Inter­view mit Alei­da Gue­va­ra zur Situa­ti­on im kuba­ni­schen Gesund­heits­we­sen

Alei­da Gue­va­ra, eine Toch­ter von Che Gue­va­ra, arbei­tet auf Kuba als Päd­ia­te­rin mit Schwer­punkt All­er­go­lo­gie. Im April befand sie sich auf eine Soli­da­ri­täts­rei­se durch Euro­pa. Wir nutz­ten die Gele­gen­heit, um mit ihr über die Situa­ti­on im kuba­ni­schen Gesund­heits­we­sen zu spre­chen. Das Inter­view führ­te Bern­hard Win­ter für den vdää* am 15.04.2026. Die Über­set­zung erfolg­te freund­li­cher­wei­se durch Petra Wege­ner.

Bern­hard Win­ter: Kannst du uns bit­te kurz das kuba­ni­sche Gesund­heits­we­sen beschrei­ben? Was ist das Spe­zi­fi­sche an kuba­ni­schen Gesund­heits­we­sen im Ver­gleich ins­be­son­de­re zu ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­sys­te­men?

Alei­da Gue­va­ra: Das kuba­ni­sche Gesund­heits­we­sen ist ein kom­plett öffent­li­ches. Kein ein­zi­ger kuba­ni­scher Arzt darf Pri­vat­kon­sul­ta­tio­nen durch­füh­ren. Es ist für die gesam­te Bevöl­ke­rung zugäng­lich, egal wo im Land. Und es gibt kei­ner­lei Unter­schei­dung hin­sicht­lich der Pati­en­ten bezo­gen auf Haut­far­be, sexu­el­le Aus­rich­tung oder Ideo­lo­gie. Der Cha­rak­ter des Sys­tems ist ein prä­ven­ti­ver, weil es wesent­lich ein­fa­cher ist, prä­ven­tiv auf eine Krank­heit hin­zu­ar­bei­ten, also sich vor ihr zu schüt­zen, als sie zu behan­deln und zu hei­len. Und wir erzie­hen und bil­den die­je­ni­gen, die in dem Bereich tätig sind, auch im Sin­ne des inter­na­tio­na­lis­ti­schen Cha­rak­ters. Seit den 80er Jah­ren haben wir den Fami­li­en­arzt, das ist ver­gleich­bar dem Haus­arzt. Er ist jeweils ver­ant­wort­lich für unge­fähr 190 Fami­li­en. Die­ser Arzt hat sei­nen Behand­lungs­raum, und wohnt dann dar­über. Er ist ver­ant­wort­lich für die gesam­te Bevöl­ke­rung in dem Vier­tel. Und sofern es not­wen­dig ist, macht er dann die Über­wei­sung in die Poli­kli­nik oder in spe­zia­li­sier­te Kran­ken­häu­ser. Und ein­mal wöchent­lich kom­men die Spe­zia­lis­ten oder die Fach­ärz­te aus der Poli­kli­nik, um gemein­sam mit die­sem Haus­arzt ent­spre­chen­de Behand­lun­gen oder Sprech­stun­den abzu­hal­ten. Und das Inter­es­san­te ist, dass die­ser Haus­arzt auch eine Auf­stel­lung macht dar­über, wel­che Krank­hei­ten sei­ne Pati­en­ten haben. Das heißt, er weiß, wie vie­le Asth­ma­ti­ker in die­ser Bevöl­ke­rung sind, für die er zustän­dig ist, wie vie­le Men­schen mit Blut­hoch­druck da sind, wie vie­le Dia­be­ti­ker dar­un­ter sind. Und die­se Zah­len gibt er prak­tisch eine Ebe­ne höher wei­ter in die­sem Gesund­heits­be­reich. Und das trägt dazu bei, dass die Kreis- oder ört­li­chen Apo­the­ken bes­ser ziel­ge­rich­tet damit Medi­ka­men­ten ver­sorgt wer­den kön­nen. Die­ser, ich nen­ne ihn wei­ter­hin Fami­li­en­arzt, hat auch eine ganz enge Anbin­dung an die ein­zel­nen Betrie­be, die vor Ort vor­han­den sind. Und genau­so auch mit den Schu­len und den Kin­der­gär­ten, die dort sind. Das ist also eine wirk­lich umfas­sen­de und in die­sem Sin­ne inte­grier­te und inte­grie­ren­de Arbeit. Und das Fami­li­en­arzt-Sys­tem gibt es in jeder Stadt, in jedem Dorf, im gesam­ten Land.

BW: Im gesam­ten Land, auch immer mit der Quo­te, ein Arzt etwa 190 Fami­li­en.

AC: Also auf dem Lan­de gibt es nicht mehr die­ses Ver­hält­nis, son­dern es ist gerin­ger, also weni­ger Fami­li­en pro Arzt, weil sie ein­fach so weit ent­fernt und ver­streut sind.

BW: Was waren in der Ver­gan­gen­heit die größ­ten Erfol­ge des kuba­ni­schen Gesund­heits­we­sens?

AG: Die prä­ven­ti­ve Arbeit. Es ist uns gelun­gen, den Gesund­heits­zu­stand all­ge­mein der Bevöl­ke­rung extrem zu ver­bes­sern. Kin­der erhal­ten bei uns unge­fähr 16 Imp­fun­gen gegen die unter­schied­lichs­ten Krank­hei­ten. Dann geht es auch sehr viel um Umwelt, also das bezo­gen auf die Fami­li­en. Und dann ist auch immer wich­tig der Aspekt der Aus­bil­dung und auch Erzie­hung in die­sem Sin­ne der­je­ni­gen, die in die­sem Bereich des Fami­li­en­arz­tes leben. Zum Bei­spiel, der Arzt fin­det eine schwan­ge­re Frau vor und je nach­dem, wie sozu­sa­gen die Vor­ge­schich­te die­ser Schwan­ge­ren aus­sieht und in Abhän­gig­keit davon, wie die ers­ten Tage die­ser Schwan­ger­schaft ver­lau­fen, kann er von dort aus, vor Ort, die­se Schwan­ger­schaft beglei­ten. Oder er kann sie bei Pro­ble­men direkt zum Frau­en­arzt, bezie­hungs­wei­se in die Frau­en­kli­nik brin­gen. Und in der Frau­en­kli­nik tritt er dann natür­lich in Kon­takt mit dem Frau­en­arzt und bei­de zusam­men kön­nen die­se Schwan­ger­schaft gut beglei­ten. Das heißt, die­se Zusam­men­ar­beit ermög­licht, dass das Kind gesund und auch mit einem guten Gewicht gebo­ren wer­den kann.

Es wird sehr dar­an gear­bei­tet, die schlech­ten Gewohn­hei­ten, die wir so ange­nom­men haben, wie­der abzu­bau­en. Rau­chen zum Bei­spiel. Alko­hol trin­ken. Also, das wird sehr sehr inten­siv über­legt, wie die Leu­te sich unter gesund­heit­li­chen Aspek­ten bes­ser ent­wi­ckeln kön­nen. Wir sagen immer, wir leben wie ein armes Land, aber wir ster­ben wie ein rei­ches Land, da wir an den­sel­ben Krank­hei­ten ster­ben wie die Men­schen in der ers­ten Welt. Die Armuts­krank­hei­ten haben wir über­wun­den.

BW: Darf ich noch­mal zurück­kom­men auf die Umwelt? Du hast vor­hin auch erwähnt, dass der Fami­li­en­arzt auch die Umwelt­aspek­te berück­sich­tigt. Wie sieht das prak­tisch aus?

AG: Es gab Orte oder Gegen­den, wo wir fest­ge­stellt haben, dass die Kin­der, die gebo­ren wur­den, gewis­se, ja, Ver­let­zun­gen, ist falsch, aber Ein­schrän­kun­gen hat­ten. Und der Fami­li­en­arzt stellt fest, dass sowas auf­tritt und infor­miert dar­über. So, dass das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um dar­auf­hin Wis­sen­schaft­ler in die­ses Gebiet schickt. Man unter­sucht die Qua­li­tät des Was­sers, eben­so die Qua­li­tät der Luft. Und dann kann man auch sehen, ob in der Nähe irgend­ei­ne Indus­trie­an­la­ge ist. Und in die­sem Fall, auf den ich mich bezie­he, hat man fest­ge­stellt, dass so ein Indus­trie­be­trieb in der Nähe war und das Was­ser ver­seucht hat. Und die­se Schwer­me­tal­le haben halt zu die­sen Beein­träch­ti­gun­gen geführt.

BW: Das heißt, das Pro­blem wur­de besei­tigt?

AG: Und dann wur­de dort auch eine Spe­zi­al­kli­nik ein­ge­rich­tet, die eben auf die Behand­lung die­ser Kin­der, die schon gebo­ren wor­den waren, aus­ge­rich­tet ist.

Ich habe in Moa gear­bei­tet. Das ist eine ziem­lich indus­tri­ell aus­ge­rich­te­te Stadt. Da haben wir den größ­ten Anteil an Nickel­auf­kom­men in Kuba. Aber mor­gens um zwei wech­selt die Wind­rich­tung. Und der Rauch aus den Schorn­stei­nen der Fabrik kommt über die Stadt. Da hat­ten wir also dann Kin­der, die sehr stark ein­ge­schränkt waren hin­sicht­lich Atmung. Wir haben dar­über infor­miert. Und haben ver­langt, dass die­ser Schorn­stein auf jeden Fall erhöht wer­den muss­te und das ist uns gelun­gen.

BW: Der Fami­li­en­arzt, arbei­tet er auch aktiv mit den Fami­li­en zum Bei­spiel, um hygie­ni­sche Ver­hält­nis­se zu ver­bes­sern?

AG: Er ist letzt­lich auch ein Sozi­al­ar­bei­ter. Weil er die rea­len Schwie­rig­kei­ten der Bevöl­ke­rung immer prä­sent hat, also auch kennt. Dann infor­miert er den Poder Popu­lar, die Volks­macht. Also zur Erklä­rung: Wir haben die Natio­nal­ver­samm­lung der Volks­macht, das ist das Par­la­ment. Dann haben wir das auf Pro­vinz­ebe­ne. Und dann auf Kreis­ebe­ne. Der Fami­li­en­arzt han­delt auf Kreis­ebe­ne und infor­miert auf die­ser Ebe­ne das ent­spre­chen­de Par­la­ment über die Schwie­rig­kei­ten, die in die­sem Kreis auf­tre­ten. Und es ist ver­pflich­tend, dass er eine Ant­wort bekommt. Und wenn das die erfor­der­li­chen Reak­tio­nen über die Mög­lich­kei­ten die­ser Kreis­ebe­ne, Kreis­par­la­ment oder Tag hin­aus­ge­hen. Dann hat die­ser Fami­li­en­arzt auch die Mög­lich­keit, direkt ent­we­der das Pro­vinz­par­la­ment, nen­ne ich es mal, oder auch auf natio­na­ler Ebe­ne, Natio­nal­ver­samm­lung zu infor­mie­ren.

BW: Und der Fami­li­en­arzt arbei­tet immer allein in sei­ner Pra­xis? Oder hat er gege­be­nen­falls auch noch Unter­stüt­zung von Sozi­al­ar­bei­tern, Heb­am­men, Com­mu­ni­ty Health Nur­ses oder ande­ren Pro­fes­sio­nen?

AG: Ich hat­te ver­ges­sen zu sagen, dass in jeder Pra­xis natür­lich auch eine Kran­ken­schwes­ter ange­stellt ist. Und die­se Kran­ken­schwes­ter ist in dem gesam­ten Bereich, der abge­deckt wird, auch zustän­dig. Aber wir hat­ten ein Pro­blem: Wir haben also, als wir das errich­tet haben, die­se Fami­li­en­arzt­pra­xen, nur an die Woh­nung für den Arzt gedacht und die­se rea­li­siert. Aber es gab kei­ne Woh­nung für die Kran­ken­schwes­ter.

BW: Das kommt mir irgend­wie bekannt vor, dass an die Pfle­gen­den nicht gedacht wird.

AG: Also, dadurch, dass wir das ver­ges­sen hat­ten, gibt es schon eini­ge Pra­xen, wo auch die Woh­nung für die Kran­ken­schwes­ter dabei ist, aber das ist eher die Min­der­zahl. Das ist, muss man sagen, auch ein­fach ein wirt­schaft­li­ches Pro­blem, ja. Aber wir ver­su­chen und haben ver­sucht, das zu lösen, aber wir sind nicht an die 100 Pro­zent gekom­men.

Aber die­ser Fami­li­en­arzt möch­te nicht immer Fami­li­en­arzt sein. Des­we­gen, die Anfor­de­run­gen an sie, min­des­tens drei Jah­re als Fami­li­en­arzt tätig zu sein, und danach kann er eine wei­te­re fach­li­che Qua­li­fi­zie­rung machen. Also, wir haben vie­le Fami­li­en­ärz­te, die von der fach­li­chen Aus­bil­dung her Kar­dio­lo­gen sind oder zum Bei­spiel auch Kin­der­ärz­te und ähn­li­ches.

BW: Und die wer­den dann zen­tral ver­schickt an ihre Arbeits­stel­len oder wie funk­tio­niert das?

AG: Also, in allen Pro­vin­zen gibt es medi­zi­ni­sche Fakul­tä­ten. Bei man­chen sogar mehr als eine. Das kommt dar­auf an, wie groß die Bevöl­ke­rung in dem Gebiet ist. Und es ist eben genau die­se Pro­vinz­ebe­ne, die fest­legt, wel­cher Arzt in wel­che Pra­xis als Fami­li­en­arzt geht. Ich zum Bei­spiel, ich war kei­ne Fami­li­en­ärz­tin. Also ich habe das nicht gemacht, ich habe direkt als Kin­der­ärz­tin gear­bei­tet. Denn in dem Moment, als ich fer­tig war, gab es einen ziem­lich hohen Man­gel an Kin­der­ärz­ten. Und des­we­gen muss­te das prio­ri­siert wer­den. Und dann wur­den wir halt gefragt, ob wir fähig, bereit sind, das zu tun. Die­se Fra­ge wird natür­lich denen mit den bes­ten Abschlüs­sen oder Ergeb­nis­sen gestellt. Die zum Bei­spiel viel­leicht auch in dem Fach­ge­biet sozu­sa­gen als, wie heißt das, als wis­sen­schaft­li­che, als Assis gear­bei­tet haben.

Und wir als Uni­ver­si­täts­stu­den­ten, wir haben dar­um gebe­ten, dass die Chir­ur­gen nicht als Fami­li­en­arzt ein­ge­setzt wer­den soll­ten. War­um? Weil die sehr wenig Zeit haben. Der Chir­urg muss sei­ne Hän­de beherr­schen, sehr gut beherr­schen und im Kopf sehr klar sein. Ja, und obwohl die all­ge­mei­ne Aus­bil­dung für alle sehr gut ist. Aber die­se drei Jah­re, das wäre Zeit, die einem Chir­ur­gen qua­si ver­lo­ren gehen wür­de.

BW: Aber ihm fehlt dann natür­lich auch eine grund­le­gen­de Erfah­rung.

AG: Er muss halt gewis­se Fer­tig­kei­ten in dem Sin­ne haben, die er durch­aus in den drei Jah­ren ver­lie­ren kann. Und des­we­gen wird die chir­ur­gi­sche Aus­bil­dung sozu­sa­gen schnel­ler gemacht, weil die drei Jah­re feh­len. Zum Bei­spiel mei­ne jün­ge­re Toch­ter. Als die einen Abschluss gemacht hat, gab es prak­tisch einen umfang­rei­chen Man­gel an Gefäß­chir­ur­gen. Sie war Medi­zin­stu­den­tin, hat­te den ers­ten Abschluss und da hat man ihr die Mög­lich­keit gege­ben, direkt im Anschluss Gefäß­chir­ur­gie zu stu­die­ren.

BW: Wir müs­sen lei­der noch über die Aus­wir­kun­gen der US-Blo­cka­de auf das Gesund­heits­we­sen spre­chen. Aber unab­hän­gig davon, das wür­de ich jetzt erst mal im Moment aus­blen­den wol­len, könn­test du noch mal sagen, was funk­tio­niert im Moment wirk­lich gut und wo siehst du im Moment, unab­hän­gig von der US-Blo­cka­de Pro­ble­me bei der Ent­wick­lung des Gesund­heits­we­sens?

AG: Das Ding ist, das eine bedingt das ande­re. Okay. Zum Bei­spiel, wir hat­ten immer Medi­ka­men­ten­man­gel, weil es eben sehr schwie­rig ist, die zu erwer­ben. Wir haben ver­sucht, einen wis­sen­schaft­li­chen Pool auf­zu­bau­en, sodass wir Imp­fun­gen ent­wi­ckeln kön­nen, vor allem Prä­ven­tiv­imp­fun­gen. Momen­tan wird gear­bei­tet an der Ent­wick­lung einer Imp­fung gegen Lun­gen­krebs bei klein­zel­li­gem Lun­gen­krebs. Wir haben eine Imp­fung gegen Pro­sta­ta­krebs, auch gegen Brust­krebs und ja, Ute­rus­krebs. Wie haben dia­be­ti­sche Pati­en­ten, die aus einer oder ande­ren Art und Wei­se oder aus einem ande­ren Grund die Behand­lung nicht ordent­lich machen oder dia­be­ti­sche Geschwü­re fest­stel­len müs­sen, wo die Dia­gno­se sehr spät erst erfolgt ist. Wir haben also dann eine Injek­ti­on, ein Medi­ka­ment ent­wi­ckelt, das wird ange­wen­det durch Injek­tio­nen im dia­be­ti­schen Fuß und dadurch konn­ten wir sehr vie­le Ampu­ta­tio­nen ver­mei­den. Da wir ein Land sind, in dem man schlecht isst, denn wir essen ger­ne alles, was dick macht. Damit haben wir also vie­le Pro­ble­me mit hohem Cho­le­ste­rin­spie­gel und da haben wir ein Medi­ka­ment ent­wi­ckelt, das heißt PPG, das auf der Grund­la­ge von Zucker­rohr ent­wi­ckelt ist, und damit ist es uns gelun­gen, den Cho­le­ste­rol­wert im Blut zu sen­ken. Da wir rea­le Män­gel haben, suchen wir nach Alter­na­ti­ven in der tra­di­tio­nel­len Medi­zin. Wir haben ange­fan­gen, Aku­punk­tur anzu­wen­den und zu ent­wi­ckeln. Wir arbei­ten rela­tiv viel mit Homöo­pa­thie, eben­so mit tra­di­tio­nel­len Kräu­tern, die man hier ange­wen­det hat. Zum Bei­spiel pro­du­zie­ren wir kei­ne Nasen­trop­fen in Kuba. Und prak­tisch jeder Arzt kennt irgend­ein pflanz­li­ches Rezept, mit dem eben der Aus­fluss aus der Nase beherrscht wird. Das heißt, eine Sache hat dazu geführt, dass wir etwas ande­res ent­wi­ckeln muss­ten. Im Moment das Wich­tigs­te im Gesund­heits­sys­tem ist die­ser wis­sen­schaft­li­che Pool.

Wir haben fünf Vak­zi­ne gegen Covid-19. Dank die­ses Pools haben wir fünf Imp­fun­gen oder Impf­stof­fe gegen Coro­na ent­wi­ckeln kön­nen. Wir haben vie­le Schwie­rig­kei­ten. Wir haben zum Bei­spiel kein ange­brach­tes pas­sen­des Sys­tem, kein aus­ge­bau­tes Sys­tem von RTW. Wir muss­ten daher in vie­len Krei­sen eben rela­tiv klei­ne Kran­ken­haus oder ähn­li­che Ein­rich­tun­gen schaf­fen, wo wir eben die­se Not­fäl­le mit Infarkt oder mit Hirn­schlag oder sowas direkt behan­deln kön­nen. Das heißt, wir haben inner­halb des Sys­tems des Gesund­heits­we­sens Din­ge ent­wi­ckeln müs­sen, weil wir in die­sen Berei­chen Pro­ble­me haben. Zum Bei­spiel die Son­der­pe­ri­ode, als die euro­päi­schen sozia­lis­ti­schen Län­der auf­ge­hört haben zu exis­tie­ren. Das war für Kuba eine außer­or­dent­lich schwie­ri­ge Situa­ti­on. Und wenn wir auf die Lebens­mit­tel­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung damals schau­en, da haben wir zum Bei­spiel Hack­fleisch erwer­ben kön­nen, aber da war sehr viel Soja drin. Das hat man deut­lich geschmeckt, so dass zum Bei­spiel die schwan­ge­ren Frau­en das nicht essen moch­ten. Ent­spre­chend muss­ten wir fest­stel­len, dass ziem­lich vie­le Neu­ge­bo­re­ne sehr gerin­ges Gewicht hat­ten. Und dann haben wir prak­tisch Häu­ser gebaut für die­se Schwan­ge­ren, wo der Staat für die­se Schwan­ge­ren eine etwas bes­se­re Lebens­mit­tel­ver­sor­gung gesi­chert hat. Das heißt, die Not­wen­dig­kei­ten, die bestehen, die befrie­digt wer­den müs­sen, zwan­gen uns, den Staat dazu, in die­sem Fal­le die­se Häu­ser zu bau­en.

Ärz­te, die im Moment als Ärz­te arbei­ten, hal­te ich tat­säch­lich für Hel­den der Arbeit, weil der Lohn oder das Gehalt, was sie bezie­hen, nicht dem ent­spricht, was man in der aktu­el­len Situa­ti­on braucht, um sich ver­sor­gen zu kön­nen. Das Gehalt liegt dar­un­ter, sodass wir einen Exodus von Fach­kräf­ten ver­zeich­nen. Und zwar einen Exodus nicht aus dem Land hin­aus, son­dern aus dem Beruf hin­aus, z. B. um als Taxi­fah­rer zu arbei­ten.

BW: Die US-Blo­cka­de gibt es ja seit dem Sieg der Revo­lu­ti­on 1959. Wo trifft sie am schlimms­ten das Gesund­heits­we­sen und wie wird dadurch die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung beein­träch­tigt?

AG: Also die schwer­wie­gends­te Aus­wir­kung ist die hin­sicht­lich der Medi­ka­men­ten­ver­sor­gung. Damit Kuba auf dem Welt­markt wel­ches Medi­ka­ment auch immer erwer­ben kann, müs­sen wir auf drei, vier, ja sogar fünf Zwi­schen­händ­ler zurück­grei­fen, was dazu führt, dass das Medi­ka­ment extrem teu­er wird. Du hast eine Nach­fra­ge?

BW: Das ist man nicht ganz ver­ständ­lich, weil die meis­ten Gene­ri­ka zum Bei­spiel ja in Indi­en und Chi­na pro­du­ziert wer­den.

AG: Das Pro­blem ist, dass die Blo­cka­de eben genau dazu da ist, zu ver­hin­dern, dass wir die­se Medi­ka­men­te direkt ein­kau­fen. Mit Chi­na haben wir kei­ne grö­ße­ren Pro­ble­me. Bei Chi­na kommt es immer dar­auf an, wie groß der US-Druck gegen die ent­spre­chen­den Her­stel­ler ist, oder wie die­se dem wider­ste­hen. Wie funk­tio­niert also die Blo­cka­de? Also die USA in dem Fal­le, schau­en ganz genau, wel­cher Her­stel­ler oder wel­cher Wirk­stoff oder ähn­li­ches von uns erwor­ben wird. Und sie haben die unter­schied­lichs­ten Mög­lich­kei­ten und For­men, den ent­spre­chen­den Her­stel­ler dann zu beein­flus­sen. Zuerst, wenn die­ser Her­stel­ler oder die­se Fabrik, je nach­dem, in irgend­ei­ner Form US-ame­ri­ka­ni­sches Kapi­tal hat oder erhält, wird das schlicht und ergrei­fend ent­zo­gen. Wenn, also die­ser Her­stel­ler, Wirk­stof­fe oder irgend­was inner­halb der Pro­duk­ti­ons­ket­te nutzt, was ursprüng­lich irgend­wie mal aus den USA kam, dann ist es das­sel­be Prin­zip. Oder, ganz ein­fach, die Dro­hung gegen den Her­stel­ler, dass, wenn er wei­ter­hin an Kuba ver­kauft, er kei­nen US-Markt mehr haben wird. Aber da ist noch was ande­res dahin­ter. Das sind Län­der, die doch ziem­lich weit weg sind von Kuba. Und um eine gro­ße Men­ge an was auch immer zu trans­por­tie­ren, braucht man ein Schiff. Und Kuba hat kei­ne gro­ßen Schif­fe. Das heißt, sie müs­sen qua­si ange­mie­tet wer­den. Aber auf­grund des Blo­cka­de­ge­set­zes, ist es so, dass ein Schiff, was einen Hafen in Kuba anläuft, min­des­tens sechs Mona­te lang kei­nen US-Hafen anlau­fen darf. Das heißt, der Ree­der, bei dem wir sozu­sa­gen das Schiff anmie­ten, in Anfüh­rungs­zei­chen, der ver­langt von uns dafür den drei‑, vier­fa­chen Preis von dem, was er nor­ma­ler­wei­se ver­lan­gen wür­de, um die­se sechs Mona­te abzu­de­cken. Und das macht das Pro­dukt wie­der­um teu­rer. Das ist das Dilem­ma der Blo­cka­de. Und außer­dem betrifft sie prak­tisch jeg­li­chen Lebens­be­reich, alle.

BW: Was mich ges­tern auf der Ver­an­stal­tung noch­mal sehr scho­ckiert hat, war der Bericht von dir, dass wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie selbst die Ein­fuhr von Beatmungs­ge­rä­ten und Sau­er­stoff unter die Blo­cka­de fiel.

AG: Ja, das wur­de voll blo­ckiert.

BW: Wir müs­sen jetzt aber lei­der auch dar­über spre­chen, was die Zuspit­zung der US-Aggres­si­on jetzt unter dem Trump-Regime für das Gesund­heits­we­sen und die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung bedeu­tet.

AG: Wir erzeu­gen kein Erd­öl. Hand­schu­he, Kathe­ter, Sprit­zen, all das stel­len wir nicht her. Wir müs­sen die kau­fen. Wir haben fünf Impf­stof­fe, kuba­ni­sche Impf­stof­fe gegen Coro­na ent­wi­ckelt. Die sind effi­zi­ent, die haben kei­ne Neben­wir­kun­gen, also Schä­den her­vor­ge­ru­fen. Aber wir hat­ten kei­ne Kanü­le. Wir muss­ten uns an die Soli­da­ri­täts­be­we­gung wen­den, weil man uns die­se Kanü­len nicht hat kau­fen las­sen. Jetzt, in die­sem Moment sozu­sa­gen. Ja, ich habe schon gesagt, gibt es die­sen Exodus von Fach­kräf­ten. Alles, was man als Pro­dukt inner­halb von Kuba erwirbt, ist teu­er gewor­den. Weil wir ein paar klei­ne Unter­neh­men haben, die­se klei­nen oder Kleinst­un­ter­neh­men sind die ein­zi­gen, denen die USA erlau­ben, dort etwas zu kau­fen. Aber die, die das jetzt impor­tie­ren, wenn die das auf den Markt brin­gen, dann ver­kau­fen sie es zum Preis, der ihnen so gera­de ein­fällt.

BW: Also die USA ist mit der kuba­ni­schen Bour­geoi­sie soli­da­risch.

AG: All das führt dazu, dass ein im Gesund­heits­we­sen Beschäf­tig­ter, der ein staat­li­ches Gehalt hat und damit wirt­schaft­li­che Pro­ble­me, sein Leben abzu­si­chern. Ent­we­der du hast einen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, der dich unter­stützt, dann kannst du wei­ter­hin als Arzt arbei­ten. Oder es wird extrem schwie­rig. Also wir haben die­sen Exodus. Dann man­gelt es an sämt­li­chen Mate­ria­li­en, die wir brau­chen, um ordent­lich arbei­ten zu kön­nen. Dann haben wir zum Bei­spiel Pro­ble­me mit der Rei­ni­gung in den Kran­ken­häu­sern. Weil es die Rei­ni­gungs­mit­tel, die gebraucht wer­den, nicht gibt . Wer lei­det also dar­un­ter?

Vor allen Din­gen der Pati­ent wird dadurch Nach­tei­le erlei­den. Frü­her haben wir bei­spiels­wei­se fünf OPs in der Kar­dio­chir­ur­gie täg­lich gemacht. Heu­te kön­nen wir fünf OPs in der Woche rea­li­sie­ren

BW: Ganz herz­li­chen Dank für den Ein­blick ins Gesund­heits­we­sen. Wie du ges­tern Abend erzählt hast, bist du ja in vie­len Län­dern rum­ge­kom­men, um für die Soli­da­ri­tät zu wer­ben. Ich wür­de es jetzt ganz ger­ne mal umdre­hen und dich ger­ne fra­gen. Was meinst du, was könn­ten wir für unser Gesund­heits­we­sen von euren Erfah­run­gen ler­nen? Und was kön­nen wir auch im Umgang mit Kri­sen von euch ler­nen?

AG: Das ers­te und aller­wich­tigs­te. Wenn sie jeman­den fra­gen, wie viel zahlst du für das Leben dei­nes Kin­des? Da gibt’s kei­nen Preis für. Da es dafür kei­nen Preis gibt, darf es auch kei­ne Ware wer­den. Gesund­heit ist ein Recht der Bevöl­ke­rung. Das heißt, Gesund­heits­ver­sor­gung muss kos­ten­los sein und für jeden zugäng­lich. Es ist sehr wich­tig, eine Fach­kraft im medi­zi­ni­schen Bereich jetzt her­aus­zu­fin­den, an sich zu bin­den, die sich prak­tisch mit Begeis­te­rung hin­gibt, mit Hin­ga­be für die­sen Beruf arbei­tet. Und es ist sehr wich­tig, dass der Arzt immer Ach­tung vor dem Pati­en­ten hat.

Manch­mal ist es wich­ti­ger, jeman­den sozu­sa­gen über den Rücken zu strei­chen oder ihm zuzu­hö­ren, als das Medi­ka­ment, was man ihm geben wür­de. Der Arzt muss den Pati­en­ten als ein umfas­sen­des, inte­gra­les Wesen sehen. Wenn ein Fin­ger krank ist, heißt das, dem Pati­en­ten geht’s nicht gut. Dann musst du also die­sen Fin­ger hei­len. Aber vor allen Din­gen musst du die­sen Pati­en­ten behan­deln. Die Ach­tung, der Respekt und die Lie­be zur Bevöl­ke­rung. Das stimmt. Davon kannst du nichts essen. Aber das lässt dich so gut füh­len, dass du in der Lage bist, wei­ter­zu­ma­chen.

BW: Was erwar­tet ihr von lin­ker Soli­da­ri­tät in Euro­pa, in Deutsch­land?

AG: Das ers­te ist Respekt, was wir erwar­ten, zuerst mal Ach­tung. Respekt. Die­ses klei­ne Wort ist sehr wich­tig und sehr nütz­lich. Dann, dass ihr über ent­spre­chen­de Infor­ma­tio­nen ver­fügt, über das, was gera­de bei uns los ist. Und wenn ihr in der Lage seid, uns irgend­wo mit mate­ri­ell zu hel­fen, dann herz­lich will­kom­men und vie­len Dank.

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