Ein Leben im Grau­be­reich der Geschlech­ter­nor­men

Von Ari

Ari beschreibt hier Erfah­run­gen eines Men­schen, des­sen Kör­per als Kind ohne Ein­wil­li­gung und aus­rei­chen­de Auf­klä­rung ver­än­dert wur­de, um ein Geschlecht zu erzwin­gen und so gesell­schaft­li­che Nor­men zu erfül­len. Auch wenn die Rechts­la­ge das inzwi­schen nicht mehr zulässt, gibt es auch aktu­ell noch Men­schen, denen dies wider­fährt.

Inter, nicht-binär, Zwit­ter – für Men­schen außer­halb der medi­zi­ni­schen und gesell­schaft­li­chen Norm exis­tie­ren vie­le Begrif­fe. Doch was bedeu­tet es eigent­lich, wenn der eige­ne Kör­per als »Abwei­chung« dekla­riert wird? Ich wer­fe hier einen per­sön­li­chen und kri­ti­schen Blick auf ein Sys­tem, das Ein­deu­tig­keit erzwin­gen will, wo gesun­de Viel­falt exis­tiert, und das erwach­se­ne Betrof­fe­ne in unse­rer medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung schlicht unsicht­bar macht. Dabei betrifft die­se kör­per­li­che Viel­falt einen fes­ten Teil der Men­schen, Inter­ge­schlecht­lich­keit ist kei­ne Krank­heit, son­dern eine natür­li­che Varia­ti­on, die schon immer Teil der Mensch­heit war.

Bereits die Begriffs­po­li­tik ist ein zäher Kampf. Wäh­rend das Wort »Zwit­ter« heu­te von vie­len als ver­al­tet oder ver­let­zend emp­fun­den wird, wehrt sich die Com­mu­ni­ty vor allem gegen den kli­ni­schen Stem­pel »DSD« – Dis­or­ders of Sex Deve­lo­p­ment (Stö­run­gen der Geschlechts­ent­wick­lung). Die Medi­zin ver­sucht bis heu­te, die­se natür­li­che Viel­falt mit kli­ni­schen Klas­si­fi­ka­tio­nen in star­re Schub­la­den zu pres­sen. Statt die fei­nen Varia­tio­nen von Chro­mo­so­men, Hor­mo­nen und inne­ren Orga­nen als natür­li­chen Teil des mensch­li­chen Spek­trums anzu­er­ken­nen, wird jede Abwei­chung von der ver­meint­li­chen Norm sofort als bio­lo­gi­scher Feh­ler oder Defekt abge­stem­pelt. Die­ses patho­lo­gi­sie­ren­de Kate­go­ri­sie­ren dient letzt­lich nur dazu, das Unbe­kann­te kon­trol­lier­bar zu machen und eine künst­li­che Ein­deu­tig­keit im Lehr­buch zu erzwin­gen, wo eigent­lich flie­ßen­de Über­gän­ge exis­tie­ren. Gegen die­se Patho­lo­gi­sie­rung steht die von einer Akti­vis­tin ent­wor­fe­ne Inter­sex-Flag­ge. Ihre unab­hän­gi­gen Far­ben Gelb und Vio­lett bre­chen bewusst mit dem binä­ren Rosa-Blau-Sche­ma, wäh­rend der geschlos­se­ne Kreis für Ganz­heit, Unver­sehrt­heit und das auto­no­me Recht auf kör­per­li­che Inte­gri­tät steht. Inter* Men­schen sind voll­stän­dig und »ganz« so, wie sie sind.

Für mich bedeu­tet Inter­ge­schlecht­lich­keit vor allem die Fest­stel­lung, dass mein Kör­per einst ohne mei­ne Ein­wil­li­gung und ohne aus­rei­chen­de Auf­klä­rung ver­än­dert wur­de. Medi­zi­ni­sche Mani­pu­la­tio­nen wur­den an mir vor­ge­nom­men und anders dekla­riert, als sie es eigent­lich waren. Erst seit mir das bewusst ist, ver­ste­he ich die vie­len unbe­ant­wor­te­ten oder absicht­lich falsch beant­wor­te­ten Fra­gen, die mich seit mei­ner Kind­heit beglei­ten.

Schon früh lernt Mensch von klein auf, was Geschlecht bedeu­tet und wie sich ent­spre­chend zu ver­hal­ten ist. Heu­te sehe ich das dif­fe­ren­zier­ter. Geschlecht hat zwei Ebe­nen, die rei­ne Kör­per­lich­keit und die inne­re Geschlechts­iden­ti­tät, also das tie­fe inne­re Wis­sen und Emp­fin­den, wel­chem Geschlecht Mensch ange­hört. Wird Inter­ge­schlecht­lich­keit jedoch fälsch­li­cher­wei­se als rei­ne »Iden­ti­tät« genutzt, ver­schwim­men lebens­wich­ti­ge Unter­schie­de. Trans* beschreibt eine Lebens­welt, in der die Geschlechts­iden­ti­tät nicht mit dem bei der Geburt zuge­wie­se­nen Geschlecht über­ein­stimmt, es geht um das inne­re Erle­ben. Inter* hin­ge­gen betrifft die ange­bo­re­ne bio­lo­gi­sche Viel­falt des Kör­pers. Wie die Com­mu­ni­ty zurecht betont: »Wir sind nicht trans, wir sind nicht-binär, wir sind inter*, das betrifft unse­ren Kör­per.«

Für mich ist die spä­te­re Ände­rung des Geschlechts­ein­trags bei inter* Per­so­nen des­halb auch kei­ne klas­si­sche Tran­si­ti­on, son­dern schlicht die Kor­rek­tur einer büro­kra­ti­schen Fehl­zu­ord­nung bei der Geburt. Mir wird dabei immer deut­li­cher, dass Inter* als Geschlechts­iden­ti­tät über­haupt nur von Men­schen gelebt und bean­sprucht wer­den soll­te kann, die auch einen ange­bo­re­nen inter­ge­schlecht­li­chen Kör­per besit­zen. Genau das sorgt aller­dings für eine hef­ti­ge Dis­kus­si­on inner­halb der Com­mu­ni­ty, weil eben nicht alle inter* Per­so­nen eine offi­zi­el­le medi­zi­ni­sche Dia­gno­se bekom­men, sei es durch lücken­haf­te Auf­klä­rung oder die bewuss­te Abgren­zung von medi­zi­ni­scher Patho­lo­gi­sie­rung. Für vie­le Betrof­fe­ne steht dadurch die exis­ten­zi­el­le Fra­ge im Raum: »Bin ich über­haupt Inter* genug, um eine Dia­gno­se zu bekom­men oder mich als Inter* dazu­zu­rech­nen?« Die­se Unsi­cher­heit führt dazu, dass die Fra­ge, wer Zugang zu die­ser Iden­ti­tät und Sicht­bar­keit hat, extrem umkämpft bleibt.

Es geht mir dabei kei­nes­wegs dar­um, Schmerz gegen Schmerz aus­zu­spie­len, das Leid von trans* Per­so­nen durch Dis­kri­mi­nie­rung und den oft har­ten Kampf um gesell­schaft­li­che Aner­ken­nung hat eine immense, unbe­streit­ba­re Wich­tig­keit. Aber es ist ein ande­res Leid. Wäh­rend trans* Men­schen oft um die Gül­tig­keit ihres inne­ren Erle­bens rin­gen müs­sen, ist das Leid von inter* Per­so­nen his­to­risch und aktu­ell tief mit medi­zi­ni­scher Fremd­be­stim­mung und kör­per­li­chen Ein­grif­fen von Geburt an ver­wo­ben. Wer die­se Begrif­fe unscharf ver­mischt, gefähr­det nicht nur die poli­ti­sche Sicht­bar­keit, son­dern rela­ti­viert die­se spe­zi­fi­schen Rea­li­tä­ten und macht die jeweils so drin­gen­den medi­zi­ni­schen und recht­li­chen Anlie­gen unsicht­bar.

Der Blick in die Embryo­nal­pha­se beweist schließ­lich, dass die Bio­lo­gie weit weni­ger ein­deu­tig ver­läuft, als oft ange­nom­men. Am Anfang sind Embry­os geschlecht­lich nicht dif­fe­ren­ziert, und die anschlie­ßen­de Ent­wick­lung ver­läuft kei­nes­wegs immer gerad­li­nig. Ent­ge­gen der zum Teil immer noch ver­ein­fach­ten Lehr­buch­mei­nung ist Geschlecht ein flie­ßen­des Spek­trum aus Chro­mo­so­men, Hor­mo­nen und Geni­ta­li­en. Die Natur kennt kei­ne har­ten Gren­zen, die­se zieht erst der Mensch und sei es mit dem Skal­pell. Oft wird ange­nom­men, Inter­ge­schlecht­lich­keit zei­ge sich immer in einem andro­gy­nen Äuße­ren. Doch die Viel­falt fin­det meist im Ver­bor­ge­nen statt und betrifft inne­re Orga­ne oder Hor­mo­ne, wäh­rend die betrof­fe­nen Per­so­nen optisch per­fekt den gän­gi­gen Erwar­tun­gen von Mann oder Frau ent­spre­chen kön­nen.

Die meis­ten inter­ge­schlecht­li­chen Men­schen sind völ­lig gesund, wes­halb es kei­nen medi­zi­ni­schen Grund gibt, funk­tio­nie­ren­des Gewe­be zu ope­rie­ren, nur um es in ein künst­li­ches Sys­tem zu pres­sen. Hier muss Mensch jedoch dif­fe­ren­zie­ren. Wäh­rend kos­me­ti­sche Zwangs­ein­grif­fe trau­ma­tisch und abso­lut über­flüs­sig sind, benö­ti­gen man­che kör­per­li­che Vari­an­ten, etwa wenn aku­te gesund­heit­li­che Kri­sen dro­hen, eine lebens­not­wen­di­ge medi­zi­ni­sche oder hor­mo­nel­le Beglei­tung. Es geht der Com­mu­ni­ty nicht dar­um, die Medi­zin kom­plett zu mei­den, son­dern eine sen­si­ble, unter­stüt­zen­de Ver­sor­gung ein­zu­for­dern, die gesund­heit­li­che Kri­sen abwen­det, ohne die Iden­ti­tät weg­zu­zwin­gen.

Den­noch wur­de und wird teil­wei­se immer noch bei der Geburt anhand der äuße­ren Geni­ta­li­en ver­sucht, die gesam­te Geschlecht­lich­keit in Kör­per­lich­keit und Geschlech­ter­rol­le abzu­lei­ten. Die­ses rabia­te Vor­ge­hen basier­te jahr­zehn­te­lang auf heu­te über­hol­ten psy­cho­lo­gi­schen Theo­rien, nach denen die Geschlechts­identität pri­mär sozi­al erlernt sei. Unter dem grau­sa­men Dog­ma von »Opti­mis­mus und Geheim­hal­tung« wur­de ver­sucht, durch frü­he Ope­ra­tio­nen und Hor­mo­ne ein ein­deu­ti­ges Geschlecht zu erzwin­gen, um gesell­schaft­li­che Nor­men zu erfül­len und Mehr­deu­tig­keit um jeden Preis zu ver­mei­den. Eltern wur­den ange­hal­ten, das Kind kon­se­quent in der zuge­wie­se­nen Rol­le zu erzie­hen und die bio­lo­gi­sche Varia­ti­on tot­zu­schwei­gen. Kin­der wuch­sen so ohne ehr­li­che Infor­ma­tio­nen über den eige­nen Kör­per auf. Betrof­fe­ne in Selbst­hil­fe­grup­pen ste­hen heu­te durch­aus vor den Trüm­mern die­ser unge­frag­ten Ein­grif­fe, gezeich­net von Schmer­zen, Kom­pli­ka­tio­nen und dem mög­li­chen Ver­lust sexu­el­ler Emp­fin­dung. Die­ses kol­lek­ti­ve Schwei­gen las­te­te wie ein blei­er­ner Druck auf den Betrof­fe­nen, sodass Mensch irgend­wann glaub­te, das ein­zi­ge feh­ler­haf­te Wesen auf der Welt zu sein.

Zwar hat sich recht­lich etwas bewegt, nach einer weg­wei­sen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht ver­an­ker­te der Gesetz­ge­ber end­lich eine wei­te­re posi­ti­ve Opti­on im Gebur­ten­re­gis­ter (2019) neben dem offe­nen Ein­trag (2013). Zudem schützt mitt­ler­wei­le ein gesetz­li­ches Ver­bot Kin­der vor nicht not­wen­di­gen Ope­ra­tio­nen. Ein chir­ur­gi­scher Ein­griff ent­ge­gen die­sem Ver­bot gilt als rechts­wid­ri­ge Kör­per­ver­let­zung und kann straf‑, zivil- und berufs­recht­li­che Fol­gen für das medi­zi­ni­sche Fach­per­so­nal nach sich zie­hen. Doch in der Pra­xis exis­tie­ren wei­ter­hin Grau­be­rei­che und der Kampf um ech­te Selbst­be­stim­mung ist noch lan­ge nicht vor­bei.

Die­se his­to­ri­sche Geheim­hal­tung führt bis heu­te zu schwe­ren psy­chi­schen Belas­tun­gen und einem tie­fen Miss­trau­en gegen­über dem Gesund­heits­sys­tem. Vie­le erwach­se­ne Betrof­fe­ne mei­den Arzt­pra­xen, da sie dort inqui­si­to­ri­schen Fra­gen aus­ge­setzt sind und zum medi­zi­ni­schen Anschau­ungs­ob­jekt degra­diert wer­den. Die Ver­sor­gung im Erwach­se­nen­be­reich ist extrem frag­men­tiert: Es man­gelt an spe­zia­li­sier­ten Zen­tren, kon­ti­nu­ier­li­cher endo­kri­no­lo­gi­scher Betreu­ung und an fun­dier­tem Fach­wis­sen über die Lang­zeit­fol­gen frü­he­rer Ein­grif­fe.

Beson­ders dras­tisch zei­gen sich die­se Defi­zi­te in Pfle­ge- und Sozi­al­ein­rich­tun­gen. Weil Pfle­ge­kräf­te oft unzu­rei­chend über Inter­ge­schlecht­lich­keit infor­miert sind, dro­hen dort die Miss­ach­tung von Selbst­be­zeich­nun­gen, unsen­si­ble Kom­men­ta­re oder gar eine medi­zi­ni­sche Über­grif­fig­keit im Sin­ne einer »Neu­gier-Dia­gnos­tik«. Zudem zwingt die star­re, geschlech­ter­ge­trenn­te Infra­struk­tur die­ser Häu­ser Inter-Men­schen dazu, sich in binä­re Zim­mer und Pfle­ge­be­rei­che zu fügen. Dis­kri­mi­nie­rung pas­siert somit bis heu­te auf meh­re­ren Ebe­nen, kör­per­lich-medi­zi­nisch, recht­lich und sozi­al.

Im All­tag flammt den­noch oft die boh­ren­de Fra­ge auf: »Was bist du denn nun? Als was bist du gebo­ren?« Dies zeigt, wie tief das binä­re Den­ken in den Köp­fen ver­an­kert ist. Doch die Inter-Com­mu­ni­ty ver­steht sich längst nicht mehr nur über erlit­te­nes Leid. Es wächst ein star­kes Bewusst­sein für Inter­sex Pri­de und Resi­li­enz. Die eige­ne kör­per­li­che Viel­falt wird zuneh­mend als Berei­che­rung und als natür­li­cher Teil mensch­li­cher Exis­tenz gefei­ert. Am Ende steht immer das Wort Mensch. Es soll­te voll­kom­men aus­rei­chen, als Mensch gese­hen und respek­tiert zu wer­den, ganz ohne Dia­gno­se­schlüs­sel und ohne den gesell­schaft­li­chen Zwang, sich in ein Sys­tem ein­zu­fü­gen, das für die Viel­falt des rea­len Lebens viel zu klein ist.

Titel­fo­to: Selbst­por­trät von Shane, @theyshane, uns­plash

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