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Nachruf auf Erich Wulff PDF Drucken E-Mail

Erich Wulff – Arzt und politischer Intellektueller

Nachruf von Hans-Ulrich Deppe

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„Eine gute Medizin ist heute nur möglich,

wenn sie gleichzeitig eine politisch engagierte ist“.


Diese Worte schrieb Erich Wulff in seiner wohl letzten Veröffentlichung, die in unserem Rundbrief Ende vergangenen Jahres erschienen ist. Und zwischen der „guten Medizin“ und dem politischen Engagement bewegte sich ein wesentlicher Teil seines abwechslungsreichen Lebens.

Erich Wulff ging in den sechziger Jahren als Psychiater nach Vietnam. Er lehrte an der Universität von Hue und musste feststellen, dass hier die typischen psychiatrischen Erkrankungen in einem anderen Gewand auftraten und in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert als in Europa einnahmen. Das führte ihn zu einer intensiven Beschäftigung mit der Ethnopsychiatrie. Beeindruckt von der politischen Realität in Vietnam wurde er zum Bundesgenossen der vietnamesischen Befreiungsbewegung, für deren Ziele er mehrfach sein Leben riskierte, denn in Europa trat er als Kronzeuge gegen den verbrecherischen Krieg der US-Amerikaner in Vietnam auf. Daraus hervorgegangen ist sein Buch Vietnamesische Lehrjahre, das er unter dem Pseudonym Georg. W. Alsheimer publizierte (1968). Es wurde zur authentischen Bestätigung und Legitimation für die Studentenrevolte in den 60er Jahren und in viele Sprachen übersetzt.

Nach seiner Rückkehr aus Vietnam habilitierte Erich Wulff in Gießen (1969) und hatte früh über die Zeitschrift Das Argument Kontakt zur Kritischen Medizin. Auch ich, damals wissenschaftlicher Assistent an der Universität in Marburg, hatte enge Verbindungen zum Argument. Wir kamen schnell zusammen. In Marburg und Gießen diskutierten wir, wie die Mechanismen des Kapitals bis in die tägliche ärztliche Arbeit hineinwirken. Wir führten gemeinsame Seminare durch und publizierten darüber. Daraus hervorgegangen sind unsere Artikel über die Kritik der bürgerlichen Medizin (1970), der bahnbrechende Artikel von Erich Wulff Der Arzt und das Geld (1971) sowie das Buch Psychiatrie und Klassengesellschaft (1972). Bis heute empfehle ich den Aufsatz Der Arzt und das Geld als Grundlagenlektüre auch für das aktuelle Verständnis der Kommerzialisierung der Medizin.

Und schließlich entsprang aus dieser fruchtbaren Zusammenarbeit der legendäre Marburger Kongress Medizin und gesellschaftlicher Fortschritt im Januar 1973. Wir organisierten mit dem Arbeitskreis Kritische Medizin in Marburg und dem Pahl-Rugenstein Verlag erstmals die kritischen Aktivitäten im Gesundheitswesen, die sich innerhalb und außerhalb der Universitäten entwickelt hatten. Mehr als 1800 Teilnehmer, vor allem Mitarbeiter des Gesundheitswesens und Medizinstudierende, aber auch Kommunalpolitiker, Gewerkschafter und renommierte Wissenschaftler brachten ihren Unmut in Marburg zum Ausdruck. Der Kongress fand ein breites öffentliches Echo und trug nicht zuletzt auch zur Orientierung und Organisierung der Demokratischen Medizin bei.

Im Jahre 1972 wurde Erich Wulff auf die Professur für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule in Hannover berufen, wo er als Erster eine geschlossene psychiatrische Abteilung öffnete und die Aufhebung der Geschlechtertrennung betrieb. Hier verknüpfte er seine vietnamesischen Erfahrungen mit den Impulsen aus der italienischen Psychiatriebewegung, ins besondere denen von Franca und Franco Basaglia. Unser wissenschaftlicher, politischer und freundschaftlicher Kontakt ist seither nicht abgerissen. Wir waren uns immer wieder motivierende, mahnende und ergänzende Ratgeber.

Erich Wulff war ein praktisch engagierter Linksintellektueller, von denen es unter den Ärzten nur wenige gibt. Er nahm sich selbst von der Kritik nicht aus. Vor dem Hintergrund seiner beruflichen Kompetenz nahm er Stellung zu allgemeinen menschlichen und gesellschaftlichen Fragen. Er brachte seine hochgradige Kompetenz als Psychiater in die politische Kultur emanzipatorischer Bewegungen ein. Dabei überschritt er die Grenzen seines Berufes, seine fachliche Spezialisierung und die seiner Privatheit. Für das Politische im Privaten interessierte er sich nicht weniger als für das Private in der Politik. Mit seinem Buch Wahnsinnslogik (1995), in dem er eigene Wahnerfahrungen beschrieb und der Verknüpfung von Psychiatrie und Philosophie nachspürte, nahm er „Abschied von der Psychiatrie“. Die Kunst des analytischen Erzählers verrät der Psychiater, der auch Gerichtsgutachten anfertigte, in seinen Reiseberichten und vor allem seiner Autobiografie Irrfahrten (2001). Seine Trilogie über Vietnam spannt schließlich einen zeitlichen Bogen über sein gesamtes Leben. Er schließt sie mit seinem letzten Buch Vietnamesische Versöhnung (2009), seinem Tagebuch einer Vietnam-Reise zu Buddhas und Ho Chi Minhs Geburtstag im Jahr 2008, zu dem er mit seiner ganzen Familie eingeladen wurde.

Erich Wulff starb am 31. Januar 2010 im Alter von 83 Jahren in Paris.

 
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