Gesundheit braucht Politik 1–2026
Austerität

Vor etwa 12 Jahren im Sommer 2014 erschien das Sonderheft der Gesundheit braucht Politik mit dem Titel »Austerität – tödliche Medizin für Griechenlands Gesundheitswesen«. Dort findet sich in dem Text »›Die Sonntage haben ihre Farbe verändert …‹ – Warum wir dieses Heft gemacht haben« folgender Abschnitt: »Der Sozialstaat, der sich dabei herauskristallisiert (in der Krise und mit den Anforderungen der Troika an Griechenland, d. Red.), ist ein gänzlich anderer als der, auf den wir hier in der Bundesrepublik noch vertrauen; er erinnert viel mehr an das US-amerikanische Modell, das hochgradig privatisiert ist, in dem bei weitem nicht alle Menschen (den gleichen) Zugang zur Versorgung haben, in dem noch viel mehr als in Deutschland gilt, dass sich die Qualität der Versorgung am Portemonnaie entscheidet … Was wir hier in Griechenland sehen und was wir in diesem Heft analysieren, ist also auch eine Diskussion um die Zukunft der EU. Dabei gehen auch wir davon aus, was viele unserer Freunde in Griechenland über die Austeritätspolitik und ihre Folgen gesagt haben: ›Die Bestie wird auch zu Euch kommen …‹«
Nun im Frühjahr 2026 kann man getrost sagen, dass die »Bestie Austerität« auch Deutschland erreicht hat. Wir halten es daher für umso wichtiger, ein aktuelles Heft mit dem Schwerpunkt Austerität herauszubringen, die Gefahren darzulegen und solidarische Gegenentwürfe zu präsentieren. Der Sozialepidemiologe und Arzt Benjamin Wachtler analysiert zunächst die konkreten Auswirkungen von Austerität auf Gesundheit und legt dar, warum Sparpolitik langfristig zu einer erhöhten Sterblichkeit führt. Jonas Röhricht geht näher auf den von der Schwarz-Roten-Regierung proklamierten »Herbst der Reformen« ein und erläutert wie durch diese Spar- und Austeritätsmaßnahmen systematisch der Sozialstaat und die Solidarität untergraben werden. Ingar Solty analysiert die Zusammenhänge zwischen Rüstungspolitik und Sozialabbau und geht insbesondere auf die geopolitischen und kapitalistischen Interessen der USA, Russlands und auch der EU ein.
Ana Vračar berichtet über landesweite Streiks und Proteste von über 100.000 Beschäftigten gegen die aktuelle Austeritätspolitik in Belgien. Es folgt eine Übersetzung und Zusammenfassung von Adolfo Rubinstein und Elias Mossialos Artikel »Mileis Kettensägen-Gesundheitsreformen in Argentinien: die libertäre Wende in der öffentlichen Gesundheit«. In »Austerität tötet – auch die Solidarität« zeigt Nadja Rakowitz anknüpfend an das Sonderheft 2014 die Auswirkungen der Austeritätsmaßnahmen im griechischen Gesundheitswesen auf. Rafaela Voss versucht konkrete linke und solidarische Alternativen zu Austeritätspolitik darzulegen, die langfristig eine gesunde und gerechte Gesellschaft sichern können. »Mit Organisierung, Streiks und Pionierarbeit gegen konstruierte Widersprüche« von Anne Harzendorf, Vincent Janz und Luise Butzer veranschaulicht, wie eine demokratische und gemeinwohlorientierte Gesundheitsversorgung z.B. durch die Vergesellschaftung der ambulanten Versorgung aussehen könnte. Es folgt ein kurzer Überblick zu den rechtlichen Grundlagen von Gewerkschaftsbildung und über das Streikrecht. Und zum Schluss erörtert Bernhard Winter anhand von Triage und insbesondere der sogenannten »Blauen Kategorie«, wie es sich auswirkt, wenn zivile Strukturen auf militärisches Denken treffen, und kritisiert den Versuch, zivile und militärische Medizin unter dem Deckmantel »Katastrophenmedizin« zu vermengen.
Und noch etwas lehrt uns das Beispiel Griechenland. In einem Interview der Zeitschrift Sozialismus vom März 2026 sagt der Arbeitsrechtler Apostolis Kapsalis von der der Panteion-Universität Athen: »Autoritäre Austeritätspolitik erzeugt auch in Griechenland spezifische kulturelle Muster: neue soziale Gewohnheiten und Lebensweisen, die auf Angst und persönlicher Unsicherheit beruhen. Der Markt-Fundamentalismus drängt Beschäftigte schrittweise in einen Zustand fehlender Alternativen – eine Entwicklung, die kollektives Handeln auf vielfältige Weise untergräbt. In Ländern mit deregulierten Arbeitsmärkten wie Griechenland führt dies zur Herausbildung eines apolitischen, isolierten und passiven Subjekts. Die Teilnahme am Markt wird zur Voraussetzung für den Status als Bürger*in.« Was dies für die Demokratie bedeutet, sieht in Griechenland anders aus als in Deutschland. Die Auseinandersetzung darüber hat gerade erst angefangen.
Die verschiedenen Texte in diesem Heft zeigen eindrucksvoll die Gefahren und höheren Interessen von sogenannter Austeritätspolitik und veranschaulichen die Beziehung zu vielen aktuellen Krisen. Es wird deutlich, warum dringend eine linke, antikapitalistische und solidarische Friedenspolitik nötig ist. Also vernetzt und engagiert euch!
Inhalt
- Austerität im Namen der Volkswirtschaft. Wie die schwarz-rote Koalition Sozialstaat und Solidarität untergräbt
Jonas Röhricht - Austerität und Gesundheit. Warum Sparpolitik tötet
Benjamin Wachtler - Die Krise des Systems.
Krieg, Sozialabbau und Rechtsentwicklung
Ingar Solty - Streik gegen Sparpolitik in Belgien
Ana Vračar - Reform mit der Kettensäge. Zur libertären Wende in der öffentlichen Gesundheit in Argentinien
- Austerität tötet – auch die Solidarität. Zu den Fortwirkungen der Austeritätsmaßnahmen im griechischen Gesundheitswesen
Nadja Rakowitz - Linke Gegenentwürfe zu Austeritätspolitik
Rafaela Voss - Gesundheitswesen in Gemeingut. Mit Organisierung, Streiks und Pionierarbeit gegen konstruierte Widersprüche
Anne Harzendorf / Vincent Janz / Luise Butzer - Gewerkschaften und Streikrecht. Grundlage für Gewerkschaftsbildung und Streik, ein kurzer Überblick
Rudi Schwab - Die blaue Kategorie. Triage in der Katastrophen- und Kriegsmedizin
Bernhard Winter
Beiträge aus dem Heft
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Austerität und Gesundheit – Warum Sparpolitik tötet
Die Public-Health-Forschung hat in den letzten 20 Jahren einige Erkenntnisse darüber gewonnen, welche Folgen Austeritätspolitiken für die Bevölkerungsgesundheit haben können.

