Pressemitteilung des vdää zur Hospitalisierungsinzidenz

Sie reden von Krankenhausbelastung, wir von der Belastung der im Krankenhaus Beschäftigten!

Gesundheitsminister Spahn propagiert schon seit einiger Zeit die Abkehr von der „50er Inzidenz, wie sie aktuell im Gesetz steht“ als hauptsächliches Steuerungsinstrument für Infektionsschutz. Nach den Impffortschritten könne man „jetzt stärker auf die Krankenhausbelastung abheben“ (1).

Eine nicht weiter definierte „Situation in den Krankenhäusern“ soll, so NRW-Gesundheitsminister Laumann schon im Juli, in die Berechnungen mit einbezogen werden (2). Auch Akteure wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft befürworten schon seit einiger Zeit eine Einbeziehung der „Inzidenz der hospitalisierten Fälle“ (3). Über die Einführung der vom Gesundheitsministerium nun vorgeschlagenen „Hospitalisierungsinzidenz“ soll Anfang September in Bundestag und Bundesrat entschieden werden (4). Die Belastungsfähigkeit unserer Krankenhäuser habe sich in der 3. Welle bewiesen, so liest und hört man seit Ende August fast überall.

„Was aber ist mit der Belastungsfähigkeit der dort Beschäftigten?“, fragt Jonas Schaffrath, Mitglied im erweiterten Vorstand des vdää. „Schon vor Corona arbeiteten vor allem die Kolleg*innen in der Pflege am Limit. Die Arbeitsbelastungen stiegen in den Hochphasen der Pandemie auf vielen Stationen ins unermessliche. Wir alle haben gesehen: Wenn eine Pandemie auf ein durch Ökonomisierung und Pflegenotstand belastetes Gesundheitssystem trifft, bedeutet eine Zunahme der Krankenhausbelastung eine massive Überlastung des Personals“, so Schaffrath weiter.

Gerade Pflegende sind durch die SARS-CoV-2-Pandemie einer zusätzlichen enormen physischen und psychischen Belastung ausgesetzt. Aufgrund des schlechten Personalschlüssels ist es nicht immer möglich, Schutzmaßnahmen einzuhalten – mit der Folge eines hohen Erkrankungsrisikos und eines hohen Krankenstandes (5). „Nach wie vor haben COVID-Intensivpatient*innen, wenn sie beatmet werden müssen, schlechte Überlebenschancen. Das ist eine große, auch psychische Belastung für die Teams der Intensivstationen“, so Dr. Peter Hoffmann, Anästhesist in einem städtischen Krankenhaus in München und ebenfalls Mitglied im erweiterten Vorstand.

Das Infektionsgeschehen jetzt so laufen zu lassen, bis die Stationen erneut am Limit sind mit schwerst pflegebedürftigen und extrem aufwändigen Patient*innen, ist neben dem gesundheitlichen Schaden für die Patient*innen auch ein Schlag ins Gesicht derer, denen man letztes Jahr noch applaudiert hat. „In Berlin greifen die Kolleg*innen gerade zum letzten ihnen zustehenden Mittel, um auf ihre Situation hinzuweisen und für Entlastung des Personals zu kämpfen: sie streiken bzw. sie versuchen es gegen den erbitterten Widerstand der Arbeitgeber. In dieser Situation einfach von der 'Krankenhausbelastung' zu sprechen, ohne die dramatische Personalsituation zu erwähnen, ist zynisch“, so Dr.Gerhard Schwarzkopf, Mitglied im erweiterten Vorstand des vdää.

Herr Spahn, hören Sie die Signale nicht?

Dr. Nadja Rakowitz, Pressesprecherin
Für Rückfragen: 0172 185 8023

  1. Streichung von 50er-Inzidenz „ein falsches Signal“, Der Tagesspiegel 23.08.2021
  2. https://www.deutschlandfunk.de/nrw-gesundheitsminister-laumann-cdu-wir-werden-die.694.de.html?dram:article_id=500771
  3. https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/inzidenz-der-hospitalisierten-faelle-kann-hilfreicher-parameter-sein-daten-werden-aber-schon-erhoben/
  4. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/COVID-19?s=&p=1&n=1&nid=126716
  5. https://www.aerzteblatt.de/pdf/118/27/a1352.pdf

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Zeitschrift für eine soziale Medizin
wird vom vdää herausgegeben und beschäftigt sich mit aktuellen berufs- und gesundheitspolitischen Themen.

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