Que­er­med Deutsch­land und der lan­ge Weg von indi­vi­du­el­len Not­lö­sun­gen zu struk­tu­rel­ler Ver­än­de­rung

Von Sam­son Grzy­bek

Es beginnt fast immer mit einer Suche. Wir brau­chen eine*n Hausärzt*in, eine*n Gynäkolog*in oder eine*n Psychotherapeut*in. Und dann mer­ken wir, dass wir nicht ein­fach in die nächst­ge­le­ge­ne Pra­xis gehen kön­nen. Denn die letz­ten Erfah­run­gen waren viel­leicht »nur« unan­ge­nehm, oder aber auch abso­lut kata­stro­phal. Also recher­chie­ren wir: Ken­nen wir jeman­den aus unse­rem Umfeld, den wir fra­gen kön­nen? Wie waren die letz­ten Erfah­run­gen mit den Online-Bewer­tungs­platt­for­men?

Nicht jede*r Mensch sucht direkt eine Bera­tungs­stel­le auf oder kommt auf den Gedan­ken, dass die Berater*innen vor Ort selbst Lis­ten mit Prak­ti­zie­ren­den haben. Nicht jede*r kennt Men­schen, die die glei­chen gesund­heit­li­chen Bedürf­nis­se haben und viel­leicht auch in der glei­chen Stadt woh­nen.

Wer suchen muss, um sicher ver­sorgt zu wer­den, ist bereits benach­tei­ligt.

Und dann fan­gen die Gedan­ken an zu krei­sen: Wer hat schon ein­mal trans Patient*innen behan­delt, ohne dass die Behand­lung zur Auf­klä­rungs­stun­de für das Per­so­nal wur­de? Wo droht nicht das beklem­men­de Gespräch dar­über, war­um man »so lebt«? Die­se Suche kos­tet Zeit, Ener­gie und Ner­ven – und sie ist, genau bese­hen, ein Sym­ptom. Wer suchen muss, um sicher ver­sorgt zu wer­den, ist bereits benach­tei­ligt.

Genau hier setzt Que­er­med Deutsch­land an. 2021 gegrün­det, betrei­ben wir ein bun­des­wei­tes, kos­ten­frei­es Ver­zeich­nis dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­bler Pra­xen, Kli­ni­ken und Prak­ti­zie­ren­der, bera­ten Men­schen indi­vi­du­ell auf ihrer Suche nach Ver­sor­gung und leis­ten Bil­dungs­ar­beit dort, wo Ver­sor­gung gestal­tet wird: in Pra­xen, Kli­ni­ken, Aus- und Wei­ter­bil­dung. Was als Lis­te begann, ist heu­te eine Infra­struk­tur – und zugleich ein Spie­gel, den wir dem Gesund­heits­sys­tem vor­hal­ten.

Dis­kri­mi­nie­rung ist ein Ver­sor­gungs­pro­blem

In der Debat­te wird Dis­kri­mi­nie­rung im Gesund­heits­we­sen gern als Fra­ge des guten Tons ver­han­delt: als Höf­lich­keit, als Sen­si­bi­li­tät, als Fra­ge der rich­ti­gen Anre­de. Das ist sie auch – aber sie ist vor allem ein epi­de­mio­lo­gi­sches und ein ver­sor­gungs­po­li­ti­sches Pro­blem. Wer wie­der­holt erlebt, dass die eige­ne Lebens­rea­li­tät patho­lo­gi­siert, über­se­hen oder zum Erklä­rungs­fall gemacht wird, geht spä­ter zur*m Ärzt*in. Oder gar nicht. Vor­sor­ge wird ver­scho­ben, Sym­pto­me wer­den ver­schwie­gen, Ver­trau­en wird grund­sätz­lich nicht auf­ge­baut. Das Mino­ri­ty-Stress-Modell beschreibt seit Jahr­zehn­ten, wie chro­ni­scher Min­der­hei­ten­stress, die stän­di­ge Erwar­tung von Ableh­nung, das Ver­ber­gen, die inter­na­li­sier­te Abwer­tung, mess­bar auf die kör­per­li­che und psy­chi­sche Gesund­heit durch­schlägt. Dis­kri­mi­nie­rung macht krank, und sie hält von Ver­sor­gung fern. Bei­des ver­stärkt sich gegen­sei­tig.

Wich­tig ist uns dabei: Es geht nicht nur um que­e­re Men­schen. Die Bar­rie­ren, die wir sicht­bar machen, tref­fen vie­le – und sie tref­fen ver­schränkt. Eine Schwar­ze trans* Frau begeg­net nicht »Trans­feind­lich­keit plus Ras­sis­mus« als getrenn­ten Pos­ten, son­dern einer eige­nen Form der Aus­gren­zung. Dicke Patient*innen, behin­der­te Men­schen, Men­schen ohne siche­ren Auf­ent­halt, Men­schen in Armut: Sie alle sto­ßen auf ein Sys­tem, das ein schma­les Norm­mo­dell von Patient*in vor­aus­setzt und alle ande­ren zur Anpas­sungs­leis­tung zwingt. Inter­sek­tio­na­li­tät ist für uns kei­ne Voka­bel, son­dern die Beschrei­bung des­sen, was Men­schen in War­te­zim­mern tat­säch­lich erle­ben.

Zwei Säu­len – und wofür sie ste­hen

Unse­re Arbeit ruht auf zwei Säu­len. Das Ver­zeich­nis gibt Men­schen Ori­en­tie­rung und nimmt ihnen einen Teil der unbe­zahl­ten Recher­che­ar­beit ab, die sonst auf ihren Schul­tern liegt. Pra­xen tra­gen sich nicht ein­fach selbst ein, weil sie sich für auf­ge­schlos­sen hal­ten. Die Auf­nah­me erfolgt über Patient*innen, die dort gute Erfah­run­gen gemacht haben. Dabei geht es häu­fi­ger um einen respekt­vol­len Umgang als eine abso­lu­te Exper­ti­se in einem bestimm­ten Gebiet. Und die Bil­dungs­ar­beit: Vor­trä­ge, Work­shops, Leit­fä­den, set­zen dort an, wo sich am meis­ten ändern lässt: bei denen, die Ver­sor­gung gestal­ten und in direk­tem Kon­takt mit Patient*innen ste­hen.

Leitfaden zum sensibilisierten Umgang mit Patient*innen
Leit­fa­den zum sen­si­bi­li­sier­ten Umgang mit Patient*innen

Dabei arbei­ten wir mit einem Modell, das Dis­kri­mi­nie­rung auf drei Ebe­nen ver­or­tet: der indi­vi­du­el­len (Wor­te, Bli­cke, Annah­men im Behand­lungs­kon­takt), der insti­tu­tio­nel­len (Ana­mne­se­bö­gen, die nur zwei Geschlech­ter ken­nen; War­te­zim­mer und For­mu­la­re, die bestimm­te Men­schen unsicht­bar machen; Abläu­fe, die nie für sie gedacht waren) und der struk­tu­rel­len (Leit­li­ni­en, Ver­gü­tungs­lo­gi­ken, Aus­bil­dungs­in­hal­te, Rechts­la­gen). Der ent­schei­den­de Punkt: Die freund­lichs­te Ein­zel­per­son kann struk­tu­rel­le Bar­rie­ren nicht weg­freund­li­chen. Gute Absicht ersetzt kei­ne ver­än­der­ten Struk­tu­ren. Des­halb behan­deln wir die per­sön­li­che Sen­si­bi­li­sie­rung nicht als Ziel, son­dern als Ein­stieg.

Wor­an wir lang­fris­tig arbei­ten

So sehr unser Ver­zeich­nis gebraucht wird – sein eigent­li­cher Zweck ist es, sich über­flüs­sig zu machen. Solan­ge Men­schen ein geson­der­tes Ver­zeich­nis benö­ti­gen, um sicher behan­delt zu wer­den, ist das ein Armuts­zeug­nis für die Regel­ver­sor­gung, nicht ein Erfolg der Nische. Unser stra­te­gi­sches Ziel ist des­halb die Ver­schie­bung von der indi­vi­du­el­len Not­lö­sung zur struk­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Kon­kret heißt das meh­re­re Din­ge gleich­zei­tig. Wir wol­len ein Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­gramm für Pra­xen und Ein­rich­tun­gen ent­wi­ckeln, das dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­ble Ver­sor­gung nicht als Selbst­aus­kunft, son­dern als über­prüf­ba­ren, beglei­te­ten Pro­zess fasst – und das sich finan­zi­ell selbst tra­gen soll, damit Ver­än­de­rung nicht von För­der­mit­tel-Kon­junk­tu­ren abhängt. Wir bau­en ein modu­la­res Fort­bil­dungs­sys­tem auf, das vom Erst­kon­takt am Emp­fang bis zur Lei­tungs­ebe­ne andock­bar ist, statt ein­ma­li­ger Sen­si­bi­li­sie­rungs-Events, die fol­gen­los ver­puf­fen. Und wir for­mu­lie­ren gesund­heits­po­li­ti­sche For­de­run­gen – unter ande­rem für den par­la­men­ta­ri­schen Raum –, weil sich die struk­tu­rel­le Ebe­ne nicht durch Appel­le an ein­zel­ne Pra­xen ver­schiebt, son­dern über Cur­ri­cu­la, Leit­li­ni­en und Finan­zie­rung.

Das lang­fris­ti­ge Bild ist eines, in dem dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­ble Ver­sor­gung kein Son­der­an­ge­bot mehr ist, das man suchen muss, son­dern Teil des­sen, was Ver­sor­gung qua­li­ta­tiv aus­macht – ver­an­kert in der ärzt­li­chen und the­ra­peu­ti­schen Aus­bil­dung, in Qua­li­täts­stan­dards, in der Selbst­ver­ständ­lich­keit des All­tags. Bis dahin schlie­ßen wir eine Lücke, die es nicht geben soll­te.

Eine Ein­la­dung an die Leser*innen

Der vdää* ver­steht Gesund­heit als poli­ti­sche Fra­ge. Und genau hier tref­fen wir uns. Die Mecha­nis­men, die que­e­re und mehr­fach mar­gi­na­li­sier­te Patient*innen aus der Ver­sor­gung drän­gen, sind die­sel­ben, die der Ver­ein an ande­rer Stel­le benennt: ein Sys­tem, das ein Norm­mo­dell vor­aus­setzt, das Anpas­sungs­leis­tung indi­vi­dua­li­siert und struk­tu­rel­le Ver­ant­wor­tung gern dele­giert. Anti­dis­kri­mi­nie­rung ist kein Add-on zur soli­da­ri­schen Gesund­heits­ver­sor­gung. Sie ist ein Prüf­stein dafür, für wen das Soli­dar­ver­spre­chen tat­säch­lich gilt.

Was lässt sich tun? Zuerst das Nahe­lie­gen­de und Unbe­que­me: die eige­ne Pra­xis prü­fen – nicht die Hal­tung, die man sich zuschreibt, son­dern die Abläu­fe, For­mu­la­re, Räu­me und Rou­ti­nen, die Men­schen errei­chen oder aus­schlie­ßen. Wer dort Ver­än­de­rungs­be­reit­schaft mit­bringt, kann sich um Auf­nah­me ins Ver­zeich­nis bemü­hen, sich fort­bil­den, ande­re mit­neh­men. Und wer berufs­po­li­tisch aktiv ist, kann dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­ble Ver­sor­gung dort ein­brin­gen, wo über Cur­ri­cu­la, Leit­li­ni­en und Struk­tu­ren ent­schie­den wird. Ver­än­de­rung in der Flä­che ent­steht nicht durch ein­zel­ne vor­bild­li­che Pra­xen, son­dern dadurch, dass das Vor­bild­li­che zur Norm wird.

Wir bei Que­er­med lie­fern dafür Werk­zeu­ge, Wis­sen und einen Spie­gel. Was wir nicht erset­zen kön­nen, ist die Bereit­schaft derer, die das Sys­tem tag­täg­lich gestal­ten, hin­zu­se­hen. Und etwas zu ändern. Das Ziel ist beschei­den und radi­kal zugleich: ein Gesund­heits­we­sen, in dem nie­mand mehr suchen muss, um sicher behan­delt zu wer­den.

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