Von Raul Zelik
Bevor ich diese Frage diskutieren kann, muss ich wahrscheinlich erst einmal erklären, warum ich den Begriff Fortschritt überhaupt noch verwende: Spätestens seit den Kämpfen gegen den Kolonialismus und seit der kritischen Theorie, seit dem Feminismus, der poststrukturalistischen Philosophie und den ökologischen Bewegungen sollte klar sein, dass wir die Vorstellung einer linear vorwärtsschreiten Geschichte zurückweisen müssen. Die von der europäischen Aufklärung formulierte Idee, dass es eine festgelegte Abfolge gesellschaftlicher Formationen gibt, ist nicht nur eurozentristisch und produktivistisch, sondern stand auch der Emanzipation immer wieder im Weg. »Fortschritt« war das systemübergreifende Argument, mit dem – sowohl im Kapitalismus wie im Stalinismus – die Zerstörung von traditionellen Sozialstrukturen, Natur, bäuerlicher Subsistenzwirtschaft, Allmende-Systemen und lokaler Selbstbestimmung gerechtfertigt wurde. Fortschritt war Entwicklungsterror und die technologische Intensivierung der Herrschaft. Auch deshalb traf die Formulierung des französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard, dass die Zeit der »großen Erzählungen« vorüber sei, unter Linken ab den 1980er Jahren auf so große Zustimmung.
Was wir von diesen Einwänden unbedingt aufgreifen sollten, ist die scharfe Kritik am Geschichtsdeterminismus. Die Vorstellung, dass technischer Fortschritt die Ausdifferenzierung der Gesellschaften und soziale Emanzipation untrennbar miteinander verknüpft seien, wie es der Mainstream-Marxismus in der Tradition der europäischen Aufklärung behauptete, ist vielfach widerlegt. Technischer Fortschritt entsteht unter Herrschaftsbedingungen und ist daher nie neutral – viele wichtige Erfindungen dienten der Intensivierung von Macht und Ausbeutung. Denken wir nur an das Fließband, das die Kontrolle und Taktung der Arbeitskraft erlaubt. Zwar stieg auch die Effizienz der Produktion und damit auch die Menge der hergestellten Güter, was man als »Fortschritt« bezeichnen könnte, aber gleichzeitig verloren die Arbeitenden in den Fabrikhallen jede Autonomie über ihre Bewegungsabläufe. Menschen wurden zu Verlängerungen der Maschine. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie »Fortschritt« der Emanzipation widersprechen kann.

Andererseits meine ich aber auch, dass wir heute, da gesellschaftliche Realitäten immer stärker fragmentiert, wir alle vereinzelt werden, das Bewusstsein darüber stärken müssen, was uns im emanzipatorischen Sinn als Menschen zusammenführt. Und das scheint mir in vielen historischen Momenten die »große Erzählung« der Befreiung gewesen zu sein. Das Wissen, dass Herrschaft irgendwo herausgefordert wurde, hat Menschen zum eigenen Aufbegehren ermutigt. Die Bauernaufstände der 1520er Jahre in Mitteleuropa, die Rebellionen Südamerikas in den 1780er Jahren, der Nachhall, den die Haitianische Revolution in Plantagenaufständen im Süden der USA fand, die Revolutionen des 20. Jahrhunderts – das alles wurde nicht nur von dem Wissen um die Unerträglichkeit bestehender Verhältnisse getragen, sondern auch von der Zuversicht, dass es besser werden, es einen »Fortschritt der Befreiung« geben kann.
Und tatsächlich haben sich viele Rechte, die sich Unterdrückte einmal eroberten, danach hartnäckig gehalten. Als die Bauern keine Leibeigenen und die Schwarzen keine Sklav*innen mehr waren, als die Frauen zu formal gleichberechtigten Rechtssubjekten wurden, waren sie zwar noch lange nicht frei, aber es wurden bestimmte Standards der Gleichheit und Selbstbestimmung etabliert, was die Herrschenden zwang, sich neue Figuren und Strategien auszudenken, um ihre Machtpositionen zu behaupten. Dieses Wechselspiel von erkämpfter Emanzipation und Rückschlägen hat der schwarze Soziologe W.E.B. Du Bois exemplarisch am Beispiel der Abolition der 1860er Jahre untersucht: Die Abschaffung der Sklaverei in den USA war ein historischer Fortschritt, auf den die plantagenkapitalistische Klasse mit einer »Konterrevolution des Eigentums« reagierte, so Du Bois. Sie errichtete das rassistische Jim-Crow-System, in dem aus Sklaven entrechtete Pächter wurden. Auf die Befreiung folgte ein Gegenschlag. Aber dennoch bedeute die Abschaffung der Sklaverei einen Fortschritt.
An dem Beispiel sieht man, wie ich den Begriff verwenden will – nämlich normativ. Fortschritt impliziert die Bewegung auf ein Ziel hin. Und mich interessiert das Ziel einer freien Gesellschaft, in der sich die Menschen gleichberechtigt, geschwisterlich und selbstbestimmt begegnen können. Weil es diese Emanzipation nicht individuell, sondern nur gemeinsam gibt, zählen Gemeineigentum, Kollektivität, radikale Demokratie und die feministische Praxis der Sorge umeinander zu ihren Voraussetzungen.
Nach wie vor gibt es so etwas wie ein kollektives Verlangen nach Gleichheit und Solidarität.
Mir ist klar, dass sich Fortschritt auch ganz anders definieren lässt. Für Elon Musk besteht er wahrscheinlich darin, dass sein Technologiekonzern den Mars besiedeln und Manager ihre Persönlichkeit in eine Cloud hochladen können, um unsterblich zu werden – oder das zumindest zu glauben. Interessant ist jedoch, dass das Ziel der egalitären, solidarischen und demokratischen Gesellschaft, in der es eine starke Gemeinschaft, aber gleichzeitig auch Platz für individuelle Selbstbestimmung gibt, von einer großen Mehrheit der Menschen geteilt wird. Trotz Jahrhunderten patriarchaler, feudalistischer, rassistischer und kapitalistischer Gehirnwäsche gibt es nach wie vor so etwas wie ein kollektives Verlangen nach Gleichheit und Solidarität. Vielleicht, weil diese Organisationsprinzipien während eines großen Teils der Menschheitsgeschichte für unser Überleben entscheidend waren; vielleicht auch einfach, weil wir in solidarischen Gemeinschaften von Freien und Gleichen am glücklichsten sind.
Diesem Ziel näherzukommen ist also das, was ich als Fortschritt bezeichnen möchte. Es ist das, was unser Leben egalitärer, geschwisterlicher und freier macht. Oder wie es bei Marx hieß: »Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.«
Aufstand und Emanzipation
Es gibt diese Geschichtslinie fortschreitender Emanzipation. Doch wenn sie in Schulen, Universitäten oder bürgerlichen Medien vermittelt wird, scheint sie das Ergebnis weiser Regierungskunst und wohlgesonnener Herrschender zu sein: Die Demokratie wurde eingeführt, weil liberale Philosophen die Gewaltenteilung und freie Wahlen propagierten. Die Sklaverei hat Abraham Lincoln beseitigt, nachdem er die Südstaaten im Bürgerkrieg besiegte. Die deutschen Sozialversicherungen wurden eingeführt, weil Reichskanzler Bismarck sich um die Gerechtigkeit sorgte. Und die soziale Marktwirtschaft wiederum ist eine Erfindung Ludwig Erhards.
All das ist, man muss es so platt sagen, pure Ideologie. Wenn wir etwa zum Beitrag des historischen Liberalismus bei der Einführung der Demokratie recherchieren, werden wir feststellen, dass das Allgemeine Wahlrecht von der Arbeiter- bzw. Frauenbewegung eingefordert, vom liberalen Bürgertum aber vielerorts sehr gefürchtet wurde. In England etwa, dem »Mutterland der Demokratie«, durften bis 1918 nur Vermögensbesitzer wählen – in Nordirland sogar bis 1969. Auch in Deutschland waren nicht wenige Liberale davon überzeugt, dass man die Demokratie vor der Mehrheit schützen müsse. In Preußen etwa galt bis 1918 das Dreiklassenwahlrecht, durch das die reichsten vier Prozent der Wählerschaft genauso viele Abgeordnete in den preußischen Landtag entsenden durften wie die arbeitenden achtzig Prozent. Und bei diesen Zahlen wiederum war die Hälfte der Bevölkerung, nämlich die Frauen aller Klassen, bereits ausgeschlossen. Zwei Prozent der Bevölkerung entsandten so viele Abgeordnete wie 40 Prozent, und 50 Prozent überhaupt niemanden.«
Interessant ist auch die Beschäftigung mit John Lockes »Zwei Abhandlungen über die Regierung«, das oft als eine Art Gründungsmanifest des Liberalismus bezeichnet wird. Das Buch legt dar, warum bürgerliche Gesellschaften einen Staat benötigen und ihm Macht übertragen sollten. Locke begründet das keineswegs damit, dass die Mehrheit entscheiden sollte. Was ihn am Staat interessiert, ist dessen Fähigkeit, über die Einhaltung von Verträgen zu wachen. Durch die Übertragung von Macht in die »Hände der Gesellschaft« kann das Eigentum des Einzelnen besser geschützt werden, so Locke. Seine »Zwei Abhandlungen« enthalten zwar auch Überlegungen zur Gewaltenteilung, doch um Demokratie geht es an keiner Stelle.
Man muss zur Kenntnis nehmen: Der Liberalismus entstand, wie es der kanadische Politologe C.B. Macpherson formuliert hat, als Ideologie des Besitzindividualismus. Vor der Despotie geschützt werden sollte die Freiheit der Eigentümer – und nicht das Leben oder die Freiheit der Vielen. Wie kommt es dann aber zur parlamentarischen Demokratie, die gegen die Macht der Eigentümer wenig auszurichten vermag, aber doch immerhin auf dem Prinzip beruht, dass alle gleichberechtigt eine Stimme besitzen sollten – eine ungenügende Errungenschaft, aber eben doch auch ein Fortschritt? Nun, es waren die Kämpfe der Untertanen, die die Herrschaft der Wenigen zurückdrängten. In der französischen Revolution von 1789 begehrte der »Dritte Stand« auf, also jene 98 Prozent, die weder Adel noch Klerus waren. Die eigentliche »Volksherrschaft« kam dann 1918 mit den Aufständen der Arbeiter- und Soldatenräte.
Widersprüche bei der Abschaffung der Sklaverei
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit der Abschaffung der Sklaverei. Wenn wir von Bürger- und Menschenrechten sprechen, denken viele von uns an die Verfassungsväter der USA. Man hat es uns so beigebracht. Aber wussten Sie, dass Thomas Jefferson, der als wichtigster Autor der US-Unabhängigkeitserklärung gilt, ein Plantagenbesitzer war, der seine Sklavin Sally Hemings im Alter von 14 oder 15 Jahren zu vergewaltigen begann? Hemings bekam fünf Kinder von Jefferson, die dieser als seinen Besitz eintragen ließ und erst auf Drängen der Frau nach Erreichen der Volljährigkeit in die Freiheit entließ. Die Gründerväter postulierten zwar die Gleichheit der Menschen – doch die Sklav*innen waren irgendwie ausgenommen. Männer wie Jefferson waren von der Sklaverei zwar auch nicht mehr wirklich überzeugt, aber hielten erst einmal an ihr fest. Warum auch nicht? Warum sollten Herrschende aus freien Stücken ihre Herrschaft abschaffen?
Und Abraham Lincoln? Er war gewiss einen Schritt weiter – die abolitionistische Bewegung hatte an Zuspruch gewonnen, und Lincoln war für die Abolition. Doch von ihm stammt gleichzeitig auch folgende, durch und durch rassistische Ausführung: »Es gibt einen körperlichen Unterschied zwischen der weißen und der schwarzen Rasse, der es, wie ich glaube, für immer verbietet, dass die beiden Rassen auf der Grundlage von sozialer und politischer Gleichheit zusammenleben. Und da sie so nicht leben können und doch zusammenbleiben, muss es die Position des Überlegenen und Unterlegenen geben, und ich bin genauso wie jeder andere dafür, dass die überlegene Position der weißen Rasse zuerkannt wird.«
Von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson hören wir viel, wenn wir fernsehen oder in die Schule gehen. Seltener hingegen hören wir von Toussaint Louverture und den haitianischen Revolutionär*innen, die mit einem bewaffneten Aufstand ab 1791 die Sklaverei in Frankreichs lukrativster Kolonie, der Zuckerrohrinsel Saint Domingue, dem heutigen Haiti, beseitigten. Von Haiti wissen wir heute nur mehr, dass es sich um einen gescheiterten, von Gangs kontrollierten Staat handelt. Aber wussten Sie, dass die Menschen in Haiti, die sich selbst befreiten, Frankreich eine Entschädigung dafür leisten mussten, dass Frankreich sie versklavt hatte? 150 Millionen Gold-Francs wurden als Entschädigungssumme festgelegt. Einer Recherche der New York Times zufolge dauerte es bis 1947, bis Haiti diese eigenartige Auslandsschuld beglichen hatte. Die Verschuldung, die ökologische Erschöpfung der Böden und die Installation neuer, nationaler Eliten sind die zentralen Ursachen dafür, warum das revolutionäre Haiti von uns nicht als Motor des gesellschaftlichen Fortschritts, sondern als historische Tragödie erinnert wird.
Doch die haitianische Revolution ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fortschritt funktioniert. Ohne den geglückten Sklavenaufstand in der Karibik waren die Aufstände auf den Plantagen im Süden der USA weniger zahlreich gewesen, wären dort vermutlich nicht 600.000 Menschen aus der Sklaverei geflohen. Die haitianische Revolution wurde zum Leuchtturm für die abolitionistische Bewegung, die auf vielfältige Weise gegen die Superreichen ihrer Zeit, die Plantagenkapitalisten, aufbegehrten. Übrigens war das auch im Amerikanischen Bürgerkrieg selbst entscheidend: 400–500.000 versklavte Menschen flohen aus den Südstaaten und schlossen sich den Truppen Lincolns an. Diese Massenflucht war ein entscheidend für die Niederlage der Konföderation.
Und wie ist es mit den sozialen Errungenschaften in Deutschland? Auch hier wird meist nur über Regierende gesprochen. Tatsächlich jedoch wurden die Sozialversicherungssysteme der 1880er Jahren eingeführt, weil die Sozialdemokratie, damals noch eine revolutionäre Bewegung, rasant wuchs. Reichskanzler Bismarck reagierte in Anbetracht dieser Bedrohung mit einer Doppelbewegung: Die SPD wurde 1878 verboten, parallel dazu führte man Sozialversicherungen ein. Der Kaiser erklärte 1881: »Die Heilung der sozialen Schäden ist nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen.«
Klar ausgedrückt: Die Sozialversicherungen waren gegenrevolutionäre Maßnahmen, die den preußischen Obrigkeitsstaat schützen sollten. Das Machtverhältnis wurde gewahrt, indem man manchen Forderungen der unteren Klassen entgegenkam. Nicht nur in parlamentarischen Demokratien, sondern auch in autoritären Regimen, Feudalsystemen und Diktaturen müssen Herrschende Kompromisse eingehen.
Motor des Bismarck’schen Reformprozesses war übrigens auch nicht die organisatorische Macht der Sozialdemokratie, die vor ihrem Verbot etwa 9 Prozent der Wählerschaft hinter sich versammelte, sondern ihr Potenzial, für unregierbare Verhältnisse zu sorgen. Die Angst vor der Rebellion der arbeitenden Klassen führte zum deutschen Sozialversicherungssystem.
Das gilt übrigens auch für die »soziale Marktwirtschaft«, von der in der Bundesrepublik immer gern die Rede ist. In der offiziellen Geschichtserzählung wird sie, in den Worten des Ordoliberalen Alfred Müller-Armack, als Modell verstanden, um »das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden«, und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) zugeschrieben. Doch tatsächlich haben die sozialen Aspekte der Bundesrepublik eher mit Arbeitskämpfen, antikapitalistischen Überzeugungen in der Bevölkerung und der Systemkonkurrenz mit dem sozialistischen Ostblock zu tun. Nach 1945 waren viele Deutschen davon überzeugt, dass der Kapitalismus maßgeblich zum Faschismus beigetragen hatte. Sogar die CDU plädierte 1947 im Ahlener Programm für einen »christlichen Sozialismus« und die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien.
Diese kapitalismuskritische Grundstimmung schlug sich auch in den Länderverfassungen nieder. Vor allem in Hessen und Nordrhein-Westfalen eröffneten die Landesverfassungen sozialistische Perspektiven. Erst der Eingriff der US-Besatzungsmacht drängte diesen Einfluss zurück und brachte den verfassunggebenden Prozess der Bundesrepublik in ein anderes Fahrwasser. Die Ausarbeitung des Grundgesetzes wurde, anders als die der Länderverfassungen, einer Expertenkommission überantwortet, die die populäre Forderung nach sozialer und ökonomischer Demokratisierung weitgehend ausklammerte. Trotzdem blieb auch das Grundgesetz insofern Ausdruck eines Kompromisses zwischen Wirtschaftsliberalismus und sozialistischen Forderungen, als es die Entscheidung über die zukünftige Wirtschaftsform Deutschlands offenließ. Das ist der Hintergrund der Enteignungsparagrafen (§14 und 15) im Grundgesetz. Die deutsche Verfassung sieht, wie Wolfgang Abendroth nicht müde wurde zu betonen, einen demokratischen Weg zu sozialistischen Gemeineigentumsformen ausdrücklich vor.
Das Projekt der Ordoliberalen um Ludwig Erhard bestand darin, diese sozialistischen Tendenzen zurückzudrängen und eine »freie« Marktwirtschaft durchzusetzen. Erhard kümmerte sich zunächst darum, die von den Alliierten etablierte Regulierung von Preisen aufzuheben, das Zuteilungssystem von Lebensmitteln zu beenden und den vorhandenen Geldüberhang durch eine Währungsreform abzuschöpfen. In einer lesenswerten Untersuchung hat der Historiker Uwe Fuhrmann gezeigt, dass Erhards Politik auf heftigen Widerstand stieß. Millionen Menschen beteiligten sich an Streiks und Massenprotesten, bei denen es nicht nur um die schlechte Versorgungslage oder um die Demontage von Industrien, sondern auch um weiter reichende politische Forderungen ging: Verlangt wurden unter anderem eine umfassende Entnazifizierung der Firmenleitungen, mehr betriebliche Mitbestimmung und die Einführung einer Wirtschaftsdemokratie, die eine gesellschaftliche Gestaltung des ökonomischen Lebens ermöglichen sollte. Charakteristisch für die Kämpfe war auch, dass sie von Hausfrauen angezettelt wurden. Spontane Arbeitsniederlegungen zwangen die sozialdemokratischen Gewerkschaftsführungen, die fürchteten, die Verbindung zur Basis zu verlieren, zur Durchführung regionaler Generalstreiks.
In Anbetracht dieser Massenproteste reagierte Ludwig Erhard mit der Flucht nach vorn – er setzte die auch von Teilen der CDU kritisch bewertete Rückkehr zur Marktwirtschaft durch. Die Ausgabe der neuen D‑Mark führte zunächst zu massiven Preiserhöhungen und einer dramatischen Verschlechterung der Versorgungslage, was die sozialen Konflikte weiter eskalieren ließ: Im Oktober 1948 kam es bei einer Protestkundgebung in Stuttgart zu Krawallen, die US-Besatzungsmacht reagierte mit dem Einsatz von Panzern. Zwei Wochen später folgte ein Generalstreik in der britisch-amerikanischen »Bizone«. Die wichtigste Forderung in diesen Kämpfen war die Einführung sozialpolitischer Maßnahmen. Genau das jedoch lehnten die Ordoliberalen um Ludwig Erhard ab.
Auch diskursiv stammt das Adjektiv »sozial« keineswegs von Erhard, sondern von den Gewerkschaften, die der »freien« Marktwirtschaft der Ordoliberalen das Konzept einer »sozialen« Ordnung entgegensetzten. Erst aufgrund dieses Drucks verwendete Erhard erstmals den Begriff und machte ihn sich dann angesichts der anhaltenden Proteste im Herbst 1948 zu eigen. Fuhrmann resümiert: »Es waren vor allem seine politischen Widersacher, welche die ›soziale Marktwirtschaft‹ im Diskurs hielten.«
Alle sozialen Errungenschaften der Nachkriegsjahre gehen auf das Konto sozialer Kämpfe. Das Montan-Mitbestimmungsgesetz, mit dem sich die Beschäftigten die paritätische Mitbestimmung in den Bergbau- und Stahlunternehmen sicherten, wurde durch die Vorbereitung eines großen Stahl- und Kohlestreiks 1950/1951 erkämpft. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall folgte 1956⁄57 nach einem 114 Tage langen Streik in der Metallindustrie Schleswig-Holsteins, das Rentensystem mit seinen dynamischen, lohnbezogenen Steigerungsratenwurde 1957 mit Sozialprotesten durchgesetzt. Und bei all diesen Auseinandersetzungen spielte natürlich immer auch die Sorge eine Rolle, die Bundesrepublik könnte im Systemwettstreit mit der DDR an Zustimmung verlieren. Es war die Drohung einer Revolution, die für die Bereitschaft zu Reformen sorgte. Und das erklärt wohl auch zu einem beträchtlichen Teil, warum es global praktisch keinen Fortschritt in Richtung sozialer Gleichheit und Solidarität mehr gibt, seitdem die sozialistischen Staaten 1989 verschwunden sind. Die Sowjetunion war alles andere als eine befreite Gesellschaft, aber die bloße Gefahr, dass andere Länder es ihr nachtun könnten, erweiterte die Spielräume sozialen Fortschritts.
Geschichte von unten
Die Antwort auf die Frage, wie gesellschaftlicher Fortschritt gelingen kann, kann meiner Ansicht nach nur lauten: Es waren und sind die Kämpfe von unten. Regierungen, ob nun konservativ wie Bismarck und Ludwig Erhard in Deutschland oder progressiver wie Franklin D. Roosevelt in den USA, reagierten immer auf die Kämpfe der Vielen und artikulierten sie.
Der französische Journalist Abel Mestre hat in der liberalen Tageszeitung Le Monde (24.09.2025), nicht zu verwechseln mit der linken Le Monde Diplomatique, im September eine interessante Analyse der französischen Protestbewegungen veröffentlicht. Ausgehend von Bloquons Tout, jener Protestwelle, die Anfang September dieses Jahres den Premierminister stürzte, fragte Mestre, ob eine Regierungsorientierung der Linken wirklich erfolgversprechend sei. Jene Bewegungen in Europa, die sich in regierungsorientierte Parteien wie Syriza in Griechenland oder Podemos in Spanien verwandelten, hätten, so Mestre, im Rückblick vergleichsweise wenig erreicht. Die radikaloppositionelle französische Gelbwesten-Bewegung hingegen habe Präsident Macron Zugeständnisse in Milliardenhöhe abgerungen, und so habe sich in der linken Partei La France Insoumise die Ansicht durchgesetzt, dass man gemeinsam mit autonomen radikalen Bewegungen Druck aufbauen müsse. Eine Perspektive der Kämpfe statt der Institutionen.
Mestres Artikel erhebt nicht den Anspruch, die Frage allgemeingültig zu klären, und ich habe seine Argumentation auch nur sehr holzschnittartig zusammengefasst. Was mir an Mestres Text wichtig erscheint, ist allein diese Frage: Wo rührt eigentlich die Macht her, die sozialen Fortschritt ermöglicht? Überhaupt wird, was Macht ist, erstaunlich wenig diskutiert. Dabei ist die Annahme, Macht konzentriere sich in Regierungen, Parteien und Organisationen doch offenkundig falsch. Wie sonst ließe sich erklären, dass beispielsweise eine liberalkonservative Regierung in den 1970er Jahren in Frankreich ganz ähnliche Reformprozesse im Sozial- und Bildungswesen einleitete wie eine sozialdemokratische in Deutschland? Offenbar mussten die Regierungen auf gesellschaftliche Forderungen, auf eine bestehende Gegenmacht von unten reagieren.
Die Macht der Herrschenden beruht auf Eigentum, also großen Kapitalvermögen, staatlichen Gewaltapparaten, Medienkonzernen, der systematischen Einflussnahme auf Wissenschaft, Kulturbetrieb und Abgeordnete, auf informellen Netzwerken und der Kontrolle der Verwaltungsbürokratien. Aber wodurch entsteht die Macht, soziale und politische Rechte der 95 Prozent durchzusetzen, die nicht über Kapitalvermögen, Medienkonzerne und die Kontrolle der staatlichen Gewaltapparate verfügen? Eine provisorische Antwort lautet sicher: Es ist die Fähigkeit, sich der bestehenden Ordnung verweigern zu können. Anfang der 1920er Jahre schrieb Walter Benjamin seinen berühmten Aufsatz »Zur Kritik der Gewalt«, in dem er die Gewaltförmigkeit staatlicher Rechtsordnungen kritisiert und schließlich beim revolutionären Generalstreik ankommt. Für Benjamin ist die kollektive Arbeitsverweigerung »Mittel ohne Zweck«. Hinter dem Recht, so Benjamin, stehe immer die Willkür erfolgreicher Gewaltausübung. Deswegen könne das Recht nie gerecht sein. Gerechtigkeit, so Benjamin weiter, könne nur hergestellt werden, wenn keine neue Herrschaftsordnung errichtet wird. Die kollektive Macht, nicht mehr mitzuwirken – an der Arbeit, am politischen System der Herrschenden – das ist, so könnte man Benjamin lesen, der Ausgangspunkt der Befreiung.
Auch darüber könnte man streiten, auch hier will ich keine allgemeingültige These aufstellen. Ich schlage nur vor, dass man Benjamins Perspektive zulässt: Macht ist die kollektive, keiner neuen politischen Ordnung verpflichtete Handlung der Vielen und Gleichen. Das ist nicht spontaneistisch, denn Streiks und Bewusstsein müssen organisiert werden. Akzeptieren wir diesen Gedanken, verschiebt sich unser politischer Horizont radikal.
So viel scheint mir sicher: Wer den sozialen Fortschritt verstehen will, braucht eine Geschichtsschreibung von unten. Peter Linebaugh und Marcus Rediker haben in der »Vielköpfigen Hydra« die Geschichte eines globalen Proletariats erzählt, das im 16. und 17. Jahrhundert entstand, als der Kapitalismus mit ungeheurer Gewalt Menschen auf Schiffen zusammenpferchte, um sie, als Arbeitskräfte und Waren, über den Atlantik zu transportieren: versklavte, verschleppte Matrosen, Arbeiter*innen, indentured labour (Vertragsknechtschaft – wird von L/R als ein zentraler Bestandteil des Übergangs vom transatlantischem Sklavenhandel zur Lohnarbeit angesehen, um billige Arbeitskräfte für Zucker- oder Tee-Plantagen etc. zu beschaffen; sie beleuchten damit die Ausbeutung, rassistische Hierarchien und Widerstände dieser Arbeiter, Anm der Red.). Dieses junge Proletariat der Weltmeere, das dem der Fabriken vorausging, war auf ungeheure Weise transnational (wobei der Begriff eigentlich unsinnig ist, weil es noch gar keine Nationen gab) und stand immer wieder vor der Entscheidung, ob es sich entlang von Rassifizierungsmerkmalen, ethnischer Herkunft und Geschlecht auseinanderdividieren ließ oder Solidarität praktizierte. Meistens funktionierte die Spaltung, die es den wenigen – den europäischen Investoren, Plantagenbesitzern und Schiffskapitänen – erlaubte, ihre Terrorherrschaft zu etablieren. Aber manchmal obsiegte auch die Solidarität, und Menschen befreiten sich, flohen, gründeten Widerstandsgemeinden. Diese Geschichte der Freiheit und Zivilisation ist kaum erzählt.
Vor einiger Zeit habe ich die indisch-kanadische No-Border-Aktivistin und Soziologin Nandita Sharma für die Tageszeitung nd (06.11.2025) interviewt. Sharma ist der Ansicht, dass die Unterscheidung zwischen Staatsbürger*innen oder Einheimischen auf der einen und Migrant*innen auf der anderen Seite zur zentralen rassistischen Spaltungslinie der Gegenwart geworden ist – übrigens nicht nur im Globalen Norden und oft über die Hautfarben hinweg. Sharma sagt, dass wir errungene soziale und politische Rechte im neoliberal-faschistischen Sturm weiter verlieren werden, wenn wir nicht in der Lage sind, radikal solidarisch zu handeln. Wir müssen die Spaltungslinien, mit denen den Beherrschten die Fähigkeit genommen wird, ihre Herrscher zu stürzen, entlernen und zerstören, sagt Sharma. Der Kampf um Freiheit und Gleichheit könne nur jenseits nationaler Grenzen, Rassifizierungslinien und Gender-Rollen gewonnen werden.
Für Sharma ist also auch der Wohlfahrtsstaat, der zwischen berechtigten Nutznießern und »Ausländern« unterscheidet, keine befriedigende Antwort. Das, was man am Wohlfahrtsstaat als positiv erachten könnte – nämlich die ihm eingeschriebenen sozialen und politischen Rechte –, sei durch die Kämpfe von unten erobert worden. An diesen Rechten, und nicht an den Staaten, sollten wir anknüpften, so Sharma. Wir sollten die Kraft der Solidarität propagieren und uns auf den Aufbau globaler Commons konzentrieren: Systeme demokratischer Gemeinnutzung und des Gemeineigentums.
Also zum Beispiel Gesundheitssysteme, die für alle, wirklich alle offen sind. Warum nicht? Gegen die Logik von Profit und Nationalstaaten öffentliche, globale Systeme der Daseinsvorsorge aufbauen. Vielleicht so eine Art radikal demokratisierter, entbürokratisierter und weiterentwickelter WHO. Nach 1945 setzte sich für einen kurzen Augenblick die Idee durch, dass die Menschheit globale soziale Infrastrukturen schaffen sollte: für Gesundheit, Ernährung, Wohnraum … Die Idee globaler öffentlicher und demokratischer Infrastrukturen – das, so scheint mir, wäre der soziale Fortschritt, für den es sich zu kämpfen lohnt.
Raul Zelik ist Politikwissenschaftler, Schriftsteller, Journalist und Übersetzer in Berlin.
https://www.raulzelik.net/







