vdää* zum Sexismus in der Medizin
19.05.2026 – Beim letzten Ärztetag haben junge Mediziner*innen von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (BVMD) den Mut gefunden, sich an die (Ärztetags-)Öffentlichkeit zu wenden und zu schildern, dass sie von Anwesenden sexistisch belästigt und diskriminiert wurden. Sie betonten dabei, dass sie sich bewusst nicht als Einzelfälle hinstellen wollten, sondern auf ein systemisches Problem hinweisen und aufmerksam machen: So ergab eine Umfrage des Marburger Bundes vom Februar/März 2026, dass etwa drei Viertel der weiblichen Befragten in den letzten 12 Monaten sexuelle Belästigung erlebten.
Beim Ärztetag gab es sofort aus den Reihen der Ärzt*innen Solidarität. Den Beschluss, Machtmissbrauch und Übergriffe in der Medizin beim nächsten Deutschen Ärztetag zu thematisieren, begrüßen wir sehr. Es wird Zeit, denn verschiedene Studien z.B. von der Charité und vom Marburger Bund belegen, dass es in der Medizin ein Sexismusproblem gibt. Insbesondere weibliche Beschäftigte des Gesundheitswesens wissen, dass diese Erfahrungen alltäglich sind – im Hörsaal, im Praktikum, im OP, auf Station oder in der Praxis.
Den älteren Kolleg*innen unter uns scheint es, als ob sich diesbezüglich nicht viel geändert hat in den letzten Jahrzehnten. Uns ist wichtig, dass darüber gesprochen werden muss, was die strukturellen Bedingungen sind, die sexistisches Verhalten im Gesundheitswesen und insbesondere auch in ärztlichen Zusammenhängen begünstigen und immer noch aufrechterhalten:
- Schon im Studium und insbesondere in den Krankenhäusern prägen autoritäre Verhältnisse die Arbeitsorganisation. Der Berufsalltag und die berufliche Weiterentwicklung werden dadurch oft durch persönliche Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt. Dass es in der Medizin so viele Vorfälle gibt, ist unter anderem mit dem extremen Machtgefälle und steilen Hierarchien zu erklären; z.B. sind Ärzt*innen in Weiterbildung von ihren Weiterbildungsermächtigten stark abhängig und auch im Verlauf des weiteren Berufslebens sind persönliche Beurteilungen und Referenzschreiben zentral. Sichere, gesunde und emanzipierte multiprofessionelle Kooperation wird durch die undemokratische Organisation der meisten Strukturen des Gesundheitswesens sehr erschwert und Machtmissbrauch verstetigt.
- Mit der rasant zunehmenden Ökonomisierung und der Kürzungspolitik verschärft sich diese Situation weiter. Insbesondere natürlich in den am schlechtesten bezahlten Berufen und für die Patient*innen, die solchen Verhaltensweisen in besonderem Maße ausgeliefert sind. Außerdem zerrütten permanenter Stress, Überforderung und die Begünstigung grenzüberschreitender Selbstausbeutung die sozialen Beziehungen. Nicht zuletzt mangelt es an ausreichend Zeit, um sicheres Arbeiten zu ermöglichen, Verhalten zu besprechen und zu reflektieren.
- Es fehlen unabhängige Meldestrukturen, die mit der nötigen Macht und den Ressourcen ausgestattet sind, um Betroffenen sichere Möglichkeiten der Gegenwehr zu erleichtern.
- Und nicht zuletzt dominieren im ambulanten Sektor Einzelpraxen mit unmittelbar persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen und einer klaren ökonomischen wie beruflichen Hierarchie, die solchem Verhalten keiner immanenten Kritik unterwerfen.
Wichtig ist es, Unterstützungs- und Meldestrukturen zu fördern, Betriebs- und Personalräte für das Thema Sexismus zu sensibilisieren, sich als Gesundheitsbeschäftigte mit Betroffenen solidarisch zu zeigen, Patient*innen zu schützen und auf demokratisierende Strukturveränderungen hinzuarbeiten, die Abhängigkeitsverhältnisse verringern könnten.
Es gilt, das Schweigen wegen der berechtigten Sorge vor beruflichen Konsequenzen zu durchbrechen und Kolleg*innen vor weiteren sexistischen Vorfällen zu schützen. Schon jetzt zeigt der Mut der Studierenden erste Wirkung, einzelne Verbände und Delegierte des Ärztetages reagierten unverzüglich.
Dr. Nadja Rakowitz, Pressesprecherin des vdää*







