Rafae­la Voss

In der aktu­el­len poli­ti­schen Debat­te geht es immer wie­der um »Spar­maß­nah­men« und Kür­zun­gen. Dies betrifft vor allem Berei­che wie Gesund­heit, Sozia­les und Bil­dung. Doch war­um trifft es genau die­se Fel­der? Zunächst zäh­len die­se Berei­che zu den größ­ten und kon­stan­tes­ten Aus­ga­ben­pos­ten. So nahm der Bereich Gesund­heit im Jahr 2023 mit etwa 75,7 Mil­li­ar­den Euro einen beträcht­li­chen Anteil des Staats­haus­hal­tes Deutsch­lands ein1. Es scheint zunächst logisch zu sein, an den größ­ten Pos­ten zu spa­ren. Dar­über hin­aus zei­gen Kür­zun­gen einen sofor­ti­gen bzw. zeit­na­hen, klar mess­ba­ren Effekt, wenn man allein die Aus­ga­ben betrach­tet. Dies ist vor allem für Politiker*innen, die nur eine Legis­la­tur­pe­ri­ode regie­ren und schon an den nächs­ten Wahl­kampf den­ken, attrak­tiv. Hin­zu kom­men beim Gesund­heits­we­sen noch die nicht­staat­li­chen Aus­ga­ben z.B. der Arbeitgeber*innen aber auch der Kran­ken­ver­si­che­rung selbst, die von der Poli­tik eben­falls gekürzt wer­den.

Die (oft fata­len) Fol­gen von Ein­spa­run­gen und Kür­zun­gen im Bereich Gesund­heit, Sozia­les und Bil­dung zei­gen sich oft erst Jah­re bis Jahr­zehn­te spä­ter und sind auf­grund wei­te­rer mul­ti­pler Ein­fluss­fak­to­ren schwer zu bemes­sen. Auch die lang­fris­ti­gen posi­ti­ven Effek­te einer guten Gesundheits‑, Bil­dungs- und Sozi­al­po­li­tik sind in Stu­di­en schwe­rer fass­bar und erst Jah­re spä­ter nach­weis­bar. Ins­ge­samt wer­den die Aus­ga­ben in die­se Berei­che von vie­len nur als Kos­ten gese­hen, und nicht als lang­fris­ti­ge Inves­ti­tio­nen, die Armut redu­zie­ren, Gesund­heit ver­bes­sern und Inno­va­tio­nen erhö­hen kön­nen. Wel­che poli­ti­schen Vor­ha­ben zusätz­lich Geld bekom­men oder bei wel­chen die Mit­tel gekürzt wer­den, ist auch eine Macht­fra­ge. Die Lob­by gro­ßer Unter­neh­men, des Mili­tärs oder »der Rei­chen« hat deut­lich mehr Ein­fluss als z.B. die Kran­ker, Armer, Woh­nungs­lo­ser, Such­ter­krank­ter oder Kin­der. Die­se sind zwar die zah­len­mä­ßig grö­ße­re Grup­pe, haben durch ihre Stel­lung in der Klas­sen­ge­sell­schaft, weni­ger Ver­net­zung und frag­men­tier­ten Wider­stand weni­ger Macht durch Lob­by­ar­beit. Austeri­täts­po­li­tik ist auch immer eine Ideo­lo­gie­fra­ge: Die Kür­zun­gen in Gesund­heit, Bil­dung und Sozia­lem füh­ren zu einer Ver­schie­bung der Ver­ant­wor­tung vom Staat zum Indi­vi­du­um, das selbst über pri­va­te Leis­tun­gen gute Bil­dung oder Gesund­heits­leis­tun­gen »erkau­fen« kann.

Ins­ge­samt lagen die Gesamt­aus­ga­ben für Gesund­heit in Deutsch­land im Jahr 2023 bei 501 Mil­li­ar­den Euro. Dies sind etwa 12 % des BIP und 6.013 Euro pro Einwohner*in. Mit 53,4% über­neh­men pri­va­te Haus­hal­te den größ­ten Anteil, gefolgt von Unter­neh­men mit 30,6% (größ­ten­teils durch die ver­pflich­ten­den Sozi­al­ab­ga­ben) sowie dem Staat mit 15,4%. Doch wie kann Gesund­heit aus­rei­chend finan­ziert wer­den, sodass das Gesund­heits­sys­tem für alle uni­ver­sell ver­füg­bar ist, guten medi­zi­ni­schen Stan­dards ent­spricht und auf die Bedürf­nis­se ver­schie­de­ner Bevöl­ke­rungs­grup­pen ein­ge­hen kann? Und kön­nen die­se Maß­nah­men kurz- oder lang­fris­tig die Gesund­heits­kos­ten sogar sen­ken?

Eine Mög­lich­keit wäre eine Reform des Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tems und die Ein­füh­rung einer soli­da­ri­schen Bürger*innenversicherung. Zum einen gibt es in Deutsch­land 95 orga­ni­sa­to­risch und finan­zi­ell selbst­stän­di­ge gesetz­li­che Kran­ken­kas­sen mit jeweils eigen­stän­di­ger Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur, was mit zum Teil unnö­ti­gen büro­kra­ti­schen Mehr­kos­ten für das Gesund­heits­sys­tem ver­bun­den ist. Zum ande­ren gibt es die Unter­tei­lung in pri­va­te (PKV; ca. 10% der Bevöl­ke­rung) und gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­run­gen (GKV; ca. 90% der Bevöl­ke­rung); sie führt nicht nur zu Ungleich­hei­ten bei Behand­lun­gen und Leis­tun­gen abhän­gig vom Ver­si­cher­ten­sta­tus, son­dern indi­rekt durch das vor­ran­gi­ge Ver­si­chern ein­kom­mens­star­ker Bürger*innen in der PKV zu einem Feh­len die­ser hohen Ein­kom­men und damit Bei­trä­ge in der GKV. Die Ein­füh­rung einer soli­da­ri­schen Bürger*innenversicherung mit einer Ver­bei­tra­gung aller Ein­kom­mens­ar­ten und in vol­ler Höhe (also mit Abschaf­fung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze) wür­de erheb­li­che finan­zi­el­le Ent­las­tun­gen für die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung (und auch für die Arbeitgeber*innen) bewir­ken, und zwar kon­kret eine Reduk­ti­on der Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung um vier bis fünf Pro­zent­punk­te, so eine im Auf­trag der Frak­ti­on DIE LINKE 2011 erschie­ne­ne Stu­die. Dabei wür­den logi­scher­wei­se vor allem mitt­le­re und unte­re Ein­kom­men ent­las­tet wer­den2. Auch ein Gut­ach­ten des Bre­mer Gesund­heits­öko­no­men Heinz Roth­gang von 2021 pos­tu­liert, dass eine soli­da­ri­sche Bürger*innenversicherung zu einer spür­ba­ren Redu­zie­rung der Bei­trags­sät­ze füh­ren und gleich­zei­tig Gering­ver­die­nen­de ent­las­ten wür­de3. Nach die­sem Modell wäre das dua­le Sys­tem aus GKV und PKV abge­schafft. Es wür­de eine Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung geben, in die alle einen pro­zen­tua­len Anteil ihrer Ein­kom­men, Miet­ein­nah­men und Kapi­tal­erträ­ge ein­zah­len und in der alle in Deutsch­land leben­den Men­schen Mit­glied wären. Ein wei­te­rer Vor­schlag kommt ohne Ein­füh­rung einer Bürger*innenversicherung aus und wäre auch im aktu­el­len Sys­tem schnell ein­führ­bar: Es wer­den ver­mehrt For­de­run­gen laut, bei den Abga­ben für Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht nur Löh­ne und Gehäl­ter ein­zu­be­zie­hen, son­dern auch Miet- und Kapi­tal­ein­künf­te. Eine zusätz­li­che Erhö­hung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze (und mit ihr der Ver­si­che­rungs­pflicht­gren­ze) wür­de Arbeitnehmer*innen mit einem Brut­to­ge­halt von mehr als 70.000 Euro mit­ein­be­zie­hen. So wür­den die Bei­trä­ge soli­da­ri­scher gestal­tet, und es wür­de zu Mehr­ein­nah­men für die Kran­ken­kas­sen kom­men. Auch eine Sen­kung der Bei­trags­sät­ze für nied­ri­ge Ein­kom­mens­grup­pen wäre dadurch mög­lich. Bei­de Vari­an­ten wür­den eine Aus­wei­tung der Soli­da­ri­tät und nicht eine Ein­schrän­kung der der­sel­ben als Ant­wort auf die Kri­se bedeu­ten.

Eine wei­te­re Stell­schrau­be für eine uni­ver­sel­le Gesund­heits­ver­sor­gung, die gleich­zei­tig Kos­ten ein­spa­ren könn­te, ist die Kran­ken­haus­fi­nan­zie­rung. Durch ver­schie­de­ne öko­no­mi­sche Anrei­ze, ins­be­son­de­re das DRG-Sys­tem, wur­de in den letz­ten Jah­ren die Gesund­heits­ver­sor­gung fast voll­stän­dig auf Markt­wirt­schaft aus­ge­rich­tet und ein gro­ßer Teil der Kran­ken­häu­ser pri­va­ti­siert; eine bedarfs­ge­rech­te Ver­sor­gung rück­te in den Hin­ter­grund. Pri­va­te Kran­ken­häu­ser, deren Anzahl in Deutsch­land seit 1991 um über 70% gestie­gen ist, ver­su­chen auf Kos­ten von Pa­tien­t*innen und Per­so­nal Pro­fit zu erwirt­schaf­ten und Anleger*innen aus­zu­zah­len. Nicht pro­fit­ori­en­tier­te, also öffent­li­che und frei­ge­mein­nüt­zi­ge Kran­ken­häu­ser müs­sen sich sys­tem­be­dingt eben­falls so ver­hal­ten, als ob sie Unter­neh­men wären; nur den Druck, Pro­fi­te machen zu müs­sen, gibt es für sie nicht. Das Sys­tem setzt Anrei­ze, bestimm­te Unter­su­chun­gen durch­zu­füh­ren oder Dia­gno­sen zu ver­ge­ben, die beson­ders pro­fi­ta­bel sind. Dadurch ist es in den letz­ten Jah­ren zu einer aus­ge­präg­ten Unter­ver­sor­gung in unren­ta­blen Fach­rich­tun­gen und einer gleich­zei­ti­gen Über­ver­sor­gung in ren­ta­blen Fach­rich­tun­gen gekom­men, und damit auch zu einer Fehl­ver­sor­gung. Da vie­le Kran­ken­häu­ser zum Über­le­ben Pro­fit machen müs­sen, fokus­sie­ren sie sich vor allem auf Dia­gno­sen oder Ope­ra­tio­nen, die zwar viel Geld brin­gen, letzt­end­lich aber dem Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem durch Mehr­kos­ten zur Last fal­len. Vom Bünd­nis Kran­ken­haus statt Fabrik wird daher gefor­dert, dass Kran­ken­häu­ser kom­plett rekom­mu­na­li­siert und pri­va­te Trä­ger abge­schafft wer­den. Wei­ter­hin wird die voll­stän­di­ge Finan­zie­rung der Kran­ken­haus­ver­sor­gung nach dem Selbst­kos­ten­de­ckungs­prin­zip gefor­dert. Die Kran­ken­haus­pla­nung soll­te am Bedarf der Bevöl­ke­rung aus­ge­rich­tet sein und nicht nach betriebs­wirt­schaft­li­chen Kri­te­ri­en. So müss­ten weder Über­ver­sor­gung noch Pro­fi­te finan­ziert wer­den. Eine detail­lier­te Auf­lis­tung der For­de­run­gen könnt ihr in der Bro­schü­re von Kran­ken­haus statt Fabrik nach­le­sen.

Ein Grund für die sehr hohen Gesund­heits­aus­ga­ben sind auch die Kos­ten für Medi­ka­men­te. Hier könn­te die Gesell­schaft von einer Imple­men­tie­rung von Public Phar­ma pro­fi­tie­ren. Dar­un­ter ver­steht man ein öffent­li­ches bezie­hungs­wei­se gemein­wohl­ori­en­tier­tes Phar­ma­un­ter­neh­men, wel­ches staat­lich, über­staat­lich oder kom­mu­nal orga­ni­siert sein kann. In der For­schung und Inno­va­ti­on wür­den die Wis­sen­schaft­ler zusam­men­ar­bei­ten, Infor­ma­tio­nen, Mit­tel und neue For­schungs­er­geb­nis­se aus­tau­schen, wäh­rend in Kon­kur­renz zuein­an­der­ste­hen­de pri­va­te Phar­ma­un­ter­neh­men sel­ten nega­ti­ve Stu­di­en­ergeb­nis­se ver­öf­fent­li­chen, neue Ent­wick­lun­gen gene­rell als Paten­te sichern und somit Medi­ka­men­te oder Tech­no­lo­gien zu einem vom Unter­neh­men bestimm­ten Preis ver­trei­ben. Kapi­ta­lis­tisch und pro­fit­ori­en­tier­te Phar­ma­un­ter­neh­men haben meist nicht das Inter­es­se, Me­dikamente für alle zugäng­lich zu machen, son­dern sind auf einen mög­lichst brei­ten und zah­lungs­fä­hi­gen Patient*innenkreis, hohe Prei­se und damit mög­lichst hohe Pro­fi­te aus. Im Gegen­satz dazu wür­de Public Phar­ma mit dem Ziel agie­ren, Hei­lung oder Behand­lung von Erkran­kun­gen zu mög­lichst gerin­gen Kos­ten zu ermög­li­chen. Public Phar­ma hät­te den Vor­teil, dass man die For­schung auf die Krank­heits­last und Bedar­fe aus­rich­ten könn­te statt auf lukra­ti­ve Nischen. Es könn­te zum Bei­spiel ver­mehrt in die Ent­wick­lung neu­er Anti­bio­ti­ka, Impf­stof­fe gegen Erre­ger oder die Behand­lung von Tro­pen­krank­hei­ten inves­tiert wer­den. Gene­ri­ka und Bio­si­mi­lars könn­ten frü­her und brei­ter ver­füg­bar gemacht wer­den. Wenn Public Phar­ma ver­ant­wort­lich wäre für die kom­plet­te Pro­duk­ti­on eines Arz­nei­mit­tels, könn­ten auf­grund gerin­ge­rer Mar­ke­ting­kos­ten (sie machen heut­zu­ta­ge oft einen grö­ße­ren Anteil an den Kos­ten als die für For­schung aus) und nied­ri­ge­rer Pro­duk­ti­ons­kos­ten die Prei­se für Medi­ka­men­te fal­len. Inter­na­tio­na­le Initia­ti­ven wie Public Phar­ma for Euro­pe for­dern mehr öffent­li­che Ver­ant­wor­tung und Steue­rung im Phar­ma­be­reich, also den Auf­bau, Erhalt und Aus­bau öffent­li­cher phar­ma­zeu­ti­scher Infra­struk­tu­ren, sodass Medi­ka­men­te, Impf­stof­fe und ande­re Gesund­heits­tech­no­lo­gien nach Gesund­heits­be­darf statt nach Pro­fit­lo­gik ent­wi­ckelt, pro­du­ziert und ver­füg­bar gemacht wer­den könn­ten4.

Ein gutes Bei­spiel dafür, dass Inves­ti­tio­nen und Aus­ga­ben in Gesund­heit lang­fris­tig die Kos­ten sen­ken kön­nen, zeigt sich beim The­ma Prä­ven­ti­on. So zeigt eine gro­ße Ana­ly­se des Cen­ter for Dise­a­se Con­trol (CDC) zu Kind­heits­imp­fun­gen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, dass auf etwa einen Dol­lar Impf­kos­ten ca. 11 Dol­lar gesell­schaft­li­che Ein­spa­run­gen inklu­si­ve ver­schie­de­ner Behand­lungs­kos­ten und Pro­duk­ti­vi­täts­ver­lus­te kom­men5. Die WHO fasst in ihren »Best Buys« eine Rei­he sehr güns­ti­ger Maß­nah­men zusam­men, unter ande­rem Tabak­kon­trol­le, Alko­hol­po­li­tik, Salz­re­duk­ti­on, Blut­druck- und Dia­be­tes-Basis­ver­sor­gung, bei denen der »Return on Invest­ment« die­ser Pake­te als sub­stan­zi­ell beschrie­ben wird, das heißt meh­re­re Dol­lar Nut­zen pro inves­tier­tem Dol­lar zu erwar­ten sind6. Trotz all die­ser Daten gilt Prä­ven­ti­on als poli­tisch unat­trak­tiv. Die End­punk­te sind schwer mess­bar und meis­tens lei­der erst Jahr­zehn­te spä­ter, also weit nach einer Legis­la­tur­pe­ri­ode, spür­bar.

Von Spar­maß­nah­men und Austeri­täts­po­li­tik sind vor allem Men­schen betrof­fen, die kaum eine Lob­by haben, um sich zu orga­ni­sie­ren und kaum Mit­tel haben, die weg­fal­len­den Leis­tun­gen aus pri­va­ter Tasche zu bezah­len. Hier­zu zäh­len vor allem Arme, Kran­ke, Such­ter­krank­te, Woh­nungs­lo­se, Kin­der, Pfle­ge­be­dürf­ti­ge, Geflüch­te­te, Men­schen mit Behin­de­run­gen und vie­le wei­te­re mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen. Wenn die Arbeits­lo­sig­keit in Zukunft zuneh­men soll­te, wer­den ver­mehrt auch Arbeits­lo­se betrof­fen sein. Doch wenn man genau hin­schaut, gibt es durch­aus poli­ti­sche Maß­nah­men, um die (kurz­fris­ti­gen) Kos­ten für Gesund­heit, Bil­dung und Sozia­les gesamt­ge­sell­schaft­lich zu tra­gen und so auf lan­ge Sicht eine gesün­de­re, gerech­te­re und inno­va­ti­ve­re Gesell­schaft zu errei­chen.

Eine aktu­el­le Stu­die des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, die von der Par­tei DIE LINKE beauf­tragt wur­de, zeigt, dass eine Wie­der­ein­füh­rung der Ver­mö­gens­steu­er deut­li­che Mehr­ein­nah­men ein­brin­gen könn­te. Als Grund­la­ge geht das DIW davon aus, dass das Ver­mö­gen pri­va­ter Haus­hal­te in Deutsch­land etwa 16,5 Bil­lio­nen Euro beträgt, wovon das reichs­te Pro­zent der Bevöl­ke­rung (also mit einem Besitz von mehr als 2,3 Mil­lio­nen Euro pro Per­son) etwa ein Drit­tel besitzt und die reichs­ten 0,01 Pro­zent (also 6.900 Per­so­nen mit mehr als 76 Mil­lio­nen Euro) etwa 11% besit­zen. Laut dem Vor­schlag der LINKEN wür­de der Steu­er­ta­rif bei 1 % begin­nen und schritt­wei­se mit höhe­rem Ver­mö­gen stei­gen. So wür­de er bei 50 Mil­lio­nen Euro 5% errei­chen und bei einer Mil­li­ar­de Euro 12 %. Der Frei­be­trag für pri­va­te Ver­mö­gen wür­de eine Mil­li­on Euro betra­gen. Nach die­sen Berech­nun­gen könn­ten die Bei­trä­ge dem Staat bzw. den Län­dern 147 Mil­li­ar­den Euro im Jahr ein­brin­gen. Selbst wenn man Anpas­sungs­re­ak­tio­nen wie z.B. das Aus­wan­dern von Betrof­fe­nen mit ein­be­rech­nen wür­de, könn­te der Betrag noch etwa 100 Mil­li­ar­den Euro betra­gen. Hier wür­den die reichs­ten 0,1% der Bevöl­ke­rung (also mit einem Ver­mö­gen von mehr als 13,8 Mil­lio­nen Euro) etwa 92% bei­steu­ern. Auch mit kon­ser­va­ti­ve­ren Vari­an­ten, z.B. einem Frei­be­trag von 10 Mil­lio­nen Euro, wären die Ein­nah­men noch rech­ne­risch bei etwa 125 Mil­li­ar­den Euro. Bei einem Steu­er­satz von 1% ohne anstei­gen­de Tari­fe wären es 3,6 Mil­li­ar­den Euro. Da bei hohen Steu­er­sät­zen, wie im Modell der LINKEN, durch die Ver­mö­gens­steu­er laut DIW nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät und Inno­va­ti­ons­kraft der Wirt­schaft droh­ten, emp­fiehlt das DIW, die­se schritt­wei­se und mög­lichst inter­na­tio­nal ein­zu­füh­ren.

Auch mit einer Reform der Erb­schaft­steu­er könn­ten Mehr­ein­nah­men für den Staat gene­riert wer­den. Die SPD setzt sich aktu­ell dafür ein, rei­che Erb*innen mit einer Erb­schafts­steu­er mehr am Gemein­wohl zu betei­li­gen und klei­ne­re Ver­mö­gen zu ent­las­ten. Es soll einen Frei­be­trag von einer Mil­li­on Euro geben, sowie fünf Mil­lio­nen Euro beim Ver­er­ben von Unter­neh­men (zum Schutz klei­ner Fami­li­en­un­ter­neh­men).

Wei­te­re Vor­schlä­ge gibt es zu einem soli­da­ri­schen Ren­ten­sys­tem. So for­dert die SPD aktu­ell die Aus­wei­tung der Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht auf Beamt*innen, Selbst­stän­di­ge und Man­dats­trä­ger. Bestimm­te Berufs­grup­pen wie z.B. Beam­te oder auch Ärzt*innen zah­len bis­her in eige­ne, berufs­stän­di­sche Ren­ten­kas­sen ein (z.B. Beam­ten­kas­sen oder Ver­sor­gungs­wer­ke für Ärzt*innen, Zahnärzt*innen und Tierärzt*innen) und sind von der Ver­si­che­rungs­pflicht bei der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung befreit. Auch der vdää* for­dert schon lan­ge die Auf­lö­sung die­ser sepa­ra­ten Ren­ten­kas­sen hin zu einem soli­da­ri­schen Ren­ten­ver­si­che­rungs­sys­tem für alle Arbeitnehmer*innen.

Ins­ge­samt lässt sich sagen, dass es vie­le, mit Stu­di­en beleg­te und kon­kret umsetz­ba­re Ideen gibt, um mehr Geld in die Kas­sen des Staa­tes und der Län­der, der Ren­ten­kas­se oder der Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung zu spü­len, ohne dass Gering­ver­die­nen­de belas­tet wer­den müs­sen. Aus unse­rer Sicht ist die Umver­tei­lung hoher und sehr hohen Ein­kom­men und Ver­mö­gen hin zu soli­da­ri­schen staat­li­chen Struk­tu­ren drin­gend nötig. Aus­ga­ben für Gesund­heit, Bil­dung, Sozia­les und Prä­ven­ti­on dür­fen dabei nicht als Kos­ten ohne Mehr­wert gese­hen wer­den, son­dern müs­sen als Inves­ti­tio­nen ver­stan­den wer­den, um eine gerech­te, soli­da­ri­sche, inno­va­ti­ve und gesun­de Gesell­schaft zu sichern.

Exkurs: Unter Wert

In ihrem Buch »Unter Wert« hin­ter­fragt Emma Hol­ten radi­kal die aktu­ell gel­ten­den Regeln der Öko­no­mie. Ange­sto­ßen wur­de das Buch, nach­dem die Autorin 2020 in einer däni­schen Zeit­schrift die Über­schrift »Frau­en sind nach wie vor ein Ver­lust­ge­schäft für die Staats­kas­se« gele­sen hat­te. Sie beschäf­tigt sich daher his­to­risch und aktu­ell damit, wie »Wert« von Arbeit und Pro­duk­ten bemes­sen wird. Die­ser wer­de in der aktu­el­len und his­to­ri­schen Öko­no­mie einem kapi­ta­lis­ti­schen (angeb­li­chen) mess­ba­ren Wert zuge­schrie­ben. So kön­ne man den angeb­li­chen »Wert« eines Pro­duk­tes anhand von Pro­duk­ti­ons­kos­ten, Mate­ri­al­kos­ten, Mar­ke­ting­kos­ten etc. berech­nen und mit einem Preis ver­se­hen. Der Wert von Care-Arbeit, u.a. also Pfle­ge, Kin­der­er­zie­hung, Bil­dung und Haus­halts­füh­rung, ist hin­ge­gen schwer mess- und bere­chen­bar. Nach den meis­ten öko­no­mi­schen Model­len fällt Care-Arbeit aus den Wert­be­rech­nun­gen her­aus und ist so nach moder­nen ono­mi­schen Prin­zi­pi­en wert­los. Auch im BIP fin­det sie kaum bis kei­ne Berück­sich­ti­gung. Daher wer­de die meis­te Care-Arbeit unbe­zahlt (im Übri­gen von Frau­en) ver­rich­tet und bezahl­te Care-Arbeit als Kos­ten­fak­tor dekla­riert. Da der Nut­zen von Care-Arbeit eben­falls schwer mess­bar sei, scheint es, als habe die­se auch kei­nen Nut­zen. Die moder­ne öko­no­mi­sche Theo­rie ver­ein­fa­che somit die bestehen­den rea­len Ver­hält­nis­se und betrach­te Wert­schaf­fung und Pro­duk­ti­on iso­liert von Für­sor­ge­ar­beit. Dies ent­spre­che jedoch natür­lich nicht der Rea­li­tät, da Pfle­ge, Gesund­heit und Für­sor­ge für Kin­der letzt­end­lich sogar die für das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem uner­läss­li­chen gut aus­ge­bil­de­ten und leis­tungs­fä­hi­gen (neu­en) Arbeits­kräf­te schaff­ten. Die Autorin for­dert ein radi­ka­les Umden­ken: Care-Arbeit müs­se von der pri­va­ten in die öffent­li­che Ver­ant­wor­tung ver­scho­ben wer­den, es müss­ten neue Instru­men­te und Wis­sen­schaf­ten zur Mes­sung des Nut­zens von Für­sor­ge gefun­den wer­den und letzt­end­lich sol­le Care-Arbeit als grund­le­gen­de Infra­struk­tur betrach­tet wer­den, die staat­lich geför­dert, fair bezahlt und poli­tisch aner­kannt wer­den muss.7

Rafae­la Voss ist vdää*-Mitglied, Teil der Redak­ti­on der Zeit­schrift Gesund­heit braucht Poli­tik und aktu­ell in Wei­ter­bil­dung zur Fach­ärz­tin für Neu­ro­lo­gie.

  1. Gesund­heits­aus­ga­ben 2023: Finan­zie­rungs­bei­trag des Staa­tes um fast ein Drit­tel gesun­ken. (n.d.). Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_268_23611.html ↩︎
  2. Wein­berg, H. (2011). Stand­punk­tE 272011. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Standpunkte/Standpunkte_27-2011.pdf ↩︎
  3. Ärz­te­blatt, D. Ä. G. R. D. (n.d.). Gut­ach­ten: Soli­da­ri­sche Gesund­heits­ver­si­che­rung wür­de Bei­trä­ge redu­zie­ren. Deut­sches Ärz­te­blatt. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/125503/Gutachten-Solidarische-Gesundheitsversicherung-wuerde-Beitraege-reduzieren ↩︎
  4. Public Phar­ma For Euro­pe. (2025, June 30). Public Phar­ma for Euro­pe. Public Phar­ma for Euro­pe – the Public Phar­ma for Euro­pe (PPfE) Coali­ti­on Advo­ca­tes for and Sup­ports Public Lea­der­ship and Respon­si­bi­li­ty in Estab­li­shing, Con­ti­nuing, and Expan­ding Public Phar­maceu­ti­cal Infra­struc­tures, Poli­ci­es, and Gover­nan­ce Mecha­nisms in Euro­pe. https://publicpharmaforeurope.org/ ↩︎
  5. Zhou, F., Jat­laoui, T. C., Leid­ner, A. J., Car­ter, R. J., Dong, X., San­to­li, J. M., Sto­kley, S., Das­ka­la­kis, D. C., & Pea­cock, G. (2024). Health and eco­no­mic bene­fits of rou­ti­ne child­hood immu­niza­ti­ons in the era of the Vac­ci­nes for Child­ren Pro­gram – United Sta­tes, 1994–2023. MMWR Mor­bi­di­ty and Mor­ta­li­ty Weekly Report, 73(31), 682–685. https://doi.org/10.15585/mmwr.mm7331a2 ↩︎
  6. World Health Orga­niza­ti­on. (2017). ›Best buys‹ and other recom­men­ded inter­ven­ti­ons for the pre­ven­ti­on and con­trol of non­com­mu­ni­ca­ble dise­a­ses. In Best Buys TACKLING B NCDs (pp. 2–25). https://ncdalliance.org/sites/default/files/resource_files/who-nmh-nvi-17.9‑eng.pdf ↩︎
  7. Unter Wert: War­um Care-Arbeit seit Jahr­hun­der­ten nicht zählt von Emma Hol­ten, dtv Ver­lags­ge­sell­schaft mbH & Co. KG, 2025 ISBN: 978–3423284646 ↩︎

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