Presseerklärung des vdää zum Flüchtlingsdrama in Nordgriechenland

Maintal, 9. Juli 2015

Sie betteln um Wasser! Die humanitäre Krise ist längst da

Sie betteln um Wasser – die meist aus Syrien Geflüchteten am griechisch-makedonischen Grenzübergang Idomeni: Die griechische Bevölkerung aus den umliegenden Städten und Dörfern hat Solidaritäts-Komitees gebildet; sie fahren oft zusammen mit KollegInnen von der Solidarischen Praxis Thessaloniki mehrmals in der Woche auf eigene Kosten hin und bringen Wasser, Lebensmittel, Toilettenartikel und rudimentäre medizinische Versorgung, um das schlimmste zu verhindern. „Es ist entsetzlich zu erleben, wie Menschen aus Gebüschen gekrochen kommen und nach Wasser und Essen betteln müssen“, so Nadja Rakowitz, Geschäftsführerin des vdää, die am 8. Juli mit dem Soli-Komitee vor Ort war.

Der vdää appelliert an die politisch Verantwortlichen in der EU, diese menschenunwürdige Situation umgehend zu beenden und die Griechinnen und Griechen damit nicht alleine zu lassen. Die Menschen aus Syrien und anderen kriegsgebeutelten Ländern werden nach Europa kommen und die höchsten Mauern werden sie nicht aufhalten. Dieser Realität muss sich die EU stellen und gewährleisten, dass Flüchtlinge sich frei in Europa bewegen können und sichere Wege in die Länder finden, in denen sie wirklich ankommen wollen und können.

An die deutsche Bevölkerung appellieren wir, praktische Solidarität zu üben. Unterstützen Sie die Solidaritäts-Komitees oder achten Sie auf Ihren Urlaubsrouten in Griechenland auf Menschen, die an der Landstraße entlang zu Fuß und mit Kindern und alten Menschen auf der Flucht sind und bieten Sie ihnen Hilfe in jeder Form an. Machen Sie Ernst mit dem Gedanken der Europäischen Solidarität.

Prof. Dr. Wulf Dietrich
(Vorsitzender des vdää)

Kontakt vor Ort:
in Griechisch und Englisch: Katerina Notopoulou (Mitglied verschiedener Solidaritäts-Initiativen in Thessaloniki und auch von Kalathaki), Tel: 0030 697 924 4100
in Deutsch: Nadja Rakowitz, Tel 0049 172 185 8023

Zur direkten Unterstützung der Solidaritäts-Komitee wenden Sie sich bitte auf Griechisch oder Englisch an die Initiative „Kalathaki“ (Das Körbchen): Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ein Aufschrei aus Idomeni/Griechenland

Wo Europa Augen und Ohren schließt und Verbote erlässt, da wachsen kriegsähnliche Gefahren heran und bereichern sich mafiose Gruppen an hilflosen Flüchtlingen: Die Züge syrischer, afghanischer und afrikanischer Flüchtlinge an den Grenzen Nordgriechenlands zu FYROM (Mazedonien)

Wir fordern die Politiker und Politikerinnen Deutschlands auf, nach Nordgriechenland zu kommen und Augenzeugen zu werden des Elends und der Todesgefahr unzähliger Flüchtlinge an den "Grenzen innerhalb Europas"! Dieser explosive Brennpunkt ist nicht im Bewusstsein unserer Verantwortlichen! Tausende Männer, Frauen und Kinder kommen per Bahn oder viele Kilometer zu Fuß, hausen erschöpft auf Feldern und im Schilf nahe der Grenze. In Gruppen ziehen sie mit Schleppern und anderen Grenzhelfern los. Die mazedonischen Grenzbeamten wehren oft tagelang ab, dann wieder lassen sie Gruppen weiterziehen. Diese wappnen sich dabei mit Stöcken und Stangen, weil sie wissen, dass  jenseits der Grenze Banden und auch (Polizei-) Einheiten auf sie warten, um ihnen ihr letztes Hab und Gut und auch ihre wertvollen Pässe zu entreißen. Diese zirkulieren vielfach später in Europa und bieten u.a. auch kriminellen Kräften Schutz. Täglich werden Fälle von Gewalt durch Banden registriert. Flüchtlinge kommen schwer verletzt zurück, blutende und zerschlagene Menschen und finden dabei kaum Versorgung in dem kleinen 20 km entfernten Gesundheitszentrum in Polikastro, das währenddessen noch nicht einmal einen Krankenwagen zur Verfügung hat. Das 50km entfernte Krankenhaus in Kilkis ist kaum erreichbar ohne Hilfe Dritter. Viele jedoch melden sich trotz Verletzungen nicht aus Angst vor Inhaftierung. Sie versuchen es dann trotzdem immer wieder, über die Grenze nach Norden zu gelangen...
Augenzeugenberichte über Misshandlungen und Gewalt, über Überfälle und Raub liegen uns vor. Der Filmemacher Vasilis Tsartsanis hat  Dokumentationen erstellt und einen Aufruf an das Europäische Parlament geschickt. Freiwillige griechische Helfende, selbst wenn sie Verletzte zum Arzt bringen, setzen sich der Gefahr aus, von der griechischen Polizei wegen "Beihilfe zur Flucht" festgenommen und dem Staatsanwalt vorgestellt zu werden. Während angesichts der Massen an Flüchtlingen staatliche und kommunale Organe in Ohnmacht verharren, bewegt sich jedoch die griechische Zivilgesellschaft an vielen Orten: Hausfrauen, Geschäftsleute, Lehrkräfte, Arbeitslose tun sich zusammen, kochen, verbinden Wunden, helfen und unterstützen  unermüdlich: "Wir wollen keine Gelder für Hilfsmaßnahmen, wir wollen, dass die Politik hier endlich Lösungen findet", sagen sie uns in Polikastro.
Augenzeugen berichteten auch von "deutschen Beamten" an den Grenzen FYROMS und sowie in Ungarn. Dort sollen Hunde auf Flüchtlinge losgelassen werden, die sie auf den Boden drücken sollen. Welche/r Abgeordnete richtet eine Anfrage an den Deutschen Bundestag, damit diese Aussagen geklärt werden: "Wo  überall in Europa und welche deutschen Polizeieinheiten mit wie viel Beamten tun Dienst  zur Abwehr von Flüchtlingen?"
Wann endlich sind wir bereit, die brutalen Abschreckungsmaßnahmen umzuwandeln in eine Kultur der europäischen Solidarität und der viel beschworenen Menschenrechte? Welche Abgeordneten, bzw. welche FunktionsträgerInnen kommen nach Thessaloniki? Wir begleiten sie gemeinsam mit ortskundigen Unterstützern nach Idomeni an die Grenze zu den dort im Freien hausenden Flüchtlingen, die darauf warten, dass auch ihre Gruppe endlich von den mazedonischen, bewaffneten Beamten durchgelassen wird.
Wir begleiten Gäste zu Ärzten und zu DorfbewohnerInnen an der Grenze, wir geben Augenzeugenberichte weiter, damit sie sich selbst ein Bild machen können und dann ihre Stimme erheben: Es müssen endlich Lösungen gefunden werden für diese Menschen neben uns, die in der Europäischen Union ihr Überleben und ihren Frieden sichern wollen.

Vasilis Tsartsanis Polykastro, Dorothee Vakalis, Katherina Notopoulou Thessaloniki, Dr. Nadja Rakowitz Frankfurt/M, Gerhard Lanzerstorfer Wien.
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