Posi­ti­ons­pa­pier zur Gesund­heits­mi­nis­ter­kon­fe­renz am 10./11. Juni 2026 in Han­no­ver

Kran­ken­häu­ser müs­sen ihre lau­fen­den Kos­ten über mehr als 1.200 soge­nann­te Fall­pau­scha­len decken. Die Abrech­nung ist kom­pli­ziert und mit einem unglaub­li­chen Ver­wal­tungs­auf­wand ver­bun­den. In die­sem Finan­zie­rungs­sys­tem brin­gen plan­ba­re Ein­grif­fe mit viel Tech­nik­auf­wand gute Erträ­ge. Zugleich sind ande­re Leis­tun­gen struk­tu­rell unter­fi­nan­ziert, und Kran­ken­häu­ser, die die­se not­wen­di­gen medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­leis­tun­gen orts­nah anbie­ten, kön­nen auf Dau­er nicht kos­ten­de­ckend arbei­ten. Sol­che Kli­ni­ken lan­den oft in den roten Zah­len und wer­den dann geschlos­sen.

Der enor­me büro­kra­ti­sche Auf­wand, aber auch der Zwang, Kos­ten zu spa­ren und Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten, führt seit 40 Jah­ren vor allem zu Ein­spa­run­gen beim Per­so­nal und zu unge­sun­der Arbeits­ver­dich­tung. Die Schlie­ßung wohn­ort­na­her Kran­ken­häu­ser und Not­fall­am­bu­lan­zen führt zur Mehr­be­las­tung in den ver­blei­ben­den Kli­ni­ken und hat – beson­ders in länd­li­chen Regio­nen – erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Ver­sor­gung von Schwan­ge­ren, Kin­dern sowie Patient*innen mit zeit­kri­ti­schen Erkran­kun­gen wie Schlag­an­fall und Herz­in­farkt. Län­ge­re Wege ver­zö­gern den Beginn der Ver­sor­gung bezie­hungs­wei­se der The­ra­pie, und das kann signi­fi­kant schlech­te­re Behand­lungs­er­geb­nis­se und auch höhe­re Sterb­lich­keit zur Fol­ge haben. Die län­ge­ren Fahr­ten zu ent­fern­ten Kli­ni­ken benach­tei­li­gen zudem Men­schen ohne eige­nes Auto, sie füh­ren zu einer erhöh­ten Umwelt­be­las­tung und zur Benach­tei­li­gung des länd­li­chen Raums. Sowohl in den Städ­ten als auch auf dem Land füh­ren Kli­nik­schlie­ßun­gen zu noch län­ge­ren War­te­zei­ten, als es sie jetzt schon gibt. Gewin­ner sind vor allem pri­va­te Kli­ni­ken, die die Zahl gut plan­ba­rer, mög­li­cher­wei­se medi­zi­nisch unnö­ti­ger, aber in jedem Fall lukra­ti­ver Ein­grif­fe stei­gern oder nur noch sol­che Leis­tun­gen anbie­ten.

Die jüngs­te Kran­ken­haus­re­form soll­te hier Abhil­fe schaf­fen, in Wirk­lich­keit erhöht sie den Druck, Kli­ni­ken zu schlie­ßen, und geht mit einem noch grö­ße­ren büro­kra­ti­schen Auf­wand ein­her. Die Min­dest­vor­hal­te­zah­len für gan­ze Leis­tungs­grup­pen wer­den vor allem klei­ne­re Kran­ken­häu­ser und Abtei­lun­gen zur Auf­ga­be zwin­gen. Die neu­en „Vor­hal­te­pau­scha­len“ set­zen die Unter­fi­nan­zie­rung des DRG-Sys­tems (DRG, Dia­gno­sis Rela­ted Groups, auf deutsch Fall­pau­scha­len) fort und wer­den zudem nicht auf Basis rea­ler Vor­hal­te­kos­ten, son­dern auf Grund­la­ge der Fall­zah­len berech­net. Zusam­men mit den Hybrid-DRGs, die glei­cher­ma­ßen für ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Leis­tun­gen gel­ten, brin­gen die Vor­hal­te­pau­scha­len kei­ne „Ent­öko­no­mi­sie­rung“ – wie von Lau­ter­bach einst ange­kün­digt –, son­dern wir­ken genau in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Mit Hybrid-DRG wird das Ziel ver­folgt, zwei Mil­lio­nen Patient*innen, die bis­her sta­tio­när auf­ge­nom­men wur­den, in den ambu­lan­ten Sek­tor zu ver­la­gern. Die­ser Ansatz ist fatal, denn die Ent­schei­dung für eine ambu­lan­te oder sta­tio­nä­re Behand­lung soll­te von Patient:innen und Behandler:innen gemein­sam getrof­fen wer­den und nicht auf­grund finan­zi­el­ler Abwä­gun­gen erfol­gen. Außer­dem müss­ten zuvor die struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen wer­den, die eine ambu­lan­te Behand­lung mög­lich machen. Ange­sichts des Man­gels an Hausärzt:innen und ambu­lan­ten Pfle­geres­sour­cen vor allem in länd­li­chen Gebie­ten kann das nur durch die Aus­wei­tung der Lan­des­pla­nung auf den ambu­lan­ten Bereich gewähr­leis­tet wer­den.

Aktu­ell schlägt die von der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­setz­te Expert*innenkommission zur Ein­spa­rung bei den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen sogar vor, die ein­zi­ge ech­te Ver­bes­se­rung der letz­ten Jah­re, näm­lich die kos­ten­de­cken­de und zweck­ge­bun­de­ne Refi­nan­zie­rung der „Pfle­ge am Bett“ im Kran­ken­haus über das Pfle­ge­bud­get, so auf­zu­wei­chen, dass Per­so­nal­ab­bau in der Pfle­ge wie­der die Regel wird. Das wür­de alle Fort­schrit­te bei der Behe­bung des durch das DRG-Sys­tem ver­ur­sach­ten Per­so­nal­man­gels wie­der zunich­te machen und damit auch das Risi­ko für Kom­pli­ka­tio­nen für Patient*innen mas­siv stei­gern. Statt das Pfle­ge­bud­get abzu­schaf­fen, soll­ten alle Per­so­nal­kos­ten aus den DRGs aus­ge­glie­dert und kos­ten­de­ckend und zweck­ge­bun­den refi­nan­ziert wer­den. Der der­zei­ti­ge Miss­brauch – wie die Ver­la­ge­rung pfle­ge­frem­der Auf­ga­ben auf die „Pfle­ge am Bett“ – lie­ße sich dadurch und durch eine gesetz­li­che Per­so­nal­be­mes­sung am ehes­ten behe­ben. Statt das Gesund­heits­sys­tem wei­ter kaputt­zu­spa­ren, soll­ten die finan­zi­el­len Pro­ble­me der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen durch die Ein­füh­rung einer Ein­heits­ver­si­che­rung, in die auch Ver­mö­gen­de und Beam­te ein­zah­len, beho­ben wer­den.

Die 1972 ein­ge­führ­te Selbst­kos­ten­de­ckung hat lan­ge gut funk­tio­niert. Die seit den 1980er Jah­ren poli­tisch gewünsch­te Pri­va­ti­sie­rung und Pro­fit­ori­en­tie­rung setz­te die Kran­ken­häu­ser einem zuneh­men­den Öko­no­mi­sie­rungs­druck aus und führ­te anders als ange­kün­digt nicht zu einer Kos­ten­sen­kung, son­dern zu einem stei­le­ren Anstieg der Aus­ga­ben als je zuvor. Nach rund 40 Jah­ren ist es höchs­te Zeit, mit Kom­mer­zia­li­sie­rung, finan­zi­el­ler Steue­rung und desas­trö­ser Spar­po­li­tik zu bre­chen und eine demo­kra­ti­sche Bedarfs­pla­nung sowie ein Sys­tem der kos­ten­de­cken­den und zweck­ge­bun­de­nen Finan­zie­rung, zu der alle Bürger:innen in einer Ein­heits­ver­si­che­rung nach Höhe ihrer Ein­kom­men und Ver­mö­gen bei­tra­gen, wie­der ein­zu­füh­ren.

Unse­re For­de­run­gen zur Gesund­heits­ver­sor­gung

  • bedarfs­ge­rech­te, demo­kra­ti­sche und par­ti­zi­pa­ti­ve Pla­nung sowie bes­se­re Ver­zah­nung sta­tio­nä­rer und ambu­lan­ter Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen
  • kos­ten­de­cken­de, zweck­ge­bun­de­ne Finan­zie­rung und Gewinn­ver­bot
  • Ein­heits­ver­si­che­rung, in die alle nach Ein­kom­men und Ver­mö­gen ein­zah­len
  • wohn­ort­na­he, rund um die Uhr ver­füg­ba­re Grund- und Regel­ver­sor­gung sowie Not­fall­ver­sor­gung
  • Gemein­nüt­zig­keit und Rekom­mu­na­li­sie­rung
  • Ent­las­tung der Kran­ken­haus­be­schäf­tig­ten durch Per­so­nal­be­mes­sung und voll­stän­di­ge Refi­nan­zie­rung aller Per­so­nal­kos­ten
  • Ambu­lan­ti­sie­rung nur nach medi­zi­ni­scher und pfle­ge­ri­scher Ein­schät­zung und nicht nach öko­no­mi­schen Kri­te­ri­en.
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