Mil­lio­nen­ver­lus­te der Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen durch Risi­ko­ka­pi­tal­an­la­gen

Mil­lio­nen­ver­lus­te der Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen durch Risi­ko­ka­pi­tal­an­la­gen

Pres­se­mit­tei­lung des vdää*

07.08.2026 – Nach Recher­chen von NDR, WDR und Süd­deut­scher Zei­tung sum­mie­ren sich die Ver­lus­te durch Fehl­in­ves­ti­tio­nen von Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen und Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen (KVen) in Immo­bi­li­en­fonds des Anbie­ters Veri­us inzwi­schen auf knapp 220 Mil­lio­nen Euro – Ten­denz wei­ter stei­gend [1]. Der vdää* zeigt sich empört über die­sen Skan­dal und die Art und Wei­se, wie er in der aktu­el­len Debat­te um die Spar-Refor­men der Kran­ken­kas­sen her­un­ter­ge­spielt und nicht als struk­tu­rel­les Pro­blem the­ma­ti­siert wird.

Es sol­len ins­ge­samt 28 Kas­sen und KVen mehr als 500 Mil­lio­nen Euro in die­se Fonds gesteckt haben [2]. Beson­ders bri­sant: Laut Medi­en­be­rich­ten hät­ten den Kran­ken­kas­sen schon auf­grund der Ver­kaufs­pro­spek­te die­ser Fonds die erheb­li­chen Risi­ken – bis hin zu einem Total­ver­lust – bekannt sein müs­sen. § 80 Abs. 1 Satz 2 SGB IV legt jedoch fest, dass alle Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger die bei ihnen ein­ge­zahl­ten Mit­tel so anle­gen müs­sen, dass „ein Ver­lust aus­ge­schlos­sen erscheint“ [3]. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat bereits 2006 bestä­tigt, dass die Anla­ge­si­cher­heit im Zwei­fel Vor­rang vor der Ertrags­er­zie­lung hat. An Regeln fehlt es also nicht – sie wer­den nur dehn­bar aus­ge­legt und schwach kon­trol­liert. Meh­re­re Kas­sen berie­fen sich offen­bar auf Gut­ach­ten von Wirt­schafts­prü­fungs­kanz­lei­en, die das Invest­ment als in die­sem Sin­ne rechts­kon­form abseg­ne­ten. [4]

„Skan­da­le und Miss­stän­de im Gesund­heits­we­sen sind zwar trau­ri­ge Gewohn­heit, aber die Ver­lus­te der Kran­ken­kas­sen durch Risi­ko­an­la­gen sind schon ein star­kes Stück, wäh­rend wir, die Bevöl­ke­rung, die Beschäf­tig­ten im Gesund­heits­we­sen, immer här­ter arbei­ten und mehr bezah­len sol­len und gleich­zei­tig die Gesund­heits­leis­tun­gen redu­ziert wer­den“, so Felix Ahls, Co-Vor­sit­zen­der des vdää*. „Es ist haar­sträu­bend, dass Hun­der­te Mil­lio­nen Euro an Bei­trä­gen über Anla­gen der Kran­ken­kas­sen in pri­va­tes Ver­mö­gen ver­wan­delt wer­den und durch den Total­ver­lust nun nicht ein­mal mehr über Pro­fi­te in die Gesund­heits­ver­sor­gung zurück­flie­ßen kön­nen. Und das alles, wäh­rend die Bun­des­re­gie­rung mit Zustim­mung der Kran­ken­kas­sen – statt auf hoch­wer­ti­ge und soli­da­risch finan­zier­te Ver­sor­gung hin­zu­ar­bei­ten – dras­ti­sche Spar-Refor­men durch­drückt, die abseh­bar zu ins­ge­samt schlech­te­rer Ver­sor­gung und zu grö­ße­rer Ungleich­heit in der Lebens­er­war­tung und Gesund­heits­si­tua­ti­on der Bevöl­ke­rung füh­ren wer­den“, so Felix Ahls wei­ter.

Der wei­te­re Abbau von Behand­lungs­ka­pa­zi­tä­ten, die Ver­schlech­te­rung der Arbeits­be­din­gun­gen und damit der Qua­li­tät in den Kran­ken­häu­sern, höhe­re Zuzah­lun­gen bei Medi­ka­men­ten, Hilfs­mit­teln und sta­tio­nä­ren Behand­lun­gen, das Ende der bei­trags­frei­en Mit­ver­si­che­rung von Ehepartner*innen – all das und mehr wird der Bevöl­ke­rung als „not­wen­di­ge und alter­na­tiv­lo­se Spar­maß­nah­men“ ver­kauft. „Dabei ist klar, dass mit der Ein­füh­rung einer soli­da­ri­schen Bür­ger­ver­si­che­rung und einer Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen die Kos­ten für die Bevöl­ke­rung redu­ziert und die Qua­li­tät der Ver­sor­gung gestei­gert wer­den könn­ten“, so der Co-Vor­sit­zen­de wei­ter. „Bei­des scheint nicht Ziel der Regie­rungs­po­li­tik zu sein.“

Der vdää* sieht die­sen Skan­dal als Beleg dafür, dass das Gesund­heits­sys­tem eine soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Finan­zie­rung braucht – und kei­ne Bin­dung an den Kapi­tal­markt auf Kos­ten der Ver­si­cher­ten. Erneut betont der vdää* fol­gen­de Alter­na­ti­ven zur aktu­el­len Reform­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung:

  • Kei­ne Spar­po­li­tik zulas­ten der Ver­si­cher­ten: Zuzah­lungs­er­hö­hun­gen, Leis­tungs­kür­zun­gen und der Abbau der bei­trags­frei­en Fami­li­en­ver­si­che­rung müs­sen zurück­ge­nom­men wer­den. Bedarfs­ori­en­tier­te Ver­sor­gung statt ein­nah­men­ori­en­tier­te Ausgabepolitik.[5]
  • Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen und der Qua­li­tät: Bei­be­hal­ten und Wei­ter­ent­wick­lung der PPR 2.0 sowie Erwei­te­rung der Per­so­nal­be­mes­sung auch auf ande­re, u.a. ärzt­li­che Beschäf­tig­te. Vol­le Refi­nan­zie­rung von Lohn­stei­ge­run­gen.
  • Ent­öko­no­mi­sie­rung der Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen: Die Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen sind durch die Refor­men der letz­ten Jahr­zehn­te von innen so umge­wan­delt wor­den, dass sie wie Unter­neh­men am Markt agie­ren müs­sen. Aus die­sen Zwän­gen ent­stan­den die­se Inves­ti­ti­ons­über­le­gun­gen. Des­halb müs­sen Kran­ken­kas­sen wie­der ent­öko­no­mi­siert und zu soli­da­ri­schen Ein­rich­tun­gen gemacht wer­den.
  • Ein­füh­rung einer soli­da­ri­schen Bür­ger­ver­si­che­rung: Nur wenn alle – auch Beamt*innen, Selbst­stän­di­ge, Bes­ser­ver­die­nen­de – ein­zah­len und die Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze fällt, wird die Finan­zie­rungs­ba­sis der GKV auf ein soli­da­ri­sches, sta­bi­les Fun­da­ment gestellt.

Dr. Nad­ja Rako­witz, Pres­se­spre­che­rin des vdää*

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