Medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung von Men­schen in Haft ist nicht adäquat

15.07.2026 – Vier Jah­re nach Ver­öf­fent­li­chung der ers­ten Auf­la­ge hat der Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärzt*innen die Bro­schü­re zur medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung von Men­schen in Haft über­ar­bei­tet und aktua­li­siert.

Die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in Haft muss der­je­ni­gen von in Frei­heit leben­den und in der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung Ver­si­cher­ten ent­spre­chen – bis auf eini­ge Ein­schrän­kun­gen wie den Ver­zicht auf freie Arzt­wahl. Die ist aber drau­ßen auch eher for­mal und real oft durch ver­schie­de­ne Bedin­gun­gen ein­ge­schränkt. Die­ser Anspruch auf Äqui­va­lenz ist in der Rea­li­tät nahe­zu flä­chen­de­ckend nicht rea­li­siert.

Die Beschwer­de­brie­fe von Inhaf­tier­ten berich­ten von gro­ßen Män­geln, die drin­gend beho­ben wer­den müs­sen. Aller­dings kom­men wir – zusam­men mit vie­len Expert*innen – zu dem Schluss, dass sich selbst mit den bes­ten Gesund­heits­leis­tun­gen das an sich Gesund­heits­schäd­li­che eines Frei­heits­ent­zu­ges nicht auf­he­ben lie­ße: Psy­cho­so­zia­le Belas­tun­gen und Iso­la­ti­on, Bewe­gungs­man­gel und unge­sun­des Essen sind Pro­ble­me, die nur teil­wei­se durch struk­tu­rel­le Ver­bes­se­run­gen in Haft­an­stal­ten gelöst wer­den kön­nen. Eine mit der Ver­sor­gung außer­halb ver­gleich­ba­re medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist in Haft nicht mög­lich, ins­be­son­de­re bei der psy­cho­lo­gi­schen Ver­sor­gung.

Mit den For­de­run­gen nach einer adäqua­ten medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung von inhaf­tier­ten Men­schen sind wir als demo­kra­ti­sche Ärzt*innen also gezwun­gen, grund­sätz­li­che gesell­schaft­li­che Fra­gen anzu­spre­chen: Ist eine Unter­brin­gung in Gefäng­nis­zel­len über­haupt dem gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nem Reso­zia­li­sie­rungs­ziel zuträg­lich oder wider­spricht sie die­sem? Wel­che Fol­ge­run­gen wären dann für eine grund­sätz­li­che Gefäng­nis­kri­tik zu stel­len?

In der neu­en Auf­la­ge haben wir uns noch ein­mal mit dem Maß­re­gel­voll­zug beschäf­tigt und das Kapi­tel grund­le­gend über­ar­bei­tet. In Anleh­nung an das Plä­doy­er der Deut­schen Gesell­schaft für Sozia­le Psych­ia­trie e.V., über­nimmt der Ver­ein demo­kra­ti­scher Ärzt*innen zen­tra­le Kri­tik­punk­te am Sys­tem des Maß­re­gel­voll­zugs und schließt sich den For­de­run­gen der Deut­schen Gesell­schaft für Sozia­le Psych­ia­trie e.V. an, die Maß­re­geln nach §§ 63 und 64 StGb abzu­schaf­fen und Täter*innen statt­des­sen unab­hän­gig von der Schuld­fä­hig­keit zu einem Frei­heits­ent­zug zu ver­ur­tei­len. Dar­über hin­aus muss auf Basis der Frei­wil­lig­keit allen in einem sol­chen ein­heit­li­chen Voll­zug kran­ken Per­so­nen – ob psych­ia­trisch oder soma­tisch – ein leit­li­ni­en­ge­rech­tes, evi­denz­ba­sier­tes und bedarfs­ge­rech­tes Behand­lungs­an­ge­bot gemacht wer­den.

Dr. Nad­ja Rako­witz, Pres­se­spre­che­rin

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