Von Raul Zelik

Bevor ich die­se Fra­ge dis­ku­tie­ren kann, muss ich wahr­schein­lich erst ein­mal erklä­ren, war­um ich den Begriff Fort­schritt über­haupt noch ver­wen­de: Spä­tes­tens seit den Kämp­fen gegen den Kolo­nia­lis­mus und seit der kri­ti­schen Theo­rie, seit dem Femi­nis­mus, der post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Phi­lo­so­phie und den öko­lo­gi­schen Bewe­gun­gen soll­te klar sein, dass wir die Vor­stel­lung einer line­ar vor­wärts­schrei­ten Geschich­te zurück­wei­sen müs­sen. Die von der euro­päi­schen Auf­klä­rung for­mu­lier­te Idee, dass es eine fest­ge­leg­te Abfol­ge gesell­schaft­li­cher For­ma­tio­nen gibt, ist nicht nur euro­zen­tris­tisch und pro­duk­ti­vis­tisch, son­dern stand auch der Eman­zi­pa­ti­on immer wie­der im Weg. »Fort­schritt« war das sys­tem­über­grei­fen­de Argu­ment, mit dem – sowohl im Kapi­ta­lis­mus wie im Sta­li­nis­mus – die Zer­stö­rung von tra­di­tio­nel­len Sozi­al­struk­tu­ren, Natur, bäu­er­li­cher Sub­sis­tenz­wirt­schaft, All­men­de-Sys­te­men und loka­ler Selbst­be­stim­mung gerecht­fer­tigt wur­de. Fort­schritt war Ent­wick­lungs­ter­ror und die tech­no­lo­gi­sche Inten­si­vie­rung der Herr­schaft. Auch des­halb traf die For­mu­lie­rung des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Jean-Fran­cois Lyo­tard, dass die Zeit der »gro­ßen Erzäh­lun­gen« vor­über sei, unter Lin­ken ab den 1980er Jah­ren auf so gro­ße Zustim­mung.

Was wir von die­sen Ein­wän­den unbe­dingt auf­grei­fen soll­ten, ist die schar­fe Kri­tik am Geschichts­de­ter­mi­nis­mus. Die Vor­stel­lung, dass tech­ni­scher Fort­schritt die Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaf­ten und sozia­le Eman­zi­pa­ti­on untrenn­bar mit­ein­an­der ver­knüpft sei­en, wie es der Main­stream-Mar­xis­mus in der Tra­di­ti­on der euro­päi­schen Auf­klä­rung behaup­te­te, ist viel­fach wider­legt. Tech­ni­scher Fort­schritt ent­steht unter Herr­schafts­be­din­gun­gen und ist daher nie neu­tral – vie­le wich­ti­ge Erfin­dun­gen dien­ten der Inten­si­vie­rung von Macht und Aus­beu­tung. Den­ken wir nur an das Fließ­band, das die Kon­trol­le und Tak­tung der Arbeits­kraft erlaubt. Zwar stieg auch die Effi­zi­enz der Pro­duk­ti­on und damit auch die Men­ge der her­ge­stell­ten Güter, was man als »Fort­schritt« bezeich­nen könn­te, aber gleich­zei­tig ver­lo­ren die Arbei­ten­den in den Fabrik­hal­len jede Auto­no­mie über ihre Bewe­gungs­ab­läu­fe. Men­schen wur­den zu Ver­län­ge­run­gen der Maschi­ne. Das ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie »Fort­schritt« der Eman­zi­pa­ti­on wider­spre­chen kann.

Raul Zelik auf dem Gesundheitspolitischen Forum 2025, Dresden.
Raul Zelik auf dem Gesund­heits­po­li­ti­schen Forum 2025, Dres­den.

Ande­rer­seits mei­ne ich aber auch, dass wir heu­te, da gesell­schaft­li­che Rea­li­tä­ten immer stär­ker frag­men­tiert, wir alle ver­ein­zelt wer­den, das Bewusst­sein dar­über stär­ken müs­sen, was uns im eman­zi­pa­to­ri­schen Sinn als Men­schen zusam­men­führt. Und das scheint mir in vie­len his­to­ri­schen Momen­ten die »gro­ße Erzäh­lung« der Befrei­ung gewe­sen zu sein. Das Wis­sen, dass Herr­schaft irgend­wo her­aus­ge­for­dert wur­de, hat Men­schen zum eige­nen Auf­be­geh­ren ermu­tigt. Die Bau­ern­auf­stän­de der 1520er Jah­re in Mit­tel­eu­ro­pa, die Rebel­lio­nen Süd­ame­ri­kas in den 1780er Jah­ren, der Nach­hall, den die Hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on in Plan­ta­gen­auf­stän­den im Süden der USA fand, die Revo­lu­tio­nen des 20. Jahr­hun­derts – das alles wur­de nicht nur von dem Wis­sen um die Uner­träg­lich­keit bestehen­der Ver­hält­nis­se getra­gen, son­dern auch von der Zuver­sicht, dass es bes­ser wer­den, es einen »Fort­schritt der Befrei­ung« geben kann.

Und tat­säch­lich haben sich vie­le Rech­te, die sich Unter­drück­te ein­mal erober­ten, danach hart­nä­ckig gehal­ten. Als die Bau­ern kei­ne Leib­ei­ge­nen und die Schwar­zen kei­ne Sklav*in­nen mehr waren, als die Frau­en zu for­mal gleich­be­rech­tig­ten Rechts­sub­jek­ten wur­den, waren sie zwar noch lan­ge nicht frei, aber es wur­den bestimm­te Stan­dards der Gleich­heit und Selbst­be­stim­mung eta­bliert, was die Herr­schen­den zwang, sich neue Figu­ren und Stra­te­gien aus­zu­den­ken, um ihre Macht­po­si­tio­nen zu behaup­ten. Die­ses Wech­sel­spiel von erkämpf­ter Eman­zi­pa­ti­on und Rück­schlä­gen hat der schwar­ze Sozio­lo­ge W.E.B. Du Bois exem­pla­risch am Bei­spiel der Aboli­ti­on der 1860er Jah­re unter­sucht: Die Abschaf­fung der Skla­ve­rei in den USA war ein his­to­ri­scher Fort­schritt, auf den die plan­ta­gen­ka­pi­ta­lis­ti­sche Klas­se mit einer »Kon­ter­re­vo­lu­ti­on des Eigen­tums« reagier­te, so Du Bois. Sie errich­te­te das ras­sis­ti­sche Jim-Crow-Sys­tem, in dem aus Skla­ven ent­rech­te­te Päch­ter wur­den. Auf die Befrei­ung folg­te ein Gegen­schlag. Aber den­noch bedeu­te die Abschaf­fung der Skla­ve­rei einen Fort­schritt.

An dem Bei­spiel sieht man, wie ich den Begriff ver­wen­den will – näm­lich nor­ma­tiv. Fort­schritt impli­ziert die Bewe­gung auf ein Ziel hin. Und mich inter­es­siert das Ziel einer frei­en Gesell­schaft, in der sich die Men­schen gleich­be­rech­tigt, geschwis­ter­lich und selbst­be­stimmt begeg­nen kön­nen. Weil es die­se Eman­zi­pa­ti­on nicht indi­vi­du­ell, son­dern nur gemein­sam gibt, zäh­len Gemein­ei­gen­tum, Kol­lek­ti­vi­tät, radi­ka­le Demo­kra­tie und die femi­nis­ti­sche Pra­xis der Sor­ge umein­an­der zu ihren Vor­aus­set­zun­gen.

Nach wie vor gibt es so etwas wie ein kol­lek­ti­ves Ver­lan­gen nach Gleich­heit und Soli­da­ri­tät.

Mir ist klar, dass sich Fort­schritt auch ganz anders defi­nie­ren lässt. Für Elon Musk besteht er wahr­schein­lich dar­in, dass sein Tech­no­lo­gie­kon­zern den Mars besie­deln und Mana­ger ihre Per­sön­lich­keit in eine Cloud hoch­la­den kön­nen, um unsterb­lich zu wer­den – oder das zumin­dest zu glau­ben. Inter­es­sant ist jedoch, dass das Ziel der ega­li­tä­ren, soli­da­ri­schen und demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, in der es eine star­ke Gemein­schaft, aber gleich­zei­tig auch Platz für indi­vi­du­el­le Selbst­be­stim­mung gibt, von einer gro­ßen Mehr­heit der Men­schen geteilt wird. Trotz Jahr­hun­der­ten patri­ar­cha­ler, feu­da­lis­ti­scher, ras­sis­ti­scher und kapi­ta­lis­ti­scher Gehirn­wä­sche gibt es nach wie vor so etwas wie ein kol­lek­ti­ves Ver­lan­gen nach Gleich­heit und Soli­da­ri­tät. Viel­leicht, weil die­se Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pi­en wäh­rend eines gro­ßen Teils der Mensch­heits­ge­schich­te für unser Über­le­ben ent­schei­dend waren; viel­leicht auch ein­fach, weil wir in soli­da­ri­schen Gemein­schaf­ten von Frei­en und Glei­chen am glück­lichs­ten sind.

Die­sem Ziel näher­zu­kom­men ist also das, was ich als Fort­schritt bezeich­nen möch­te. Es ist das, was unser Leben ega­li­tä­rer, geschwis­ter­li­cher und frei­er macht. Oder wie es bei Marx hieß: »Alle Ver­hält­nis­se umzu­wer­fen, in denen der Mensch ein ernied­rig­tes, ein geknech­te­tes, ein ver­las­se­nes, ein ver­ächt­li­ches Wesen ist.«

Auf­stand und Eman­zi­pa­ti­on

Es gibt die­se Geschichts­li­nie fort­schrei­ten­der Eman­zi­pa­ti­on. Doch wenn sie in Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten oder bür­ger­li­chen Medi­en ver­mit­telt wird, scheint sie das Ergeb­nis wei­ser Regie­rungs­kunst und wohl­ge­son­ne­ner Herr­schen­der zu sein: Die Demo­kra­tie wur­de ein­ge­führt, weil libe­ra­le Phi­lo­so­phen die Gewal­ten­tei­lung und freie Wah­len pro­pa­gier­ten. Die Skla­ve­rei hat Abra­ham Lin­coln besei­tigt, nach­dem er die Süd­staa­ten im Bür­ger­krieg besieg­te. Die deut­schen Sozi­al­ver­si­che­run­gen wur­den ein­ge­führt, weil Reichs­kanz­ler Bis­marck sich um die Gerech­tig­keit sorg­te. Und die sozia­le Markt­wirt­schaft wie­der­um ist eine Erfin­dung Lud­wig Erhards.

All das ist, man muss es so platt sagen, pure Ideo­lo­gie. Wenn wir etwa zum Bei­trag des his­to­ri­schen Libe­ra­lis­mus bei der Ein­füh­rung der Demo­kra­tie recher­chie­ren, wer­den wir fest­stel­len, dass das All­ge­mei­ne Wahl­recht von der Arbei­ter- bzw. Frau­en­be­we­gung ein­ge­for­dert, vom libe­ra­len Bür­ger­tum aber vie­ler­orts sehr gefürch­tet wur­de. In Eng­land etwa, dem »Mut­ter­land der Demo­kra­tie«, durf­ten bis 1918 nur Ver­mö­gens­be­sit­zer wäh­len – in Nord­ir­land sogar bis 1969. Auch in Deutsch­land waren nicht weni­ge Libe­ra­le davon über­zeugt, dass man die Demo­kra­tie vor der Mehr­heit schüt­zen müs­se. In Preu­ßen etwa galt bis 1918 das Drei­klas­sen­wahl­recht, durch das die reichs­ten vier Pro­zent der Wäh­ler­schaft genau­so vie­le Abge­ord­ne­te in den preu­ßi­schen Land­tag ent­sen­den durf­ten wie die arbei­ten­den acht­zig Pro­zent. Und bei die­sen Zah­len wie­der­um war die Hälf­te der Bevöl­ke­rung, näm­lich die Frau­en aller Klas­sen, bereits aus­ge­schlos­sen. Zwei Pro­zent der Bevöl­ke­rung ent­sand­ten so vie­le Abge­ord­ne­te wie 40 Pro­zent, und 50 Pro­zent über­haupt nie­man­den.«

Inter­es­sant ist auch die Beschäf­ti­gung mit John Lockes »Zwei Abhand­lun­gen über die Regie­rung«, das oft als eine Art Grün­dungs­ma­ni­fest des Libe­ra­lis­mus bezeich­net wird. Das Buch legt dar, war­um bür­ger­li­che Gesell­schaf­ten einen Staat benö­ti­gen und ihm Macht über­tra­gen soll­ten. Locke begrün­det das kei­nes­wegs damit, dass die Mehr­heit ent­schei­den soll­te. Was ihn am Staat inter­es­siert, ist des­sen Fähig­keit, über die Ein­hal­tung von Ver­trä­gen zu wachen. Durch die Über­tra­gung von Macht in die »Hän­de der Gesell­schaft« kann das Eigen­tum des Ein­zel­nen bes­ser geschützt wer­den, so Locke. Sei­ne »Zwei Abhand­lun­gen« ent­hal­ten zwar auch Über­le­gun­gen zur Gewal­ten­tei­lung, doch um Demo­kra­tie geht es an kei­ner Stel­le.

Man muss zur Kennt­nis neh­men: Der Libe­ra­lis­mus ent­stand, wie es der kana­di­sche Poli­to­lo­ge C.B. Macpher­son for­mu­liert hat, als Ideo­lo­gie des Besitz­in­di­vi­dua­lis­mus. Vor der Des­po­tie geschützt wer­den soll­te die Frei­heit der Eigen­tü­mer – und nicht das Leben oder die Frei­heit der Vie­len. Wie kommt es dann aber zur par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie, die gegen die Macht der Eigen­tü­mer wenig aus­zu­rich­ten ver­mag, aber doch immer­hin auf dem Prin­zip beruht, dass alle gleich­be­rech­tigt eine Stim­me besit­zen soll­ten – eine unge­nü­gen­de Errun­gen­schaft, aber eben doch auch ein Fort­schritt? Nun, es waren die Kämp­fe der Unter­ta­nen, die die Herr­schaft der Weni­gen zurück­dräng­ten. In der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on von 1789 begehr­te der »Drit­te Stand« auf, also jene 98 Pro­zent, die weder Adel noch Kle­rus waren. Die eigent­li­che »Volks­herr­schaft« kam dann 1918 mit den Auf­stän­den der Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­te.

Wider­sprü­che bei der Abschaf­fung der Skla­ve­rei

Ganz ähn­lich ver­hält es sich auch mit der Abschaf­fung der Skla­ve­rei. Wenn wir von Bür­ger- und Men­schen­rech­ten spre­chen, den­ken vie­le von uns an die Ver­fas­sungs­vä­ter der USA. Man hat es uns so bei­gebracht. Aber wuss­ten Sie, dass Tho­mas Jef­fer­son, der als wich­tigs­ter Autor der US-Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung gilt, ein Plan­ta­gen­be­sit­zer war, der sei­ne Skla­vin Sal­ly Hemings im Alter von 14 oder 15 Jah­ren zu ver­ge­wal­ti­gen begann? Hemings bekam fünf Kin­der von Jef­fer­son, die die­ser als sei­nen Besitz ein­tra­gen ließ und erst auf Drän­gen der Frau nach Errei­chen der Voll­jäh­rig­keit in die Frei­heit ent­ließ. Die Grün­der­vä­ter pos­tu­lier­ten zwar die Gleich­heit der Men­schen – doch die Sklav*innen waren irgend­wie aus­ge­nom­men. Män­ner wie Jef­fer­son waren von der Skla­ve­rei zwar auch nicht mehr wirk­lich über­zeugt, aber hiel­ten erst ein­mal an ihr fest. War­um auch nicht? War­um soll­ten Herr­schen­de aus frei­en Stü­cken ihre Herr­schaft abschaf­fen?

Und Abra­ham Lin­coln? Er war gewiss einen Schritt wei­ter – die aboli­tio­nis­ti­sche Bewe­gung hat­te an Zuspruch gewon­nen, und Lin­coln war für die Aboli­ti­on. Doch von ihm stammt gleich­zei­tig auch fol­gen­de, durch und durch ras­sis­ti­sche Aus­füh­rung: »Es gibt einen kör­per­li­chen Unter­schied zwi­schen der wei­ßen und der schwar­zen Ras­se, der es, wie ich glau­be, für immer ver­bie­tet, dass die bei­den Ras­sen auf der Grund­la­ge von sozia­ler und poli­ti­scher Gleich­heit zusam­men­le­ben. Und da sie so nicht leben kön­nen und doch zusam­men­blei­ben, muss es die Posi­ti­on des Über­le­ge­nen und Unter­le­ge­nen geben, und ich bin genau­so wie jeder ande­re dafür, dass die über­le­ge­ne Posi­ti­on der wei­ßen Ras­se zuer­kannt wird.«

Von Abra­ham Lin­coln und Tho­mas Jef­fer­son hören wir viel, wenn wir fern­se­hen oder in die Schu­le gehen. Sel­te­ner hin­ge­gen hören wir von Tous­saint Lou­ver­tu­re und den hai­tia­ni­schen Revolutionär*innen, die mit einem bewaff­ne­ten Auf­stand ab 1791 die Skla­ve­rei in Frank­reichs lukra­tivs­ter Kolo­nie, der Zucker­rohr­in­sel Saint Dom­in­gue, dem heu­ti­gen Hai­ti, besei­tig­ten. Von Hai­ti wis­sen wir heu­te nur mehr, dass es sich um einen geschei­ter­ten, von Gangs kon­trol­lier­ten Staat han­delt. Aber wuss­ten Sie, dass die Men­schen in Hai­ti, die sich selbst befrei­ten, Frank­reich eine Ent­schä­di­gung dafür leis­ten muss­ten, dass Frank­reich sie ver­sklavt hat­te? 150 Mil­lio­nen Gold-Francs wur­den als Ent­schä­di­gungs­sum­me fest­ge­legt. Einer Recher­che der New York Times zufol­ge dau­er­te es bis 1947, bis Hai­ti die­se eigen­ar­ti­ge Aus­lands­schuld begli­chen hat­te. Die Ver­schul­dung, die öko­lo­gi­sche Erschöp­fung der Böden und die Instal­la­ti­on neu­er, natio­na­ler Eli­ten sind die zen­tra­len Ursa­chen dafür, war­um das revo­lu­tio­nä­re Hai­ti von uns nicht als Motor des gesell­schaft­li­chen Fort­schritts, son­dern als his­to­ri­sche Tra­gö­die erin­nert wird.

Doch die hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie Fort­schritt funk­tio­niert. Ohne den geglück­ten Skla­ven­auf­stand in der Kari­bik waren die Auf­stän­de auf den Plan­ta­gen im Süden der USA weni­ger zahl­reich gewe­sen, wären dort ver­mut­lich nicht 600.000 Men­schen aus der Skla­ve­rei geflo­hen. Die hai­tia­ni­sche Revo­lu­ti­on wur­de zum Leucht­turm für die aboli­tio­nis­ti­sche Bewe­gung, die auf viel­fäl­ti­ge Wei­se gegen die Super­rei­chen ihrer Zeit, die Plan­ta­gen­ka­pi­ta­lis­ten, auf­be­gehr­ten. Übri­gens war das auch im Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg selbst ent­schei­dend: 400–500.000 ver­sklav­te Men­schen flo­hen aus den Süd­staa­ten und schlos­sen sich den Trup­pen Lin­colns an. Die­se Mas­sen­flucht war ein ent­schei­dend für die Nie­der­la­ge der Kon­fö­de­ra­ti­on.

Und wie ist es mit den sozia­len Errun­gen­schaf­ten in Deutsch­land? Auch hier wird meist nur über Regie­ren­de gespro­chen. Tat­säch­lich jedoch wur­den die Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­me der 1880er Jah­ren ein­ge­führt, weil die Sozi­al­de­mo­kra­tie, damals noch eine revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung, rasant wuchs. Reichs­kanz­ler Bis­marck reagier­te in Anbe­tracht die­ser Bedro­hung mit einer Dop­pel­be­we­gung: Die SPD wur­de 1878 ver­bo­ten, par­al­lel dazu führ­te man Sozi­al­ver­si­che­run­gen ein. Der Kai­ser erklär­te 1881: »Die Hei­lung der sozia­len Schä­den ist nicht aus­schließ­lich im Wege der Repres­si­on sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Aus­schrei­tun­gen, son­dern gleich­mä­ßig auf dem der posi­ti­ven För­de­rung des Woh­les der Arbei­ter zu suchen.«

Klar aus­ge­drückt: Die Sozi­al­ver­si­che­run­gen waren gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Maß­nah­men, die den preu­ßi­schen Obrig­keits­staat schüt­zen soll­ten. Das Macht­ver­hält­nis wur­de gewahrt, indem man man­chen For­de­run­gen der unte­ren Klas­sen ent­ge­gen­kam. Nicht nur in par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tien, son­dern auch in auto­ri­tä­ren Regi­men, Feu­dal­sys­te­men und Dik­ta­tu­ren müs­sen Herr­schen­de Kom­pro­mis­se ein­ge­hen.

Motor des Bismarck’schen Reform­pro­zes­ses war übri­gens auch nicht die orga­ni­sa­to­ri­sche Macht der Sozi­al­de­mo­kra­tie, die vor ihrem Ver­bot etwa 9 Pro­zent der Wäh­ler­schaft hin­ter sich ver­sam­mel­te, son­dern ihr Poten­zi­al, für unre­gier­ba­re Ver­hält­nis­se zu sor­gen. Die Angst vor der Rebel­li­on der arbei­ten­den Klas­sen führ­te zum deut­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem.

Das gilt übri­gens auch für die »sozia­le Markt­wirt­schaft«, von der in der Bun­des­re­pu­blik immer gern die Rede ist. In der offi­zi­el­len Geschichts­er­zäh­lung wird sie, in den Wor­ten des Ordo­li­be­ra­len Alfred Mül­ler-Arm­ack, als Modell ver­stan­den, um »das Prin­zip der Frei­heit auf dem Markt mit dem des sozia­len Aus­gleichs zu ver­bin­den«, und Wirt­schafts­mi­nis­ter Lud­wig Erhard (CDU) zuge­schrie­ben. Doch tat­säch­lich haben die sozia­len Aspek­te der Bun­des­re­pu­blik eher mit Arbeits­kämp­fen, anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Über­zeu­gun­gen in der Bevöl­ke­rung und der Sys­tem­kon­kur­renz mit dem sozia­lis­ti­schen Ost­block zu tun. Nach 1945 waren vie­le Deut­schen davon über­zeugt, dass der Kapi­ta­lis­mus maß­geb­lich zum Faschis­mus bei­getra­gen hat­te. Sogar die CDU plä­dier­te 1947 im Ahle­ner Pro­gramm für einen »christ­li­chen Sozia­lis­mus« und die Ver­ge­sell­schaf­tung von Schlüs­sel­in­dus­trien.

Die­se kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Grund­stim­mung schlug sich auch in den Län­der­ver­fas­sun­gen nie­der. Vor allem in Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len eröff­ne­ten die Lan­des­ver­fas­sun­gen sozia­lis­ti­sche Per­spek­ti­ven. Erst der Ein­griff der US-Besat­zungs­macht dräng­te die­sen Ein­fluss zurück und brach­te den ver­fas­sung­ge­ben­den Pro­zess der Bun­des­re­pu­blik in ein ande­res Fahr­was­ser. Die Aus­ar­bei­tung des Grund­ge­set­zes wur­de, anders als die der Län­der­ver­fas­sun­gen, einer Exper­ten­kom­mis­si­on über­ant­wor­tet, die die popu­lä­re For­de­rung nach sozia­ler und öko­no­mi­scher Demo­kra­ti­sie­rung weit­ge­hend aus­klam­mer­te. Trotz­dem blieb auch das Grund­ge­setz inso­fern Aus­druck eines Kom­pro­mis­ses zwi­schen Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus und sozia­lis­ti­schen For­de­run­gen, als es die Ent­schei­dung über die zukünf­ti­ge Wirt­schafts­form Deutsch­lands offen­ließ. Das ist der Hin­ter­grund der Ent­eig­nungs­pa­ra­gra­fen (§14 und 15) im Grund­ge­setz. Die deut­sche Ver­fas­sung sieht, wie Wolf­gang Abend­roth nicht müde wur­de zu beto­nen, einen demo­kra­ti­schen Weg zu sozia­lis­ti­schen Gemein­ei­gen­tums­for­men aus­drück­lich vor.

Das Pro­jekt der Ordo­li­be­ra­len um Lud­wig Erhard bestand dar­in, die­se sozia­lis­ti­schen Ten­den­zen zurück­zu­drän­gen und eine »freie« Markt­wirt­schaft durch­zu­set­zen. Erhard küm­mer­te sich zunächst dar­um, die von den Alli­ier­ten eta­blier­te Regu­lie­rung von Prei­sen auf­zu­he­ben, das Zutei­lungs­sys­tem von Lebens­mit­teln zu been­den und den vor­han­de­nen Geld­über­hang durch eine Wäh­rungs­re­form abzu­schöp­fen. In einer lesens­wer­ten Unter­su­chung hat der His­to­ri­ker Uwe Fuhr­mann gezeigt, dass Erhards Poli­tik auf hef­ti­gen Wider­stand stieß. Mil­lio­nen Men­schen betei­lig­ten sich an Streiks und Mas­sen­pro­tes­ten, bei denen es nicht nur um die schlech­te Ver­sor­gungs­la­ge oder um die Demon­ta­ge von Indus­trien, son­dern auch um wei­ter rei­chen­de poli­ti­sche For­de­run­gen ging: Ver­langt wur­den unter ande­rem eine umfas­sen­de Ent­na­zi­fi­zie­rung der Fir­men­lei­tun­gen, mehr betrieb­li­che Mit­be­stim­mung und die Ein­füh­rung einer Wirt­schafts­de­mo­kra­tie, die eine gesell­schaft­li­che Gestal­tung des öko­no­mi­schen Lebens ermög­li­chen soll­te. Cha­rak­te­ris­tisch für die Kämp­fe war auch, dass sie von Haus­frau­en ange­zet­telt wur­den. Spon­ta­ne Arbeits­nie­der­le­gun­gen zwan­gen die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gewerk­schafts­füh­run­gen, die fürch­te­ten, die Ver­bin­dung zur Basis zu ver­lie­ren, zur Durch­füh­rung regio­na­ler Gene­ral­streiks.

In Anbe­tracht die­ser Mas­sen­pro­tes­te reagier­te Lud­wig Erhard mit der Flucht nach vorn – er setz­te die auch von Tei­len der CDU kri­tisch bewer­te­te Rück­kehr zur Markt­wirt­schaft durch. Die Aus­ga­be der neu­en D‑Mark führ­te zunächst zu mas­si­ven Preis­er­hö­hun­gen und einer dra­ma­ti­schen Ver­schlech­te­rung der Ver­sor­gungs­la­ge, was die sozia­len Kon­flik­te wei­ter eska­lie­ren ließ: Im Okto­ber 1948 kam es bei einer Pro­test­kund­ge­bung in Stutt­gart zu Kra­wal­len, die US-Besat­zungs­macht reagier­te mit dem Ein­satz von Pan­zern. Zwei Wochen spä­ter folg­te ein Gene­ral­streik in der bri­tisch-ame­ri­ka­ni­schen »Bizo­ne«. Die wich­tigs­te For­de­rung in die­sen Kämp­fen war die Ein­füh­rung sozi­al­po­li­ti­scher Maß­nah­men. Genau das jedoch lehn­ten die Ordo­li­be­ra­len um Lud­wig Erhard ab.

Auch dis­kur­siv stammt das Adjek­tiv »sozi­al« kei­nes­wegs von Erhard, son­dern von den Gewerk­schaf­ten, die der »frei­en« Markt­wirt­schaft der Ordo­li­be­ra­len das Kon­zept einer »sozia­len« Ord­nung ent­ge­gen­setz­ten. Erst auf­grund die­ses Drucks ver­wen­de­te Erhard erst­mals den Begriff und mach­te ihn sich dann ange­sichts der anhal­ten­den Pro­tes­te im Herbst 1948 zu eigen. Fuhr­mann resü­miert: »Es waren vor allem sei­ne poli­ti­schen Wider­sa­cher, wel­che die ›sozia­le Markt­wirt­schaft‹ im Dis­kurs hiel­ten.«

Alle sozia­len Errun­gen­schaf­ten der Nach­kriegs­jah­re gehen auf das Kon­to sozia­ler Kämp­fe. Das Mon­tan-Mit­be­stim­mungs­ge­setz, mit dem sich die Beschäf­tig­ten die pari­tä­ti­sche Mit­be­stim­mung in den Berg­bau- und Stahl­un­ter­neh­men sicher­ten, wur­de durch die Vor­be­rei­tung eines gro­ßen Stahl- und Koh­le­streiks 1950/1951 erkämpft. Die Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall folg­te 195657 nach einem 114 Tage lan­gen Streik in der Metall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­steins, das Ren­ten­sys­tem mit sei­nen dyna­mi­schen, lohn­be­zo­ge­nen Stei­ge­rungs­ra­ten­wur­de 1957 mit Sozi­al­pro­tes­ten durch­ge­setzt. Und bei all die­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen spiel­te natür­lich immer auch die Sor­ge eine Rol­le, die Bun­des­re­pu­blik könn­te im Sys­tem­wett­streit mit der DDR an Zustim­mung ver­lie­ren. Es war die Dro­hung einer Revo­lu­ti­on, die für die Bereit­schaft zu Refor­men sorg­te. Und das erklärt wohl auch zu einem beträcht­li­chen Teil, war­um es glo­bal prak­tisch kei­nen Fort­schritt in Rich­tung sozia­ler Gleich­heit und Soli­da­ri­tät mehr gibt, seit­dem die sozia­lis­ti­schen Staa­ten 1989 ver­schwun­den sind. Die Sowjet­uni­on war alles ande­re als eine befrei­te Gesell­schaft, aber die blo­ße Gefahr, dass ande­re Län­der es ihr nach­tun könn­ten, erwei­ter­te die Spiel­räu­me sozia­len Fort­schritts.

Geschich­te von unten

Die Ant­wort auf die Fra­ge, wie gesell­schaft­li­cher Fort­schritt gelin­gen kann, kann mei­ner Ansicht nach nur lau­ten: Es waren und sind die Kämp­fe von unten. Regie­run­gen, ob nun kon­ser­va­tiv wie Bis­marck und Lud­wig Erhard in Deutsch­land oder pro­gres­si­ver wie Frank­lin D. Roo­se­velt in den USA, reagier­ten immer auf die Kämp­fe der Vie­len und arti­ku­lier­ten sie.

Der fran­zö­si­sche Jour­na­list Abel Mest­re hat in der libe­ra­len Tages­zei­tung Le Mon­de (24.09.2025), nicht zu ver­wech­seln mit der lin­ken Le Mon­de Diplo­ma­tique, im Sep­tem­ber eine inter­es­san­te Ana­ly­se der fran­zö­si­schen Pro­test­be­we­gun­gen ver­öf­fent­licht. Aus­ge­hend von Blo­quons Tout, jener Pro­test­wel­le, die Anfang Sep­tem­ber die­ses Jah­res den Pre­mier­mi­nis­ter stürz­te, frag­te Mest­re, ob eine Regie­rungs­ori­en­tie­rung der Lin­ken wirk­lich erfolg­ver­spre­chend sei. Jene Bewe­gun­gen in Euro­pa, die sich in regie­rungs­ori­en­tier­te Par­tei­en wie Syri­za in Grie­chen­land oder Pode­mos in Spa­ni­en ver­wan­del­ten, hät­ten, so Mest­re, im Rück­blick ver­gleichs­wei­se wenig erreicht. Die radi­kal­op­po­si­tio­nel­le fran­zö­si­sche Gelb­wes­ten-Bewe­gung hin­ge­gen habe Prä­si­dent Macron Zuge­ständ­nis­se in Mil­li­ar­den­hö­he abge­run­gen, und so habe sich in der lin­ken Par­tei La France Inso­u­mi­se die Ansicht durch­ge­setzt, dass man gemein­sam mit auto­no­men radi­ka­len Bewe­gun­gen Druck auf­bau­en müs­se. Eine Per­spek­ti­ve der Kämp­fe statt der Insti­tu­tio­nen.

Mes­tres Arti­kel erhebt nicht den Anspruch, die Fra­ge all­ge­mein­gül­tig zu klä­ren, und ich habe sei­ne Argu­men­ta­ti­on auch nur sehr holz­schnitt­ar­tig zusam­men­ge­fasst. Was mir an Mes­tres Text wich­tig erscheint, ist allein die­se Fra­ge: Wo rührt eigent­lich die Macht her, die sozia­len Fort­schritt ermög­licht? Über­haupt wird, was Macht ist, erstaun­lich wenig dis­ku­tiert. Dabei ist die Annah­me, Macht kon­zen­trie­re sich in Regie­run­gen, Par­tei­en und Orga­ni­sa­tio­nen doch offen­kun­dig falsch. Wie sonst lie­ße sich erklä­ren, dass bei­spiels­wei­se eine libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Regie­rung in den 1970er Jah­ren in Frank­reich ganz ähn­li­che Reform­pro­zes­se im Sozi­al- und Bil­dungs­we­sen ein­lei­te­te wie eine sozi­al­de­mo­kra­ti­sche in Deutsch­land? Offen­bar muss­ten die Regie­run­gen auf gesell­schaft­li­che For­de­run­gen, auf eine bestehen­de Gegen­macht von unten reagie­ren.

Die Macht der Herr­schen­den beruht auf Eigen­tum, also gro­ßen Kapi­tal­ver­mö­gen, staat­li­chen Gewalt­ap­pa­ra­ten, Medi­en­kon­zer­nen, der sys­te­ma­ti­schen Ein­fluss­nah­me auf Wis­sen­schaft, Kul­tur­be­trieb und Abge­ord­ne­te, auf infor­mel­len Netz­wer­ken und der Kon­trol­le der Ver­wal­tungs­bü­ro­kra­tien. Aber wodurch ent­steht die Macht, sozia­le und poli­ti­sche Rech­te der 95 Pro­zent durch­zu­set­zen, die nicht über Kapi­tal­ver­mö­gen, Medi­en­kon­zer­ne und die Kon­trol­le der staat­li­chen Gewalt­ap­pa­ra­te ver­fü­gen? Eine pro­vi­so­ri­sche Ant­wort lau­tet sicher: Es ist die Fähig­keit, sich der bestehen­den Ord­nung ver­wei­gern zu kön­nen. Anfang der 1920er Jah­re schrieb Wal­ter Ben­ja­min sei­nen berühm­ten Auf­satz »Zur Kri­tik der Gewalt«, in dem er die Gewalt­för­mig­keit staat­li­cher Rechts­ord­nun­gen kri­ti­siert und schließ­lich beim revo­lu­tio­nä­ren Gene­ral­streik ankommt. Für Ben­ja­min ist die kol­lek­ti­ve Arbeits­ver­wei­ge­rung »Mit­tel ohne Zweck«. Hin­ter dem Recht, so Ben­ja­min, ste­he immer die Will­kür erfolg­rei­cher Gewalt­aus­übung. Des­we­gen kön­ne das Recht nie gerecht sein. Gerech­tig­keit, so Ben­ja­min wei­ter, kön­ne nur her­ge­stellt wer­den, wenn kei­ne neue Herr­schafts­ord­nung errich­tet wird. Die kol­lek­ti­ve Macht, nicht mehr mit­zu­wir­ken – an der Arbeit, am poli­ti­schen Sys­tem der Herr­schen­den – das ist, so könn­te man Ben­ja­min lesen, der Aus­gangs­punkt der Befrei­ung.

Auch dar­über könn­te man strei­ten, auch hier will ich kei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge The­se auf­stel­len. Ich schla­ge nur vor, dass man Ben­ja­mins Per­spek­ti­ve zulässt: Macht ist die kol­lek­ti­ve, kei­ner neu­en poli­ti­schen Ord­nung ver­pflich­te­te Hand­lung der Vie­len und Glei­chen. Das ist nicht spon­ta­n­eis­tisch, denn Streiks und Bewusst­sein müs­sen orga­ni­siert wer­den. Akzep­tie­ren wir die­sen Gedan­ken, ver­schiebt sich unser poli­ti­scher Hori­zont radi­kal.

So viel scheint mir sicher: Wer den sozia­len Fort­schritt ver­ste­hen will, braucht eine Geschichts­schrei­bung von unten. Peter Line­baugh und Mar­cus Redi­ker haben in der »Viel­köp­fi­gen Hydra« die Geschich­te eines glo­ba­len Pro­le­ta­ri­ats erzählt, das im 16. und 17. Jahr­hun­dert ent­stand, als der Kapi­ta­lis­mus mit unge­heu­rer Gewalt Men­schen auf Schif­fen zusam­men­pferch­te, um sie, als Arbeits­kräf­te und Waren, über den Atlan­tik zu trans­por­tie­ren: ver­sklav­te, ver­schlepp­te Matro­sen, Arbeiter*innen, inden­tu­red labour (Ver­trags­knecht­schaft – wird von L/R als ein zen­tra­ler Bestand­teil des Über­gangs vom trans­at­lan­ti­schem Skla­ven­han­del zur Lohn­ar­beit ange­se­hen, um bil­li­ge Arbeits­kräf­te für Zucker- oder Tee-Plan­ta­gen etc. zu beschaf­fen; sie beleuch­ten damit die Aus­beu­tung, ras­sis­ti­sche Hier­ar­chien und Wider­stän­de die­ser Arbei­ter, Anm der Red.). Die­ses jun­ge Pro­le­ta­ri­at der Welt­mee­re, das dem der Fabri­ken vor­aus­ging, war auf unge­heu­re Wei­se trans­na­tio­nal (wobei der Begriff eigent­lich unsin­nig ist, weil es noch gar kei­ne Natio­nen gab) und stand immer wie­der vor der Ent­schei­dung, ob es sich ent­lang von Ras­si­fi­zie­rungs­merk­ma­len, eth­ni­scher Her­kunft und Geschlecht aus­ein­an­der­di­vi­die­ren ließ oder Soli­da­ri­tät prak­ti­zier­te. Meis­tens funk­tio­nier­te die Spal­tung, die es den weni­gen – den euro­päi­schen Inves­to­ren, Plan­ta­gen­be­sit­zern und Schiffs­ka­pi­tä­nen – erlaub­te, ihre Ter­ror­herr­schaft zu eta­blie­ren. Aber manch­mal obsieg­te auch die Soli­da­ri­tät, und Men­schen befrei­ten sich, flo­hen, grün­de­ten Wider­stands­ge­mein­den. Die­se Geschich­te der Frei­heit und Zivi­li­sa­ti­on ist kaum erzählt.

Vor eini­ger Zeit habe ich die indisch-kana­di­sche No-Bor­der-Akti­vis­tin und Sozio­lo­gin Nan­di­ta Shar­ma für die Tages­zei­tung nd (06.11.2025) inter­viewt. Shar­ma ist der Ansicht, dass die Unter­schei­dung zwi­schen Staatsbürger*innen oder Ein­hei­mi­schen auf der einen und Migrant*innen auf der ande­ren Sei­te zur zen­tra­len ras­sis­ti­schen Spal­tungs­li­nie der Gegen­wart gewor­den ist – übri­gens nicht nur im Glo­ba­len Nor­den und oft über die Haut­far­ben hin­weg. Shar­ma sagt, dass wir errun­ge­ne sozia­le und poli­ti­sche Rech­te im neo­li­be­ral-faschis­ti­schen Sturm wei­ter ver­lie­ren wer­den, wenn wir nicht in der Lage sind, radi­kal soli­da­risch zu han­deln. Wir müs­sen die Spal­tungs­li­ni­en, mit denen den Beherrsch­ten die Fähig­keit genom­men wird, ihre Herr­scher zu stür­zen, ent­ler­nen und zer­stö­ren, sagt Shar­ma. Der Kampf um Frei­heit und Gleich­heit kön­ne nur jen­seits natio­na­ler Gren­zen, Ras­si­fi­zie­rungs­li­ni­en und Gen­der-Rol­len gewon­nen wer­den.

Für Shar­ma ist also auch der Wohl­fahrts­staat, der zwi­schen berech­tig­ten Nutz­nie­ßern und »Aus­län­dern« unter­schei­det, kei­ne befrie­di­gen­de Ant­wort. Das, was man am Wohl­fahrts­staat als posi­tiv erach­ten könn­te – näm­lich die ihm ein­ge­schrie­be­nen sozia­len und poli­ti­schen Rech­te –, sei durch die Kämp­fe von unten erobert wor­den. An die­sen Rech­ten, und nicht an den Staa­ten, soll­ten wir anknüpf­ten, so Shar­ma. Wir soll­ten die Kraft der Soli­da­ri­tät pro­pa­gie­ren und uns auf den Auf­bau glo­ba­ler Com­mons kon­zen­trie­ren: Sys­te­me demo­kra­ti­scher Gemein­nut­zung und des Gemein­ei­gen­tums.

Also zum Bei­spiel Gesund­heits­sys­te­me, die für alle, wirk­lich alle offen sind. War­um nicht? Gegen die Logik von Pro­fit und Natio­nal­staa­ten öffent­li­che, glo­ba­le Sys­te­me der Daseins­vor­sor­ge auf­bau­en. Viel­leicht so eine Art radi­kal demo­kra­ti­sier­ter, ent­bü­ro­kra­ti­sier­ter und wei­ter­ent­wi­ckel­ter WHO. Nach 1945 setz­te sich für einen kur­zen Augen­blick die Idee durch, dass die Mensch­heit glo­ba­le sozia­le Infra­struk­tu­ren schaf­fen soll­te: für Gesund­heit, Ernäh­rung, Wohn­raum … Die Idee glo­ba­ler öffent­li­cher und demo­kra­ti­scher Infra­struk­tu­ren – das, so scheint mir, wäre der sozia­le Fort­schritt, für den es sich zu kämp­fen lohnt.

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