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Nachgefragt- Kurzinterviews mit Physicians Assistants

Der kritischen Analyse davon, wie die Schaffung neuer Gesundheitsberufe im durchökonomisierten deutschen Gesundheitssystem zur Kostenreduktion missbraucht werden kann (wie sie in diesem Heft Gerd Dielmann und Julian Veelken vornehmen), steht in der Realität des Krankenhausbetriebs die enge und gute Zusammenarbeit mit nicht-ärztlichen Kolleg*innen mit neuen Berufen gegenüber. Doch: Wie ist eigentlich deren Ausbildungsweg, Berufsalltag und Perspektive auf ihr Berufsbild? Welche Konflikte und Chancen sehen sie? Wir haben einmal nachgefragt: Bei einer Stationsassistenz, zwei Physician Assistants mit unterschiedlichen Ausbildungswegen und einem PA Studierenden.

 

1. Henriette

Henriette arbeitet als medizinische Fachassistenz in der kardiologischen Abteilung
eines kleinen städtischen Klinikums.

Was für eine Ausbildung hast Du? Wo hast Du in der Vergangenheit gearbeitet?

Ich bin ausgebildet medizinische Fachangestellte und habe seit Ende meiner Ausbildung in verschiedenen niedergelassen Praxen gearbeitet. Zuletzt war ich als Praxisleitung in einer Allgemeinmedizinischen Arztpraxis tätig.

Warum hast Du Dich entschieden, als Medizinische Assistenz im Krankenhaus zu arbeiten?

Ich habe mich entschieden; die niedergelassenen Praxen zu verlassen, weil die Arbeitsbedingungen und der Stressfaktor in keinem Verhältnis zum Verdienst stehen. Ich bin vor allem ein sehr strukturierter Mensch und es ist auf Grund vieler Faktoren heutzutage kaum noch möglich, vernünftige Strukturen in Arztpraxen zu pflegen. Am Ende scheitert es meist an ausreichendem Fachpersonal das nicht bereitgestellt werden kann oder möchte.

Was sind Deine Aufgaben gemäß Deiner Ausbildung und was sind Deine Aufgaben real in der Praxis im Krankenhaus?

Meine Aufgaben als medizinische Fachangestellte sind eine Mischung aus Arbeit am Patienten und administrativen Tätigkeiten. Diese führe ich auch im Krankenhaus aus, allerdings längst nicht in dem Umfang wie in einer niedergelassenen Arztpraxis. Dort führt man zum Teil noch weitaus mehr Aufgaben aus, die gar nicht zum eigentlichen Berufsbild gehören, und die Arbeit lastet auf wenigen Schultern, sodass man die Masse irgendwann nur noch unter großem Stress schafft und viel mit nachhause nehmen und nach Feierabend nacharbeiten muss.

Wie schätzt Du das Verhältnis zu den Ärzt*innen ein?

Das Verhältnis zu den Ärzt*innen im Krankenhaus ist mir bisher sehr positiv aufgefallen. Ich erlebe ein Arbeiten auf Augenhöhe und keinerlei Abwertung meines Berufs. Ich habe immer wieder das Gefühl, dass meine Tätigkeit wertgeschätzt und dankend angenommen wird.

Erlebst du Unklarheiten bezüglich der Aufgaben und der Verantwortungsübernahme?

Absolut nicht! Ich habe eine klare Stellenbeschreibung, die Aufgaben nur in Absprache mit mir hinzufügt.

Wie reagieren die Patient*innen auf Dich?

Ich glaube, die Patienten nehmen mich nicht anders wahr als die Pflegekräfte. Ich komme halt nicht zum Waschen sondern zur Blutentnahme oder, wenn Unterschriften benötigt werden. Bisher wurde ich noch nicht in Frage gestellt oder direkt darauf angesprochen, was meine Tätigkeit ist.

 

2. Johanna

Johanna arbeitet als Physician Assistant in der urologischen Abteilung eines Universitätsklinikums.

Was für eine Ausbildung hast Du und wo bist Du zum Physician Assistant (PA) ausgebildet worden? Wo hast Du in der Vergangenheit gearbeitet?

Ich bin eigentlich examinierte Krankenschwester und habe 2015 im Klinikum angefangen, in dem ich auch heute noch arbeite. Ich habe dann ein berufsbegleitendes Studium an einer privaten Hochschule in einer anderen Stadt angefangen. Das war ein klassisches Bachelor-Master Studium. Währenddessen war ich für 50% als PA im Studium angestellt für meine Praxisrotationen. Einmal im Monat hatte ich einen Wochenblock Studium. Außerdem musste ich Stunden in vielen Abteilungen, unter anderem in der Anästhesie, Notfallmedizin, in der Inneren und in chirurgischen Fächern nachweisen.

Warum hast Du Dich entschieden, als Physician Assistant zu arbeiten?

Ich hatte die Ausbildung zur Krankenpflegerin bereits mit 16 angefangen und war deshalb schon sehr jung examinierte Pflegekraft. Nach einer Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich mich noch weiterbilden möchte, gerne einen höheren Abschluss und mehr Verantwortung wollte. Es ging mir aber auch um die Arbeitsbedingungen in der Pflege, die Schichtdienste und die mangelnde Wertschätzung. Zuerst habe ich überlegt, Medizin zu studieren, dann hatte ich die Idee, Physician Assistant zu werden und habe einfach meine Chefärztin angesprochen, die mich dann darin unterstützt hat.

Was sind Deine Aufgaben gemäß Deiner Ausbildung und was sind Deine Aufgaben real in der Praxis im Krankenhaus?

Ich sag mal so: Es ist so schwierig, was sich einzelne Kliniken vorstellen. Es gibt auch immer wieder Diskussion, wie PAs gehaltlich eingruppiert werden. Primär ist es eigentlich unsere Aufgabe, den ärztlichen Bereich zu entlasten, wir sind Teil des ärztlichen Dienstes.

Mein Arbeitsalltag ist ähnlich dem der Assistenzärzt*innen. Ich mache Visiten, dokumentiere, betreue Patient*innen, schreibe Pflegeanforderungen, ich sonografiere, mache Röntgendiagnostik, außerdem Ersteinschätzungen in der Notaufnahme, Blutentnahmen, lege Zugänge. Außerdem habe ich mich ein wenig auf Transgendermedizin spezialisiert. Deshalb bin ich ein Mal im Monat als 1. Assistenz im OP eingeteilt und mache da auch alleine die Sprechstunde.

Du hast die Eingruppierung angesprochen. Wie schwierig ist das? 

Das hängt sehr vom Haus ab. Die Deutsche Gesellschaft für PA will in Zukunft Vorschläge für die Eingruppierung in Tarife machen, das finde ich sehr gut. Bei mir ging es zum Glück, da ich ja meine Station bereits kannte und da einen Vertrauensvorschuss hatte.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Ich habe eine Fünf-Tage-Woche und bin in der Zeit ab 6.30 oder 7.30 auf Station oder in der Ambulanz. Ich muss keine Dienste machen, habe eine 40-Stunden Woche. Allerdings mache ich, genauso wie die Assistenzärzt*innen, sehr viele Überstunden.

Wie schätzt Du das Verhältnis zu den Ärzt*innen ein?

Prinzipiell gut, aber gerade jüngere kennen das Berufsbild nicht und müssen erst neu rangeführt werden. Manche begegnen mir mit Arroganz, obwohl ich schon viel länger als sie da bin. Doch dann merken die meisten relativ schnell, dass ich helfen kann und ihnen nichts wegnehmen will. Es ist eine geringere Hürde, mich zu fragen, als einen Oberarzt.

Mich ärgert es manchmal, wenn ich zum Beispiel im Ärzteblatt negative Kommentare über PAs lese, von Leuten, die sich gar nicht auskennen. Da ist oft die Angst, dass wir ärztliche Stellen wegnehmen. Bei mir war das nicht so. Ich stehe zwar auf dem ärztlichen Stellenplan, für mich wurde aber eine zusätzliche Assistentenstelle geschaffen. Was ich kritisch sehe, ist, dass es mittlerweile auch möglich ist, PA zu studieren, ohne vorher eine abgeschlossene Ausbildung in einem medizinischen Beruf zu haben. Es ist wichtig, dass es da in Zukunft gute Standards, etwa von der Deutschen Gesellschaft für PA gibt.

Erlebst Du Unklarheiten bezüglich der Aufgaben und der Verantwortungsübernahme?

Manchmal schon, aber eher mit fremden Abteilungen. Zum Beispiel, wenn ich Konsile beantworte und dann die Rückfrage kommt, ob sich noch mal eine Ärztin melden kann. Es ist wichtig, dass ich immer einen Oberarzt dabeihabe, der Behandlungspfade und Diagnostikpfade absegnet. Wenn neue Aufgaben dazu kommen, habe ich das im Blick. Dann muss ich schon mal sagen: »Wenn ich das mache, brauche ich aber vorher zum Beispiel einen Strahlenschutzkurs.« Ich achte dann darauf, dass wir die Delegation, Übernahme und Dokumentation klären.

Wie reagieren die Patient*innen auf Dich?

Positiv neugierig würde ich sagen. Manche fragen: Was ist das jetzt? Dann sage ich, ich habe einen Studiengang absolviert, der angelehnt ans Medizinstudium ist, ich bin keine Ärztin aber arbeite im ärztlichen Dienst.

Wie reagieren Pflegekräfte auf Dich?

Pflegerische Kolleginnen schätzen, dass ich Erfahrung aus der Pflege habe. Ich habe auch pflegerische Abläufe im Blick und kann pflegerische Anforderungen besser stellen als viele junge Ärzt*innen.

 

3. René

René arbeitet als Arztassistent auf der nephrologischen Station eines städtischen Maximalversorgers.

Was für eine Ausbildung hast Du? Wo hast Du in der Vergangenheit gearbeitet?

Ich bin gelernter Rettungsassistent und zunächst eine ganze Weile Rettungswagen gefahren. Seit 15 Jahren arbeite ich nun im selben Krankenhaus, sowohl in der Ambulanz, als auch als Stationsassistenz. Nach einem 2-Jahres-Lehrgang war ich Klinikambulanzleitung. Jetzt bin ich in der Nephrologie als Physician Assistant.

Warum hast Du Dich entschieden, als Arztassistent zu arbeiten?

Mir war es auf Dauer zu langweilig, in der Ambulanz nur Papierkram und Orga zu machen. Als ich vom Oberarzt gefragt worden bin, hatte ich Lust auf eine berufliche Weiterentwicklung.

Was sind Deine Aufgaben gemäß Deiner Ausbildung und was sind Deine Aufgaben real in der Praxis im Krankenhaus

Zu meinen Aufgaben gehört: Aufklärungsbogen vorbereiten, Blutentnahmen, Abstriche, Befunde, aber auch invasive Maßnahmen wie das Assistieren bei Pleurapunktionen, Blasenkatheter legen usw. Bei uns im Klinikum ist alles digital, auch die Aufklärungen. Ich muss mit den Patient*innen die Fragen durchgehen und die Eingriffe erklären, am Ende kommt noch eine Ärztin, um noch einmal selbst aufzuklären, für mögliche Fragen und die Unterschrift. Die meisten Fragen kann ich mittlerweile auch selbst gut beantworten. Aufnahmen und Anamnese mache ich nicht.

Wie schätzt Du das Verhältnis zu den Ärzt*innen ein?

Das Verhältnis ist sehr kollegial. Ich puffere für die Assistent*innen alles ab, was die sehr schätzen, aber manchmal wird dann auch sehr viel Arbeit an mich abgegeben. PJ-ler arbeite ich ein, die können mir dann auch mal Arbeit abnehmen. Die Visite hat aber immer Vorrang. Wenn ich mal im Urlaub bin, ist für die Assistenzärzt*innen leider Land unter.

Erlebst Du Unklarheiten bezüglich der Aufgaben und der Verantwortungsübernahme?

Nein. Das ist klar geregelt. Seit zwei Monaten läuft es so, dass mir digitale Konsile gestellt werden mit genauen Arbeitsanweisungen. Das ist gut, weil ich dann einen Überblick über meine Aufgaben habe und auch mal leichter ablehnen kann, als wenn mir mündlich immer noch etwas übertragen wird, was ich »mal schnell« machen soll. Ich habe klare Arbeitszeiten an fünf Tagen die Woche. Wenn ich will, kann ich mal einen zusätzlichen Wochenenddienst in der Pflege übernehmen auf freiwilliger Basis. Durch meine Arbeitserfahrung habe ich keine Unsicherheiten bezüglich der Verantwortung.

4. Benthe

Benthe absolviert aktuell das Studium zum PA an einer Berliner Hochschule.

Was für eine Ausbildung hast Du? Wo hast Du in der Vergangenheit gearbeitet?

Ich habe die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten absolviert und arbeite seit 2016 in einer Berliner Notaufnahme.

Warum hast Du Dich entschieden, als Physician Assitant zu arbeiten?

Ich war auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Die Arbeit in der Pflege hat mich nicht mehr erfüllt. Ich war und bin auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Durch einen sehr guten Freund bin ich letztendlich auf den Studiengang gestoßen.

Wo lässt Du Dich aktuell zum Physician Assistant ausbilden? Wie sieht die Ausbildung aus?

Ich studiere seit dem Wintersemester 2022 an einer Berliner Hochschule. Das Studium ist in Modulen aufgeteilt. Pro Modul sind drei Online Vorlesungen und 2 Präsenztage vorgesehen. Zusätzlich stellt die Hochschule eine Online Plattform. Auf diese Plattform kann ich mich jederzeit einloggen. Die Präsenztage finden entweder in der Hochschule oder in Kooperationskliniken statt. Am zweiten Tag während der Präsenzphase findet eine Prüfung statt. Mögliche Prüfungsformen sind: Klausuren, Hausarbeiten, wissenschaftliche Arbeiten, Präsentationen oder praktische Prüfungen. Die Prüfungen werden von den jeweiligen Dozenten / der jeweiligen Dozentin abgenommen und benotet. Pro Semester ist ein dreiwöchiges Praktikum im ärztlichen Bereich vorgesehen.

Was sind Deine Aufgaben gemäß Deiner Ausbildung? Glaubst Du, dass sich das real in der Klinik unterscheidet?

Während meines Studiums muss ich mein Logbuch erfüllen. Dort sind zum Beispiel Tätigkeiten wie eigenständige Durchführung der Anamnese und körperliche Untersuchung aber auch die eigenständige Durchführung einer ZVK-Anlage. Ich denke, viele Tätigkeiten wären eine enorme Entlastung für die ärztlichen Kolleg*innen, viele Tätigkeiten könnten aber auch Reibungspunkte erzeugen und eine Art von Machtkampf könnte entstehen.

Wie schätzt Du das Verhältnis von Physician Assistants zu den Ärzt*innen ein?

Aktuell und von meinem Wohnort (Berlin) ausgehend noch sehr verhalten. In der Klinik, in der ich aktuell beschäftigt bin, gibt es keine PAs und auch die »Durchsetzung« meines Praktikums im ärztlichen Bereich war schwierig. Ich hoffe, dass durch die stetige Zunahme der PAs auch ein besseres Verhältnis untereinander entsteht und kein Konkurrenzdenken.

Glaubst Du, dass es zu Unklarheiten bezüglich der Aufgaben und der Verantwortungsübernahme kommen könnte?

Auf jeden Fall – leider! Aufgrund meiner Erfahrung ist zum Beispiel die rechtliche Frage immer wieder ein großes Thema. Des Weiteren wäre es für alle Beteiligten einfacher, wenn es ein einheitliches Curriculum geben würde. Aktuell kann dies von Hochschule zu Hochschule variieren. Und nicht nur das Curriculum, sondern auch die Etablierung der PA variiert von Bundesland zu Bundesland. Bundesländer wie NRW, Bayern und Hamburg sind Berlin weit voraus.

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