten wer­den unter der neu­en Rech­ten auto­ri­tä­rer. Ein gro­ßer Teil der AfD-Wahl­ver­spre­chen wür­de sich auf Län­der­ebe­ne imple­men­tie­ren las­sen. Dazu gehö­ren etwa die Aus­wei­tung von Abschie­be­haft­ka­pa­zi­tä­ten, die kul­tu­rel­le För­de­rung »deut­scher Iden­ti­täts­fin­dung« oder die Abschaf­fung von Inklu­si­ons­klas­sen. Der ver­mut­lich nächs­te sach­sen-anhal­ti­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Ulrich Sieg­mund kün­dig­te dar­über hin­aus noch am Wahl­abend im Inter­view mit der Tages­schau an, die »Rund­funk­zwangs­ab­ga­be« zu been­den und den Medi­en­staats­ver­trag auf­zu­kün­di­gen. Und gefragt nach der Ansied­lung eines Rüs­tungs­be­triebs in Sach­sen-Anhalt begrüß­te er die­se im Zusam­men­hang mit der geplan­ten so genann­ten »Remi­gra­ti­on«, da man »ent­spre­chen­de Hilfs­mit­tel bräuch­te«.

Aller­dings sehen wir in Ber­lin auch einen erfreu­li­chen gegen­läu­fi­gen Trend: Die LINKE ist dort mit fast 26% der Stim­men die stärks­te Kraft gewor­den. Nun kommt der »pro­of of the pud­ding«, also kon­kret die Fra­ge, ob sie ihr Ver­spre­chen vor allem der Ent­eig­nung der Immo­bi­li­en­kon­zer­ne wird ein­hal­ten kön­nen. Und beson­ders gespannt sind wir (und hal­ten die Dau­men), wie sie ihre gesund­heits­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen umset­zen kön­nen wird.

Mit der Fra­ge, wie viel Macht man hat, wenn man die Regie­rung stel­len kann, beschäf­tigt sich die hier vor­lie­gen­de Aus­ga­be unse­rer Zeit­schrift mit dem Schwer­punkt­the­ma: Ver­hält­nis von Gesund­heits­we­sen und Staat. Im Kon­text der beschrie­be­nen Ent­wick­lun­gen ist die Fra­ge, wie staat­li­che Insti­tu­tio­nen die struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen unse­res All­tags for­men und unse­re kli­ni­schen Ent­schei­dun­gen beein­flus­sen, drin­gen­der denn je. Denn wie wir hier dar­stel­len wol­len, sind das Gen­fer Gelöb­nis und die Inter­es­sen unse­rer Patient*innen nur zwei von vie­len Varia­blen, die unser Han­deln prä­gen.

Die ärzt­li­che Dop­pel­funk­ti­on – das täg­li­che Dilem­ma zwi­schen ärzt­li­cher Ver­pflich­tung gegen­über Patient*innen einer­seits und der Funk­ti­on als kon­trol­lie­ren­der Arm des Staa­tes ande­rer­seits – wird in einer Dis­kus­si­on von Bern­hard Win­ter beson­ders deut­lich. Bern­hard arbei­tet sich dabei an vie­len all­täg­li­chen Bei­spie­len ab, von der eher simp­len Arbeits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung bis hin zur Rol­le von Ärzt*innen in Gefäng­nis­sen. Der Text von Win­fried Beck aus den 1990er Jah­ren dis­ku­tiert das Ver­hält­nis von Ärzt*innen zur Fol­ter und die man­gel­haf­te Refle­xi­on dar­auf in der täg­li­chen Pra­xis wie in der Aus­bil­dung. An sei­ner Aktua­li­tät hat sich nichts geän­dert.

Der Text von Juli­us Fried­rich Lan­ge­feld beschäf­tigt sich damit, was Kli­nik- und Pra­xis­per­so­nal der Poli­zei sagen und nicht sagen darf und wo die eige­ne Straf­bar­keit beginnt. Lil­ly Pochert zeigt an kon­kre­ten Bei­spie­len, die uns vdää*-Mitglieder berich­tet haben, wie es aus­sieht, wenn die Staats­ge­walt in den medi­zi­ni­schen Ver­ant­wor­tungs­raum ein­dringt. Noch dras­ti­scher stellt sich dies an den Außen­gren­zen der EU dar: Ein Inter­view mit Aktivist*innen der NGO Sea-Watch zur Ret­tung von Men­schen in See­not zeigt eben­falls Wider­sprü­che zwi­schen staat­lich offi­zi­ell aner­kann­ten Rech­ten und der aktu­el­len Rea­li­tät: Die See­not­ret­tung ist zwar völ­ker­recht­lich ver­pflich­tend, die zivi­le See­not­ret­tung wird jedoch zuneh­mend poli­tisch und juris­tisch unter Druck gesetzt – und dies bei wei­tem nicht nur von Sei­ten der rechts­ra­di­ka­len Kräf­te inner­halb der EU.

Dass all die­se Wider­sprü­che mit den gesell­schaft­li­chen Grund­la­gen des Staa­tes und deren Herr­schafts- und Aus­beu­tungs­be­zie­hun­gen zu tun haben, ver­sucht Nad­ja Rako­witz in ihrem Text zu zei­gen. Frei­heit und Gleich­heit, Aus­beu­tung und Herr­schaft, Poli­tik und Öko­no­mie wer­den hier als wider­sprüch­lich und not­wen­dig mit­ein­an­der ver­floch­te­ne Sphä­ren in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft dis­ku­tiert. Kei­ne ein­fa­che Kost, aber not­wen­dig.

Einen ganz ande­ren Blick wer­fen wir im Inter­view mit Gerd Diel­mann auf die Ver­hält­nis­se: Am Bei­spiel der sozia­len Selbst­ver­wal­tung der Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen und ihrer Geschich­te dis­ku­tie­ren wir, wel­che Ansatz­punk­te es für eine Ver­ge­sell­schaf­tung geben könn­te. Gegen­über Ver­staat­li­chung und Pri­va­ti­sie­rung in Deutsch­land ist dies ein Drit­tes für das es (his­to­ri­sche) Bei­spie­le gibt und das aus­bau­fä­hig wäre-

Wie weit der Rechts­ruck auch hier­zu­lan­de fort­ge­schrit­ten ist, haben uns die jüngs­ten Land­tags­wah­len und die Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung gelehrt. Selbst­ver­ständ­lich müs­sen wir die­se Ent­wick­lung vor allem poli­tisch und nicht nur bei der AfD bekämp­fen und dabei plau­si­ble Alter­na­ti­ven auf­zei­gen. Gleich­zei­tig kön­nen wir uns aber auch inner­halb der Insti­tu­tio­nen und in unse­rer Rol­le als medi­zi­ni­sches Per­so­nal gegen rech­te Ideo­lo­gie weh­ren und unse­re Mit­men­schen schüt­zen. Wir hof­fen, dass euch die fol­gen­den Sei­ten dazu ermu­ti­gen, die­sen Kampf wei­ter­zu­füh­ren bzw. auf­zu­neh­men.

Alles Wei­te­re wol­len wir mit Euch beim Gesund­heits­po­li­ti­schen Forum am 30./31. Okto­ber und auch auf der JHV des vdää* am 1. Novem­ber in Ber­lin dis­ku­tie­ren.

Inhalt

Bei­trä­ge aus dem Heft

  • Bloß nicht ange­nehm wer­den!

    Inter­view mit dem Bun­des­wehr­ve­te­ran und heu­ti­gen Anti­mi­li­ta­ris­ten Dani­el


  • Do it yours­elf

    Selbst­be­stimm­te geschlechts­af­fir­mie­ren­de Hor­mon­the­ra­pien und scha­dens­min­dern­de Ansät­ze


  • Ohne Ver­si­che­rung, ohne Hil­fe?

    In Ham­burg leben tau­sen­de Men­schen ohne Kran­ken­ver­si­che­rung – und fal­len durch das Sys­tem. Im Medi­bü­ro in Alto­na bekom­men sie Hil­fe: ehren­amt­lich, anonym und oft in letz­ter Minu­te. Ein Besuch zeigt, wie groß der…


  • Rezen­si­on: Das Patri­ar­chat im Ute­rus

    »Schon wie­der ein Buch über Abtrei­bun­gen, braucht es das wirk­lich?!« Wer das denkt, der soll­te sich an die eige­ne Nase fas­sen und sich die­ses brand­ak­tu­el­le Buch vor­neh­men.


  • Eine Form des Schau­ens

    Inter­view mit Atlan­ta Bey­er über que­e­re Iden­ti­tät, que­e­re Theo­rie und que­e­re Kämp­fe heu­te


  • Wer suchen muss, ist schon benach­tei­ligt

    Que­er­med Deutsch­land und der lan­ge Weg von indi­vi­du­el­len Not­lö­sun­gen zu struk­tu­rel­ler Ver­än­de­rung


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