Presseerklärung des vdää zu den gesundheitlichen Folgen des Flugverkehrs

Maintal, 9. Februar 2012

Fluglärm macht krank!

Presseerklärung des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte zu den gesundheitlichen Folgen des Flugverkehrs

Zu den Auswirkungen der Inbetriebnahme der Landebahn Nord-West am Frankfurter Flughafen

Fluglärm, besonders nächtlicher, macht krank. Die arbeits- und umweltmedizinische Literatur mit einer Fülle von toxikologischen und epidemiologischen Untersuchungen hat die Auswirkungen chronischer Lärmeinwirkung untersucht. Die chronische Einwirkung einer Geräuschquelle von mehr als 60 db(A) Dauerschallpegel entsprechend dem Lärmpegel unter der Einflugschneise führt zwar zu keinen messbaren Auswirkungen auf das Gehör, aber im übrigen Organismus sind zahlreiche Reaktionen und Veränderungen nachweisbar. Sie alle sind unter dem Oberbegriff Lärmstress zu verstehen. 

Der menschliche Organismus reagiert auf eine Lärmquelle in der oben genannten Stärke und Dauer durch Fluchtreaktion oder Gegenwehr. Da beide Verhaltensmuster bei Fluglärm nicht einfach realisiert werden können, kommt es zur bewussten oder unbewussten mentalen Unterdrückung, ohne dass allerdings die körperlich fassbaren Reaktionen mit unterdrückt werden könnten. Diese bestehen in einem messbaren und signifikanten Blutdruckanstieg, der sich über Jahre stabilisiert und dann auch ohne Lärmstress nicht mehr reversibel ist. Es kommt zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen wie Nebennierenrinden- und -markhormonen (Cortisol und Adrenalin) sowie zu einer Erhöhung des Cholesterinspiegels im Blutserum. Die Kombination dieser Stressreaktionen führt in einem signifikanten Ausmaß zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und in erster Linie zu Herzkranzgefäßverengungen. Neben diesen Effekten sind Veränderungen des Immunsystems festgestellt worden. Es zeigte sich, dass Immunglobulinfraktionen in dem Sinne einer Veränderung erfahren, dass die Immunabwehr herabgesetzt wird und somit die Neigung zu Infekten steigt.

Diese nachteiligen Wirkungen von Lärm gelten in besonderem Maße für die nächtliche Einwirkung. Deshalb ist ein uneingeschränktes Nachtflugverbot von besonderer Bedeutung für die Bevölkerung. Selbst ohne subjektiv erlebte Unterbrechung des Schlafes kommt es nachweislich zu gesundheitsschädlichen Veränderungen des Blutdrucks, des Hormonstoffwechsels und der Schlafphasen. Diese Zusammenhänge wurden erst kürzlich im Rahmen einer groß angelegten Studie des Bremer Epidemiologen Eberhard Greiser (Epi.Consult GmbH, Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung im Auftrag des Umweltbundesamtes 2007) nachgewiesen: Es zeigte sich ein besonders deutlicher Zusammenhang zwischen Lärmbelastungen und Arzneimittelverordnungen gegen hohen Blutdruck und bei Herzkrankheiten, wobei der Zusammenhang für Nachtlärm deutlich klarer noch als für Taglärm war. Dass nächtlicher Lärm nicht nur nervt, sondern auch krank macht, wurde auch in einer aktuellen europäischen Studie mit Experten des Umweltbundesamtes in Dessau nachgewiesen. Bei den rund 5.000 untersuchten Anwohnern der Flughäfen Amsterdam, Athen, Berlin, London, Mailand und Stockholm führte Nachtfluglärm zu höheren Blutdruckwerten. Schon ein Anstieg des nächtlichen Fluglärms um zehn Dezibel im unteren Schallpegelbereich erhöht das Risiko für Bluthochdruck bei Frauen und Männern um rund 14 Prozent.

Neben diesen eher körperlichen Veränderungen sind in der wissenschaftlichen Literatur psychosoziale beschrieben worden. So zeigten vergleichende Untersuchungen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Lärmstress ein deutlich abweichendes Verhalten. Kinder unter Lärmstress konnten sich schlechter konzentrieren, waren körperlich unruhiger, aggressiver, sahen ihre Situation weniger positiv.

Neben den Auswirkungen chronischer Lärmexposition sind die der vermehrten Schadstoffbelastung durch Kerosinverbrennung mit der Entstehung von Benzolen, Schwermetallen, Stäuben etc. umfassend und bestens untersucht. Eine Zunahme von Krebserkrankungen wird mit Stäuben und Benzol in Zusammenhang gebracht. Vergleichende Untersuchungen von Kindern in Reinluft bzw. hoch belasteten Gebieten in innerstädtischen Ballungsräumen zeigten eine signifikante Zunahme von Lymphknotenschwellungen, einer Vermehrung von Entzündungszellen im Blut, einer vermehrten Schwellung von Rachen- und Gaumenmandeln sowie eine nachweisbar höhere Schwermetallbelastung in den Haaren im Vergleich zu den Kindern in Reinluftgebieten.

Die hier aufgeführten gesundheitlichen Auswirkungen sind für bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders bedrohlich. Kleinkinder, Schwangere, chronisch Kranke sowie hochbetagte Menschen haben mit stärkeren Auswirkungen auf ihre Gesundheit zu rechnen als die übrigen Bevölkerungsgruppen.

Die mit der Ausweitung des Luftverkehrs unwidersprochen steigende Lärm- und Schadstoffbelastung von Hunderttausenden von Menschen im Rhein-Main-Ballungszentrum durch die neue Nord-West-Landebahn wird nachteilige Auswirkungen nicht nur auf die Lebensqualität im Allgemeinen sondern vor allem auch auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit (Morbidität), die Sterblichkeitswahrscheinlichkeit bzw. die Lebenserwartung (Mortalität) haben. Die Chancen der unter diesen Bedingungen aufwachsenden Kinder und Jugendlichen für eine gesunde geistige und körperliche Entwicklung werden sinken.

Der mit dem Ausbau des Frankfurt Airport verbundene rasante Anstieg von CO2 ist angesichts der globalen Klimaerwärmung nicht nur für die Betroffenen im Rhein-Main-Gebiet eine Katastrophe. Die Luftfahrt ist der mit Abstand am stärksten wachsende Produzent von Treibhausgasen. Sie profitiert von der weltweiten Subventionierung, vor allem von der Steuerbefreiung auf Kerosin. Allen Beteuerungen um die Vorbildrolle der Bundesrepublik bei der Reduzierung der Treibhausgase spricht die Erweiterung des Frankfurter Flughafens Hohn. Sie ist aus klimapolitischer Sicht verantwortungslos.

Die hessische Landesregierung hat sich bei der Abwägung zwischen den gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung im Rhein-Maingebiet und den kommerziellen Interessen der Fraport-Betreiber gegen die Bevölkerung entschieden, Profit vor Gesundheit gestellt.

Wir meinen, dass es nicht darum gehen kann, die Lärm- und Schadstoffbelastung weiter zu erhöhen, es muss vielmehr mit der Verminderung begonnen werden. Der Rhein-Main-Flughafen liegt mitten in einem Ballungszentrum. Wenn es allgemeiner gesellschaftlicher Konsens ist, dass Politik und wirtschaftliches Wachstum dem Menschen zu dienen haben und nicht umgekehrt, dann muss gesundheitliche Vorsorge Vorrang vor dem Expansionsdrang eines bestimmten Industrie- und Dienstleistungsbereichs haben.

Aus Gründen vorbeugenden Gesundheitsschutzes unterstützen wir alle Politiker, Bürgerinitiativen und Kommunen, die sich zum Kampf gegen eine Ausweitung des Flugverkehrs, für ein konsequentes Nachtflugverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr und für die Einführung von Lärmkontingenten entschlossen haben.

Des Weiteren fordert der vdää, dass alle innerdeutschen Flüge abgeschafft und durch komfortable Zugverbindungen mit Eincheckmöglichkeiten ersetzt werden. Damit würden eine große Menge an Starts und Landungen wegfallen.

Dr. Winfried Beck

(Mitglied im erweiterten Vorstand des vdää)

 


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Zeitschrift für eine soziale Medizin
wird vom vdää herausgegeben und beschäftigt sich mit aktuellen berufs- und gesundheitspolitischen Themen.

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