Wie die schwarz-rote Koali­ti­on Sozi­al­staat und Soli­da­ri­tät unter­gräbt

von Jonas Röh­richt

Kurz nach der Bun­des­tags­wahl einig­te sich das Bünd­nis aus CDU/CSU und SPD im Rah­men sei­nes Koali­ti­ons­ver­trags auf etli­che Austeri­täts­maß­nah­men. Zum Ende des Som­mers folg­ten dann von Sei­ten des neu­en Bun­des­kanz­lers Fried­rich Merz groß­spu­ri­ge Ankün­di­gun­gen. Auf nicht weni­ger als einen »Herbst der Refor­men« kön­ne sich die Bevöl­ke­rung gefasst machen. Im Namen der Volks­wirt­schaft soll­ten Ren­ten­sys­tem, Bür­ger­geld und Gesund­heits­we­sen grund­le­gend umstruk­tu­riert, der Ver­tei­di­gungs­etat erhöht und ein neu­er Wehr­dienst eta­bliert wer­den.

Nur weni­ge Mona­te zuvor hat­ten die Deut­schen ihrem Unmut Luft gemacht, indem mehr als ein Fünf­tel eine völ­kisch-natio­na­lis­ti­sche Par­tei wähl­te. Schuld an deren miss­li­cher Lage sei­en jedoch weder stei­gen­de Lebens­hal­tungs­kos­ten, unver­schäm­te Über­ge­win­ne noch die sich zuspit­zen­de Ver­tei­lungs­kri­se – da war man sich in Regie­rungs­krei­sen wie zuvor im Wahl­kampf einig. Viel­mehr müs­se end­lich Schluss sein mit Life­style-Teil­zeit, Arbeits­ver­wei­ge­rung und sozia­ler Hän­ge­mat­te. »Wir kön­nen uns die­ses Sys­tem, das wir heu­te so haben, ein­fach nicht mehr leis­ten«, so der heu­ti­ge Kanz­ler und frü­he­re Auf­sichts­rats-Chef des welt­größ­ten Ver­mö­gens­ver­wal­ters Black­rock im August 2025 wört­lich.

Was wur­de bis­her ent­schie­den?

Was wur­de aus dem Herbst der Refor­men? Zwar wur­den, ent­ge­gen der Ankün­di­gun­gen, bis­her eher nur klei­ne­re Geset­ze ver­ab­schie­det, die Stoß­rich­tung vie­ler Vor­ha­ben ver­heißt jedoch wenig Gutes. Noch im Dezem­ber 2025 hat das Kabi­nett die neue Grund­si­che­rung beschlos­sen, wel­che ab Juni das Bür­ger­geld ablö­sen soll. Das viel­leicht wich­tigs­te Stich­wort die­ser Reform ist das des Ver­mitt­lungs­vor­rangs. Wäh­rend beim Bür­ger­geld noch zumin­dest theo­re­tisch das Prin­zip »erst för­dern, dann for­dern« gegol­ten hat­te – man also den Fokus zunächst auf Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men legen und erst danach auf die Auf­nah­me einer Arbeit drän­gen woll­te – sol­len Grundsicherungsem­pfänger*innen künf­tig die nächst­ver­füg­ba­re zumut­ba­re Stel­le anneh­men müs­sen. Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men sol­len nur dann in Betracht gezo­gen wer­den, wenn die Ver­mitt­lung schei­tert. Außer­dem muss eige­nes Ver­mö­gen künf­tig ver­mehrt auf­ge­braucht wer­den, bevor die neue Grund­si­che­rung greift.

Dar­über hin­aus sind stren­ge­re Mit­wir­kungs­pflich­ten und ver­schärf­te Arbeits­ver­wei­ge­rungs­re­geln geplant. Ver­säum­nis­se von Ter­mi­nen wer­den in Zukunft mit Kür­zun­gen des Leis­tungs­be­zugs von zunächst 30% bestraft, beim drit­ten Nicht­er­schei­nen sol­len gar die kom­plet­ten Bezü­ge gestri­chen und die Mie­te direkt an Vermieter*innen gezahlt wer­den. Nach aktu­el­lem Beschluss wür­de bei mehr­fa­chem Nicht­er­schei­nen tat­säch­lich die Obdach­lo­sig­keit dro­hen; ob das über­haupt ver­fas­sungs­kon­form ist, wird letzt­lich juris­tisch ent­schie­den wer­den müs­sen. Vor dem Hin­ter­grund der Tat­sa­che, dass in fast einem Drit­tel der von der Reform sank­tio­nier­ten Haus­hal­te Kin­der leben1, wir­ken die Plä­ne beson­ders bru­tal.

Zwar lief inner­halb der SPD noch ein Mit­glie­der­be­geh­ren gegen die Reform ab, die Vor­ha­ben genie­ßen jedoch auch unter pro­mi­nen­ten So­zial­demokrat*innen gro­ßen Zuspruch. So argu­men­tier­te Bun­des­so­zi­al­mi­nis­te­rin Bär­bel Bas kürz­lich im Bun­des­tag: »Wer mit­wir­ken kann, der muss das auch tun und darf sich nicht die­ser Unter­stüt­zung«, als die man die Maß­nah­men ver­kauft, »ver­wei­gern«.2 In der­sel­ben Sit­zung behaup­te­te Frau Bas auch, dass »Men­schen, die erkrankt sind oder aus ande­ren Grün­den dem Arbeits­markt nicht zur Ver­fü­gung ste­hen kön­nen«, wei­ter­hin Hil­fe und Schutz erhal­ten müss­ten. Zudem wur­de in den letz­ten Mona­ten auch auf das Schick­sal psy­chisch erkrank­ter Per­so­nen mehr­fach ein­ge­gan­gen. Zwar sind die­se Bekennt­nis­se erfreu­lich; nur fragt man sich, wor­an dann eigent­lich gespart wer­den soll. Die Zahl der soge­nann­ten »Total­ver­wei­ge­rer« – dem gro­ßen Sün­den­bock die­ser Regie­rungs­ko­ali­ti­on – liegt vie­len Schät­zun­gen zufol­ge bei unter einem Pro­zent der Bürgergeldempfänger*innen.3 Und tat­säch­lich: Wäh­rend im Wahl­kampf noch ein Plus in Mil­li­ar­den­hö­he pro­pa­giert wur­de, sol­len laut Gesetzes­entwurf durch die Abschaf­fung des Bür­ger­gelds 2026 maxi­mal 86 Mil­lio­nen Euro ein­ge­spart wer­den.4 Absur­der­wei­se könn­te der Staat man­chen Pro­gno­sen zufol­ge auf­grund höhe­rer Ver­wal­tungs­kos­ten letzt­end­lich sogar drauf­zah­len.

»mehr Kon­trol­le, mehr Stig­ma­ti­sie­rung und höhe­re Hür­den für die Betrof­fe­nen«

Zum The­ma Sozi­al­staats­re­form hat­te sich die Regie­rung in ihrem Koali­ti­ons­ver­trag auf eine von vie­len Kom­mis­sio­nen geei­nigt. Die­se leg­te im Janu­ar 2026 einen 50-sei­ti­gen, 26 Emp­feh­lun­gen umfas­sen­den Bericht vor. Vie­les klingt nach Moder­ni­sie­rungs­vor­schlä­gen, die Kom­mis­si­on hat augen­schein­lich ein ein­fa­che­res, ver­ein­heit­lich­tes und vor allem auch digi­ta­le­res Sozi­al­leis­tungs­sys­tem vor Augen, woge­gen zunächst wenig aus­zu­set­zen ist. Die Gewerk­schaft ver.di sieht in den Reform­ideen sogar »Chan­cen, Zugangs­hür­den abzu­bau­en und ver­deck­te Armut zu ver­rin­gern«. Durch­aus posi­tiv ist auch der Vor­schlag zur auto­ma­ti­schen Kin­der­geld­aus­zah­lung nach der Geburt zu bewer­ten.

Wenig über­ra­schend soll der Leis­tungs­be­zug ins­ge­samt jedoch nicht erhöht wer­den. Sub­stan­ti­el­le Erleich­te­run­gen für die schwächs­ten Mit­glie­der unse­rer Gesell­schaft sind somit nicht in Sicht; im Gegen­teil sind in dem Bericht auch wei­te­re Ver­schär­fun­gen ent­hal­ten. So wür­den Per­so­nen mit klei­nen Zusatz­ver­diens­ten künf­tig weni­ger Geld als nach den aktu­ell gül­ti­gen Regeln behal­ten dür­fen. Die geplan­te Zusam­men­le­gung von Wohn­geld und Kin­der­zu­schlag mit der Grund­si­che­rung wur­de in vie­len Krei­sen eben­falls kri­tisch auf­ge­nom­men. So befürch­tet bei­spiels­wei­se ver.di dadurch »mehr Kon­trol­le, mehr Stig­ma­ti­sie­rung und höhe­re Hür­den für die Betrof­fe­nen«.

Gesund­heits­po­li­ti­sche Plä­ne

Die gesund­heits­po­li­ti­schen Absich­ten der neu­en Regie­rung hat­ten wir in GbP Nr. 2/2025 im Rah­men einer Ana­ly­se des Koali­ti­ons­ver­trags zusam­men­ge­fasst.5 Rhe­to­risch war aus der Regie­rungs­ko­ali­ti­on seit­dem aller­hand an Zuspit­zun­gen zu hören. Die Pfle­ge­stu­fe 1 soll nun vor­erst doch nicht abge­schafft, der Leis­tungs­um­fang jedoch geprüft wer­den. Vor Kur­zem erst empör­te außer­dem der CDU-Wirt­schafts­rat mit der For­de­rung, GKV-Ver­si­cher­te soll­ten ihre zahn­ärzt­li­che Ver­sor­gung in Zukunft sel­ber bezah­len. Hen­drik Stre­eck (CDU), neu­er Sucht- und Dro­gen­be­auf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung, for­der­te unter­des­sen die Wie­der­ein­füh­rung der Pra­xis­ge­bühr. »Eine klu­ge Selbst­be­tei­li­gung« kön­ne »einen posi­ti­ven Anreiz set­zen: für Prä­ven­ti­on, für gesun­de Lebens­füh­rung, für Eigen­ver­ant­wor­tung«, behaup­te­te Stre­eck und beklag­te dabei die »unso­li­da­ri­sche Voll­kas­ko-Men­­ta­li­tät« der Ver­si­cher­ten.

Das gan­ze Land wird auf die nächs­te Zuspit­zung des sys­tem­im­ma­nen­ten Wett­be­werbs mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­der Natio­nen ein­ge­stellt, von dem wir eben­so wenig pro­fi­tie­ren dürf­ten wie die Arbeiter*innen ande­rer Län­der.

Dar­über hin­aus brach­te die Uni­on immer wie­der eine Kon­takt­ge­bühr beim direk­ten Fachärzt*innenbesuch ins Spiel. Dem­nach könn­te bei einer Vor­stel­lung ohne haus­ärzt­li­che Über­wei­sung künf­tig eine Gebühr in Höhe von 200 € pro Ter­min anfal­len. »Wenn wir wol­len, dass die Pati­en­ten wie­der schnel­ler Ter­mi­ne bei Fach­ärz­ten bekom­men, müs­sen wir dafür sor­gen, dass die­se von unnö­ti­gen Baga­tell­fäl­len ent­las­tet wer­den«, begrün­de­te CSU-Gesund­heits­po­li­ti­ker Ste­phan Pil­sin­ger den Vor­stoß. Zwar for­dern auch pro­gres­si­ve Bünd­nis­se wie der vdää* Schrit­te in Rich­tung Pri­mär­ver­sor­gungs­sys­tem. Dies wür­de jedoch unter ande­rem ein Umden­ken in Anzahl und inhalt­li­cher Wei­ter­bil­dung von Hausärzt*innen (z.B. ana­log der bri­ti­schen Gene­ral Prac­ti­tio­ner) sowie wei­te­re, teils sehr zeit­auf­wen­di­ge Umstruk­tu­rie­run­gen erfor­dern. Ledig­lich finan­zi­el­le Sank­tio­nen im Rah­men eines Pri­märarztsys­tems ein­zu­füh­ren, die noch dazu erst vor eini­gen Jah­ren aus gutem Grund abge­schafft wur­den, erscheint hin­ge­gen wenig ziel­füh­rend.

Einen Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung ging im Febru­ar Minis­te­rin Bas mit dem Vor­schlag, die Ein­nah­men der GKV zu stär­ken, anstatt Leis­tun­gen zu kür­zen. Ihrem Plan fol­gend wür­den alle Ein­künf­te, also auch Miet- und Kapi­tal­ein­künf­te, für die Bei­trä­ge zu GKV und Pfle­ge­ver­si­che­rung her­an­ge­zo­gen wer­den. Unse­res Erach­tens wäre das ein wich­ti­ger Schritt zur soli­da­ri­schen Bürger*innenversicherung und damit in Rich­tung mehr Soli­da­ri­tät, der zu begrü­ßen ist. Lei­der wur­de der Vor­schlag von Sei­ten der Uni­on und auch vie­ler Medi­en nur mit Häme bedacht.

Mythos Volks­wirt­schaft

Erstaunt fragt man sich bei der Recher­che, wofür die­ses Regie­rungs­pro­gramm eigent­lich gut sein soll. Sinn­bild­lich dafür ste­hen die Plä­ne zur neu­en Grund­si­che­rung, wonach Mil­lio­nen unse­rer Mitbürger*innen öffent­lich unter Gene­ral­ver­dacht gestellt und mit immer schär­fe­ren und sinn­lo­se­ren Maß­nah­men in den Job­cen­tern gequält wer­den, um jähr­li­che Aus­ga­ben­kür­zun­gen deut­lich unter 0,1% des Bun­des­haus­halts zu erzie­len. Ein ähn­li­ches Mus­ter, wobei schmerz­haf­te Kür­zun­gen zwar viel Leid aber doch eher gerin­ge Ein­spa­run­gen erzeu­gen, lässt sich bei vie­len der genann­ten Vor­schlä­ge beob­ach­ten.

Die Ver­mu­tung liegt daher nahe, dass es Schwarz-Rot nicht nur um Aus­ga­ben­kür­zun­gen geht. Gerecht­fer­tigt wer­den die Austeri­täts­maß­nah­men immer wie­der mit dem Argu­ment, Deutsch­land müs­se wie-
der »wett­be­werbs­fä­hig« wer­den. Augen­schein­lich scheint man die Bevöl­ke­rung auf eine Kri­se des Wirt­schafts­stand­or­tes Deutsch­land ein­stel­len zu wol­len, die unser aller Wohl­stand bedro­he. Mit dem Argu­ment einer schwä­cheln­den hei­mi­schen Wirt­schaft wer­den ange­streb­te Ver­schär­fun­gen wie die Locke­rung von Über­stun­den­re­ge­lun­gen, die Abschaf­fung des Rechts auf Teil­zeit oder eben der beschrie­be­ne Abbau des Sozi­al­staats begrün­det.

Um zu ver­schlei­ern, dass es sich bei der viel beschwo­re­nen Stand­ort­kri­se bis­her vor allem um Ren­di­te­ver­lus­te der Mil­li­ar­därs­klas­se und nicht der all­ge­mei­nen Bevöl­ke­rung han­delt, wird also geschickt der Mythos einer Volks­wirt­schaft beschwo­ren.

»Gleich­zei­tig aller­dings ist von abstür­zen­den Bör­sen­kur­sen oder explo­die­ren­den Arbeits­lo­sen­zah­len nichts zu sehen, die Gewin­ne zumin­dest der glo­bal agie­ren­den Kon­zer­ne sind ordent­lich«, schreibt der Wirt­schafts­jour­na­list und Autor Ste­phan Kauf­mann. »Damit stellt sich die Fra­ge, wor­in die aktu­el­le Kri­se eigent­lich besteht«. Sei­ne Ant­wort: »Öko­no­mi­scher Aus­gangs­punkt die­ser End­zeit­dia­gno­se sind weni­ger Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und Finanz­kri­sen, son­dern Ver­schie­bun­gen auf dem Welt­markt. Chi­na ist zur indus­tri­el­len Super­macht auf­ge­stie­gen, der Wes­ten ver­liert an Bedeu­tung.« Und wei­ter: »Was die eta­blier­ten Indus­trie­na­tio­nen hier bekla­gen, ist weni­ger ihr Unter­gang als die Gefähr­dung ihrer Füh­rungs­po­si­tio­nen«, und damit den Rück­gang ihrer Pro­fi­te.

Wie aber lässt sich die Bereit­schaft eines Groß­teils der Bevöl­ke­rung erklä­ren, den Gür­tel selbst enger zu schnal­len, nur damit Milliardär*innen wei­ter­hin hohe Gewin­ne akku­mu­lie­ren kön­nen? Gemäß Sabi­ne Nuss vom Wirt­schafts­pod­cast »Armuts­zeug­nis« der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung rührt dies »auch daher, dass die arbei­ten­de Bevöl­ke­rung der fes­ten Über­zeu­gung ist, Teil einer Pro­duk­ti­vi­täts­ge­mein­schaft zu sein, in der jeder sei­nen Teil bei­tra­gen muss, damit es vor­an geht. (…) Klas­sen gibt es in die­ser Anschau­ung nicht mehr, auch kein oben und unten. Die­se Gegen­sät­ze lösen sich in einem ima­gi­nä­ren ›Wir‹ auf.«6 Um zu ver­schlei­ern, dass es sich bei der viel beschwo­re­nen Stand­ort­kri­se bis­her vor allem um Ren­di­te­ver­lus­te der Mil­li­ar­därs­klas­se und nicht der all­ge­mei­nen Bevöl­ke­rung han­delt, wird also geschickt der Mythos einer Volks­wirt­schaft beschwo­ren. Oder anders gesagt: Das gan­ze Land wird auf die nächs­te Zuspit­zung des sys­tem­im­ma­nen­ten Wett­be­werbs mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­der Natio­nen ein­ge­stellt, von dem wir eben­so wenig pro­fi­tie­ren dürf­ten wie die Arbeiter*innen ande­rer Län­der.

Im Gegen­satz jedoch zu der von den Eli­ten des Lan­des her­auf­be­schwo­re­nen Stand­ort­kri­se bedroht eine ande­re Wirt­schafts­kri­se tat­säch­lich den Wohl­stand der gro­ßen Mehr­heit. Seit Jah­ren sehen wir einen immer gewal­ti­ge­ren Ver­mö­gen­s­trans­fer aus den Staats­kas­sen und der Mit­te der Gesell­schaft in Rich­tung eini­ger weni­ger Super­rei­cher. Gemäß Oxfams Ungleich­heits-Bericht 2026 kam es seit 2020 zu einem infla­ti­ons­be­rei­nig­ten Ver­mö­gens­an­stieg der Milliardär*innen von fast 80%; die reichs­ten 12 Indi­vi­du­en besit­zen inzwi­schen mehr als die ärme­re Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung. Und auch in Deutsch­land herrscht eine mas­si­ve Ver­tei­lungs­kri­se. Der Gini-Koef­fi­zi­ent – ein weit ver­brei­te­tes Maß für Ver­tei­lung, bei dem 0 abso­lu­te Gleich­heit und 1 abso­lu­te Ungleich­heit bedeu­tet – liegt für Haus­halts­ver­mö­gen hier­zu­lan­de bei etwa 0,77.7 In nack­ten Zah­len aus­ge­drückt besitzt das reichs­te ein Pro­zent der Deut­schen mehr als 35% des Gesamt­ver­mö­gens;8 die ärme­re Hälf­te kommt hin­ge­gen auf nicht ein­mal drei Pro­zent.

Beson­ders per­vers erschei­nen die­se Zah­len im Kon­text der bespro­che­nen Rhe­to­rik der Bun­des­re­gie­rung. Wäh­rend unun­ter­bro­chen die »Leis­tungs­ge­sell­schaft« beschwo­ren wird, wur­de in Wirk­lich­keit mehr als 50% des deut­schen Pri­vat­ver­mö­gens nicht etwa erar­bei­tet, son­dern ver­erbt. Ange­sichts sol­cher Tat­sa­chen schreibt sogar der Prä­si­dent des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, wir wür­den »kei­ne Meri­to­kra­tie, son­dern eine Ver­er­bungs­ge­sell­schaft mit Ten­den­zen zur Olig­ar­chi­sie­rung« erle­ben. Wenn immer weni­ger Men­schen immer rei­cher wer­den, erkauft ihnen dies einer­seits poli­ti­schen Ein­fluss und zer­stört damit unse­re Demo­kra­tie. Ande­rer­seits bedro­hen stei­gen­de Prei­se und Mie­ten und ein unter­fi­nan­zier­ter Staat auch den Lebens­stan­dard der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung. Doch anstatt Ver­mö­gens- und Erb­schafts­steu­ern end­lich gründ­lich zu refor­mie­ren, wird zwang­haft ver­sucht, ein paar Mil­li­ar­den Euro an Sozi­al­aus­ga­ben zu spa­ren.

Aus­blick

Ein viel zitier­ter Spruch des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers Mil­ton Fried­man besagt, dass die in Kri­sen­zei­ten ergrif­fe­nen Maß­nah­men von den gera­de ver­füg­ba­ren Ideen abhän­gen.9 Momen­tan schei­nen zwei – poli­tisch sehr unter­schied­li­che – Ideen beson­ders mit­ein­an­der zu kon­kur­rie­ren. Einer­seits ver­sucht die Olig­ar­chie mit aller Macht, sich gegen Ver­tei­lungs­de­bat­ten zu schüt­zen, indem rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en finan­zi­ell unter­stützt und Medi­en auf­ge­kauft wer­den, die jeweils gegen Sozialleistungsempfänger*innen und Frem­de Stim­mung machen. Auch das hier dar­ge­stell­te Austeri­täts­pro­gramm von Uni­on und SPD lässt sich nicht getrennt von die­ser Ent­wick­lung betrach­ten.

Auf der ande­ren Sei­te konn­ten kürz­lich unter ande­rem die Par­tei Die Lin­ke und der neue New Yor­ker Bür­ger­meis­ter Zohr­an Mamda­ni über­ra­schen­de Wähler*innenpotenziale frei­set­zen, indem sie auf The­men wie bezahl­ba­re Mie­ten, gerin­ge­re Lebens­hal­tungs­kos­ten, ver­bes­ser­te Sozi­al­pro­gram­me und eben höhe­re Rei­chen­steu­ern setz­ten. Die wich­tigs­te Auf­ga­be der nächs­ten Jah­re könn­te es daher sein, sich der ers­ten Idee kon­se­quent zu wider­set­zen und die Zwei­te mög­lichst weit zu ver­brei­ten. Als Fach­kräf­te des Gesund­heits­we­sens tra­gen wir in die­sem Kon­text die beson­de­re Ver­ant­wor­tung, auf die fata­len Fol­gen von Austeri­täts­maß­nah­men zu ver­wei­sen und mög­li­che Alter­na­ti­ven auf­zu­zei­gen.

  1. Kala­rick­al, Jas­min (2025): Bür­ger­geld. Fast jede drit­te Sank­ti­on trifft ein Kind, taz.de, abge­ru­fen am 27.01.2026 ↩︎
  2. Emundts, Corin­na (2026): Die neue Grund­si­che­rung spal­tet – auch die SPD, tagesschau.de, abge­ru­fen am 27.01.2027 ↩︎
  3. Der unschö­ne Begriff des »Total­ver­wei­ge­rers« ist nicht klar defi­niert. Eine viel kur­sie­ren­de Schät­zung setzt die Anzahl der Fäl­le, in denen zwi­schen Janu­ar und Novem­ber 2023 Leis­tungs­min­de­run­gen auf­grund der Ver­wei­ge­rung von Arbeit, Aus­bil­dung oder Wei­ter­bil­dung erfolg­ten, in Rela­ti­on mit der Gesamt­zahl der Bürgergeldempfänger*innen im sel­ben Zeit­raum. Sie­he z.B. Kosick, Peter (2025): Mythos »Total­ver­wei­ge­rer« beim Bür­ger­geld: Was die Zah­len wirk­lich zei­gen, buerger-geld.org, abge­ru­fen am 27.01.2026 ↩︎
  4. ZDF heu­te (2026): Damit müs­sen Arbeits­lo­se rech­nen – Das wird kri­ti­siert, zdfheute.de, abge­ru­fen am 01.02.2026 ↩︎
  5. Sie­he »Neu­auf­la­ge der Gro­Ko. Gesund­heit und Pfle­ge im Koali­ti­ons­ver­trag« aus GbP Nr. 2/2025 ↩︎
  6. RLS-Pod­cast »Armuts­zeug­nis« vom 15.11.2025, Trankrip­ti­on durch Gui­do Speck­mann für ak Nr. 722 vom 20.01.2026 ↩︎
  7. Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ener­gie (2024): Ver­mö­gens­un­gleich­heit in Deutsch­land und Euro­pa ↩︎
  8. Cars­ten Schrö­der et al. (2020): Mil­lio­nä­rIn­nen unter dem Mikro­skop: Daten­lü­cke bei sehr hohen Ver­mö­gen geschlos­sen – Kon­zen­tra­ti­on höher als bis­her aus­ge­wie­sen, DIW Wochen­be­richt 292020, S. 511–521 ↩︎
  9. Das Zitat wird regel­mä­ßig u.a. durch den ein­fluss­rei­chen eng­li­schen Öko­no­men und frü­he­ren Invest­ment­ban­ker Gary Ste­ven­son bemüht, sie­he z.B. »Gary’s eco­no­mics« (You­Tube-Kanal/ Pod­cast) ↩︎
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