Zum New Yor­ker Pfle­ge­streik

Text: Shel­la Dom­in­guez
Über­set­zung: Jonas Röh­richt

Ich gehö­re zu den bei­na­he 15.000 New Yor­ker Pfle­ge­kräf­ten, die am größ­ten und längs­ten Pfle­ge­streik in der Geschich­te New Yorks teil­nah­men. Ich arbei­te im Mount Sinai Mor­nings­ide Hos­pi­tal auf einer chir­ur­gi­schen Über­wa­chungs­sta­ti­on und einer inter­nis­tisch-chir­ur­gi­schen Sta­ti­on, auf denen Pati­en­ten mit unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen behan­delt wer­den. Auf­grund des unter­schied­li­chen Pfle­ge­be­darfs kann es eine Her­aus­for­de­rung sein, eine sol­che gemisch­te Sta­ti­on sicher zu beset­zen. Als ich vor eini­gen Jah­ren begann, mich bei mei­ner Gewerk­schaft, der New York Sta­te Nur­ses Asso­cia­ti­on (NYSNA), zu enga­gie­ren, war für mich der Haupt­grund der Per­so­nal­man­gel im Kran­ken­haus.

Ich arbei­te seit 2018 im Mount Sinai Mor­nings­ide, bin aber schon sehr viel län­ger als Kran­ken­pfle­ge­rin tätig; zunächst auf den Phil­ip­pi­nen und spä­ter dann in Flo­ri­da, wo man das Wort »Gewerk­schaft« nicht ein­mal aus­spre­chen oder mit Kol­le­gen über die Grün­dung einer Berufs­ver­tre­tung reden kann, ohne gerügt zu wer­den. Als Mor­nings­ide-Pfle­ge­kräf­te 2022 ihren Ver­trag ver­han­del­ten, unter­stütz­te ich mei­ne Kol­le­gen durch die Teil­nah­me an öffent­li­chen Ver­hand­lungs­sit­zun­gen per Zoom.

Mit dem letz­ten Tarif­ver­trag konn­ten wir ver­bes­ser­te und durch­setz­ba­re Stan­dards in Hin­blick auf die Per­so­nal­be­mes­sung errei­chen. Pfle­ge­kräf­te hat­ten nun end­lich die ent­spre­chen­den Mit­tel, unser Kran­ken­haus zur Rechen­schaft zu zie­hen, wenn es sie mit zu vie­len Pati­en­ten gleich­zei­tig über­las­te­te und somit die Pati­en­ten­si­cher­heit gefähr­de­te.

Letz­tes Jahr erstrit­ten Mor­nings­ide-Pfle­ge­kräf­te über eine Mil­li­on Dol­lar an Ent­schä­di­gun­gen für Pfle­ge­per­so­nal, das unter chro­ni­schem Per­so­nal­man­gel auf zwei ver­schie­de­nen Sta­tio­nen arbei­te­te. In zwei ver­schie­de­nen Schieds­sprü­chen, dar­un­ter einem am Vor­abend des Ver­trags­ab­laufs, nutz­ten wir unse­ren Ver­trag, um die Pati­en­ten­ver­sor­gung zu sichern und die über­las­te­ten Pfle­ge­kräf­te zu ent­schä­di­gen. Die neu­tra­len Ver­mitt­ler prüf­ten die Beweis­la­ge und wie­sen das Kran­ken­haus an, mehr Pfle­ge­kräf­te ein­zu­stel­len, um die Pati­en­ten­si­cher­heit zu gewähr­leis­ten. Genau die­se Art von Ver­ant­wor­tung ver­such­te uns die Kran­ken­haus­lei­tung im Lau­fe der aktu­el­len Ver­hand­lungs­run­de zu ent­zie­hen.

»Wäh­rend der Ver­hand­lun­gen war es scho­ckie­rend zu erle­ben, wie feind­se­lig die Füh­rungs­ebe­ne den Pfle­ge­kräf­ten und unse­ren For­de­run­gen gegen­über auf­trat.«

Wäh­rend der aktu­el­len Tarif­ver­hand­lun­gen und des Streiks war ich Mit­glied des gewerk­schaft­li­chen Füh­rungs­gre­mi­ums und des Ver­hand­lungs­aus­schus­ses mei­nes Kran­ken­hau­ses. Obwohl ich wäh­rend der letz­ten Ver­hand­lungs­run­de einen guten Ein­blick hat­te, war ich auf den ver­än­der­ten Kurs der Füh­rungs­ebe­ne die­ses Mal nicht vor­be­rei­tet. Ab Sep­tem­ber ver­han­del­ten wir, um Ver­bes­se­run­gen bei der siche­ren Per­so­nal­be­mes­sung zu errei­chen, unse­re Gesund­heits­leis­tun­gen zu sichern, Pfle­ge­kräf­te und Pati­en­ten vor Gewalt am Arbeits­platz und künst­li­cher Intel­li­genz zu schüt­zen, unse­re beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Pati­en­ten und Mit­ar­bei­ter abzu­si­chern und Gehalts­er­hö­hun­gen zu erzie­len, damit wir uns das Leben in New York leis­ten und mehr Pfle­ge­kräf­te für die Ver­sor­gung am Bett gewin­nen und hal­ten kön­nen.

Nor­ma­ler­wei­se arbei­ten Pfle­ge­kräf­te eng mit der Kran­ken­haus­lei­tung zusam­men, um die Ver­sor­gung zu ver­bes­sern und auf­tre­ten­de Pro­ble­me zu lösen. Doch wäh­rend der Ver­hand­lun­gen war es scho­ckie­rend zu erle­ben, wie feind­se­lig die Füh­rungs­ebe­ne den Pfle­ge­kräf­ten und unse­ren For­de­run­gen gegen­über auf­trat. Sie behan­del­ten uns, als wür­den wir nichts für das Kran­ken­haus leis­ten – als wür­den wir nur zusätz­li­che Kos­ten ver­ur­sa­chen. Anstatt mit uns über Per­so­nal­be­set­zung, Sicher­heit, Bezah­lung und Sozi­al­leis­tun­gen zu ver­han­deln, schien man mehr als bereit zu sein, uns mit teu­ren Leih­pfle­ge­kräf­ten zu erset­zen, und prahl­te sogar damit.

Als deut­lich wur­de, dass unse­re Kran­ken­häu­ser sich wei­ger­ten, unse­re Gesund­heits­leis­tun­gen wei­ter­zu­füh­ren und in gutem Glau­ben über unse­re Prio­ri­tä­ten zu ver­han­deln, sahen sich die Pfle­ge­kräf­te von Mount Sinai Mor­nings­ide und West gezwun­gen, zusam­men mit den Pfle­ge­kräf­ten des Mount Sinai Hos­pi­tal, Mon­te­fio­re und New York-Pres­by­te­ri­an in den Streik zu gehen. Eini­ge der reichs­ten Kran­ken­häu­ser der Stadt arbei­te­ten zusam­men, um uns hin­zu­hal­ten, zu ver­zö­gern und in den Streik zu zwin­gen.

Streik schafft Gemein­schafts­ge­fühl

Ich erin­ne­re mich an die ers­ten Streik­ta­ge – ich war total moti­viert und bereit, für unse­re Rech­te zu kämp­fen. Es war eis­kalt; aber zu sehen, wie mei­ne Kol­le­gen aus allen Abtei­lun­gen des Kran­ken­hau­ses zusam­men­hiel­ten, war so herz­er­wär­mend. Wir waren schon vor­her wie eine Fami­lie, aber der Streik hat uns noch enger zusam­men­ge­schweißt. Wir haben jeden Tag mit­ein­an­der gespro­chen und sowohl uns gegen­sei­tig, als auch die unter­schied­li­chen Her­aus­for­de­run­gen, denen sich die Pfle­ge­kräf­te in den ver­schie­de­nen Berei­chen des Kran­ken­hau­ses stel­len müs­sen, bes­ser ver­stan­den. Wir sind gemein­sam mar­schiert und haben uns an der Streik­li­nie umarmt, und die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on und die Soli­da­ri­tät bestehen auch nach dem Streik fort.

»Wir sind gemein­sam mar­schiert und haben uns an der Streik­li­nie umarmt, und die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on und die Soli­da­ri­tät bestehen auch nach dem Streik fort.«

Der Streik hat uns ver­än­dert. Wir waren in der Kampf­zo­ne und bereit, gemein­sam durch­zu­hal­ten, weil wir wuss­ten, dass es sich lohnt, für unse­re Sache zu kämp­fen.

Was uns nach wochen­lan­gem Aus­har­ren in der Käl­te zusätz­lich half durch­zu­hal­ten, war die Unter­stüt­zung unse­rer Gemein­de. Selbst als die Ver­hand­lun­gen nur schlep­pend vor­an­gin­gen und wir ent­mu­tigt waren, gab uns die Unter­stüt­zung und das Ver­trau­en unse­rer Pati­en­ten und der Gemein­de Hoff­nung und Mut. Die Pati­en­ten und ihre Ange­hö­ri­gen, die wäh­rend des Streiks vor­bei­ka­men, jubel­ten uns immer zu und hat­ten freund­li­che Wor­te für uns.

Ich erin­ne­re mich noch an das vie­le Hupen, beson­ders von den Bus­fah­rern. Ich woh­ne in der Nähe des Kran­ken­hau­ses und gehe oft zu Fuß zur Arbeit. Doch eines Tages stieg ich mit mei­ner roten NYSNA-Müt­ze und mei­nem Schal in den Bus. Ich drück­te auf Stop, um an der nächst­ge­le­ge­nen Hal­te­stel­le aus­zu­stei­gen, aber der Fah­rer sag­te, er wür­de mich genau dort abset­zen, wo ich für einen gro­ßen Auf­tritt hin­muss­te. Er ließ mich direkt vor dem Kran­ken­haus raus und hup­te so laut, dass alle jubel­ten, als ich aus­stieg und mich dem Streik­pos­ten anschloss. Es war so bestär­kend zu sehen, dass die Men­schen ver­stan­den, dass die Pfle­ge­kräf­te nicht nur für eine bes­se­re Bezah­lung streik­ten, son­dern auch für die Sicher­heit unse­rer Pati­en­ten und die Gesund­heit der Stadt.

Der Kampf hat sich gelohnt

Seit unse­rem ers­ten Arbeits­tag am Valen­tins­tag wur­den wir Pfle­ge­kräf­te herz­lich emp­fan­gen. Alle unse­re Kol­le­gen – dar­un­ter Phy­sio­the­ra­peu­ten, Trans­port­mit­ar­bei­ter, Sekre­tä­re und Ärz­te – sag­ten, sie hät­ten uns sehr ver­misst und wür­den sich über unse­re Rück­kehr freu­en. Wir wis­sen, dass uns Her­aus­for­de­run­gen bevor­ste­hen – von der Bewäl­ti­gung der Pro­ble­me bei der Wie­der­ein­glie­de­rung bis hin zur Durch­set­zung unse­res neu­en Tarif­ver­trags. Wir sind auch bereit, unse­re Gewerk­schafts­kol­le­gen in ihren Kämp­fen zu unter­stüt­zen. Doch im Moment ist es ein­fach ein gutes Gefühl, durch­ge­hal­ten zu haben und gestärkt zurück­zu­keh­ren.

Die­ser Kampf war not­wen­dig und hat sich gelohnt. Ohne den Streik hät­ten wir unse­re guten Gesund­heits­leis­tun­gen nicht behal­ten kön­nen. Wir hät­ten die Rege­lun­gen zur siche­ren Per­so­nal­be­mes­sung nicht durch­set­zen und unse­re Kran­ken­häu­ser nicht dazu brin­gen kön­nen, fast fünf­zig zusätz­li­che Pfle­ge­kräf­te ein­zu­stel­len, um die Sicher­heit unse­rer Pati­en­ten zu gewähr­leis­ten. Wir hät­ten kei­ne neu­en Schutz­maß­nah­men gegen Gewalt am Arbeits­platz und künst­li­che Intel­li­genz – zwei gro­ße Bedro­hun­gen für Beschäf­tig­te im Gesund­heits­we­sen welt­weit – erkämpft. Und wir hät­ten weder den Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz für Trans­gen­der-Mit­ar­bei­ter noch die Lohn­er­hö­hun­gen erreicht, die wir trotz der gut finan­zier­ten gewerk­schafts­feind­li­chen Kam­pa­gne gegen uns durch­ge­setzt haben.

»Wir haben gezeigt, wie mäch­tig Pfle­ge­kräf­te sein kön­nen, wenn sie strei­ken, und wir haben Pfle­ge­kräf­ten über­all Hoff­nung gege­ben.«

Unser Streik war wich­tig für die Pfle­ge­kräf­te in New York und die Gemein­den, die wir betreu­en, aber ich glau­be, dass wir auch vie­le Pfle­ge­kräf­te in ande­ren Städ­ten und Bun­des­staa­ten bestärkt haben. Wir haben der Welt gezeigt, wie zäh und stark die New Yor­ker Pfle­ge­kräf­te sind – bereit, so viel zu opfern und sich mit­ten in einem der käl­tes­ten Win­ter in der Geschich­te New Yorks an die Streik­pos­ten zu stel­len. Wir haben gezeigt, dass New York eine Gewerk­schafts­hoch­burg ist. Wir haben gezeigt, wie mäch­tig Pfle­ge­kräf­te sein kön­nen, wenn sie strei­ken, und wir haben Pfle­ge­kräf­ten über­all Hoff­nung gege­ben. Wenn wir für unse­re Rech­te kämp­fen, errei­chen wir viel­leicht nicht alles, was wir wol­len, aber wir kön­nen das errei­chen, was Pfle­ge­kräf­te und Pati­en­ten brau­chen.

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